más allá del terror (tomás aznar, spanien 1980)

Veröffentlicht: September 21, 2014 in Film
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Das Wiedersehen mit TERRORGANG, der mein Zwerchfell zuletzt vor ca. 15 Jahren einem gnadenlosen Belastungstest unterzogen hatte, anlässlich des alljährlichen Live-Audiokommentars in Aachen, war wunderbar. Der Film ist tatsächlich noch irrsiniger, niederträchtiger, asozialer, unglaublicher, aber auch besser, als ich das in Erinnerung hatte – und gemessen an dem anhaltenden, ausgelassenen Gelächter, das er beim anwesenden Publikum auslöste, war ich nicht der einzige, der das so empfand. Der spanische Originaltitel MÀS ALLÁ DEL TERROR führt angetrieben von einer Hosen und Vorstellungen sprengenden deutschen Synchronisation tatsächlich „weiter als die Furcht“, nämlich geradwegs in den Brechdurchfall des Wahnsinns. TERRORGANG ist, es muss so deutlich gesagt werden, der heilige Gral der Asozialität, ein würdiger Gummizellennachbar etwa von Sergio Griecos LA BELVA COL MITRA.

Der Film folgt dem wüsten Treiben einer dreiköpfigen Bande mit dem Ausdruck „kriminell“ nur äußerst unzureichend beschriebener Jugendlicher. Gleich zu Beginn lässt sich die spröde Lola (Raquel Ramirez) in einem ernüchternden Café irgendwo in der spanischen Pampa von einem mittelalten „Geschäftsmann“ abholen, der zwar ihren Namen nicht kennt, aber ihr dennoch hoffnungslos verfallen ist. Sie führt den geilen Bock an ein „romantisches Plätzchen“, eine traurige Herbstwiese irgendwo an einer löchrigen Landstraße (wer den Ölgeruch kennt, der über spanischen Landstraßen liegt, weiß, welch aphrodisierende Wirkung von ihm ausgeht), doch statt des erwarteten Schäferstündchens bekommt er eine Klinge in den Wanst und das dürftige Ersparte abgenommen. Als Lola abends ihre Kumpels Chema (Francisco Sánchez Grajera) und Nico (Eilio Siegrist) trifft, beschließen sie daher einen weiteren Überfall, um das dringend für Drogen benötigte Kleingeld aufzutreiben. Gäste und Belegschaft einer barackenhaft tristen Pinte (nichts schreit so sehr „Wohlstand“ und „Bargeld“ wie dickleibige Kellnerinnen, die Spiegelei mit Speck servieren, und verrammelte Fenster) werden von den drei Asis wüst beleidigt („Arschficker!“), gedemütigt, verdroschen und schließlich kaltblütig umgelegt – samt planlos, aber enthusiastisch hereinstürmender Polizei. Eine Ausnahme bildet das Pärchen aus dem Immobilienmakler Jorge (Antonio Jabalera) – sein weißer, in die Schlaghose gesteckter Polyesterrolli und das dazu getragene Amulett künden von finanzieller Affluenz – und seine Geliebte, die Sekretärin Linda (Alexia Loreto) im von ihm vermachten Bisamrattenpelz: Sie werden flugs als Geisel genommen, auch wenn zu diesem Zeitpunkt eigentlich eh schon alles egal ist. Die anschließende Höllenfahrt führt die Zweckgemeinschaft schließlich in das Haus einer alten Dame, die nur wenig später genauso mausetot ist wie der kleine Bub, der bei ihr wohnt: TERRORGANG erzählt auch von dem Rhythmus, bei dem man immer mit muss.

Weil man in einer Welt, in der Chema, Lola und Nico frei rumlaufen dürfen, keine Hoffnungen in den starken Arm des Gesetzes setzen sollte, aber Vergeltung dringend not tut, müssen die Kräfte jenseits der Ratio ran: Zum Glück unterhält die alte Oma gute Beziehungen zum Leibhaftigen und stößt kurzerhand einen Fluch aus, der die Jugend von Heute für die restliche Dauer des Films verfolgt und schließlich ereilt. Bevor es jedoch soweit ist, bekommen alle Beteiligten noch ausgiebig Gelegenheit, ihren moralischen und intellektuellen Sanierungsbedarf, den beeindruckenden Grad schierer Verblödung und ihre an ein außer Kontrolle geratenes Kettenkarussell erinnernde Triebhaftigkeit unter Beweis zu stellen. Natürlich, so erklärt uns Regisseur Aznar, sind diese Marodeure nicht böse auf die Welt gekommen, vielmehr ist die Gesellschaft Schuld, dass sie so sind. Beziehungsweise der Pfaffe auf Nicos Klosterschule, der dem Jungen in der Speisekammer zwischen baumelnden Chorizos in den Arsch fickte und ihn zur Beruhigung heroinabhängig machte. TERRORGANG dürfte angesichts der verheerenden wirtschaftlichen Situation in Spanien mit annähernd 50-prozentiger Jugendarbeistlosigkeit in Kürze ein überfälliges Sequel bekommen.

Neben dem immensen Tempo des Films, das den speed- und koksinduzierten Adrenalinrausch seiner „Helden“ formal doppelt, und der schon erwähnten, krachledernen Synchro, die einen wahren Bombenhagel aus Obszönitäten, Kraftausdrücken und Beleidigungen auf den hilflos am Boden liegenden und um Gnade winselnden Zuschauer niedergehen lässt, ist es vor allem die Häufung absurder, übersteuerter Einfälle, die TERRORGANG geradewegs über die Klippe steuert. Als die fünf Hauptfiguren nach dem Mord an der alten Frau mit dem Auto davonrasen, verdeutlicht die atonale Geisterbahnmusik, dass nun endgültig eine Grenze überschritten wurde. Jedenfalls solange, bis Nico sich lauthals über den scheußlichen Sound beschwert, der da aus dem Autoradio kommt. Merke: Dass man mit einem Fluch belegt wurde, merkt man daran, dass das eigene Leben plötzlich mit einem Goblin-Soundtrack ausgestattet wird. Später, als sich die Flüchtigen in einer verfallenen Kirche im Niemandsland verschanzen, hält Nico eine Wutrede, die sich gewaschen hat: Selbst ein Klaus Kinski dürfte angesichts der Häufung von Vulgarismen, die da in kürzester Zeit voller Inbrunst auskotzt werden, ein wenig rot ums Koksnäschen geworden sein. (Die Vorstellung, dass er diesen Film gesehen haben könnte, macht mich wahnsinnig glücklich.) „Gesegnet seien die Schwulen, denn sie können sich gegenseitig in den Arsch ficken!“ ist sicherlich das Highlight des Monologs, der in entfesselter öffentlicher Onanie vor einem brennenden Lagerfeuer endet. Aber: „Wichsen ist gut, ficken ist besser!“, mahnt Nico. Das denkt sich wohl auch Linda, die die Idee ihres Geliebten, den Gangleader Chema zu verführen, mit etwas zu großer Leidenschaft in die Tat umsetzt. Sie lässt sich gleich an Ort und Stelle von ihm auf dem Taufbecken durchziehen, und auch als Jorge wenig später samt Auto in Flammen aufgeht, weiß sie sofort die Prioritäten zu setzen: „Mein Koffer!“ In einer von zahllosen plötzlich herbeigesponnenen und dann gleich wieder verworfenen Wendungen des Films, war sie im Besitz von einer Million Dollar, die nun als Rauch gen Himmel steigen. Wenn man Mitglied der Terrorgang ist, gibt es Tage, an denen man verliert, und Tage, an denen die anderen gewinnen.

Am Schluss gibt es sogar ein paar effektive unheimliche Szenen, wenn die planlos an den dreieinhalb Settings des Films herumtapernden Hauptfiguren in finsteren Katakomben einer handvoll skelettierter Leichen zum Opfer fallen, doch jeder Anflug milden Grusels wird natürlich hoffnungslos von Raserei überlagert. TERRORGANG ist wie ein Bad in ungeköschtem Kalk, wie eine Massage mit Schmirgelpapier, das Kneten der Hoden mit einem Eisenhandschuh oder die Rasur mit der Kettensäge. „Ficken und Töten!“, schreit Nico einmal im Zustand der Entrücktheit. „Oder TERRORGANG.“, möchte ich ergänzend hinzufügen.

 

 

 

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