meng long guo jiang (bruce lee, hongkong 1972)

Veröffentlicht: September 11, 2014 in Film
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Man kommt nicht umhin, die gigantische Kluft zwischen diesem von Bruce Lee selbst inszenierten Film und seinem direkten Vorgänger, dem grimmigen, misanthropischen und rassistischen JING WU MEN, zu bemerken und seine Schlüsse daraus zu ziehen. Nach dem Martial-Arts-Veteran Lo Wei nahm Bruce Lee für MENG LONG GUO JIANG selbst auf dem Regiestuhl Platz und das schlägt sich zum einen in einem visuell weniger dynamischen Stil, einem lockeren Plauderton und der Zeichnung von Lees Persona nieder. Das ganze erste Drittel lebt von der Konfrontation des chinesischen Landeis Tang Lung (Bruce Lee) – einem Mann, in dem mit einer gewissen selbstzufriedenen Naivität und trotziger Aufmüpfigkeit zwei genuin kindliche Eigenschaften aufeinandertreffen – mit der westlichen Zivilisation und dem kulturellen Erbe der europäischen Weltstadt Rom. Lee gibt sich selbst ausgiebig Gelegenheit, sein komödiantisches Talent in sketchartigen Tableaus zu erproben – durchaus mit Erfolg. Die Anfangssequenz im Flughafen, in der sich Tang Lung in seinem traditionellen chinesischen Aufzug erst der strengen und hautnahen Begutachtung einer alten Dame gegenübersieht, dann ein Kind verschreckt, das er um Hilfe bitten will, und in einem Restaurant schließlich fünf Teller Suppe aus der ihm unverständlichen Speisekarte bestellt, weil er sich gegenüber der Bedienung keine Blöße geben möchte, erinnert nicht nur in ihrer Struktur stark an die Episoden der Comedy-Serie um Rowan Atkinsons Mr. Bean. Lee inszeniert die ganze Sequenz ohne jeden Dialog, ganz mit dem Fokus auf den Reaktionen und der gespielten Souveränität des isolierten und hilflosen Protagonisten. Auch später rückt er den Unterschied zwischen dem Chinesen und der ihn umgebenden Welt immer wieder in den Mittelpunkt und hat dabei wunderbare kleine Einfälle, reichert sein Spiel mit vielen kleinen Tics und Details an, die die Figur lebendig werden lassen. In einer Szene schlendert Tang Lung etwa mit seiner Cousine Chen (Nora Miao) durch die Straßen Roms und boxt dabei mehrmals mit diesen typischen Bruce-Lee-Moves gegen die Markisen der ihren Weg säumenden Geschäfte. Kurz vor dem Showdown nimmt sie ihn auf eine Sightseeing-Tour mit und er kann nicht anders, als selbst noch die beeindruckendsten Bauwerke mit herausgestellter Geringschätzung abzuwerten. (Angesichts eines prachtvollen Brunnens behauptet er, er hätte stattdessen lieber Wohnungen gebaut.)

Das eröffnet den Blick auf einen interessanten Subtext, der die etwas fade und unterentwickelt bleibende Actiongeschichte um ein chinesisches Restaurant, das von den Schlägertrupps eines lokalen Gangsters heimgesucht wird, überlagert. Wie schon in den beiden vorangegangenen Filmen geht es erneut um chinesisches Klassenbewusstsein, und, im weitesten Sinne, um Rassismus: Die Grundkonstellation – Tang Lung reist aus China nach Rom, um seinen entfernten Verwandten zu helfen – erinnert an TANG SHAN DA XIONG (in dem sich Lees Protagonist Cheng Li zu Verwandten nach Thailand begab, um dort zu arbeiten), der Rassismus äußert sich weniger im schwelenden Hass gegen Japaner (obwohl es eine japanische Schurkenfigur gibt), sondern vielmehr in der Unsicherheit, die die Chinesen ihrer eigenen Kultur gegenüber zeigen. Unter den Restaurantangestellten tobt ein Streit darüber, welche Kampfkunst denn nun die beste sei, und erst als Tang Lungs Fähigkeiten sie überzeugen, bekennen sie sich zum chinesischen Kung-Fu. Auch in dem oben geschilderten Verhalten gegenüber seiner Cousine zeigt Tang Lung diesen chinesische Minderwertigkeitskomplex, der vom Regisseur Bruce Lee eindeutig aufseiten der Männer verortet wird. Chen ist die mit Abstand reifste Figur des Films und mehr als einmal betrachtet sie das Gehabe ihrer Cousins und Kollegen mit kopfschüttelndem Unverständnis. Die Hilflosigkeit Tang Lungs kommt besonders gut in der Szene zum Ausdruck, in dem er nach dem Flirt mit einer Unbekannten (Malisa Longo) bei dieser im Bett landet. Er spielt das Spiel (für ihn ist es tatsächlich nur ein solches) solange mit, bis sie ihre Brüste entblößt, woraufhin er panisch Reißaus nimmt, dem erschrockenen Kind am Flughafen nicht unähnlich. Diese Kindlichkeit ist prägend für den ganzen Film und alle seine Figuren. Man beachte nur, wie sich die Restaurantbediensteten in jeder sich bietenden Pause auf den Hinterhof flüchten, um dort zu trainieren und eifrig die Vor- und Nachteile verschiedener Kampfstile zu diskutieren. Ihre Träume sind es, die sie am Leben halten. Aber es fehlt die Verwirklichung dieser Träume. (Übrigens: Ich liebe dieses Hinterhofsetting, das ohne Zweifel im Studio aufgebaut wurde, dadurch eine beinahe traumähnliche Qualität erhält.)

Es ist dramaturgischer Konsequenz geschuldet, dass sich Tang Lung am Ende im Kampf gegen einen Weißen bewähren muss, einen US-Amerikaner, dem die westliche Überheblichkeit aus jeder Pore tropft und bei dem jedes einzelne Körperhaar die virile Überlegenheit gegenüber dem kleinen Chinesen repräsentiert. Der damals noch unbekannte Chuck Norris – in den Credits als siebenfacher US-Karatemeister vorgestellt – versieht seine Rolle mit jener Stoik und Einsilbigkeit, die später sein Markenzeichen werden sollte. Er spricht genau einen Satz, dem daher besonderes Gewicht zukommt: „Bob’s my student.“ Drei Worte, die nichts als Autorität ausdrücken. Der Eleganz Lees hat er nicht viel mehr entgegenzusetzen als Kraft und Effizienz, eine typische David-gegen-Goliath-Konstellation. Doch der Kampf der beiden ist nicht bloß ein Kräftemessen zweier Charaktere, sondern zweier unterschiedlicher Philosophien, zweier Prinzipien. Und es ist der Moment, in dem Tang Lung „full circle“ kommt, in dem er seine Unsicherheit überwindet und zum „Drachen“ wird. Alle Angeberei, die die vorherigen Kämpfe gegen ihm nicht annähernd ebenbürtige Gegner noch auszeichnete (seiner Unsicherheit geschuldet), ist hier endlich abwesend, stattdessen prägen äußerste Konzentration und Geduld das Duell. Noch großartiger als der eigentliche Fight zwischen Lee und Norris, der zu den ikonischen Momenten des Martial-Arts-Kinos zählt, ist das ausdauernde, nur vom Knacken der Knochen untermalte Stretching, das die beiden zuvor absolvieren. Es kann kein Zweifel mehr am Ernst der Situation bestehen, wenn sich die Feinde die Zeit zum Warm-up nehmen.

MENG LONG GUO JIANG ist insgesamt weniger rund und schlüssig, als es die beiden Bruce-Lee-Filme Lo Weis waren. Lee ist kein gelernter Regisseur, das merkt man, und es zeigt sich vor allem in den Actionszenen, die den Drive vermissen lassen, den Lo Wei mit der Kameraarbeit erzeugte. Lees Blick auf seine Kampfkunst ist sachlicher, in gewisser Weise akademischer. Er will nicht in erster Linie einen berauschenden Wirbel erzeugen, sondern Bewegungsfolgen nachvollziehbar und transparent machen. In dieser Hinsicht ist MENG LONG GUO JIANG dann wieder vorbildlich: Die Kampfszenen sind absolut sauber und übersichtlich choreografiert und fotografiert. Aber Lees erste und einzige Regiearbeit hat durchaus noch andere Meriten als diese: In seiner Leichtigkeit, der Bereitschaft, sich in letztlich unbedeutenden Episoden zu verheddern, dem Pioniergeist, der nötig dafür war, Anfang der Siebzigerjahre einen Eastern in Rom zu drehen, zeigt Lee genau den Spirit, den eine Geschichte um chinesische Immigranten in Europa braucht. Ihr Mut, in einer fremden Welt ein Geschäft aufzuziehen, spiegelt sich in der Furchtlosigkeit und dem Enthusiasmus, mit dem auch der Regisseur durch den Film prescht. Das sind Eigenschaften, die MENG LONG GUO JIANG meiner Meinung nach zu allererst auszeichnen, seine filmhistorische Bedeutung hat er freilich mit anderen Werten erlangt. Für Lees Gesamtwerk und die Legendenbildung wird er wahrscheinlich nur noch von dem wenig später folgenden ENTER THE DRAGON übertroffen, für dessen Entstehung MENG LONG GUO JIANG wiederum entscheidend war. Erst hier drängte sich Bruce Lee als Heldendarsteller auf, erst hier konnte er sein ganzes Charisma ausspielen.

Kommentare
  1. […] letzte Woche auf Remember It for Later veröffentlichte, möchte ich nur zwei heraus greifen: Die sehr zutreffende Analyse von Bruce Lees „Die Rückkehr der Todeskralle“ und seine Verteidigung des Renny-Harlin-Films […]

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