tang shan da xiong (lo wei, hongkong 1971)

Veröffentlicht: August 16, 2014 in Film
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Fists_of_Fury_AKA_The_Big_Boss-745196785-largeTANG SHAN DA XIONG, international unter dem Titel THE BIG BOSS bekannt (deutscher Titel: DIE TODESFAUST DES CHENG LI), ist der erste von nur vier Kinofilmen, die der legendäre Bruce Lee zu Lebzeiten als Hauptdarsteller vollendete. In den USA hatte der durch seinen Vater schon als Kleinkind ins Showgeschäft gerutschte Lee bereits einige Fernseherfahrungen gemacht (etwa in der Serie THE HORNET, die wegen Erfolglosigkeit nach nur einer Staffel wieder abgesetzt worden war), doch die angestrebte Filmkarriere wollte einfach nicht abheben. Lee kehrte nach Hongkong zurück, wo THE HORNET ein bahnbrechender Erfolg gewesen war, und landete sogleich einen Deal mit Golden Harvest, die mit ihm TANG SHAN DA XIONG drehten.

Von Genreveteran Lo Wei gedreht, kommt TANG SHAN DA XIONG die Aufgabe zu, Lee eine Persona zu verleihen und ihn als Filmstar zu etablieren. Die Geschichte um den Emigranten Cheng Chao-an, der in Thailand bei seinen Cousins einzieht, um mit ihnen in einer Eisfabrik das nötige Geld für ein eigenes Geschäft in der Heimat zu verdienen, dabei jedoch einem Drogenhändlerring auf die Schliche kommt und schließlich seine ganze neue Familie rächen muss, leistet genau das. Mehr als eine Stunde vergeht, bis Lee seinen ersten echten Kampf absolviert. Bis dahin wird er als schweigsamer, aber sympathischer, charmanter, etwas spitzbübischer junger Mann gezeichnet, der offenbar eine dunkle Kämpfervergangenheit hat: Der Mama musste er schwören, nie mehr zu kämpfen, und das Medaillon, das ihn daran erinnern soll, trägt er wie eine lästige Fußfessel. Bei seiner ersten Begegnung mit den Cousins, kann er seine Langeweile angesichts der privaten Anekdoten, die sie sogleich austauschen, kaum verbergen, pustet und stöhnt in der Gegend herum, und gewinnt damit gleich das Herz der schönen Cousine (Maria Yi). Lange schaut er sich das kriminelle Treiben seines Chefs an und hält sich zurück, immer wieder genervt sein Medaillon betrachtend. Dass es von einem der Bösewichte kaputtgemacht wird, entbindet ihn quasi in doppelter Hinsicht von seinem Gelübde und man weiß nicht, was ihn letzten Endes zum Berserker macht: Der Zorn darüber, dass sich jemand an dem Geschenk seiner Mama vergriffen hat, oder die Erleichterung, von seinem Bann befreit worden zu sein.

TANG SHAN DA XIONG ist für die ganz große Begeisterung ein bisschen zu generisch geraten: Seine Story ist prototypischer Martial-Arts-Stoff, die bekannte Schablone wird kaum um differenzierende Details angereichert, doch dafür nimmt sich Lo Wei viel, viel Zeit. Dass sein Film trotzdem ganz hübsch geworden ist, liegt zum einen an Bruce Lee, der hier zwar längst noch nicht so stark in den Fokus gerückt wird wie in den folgenden Filmen, aber dennoch mühelos die Sympathien auf sich bindet. Und dann ist sind es vor allem die formalen und motivischen Eigenheiten des hongkong-chinesischen Martial-Arts-Films, von Lo Wei wunderschön herausgeschält, die doch das Herz für TANG SHAN DA XIONG öffnen. Gleich zu Beginn gibt es eine dieser typischen Szenen, in der eine unschuldige Erfrischungsstand-Betreiberin just in dem Moment von ein paar Halbstarken belästigt wird, als Cheng dort ein Getränk zu sich nimmt. Und weil das nicht reicht, kommt auch noch ein kleiner, armer Junge des Weges, der von den Proleten um seine Dumplings geprellt wird. Zum Glück ist Chengs Cousin Hsiu Chien (James Tien) nicht weit und verpasst ihnen die nötige Abreibung. Ich liebe die Dramaturgie dieser Keilereien: Wenn ich fünf Schlägertypen in die Flucht schlüge, würde ich mich selbst feiern, möglicherweise dem Herrgott für mein unverschämtes Glück danken, in diesen Filmen rennt der Gewinner seinen Gegnern stattdessen noch hinterher, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Mehr noch als amerikanische Actionfilme zeichnen die Eastern eine Welt, in der Gewalt nicht nur ein wirksames und legitimes, sondern tatsächlich ein ganz und gar alltägliches Mittel zur Konfliktlösung ist. Noch in die allerletzte Kneipenschlägerei werfen sich die Beteiligten mit einer Verve, die an Lebensmüdigkeit grenzt, und jede sich anbahnende Gelegenheit für einen Kampf wird gefeiert wie ein Volksfest. Als sich mit Cheng einer der Arbeiter als potenzieller Befreier erweist, bekommen seine Kollegen, sonst ein dümmlicher Haufen Drückeberger, der seinem Unmut höchstens dann Luft macht, wenn garantiert keiner ihrer Arbeitgeber in der Nähe ist, mächtig Oberwasser. Ein wahrscheinlich höchst menschlicher Mechanismus, aber einer, der in dieser fröhlich-burlesken Form des Easterns immer besonders unreflektiert und dumpf erscheint. Bruce Lee wird vom Film als ein Heiland in Menschengestalt gezeichnet, als ein ungemein nahbarer aber, und man versteht sofort, warum er mit nur vier Filmen zu einem solchen Mythos werden konnte. Lo Weis Film ist pure Legendenbildung.

Dabei durchzieht ihn diese ungemein naive Weltsicht, auch wenn er wahrscheinlich im Kern auf höchst realen Verhältnissen fußt. Jeder Zoom ist ein Befreiungsschlag, jede Keilerei ein Stück auf den puren Frustabbau reduzierter Klassenkampf. It’s a man’s world, und es ist nicht uninteressant, welche Bedeutung den Frauen zugewiesen wird: Die eine ist das stimmlose Opfer am Straßenrand, die andere die Heilige, deren Herz es zu erorbern gilt, die Dritte eine Hure, die Cheng von seinem Chef aufs Auge gedrückt wird. Als er nach einer durchzechten Nacht neben ihr erwacht, nimmt er Reißaus, als hätte er sich vor Aufregung in die Hose gemacht und läuft am Eingang des Puffs sofort seiner Cousine (der Heiligen) in die Arme. Sie ist entrüstet, er grinst dümmlich und rennt dann weg. Die zarte Liebesgeschichte, die sich da anbahnte, ist damit jäh unterbrochen, zu einer Aussprache und Versöhnung wird es nicht mehr kommen. Ich weiß nicht genau, was letzten Endes schwerer wiegt: Dass der „Big Boss“ Cheng einer Prostituierten in die Arme trieb oder das Cousinchen umbringen ließ. Letzteres kann immerhin schlagkräftig gerächt werden, die „Befleckung“ hält ewig.

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