jing wu men (lo wei, hongkong 1971)

Veröffentlicht: September 8, 2014 in Film
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JING WU MEN, Bruce Lees zweiter großer Film, ist ein ziemliches Biest. Sein internationaler Verleihtitel FIST OF FURY ist gewissermaßen Programm und innerhalb von Bruce Lees überschaubarer Filmografie markiert er nach dem Vorgänger TANG SHAN DA XIONG, der die Persona der Ikone behutsam aufbaute, einen ungeahnten Eskalationspunkt. Im Vorgänger wurde Bruce Lees Gastarbeiter Cheng durch einen Schwur lange davon abgehalten, seine Kampfkunst zu zeigen, und als er sein Gelübde im letzten Drittel des Films dann endlich brach, war das – für ihn und die Zuschauer – wie eine Befreiung. JING WU MEN zeigt seinen Meisterschüler Chen von Anfang an im Zustand ungebremster Raserei. Es ist, als sei Lee durch die lange Repression im Vorgänger nun zum totalen Berserker geworden. Und mit dieser Wut, die in ihm schwelt, wird er zum mehr als ambivalenten Antihelden eines Films, der dem Menschen insgesamt kein gutes Zeugnis ausstellt: Rassismus erzeugt hier immer noch mehr Rassismus, vergiftet die Hirne aller und schafft einen Boden, auf dem nichts entstehen kann außer Hass und Gewalt. Die Vorstellung, dass Lees Chen vor vierzig Jahren von einem chinesischen Publikum bejubelt wurde, ist mehr als beunruhigend, und passt nicht zum Bild des weisen Kampfsportphilosophen, das von ihm für gewöhnlich gezeichnet wird. Vielleicht wirkt JING WU MEN heute auch deshalb so krass, weil die Differenz zwischen dem Schauspieler und der Rolle so immens aufklafft. Der unverhohlene Japanerhass, dem der Film frönt, ist (leider) keine Ausnahmeerscheinung im chinesischen Kino, dennoch erschreckt die Unversöhnlichkeit von Lo Weis Film. Am Ende ist selbst eine bloße Verständigung der beiden Seiten undenkbar: Chen, der mehrere Japaner aus Rache für einen ungestraften Mord hinrichtet, akzeptiert erhobenen Hauptes sein Todesurteil, und man weiß nicht, ob Lo Wei seinen Landsleuten den Spiegel vorhalten will oder ob JING WU MEN nicht doch als Drohung und Warnung an die Japaner zu verstehen ist.

Neben diesem höchst streitbarem, wenn nicht gar unentschuldbaren agitatorischen Potenzial fasziniert JING WU MEN aber zum einen als Martial-Arts-Showcase für seinen Star, der hier all jene Manierismen und Eigenheiten zeigt, die später gleichermaßen Anlass für Verehrung wie Parodie werden sollten, zum anderen als herausragendes Beispiel für meisterhafte, dynamische Kampfinszenierung und Affektsteuerung. Man beachte nur, wie die Kamera den Star ins Bild rückt, wie sie beinahe pulsiert, um seinen Tanz einzufangen, oder ihn, durch Einnahme einer leichten Untersicht, drohend emporragen lässt. Jeder Hieb und jeder Peitschenknall, mit dem er auf der Tonspur untermalt ist, ist eine Kriegserklärung. Kalt lässt den Betrachter dieser Film nicht, und die auf europäische Augen oft so befremdlich wirkende Theatralik findet in den zahlreichen Actionszenen gewissermaßen ihre aufhebende Idealverkörperung. JING WU MEN ist ein Tanz des Hasses, Eastern im Overdrive, der körperliche Exzess Ausdruck schlummernde Gefühlsregungen, für die es sonst kein Ventil gibt. Lo Weis Helden kommen erst dann ganz zu sich, wenn sie wie entfesselt durch die Luft fliegen oder Knochen unter ihren Fäusten zermalmen. Die seelische Last, die Chen auf seinen Schultern zu tragen hat, wird in jenen Sekundenbruchteilen sichtbar, in denen sein Körper nach einem mit äußerster Kraft ausgeführten Todesschlag förmlich vibriert, sich jede Muskelfaser unter der zum Zerreißen gespannten Haut abzeichnet und alles Blut in seinen Kopf schießt. Aber Kampfkunst ist in Chens Stadium der Verblendung kein Mittel mehr, die Transzendenz zu erreichen. Er ist längst ein Gefangener seiner Wut und jeder Hieb führt ihn nur weiter seinem unausweichlichen Ende entgegen. Im Grunde genommen ist JING WU MEN ein Anti-Eastern: Hinter all der Akrobatik und Körperbeherrschung steht eine Explosion der niedersten Instinkte, die lustvollen Aufgabe jeder Empathie und Menschlichkeit, der Sieg der dumpfen Materie über den Geist – und damit eine Umkehrung aller sonst im Kung-Fu-Film gepredigten Ideale.

Der eine Moment der Zärtlichkeit, den sich der Film erlaubt, er verglüht in diesem Feuer. Das leise Gespräch zwischen Chen und seiner Mitschülerin und Geliebten Yuan (Nora Miao), das kurz nach seiner Flucht vor der Polizei auf einem Friedhof stattfindet, den der Mörder als Versteck gewählt hat, deutet an, was für Träume hier zerbrochen sind, welche Pflanze der Hass im Keim erstickt hat. Der beinahe kindlich-behutsame Kuss, mit dem die beiden sich ihre immer noch bestehenden Gefühle bestätigen, ist von einer Fragilität, die in dieser Welt keinen Bestand haben kann. Und das Lagerfeuer, das diesen Augenblick der Klarheit illuminiert, symbolisiert schon sein baldiges Ende. Chen geht seinen Weg unbeirrt bis zum Schluss, und der letzte Blick, den Yuan ihm hinterherschickt, als er in seinen Tod schreitet, zeigt, dass Liebe ohne Menschlichkeit nicht existieren kann. Sie kennt Grenzen.

 

 

 

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