wargames (john badham, usa 1983)

Veröffentlicht: Oktober 1, 2014 in Film
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WARGAMES zählte während meiner Kindheit und Jugend wohl zu den Filmen, die ich am häufigsten geschaut habe. Rückblickend kann ich gar nicht mehr genau sagen, was mich für den Film so einnahm. Zwar besaß ich auch einen Computer – einen C-64 –, aber den benutzte ich zu allererst zum Spielen, und die Games, die mich damals stundenlang an den Apparat fesselten, waren ganz anderer Art als das, was man in WARGAMES sieht. Mit so einem Strategiegedöns hätte man mich damals nicht locken können. Der ganze Hacker- und Prorammierekram, um den es in WARGAMES auch geht, interessierte mich ebenfalls nicht. Das Wettrüsten der USA mit den Sowjetrussen, die Gefahr eines Atomkrieges: Wenn man in den Achtzigerjahren aufwuchs, war das etwas, das ohne Zweifel da war, auch für einen Zehnjährigen, der die politischen Hintergründe natürlich noch nicht durchblicken konnte. Wie Badhams Film mit der Gegenwart korrespondierte, war mir nicht wirklich klar, und hätte ich ihn damals einem Dritten zusammenfassen müssen, wäre er danach wahrscheinlich kaum schlauer gewesen als zuvor. Möglicherweise konnte ich mich einfach mit Matthew Brodericks Protagonisten David identifizieren: Ein Junge, der Ereignisse von globaler Bedeutung lostritt und diese dann anstelle der Erwachsenen auch wieder stoppt, musste auf mich einfach Eindruck machen.

Wenn WARGAMES damals für mich also gewissermaßen in einem luftleeren Raum existierte, so wird er bei heutiger Sichtung umso stärker in einen gesellschaftlich-historisch-technischen Kontext eingebunden. Der ganze Film ist ein Artefakt: Auch wenn dieser Tage wieder eine Auseinandersetzung mit Russland droht, ist der Kalte Krieg durch den Zusammenbruch der UdSSR doch längst Geschichte. Die Computertechnik hat sich enorm weiterentwickelt, und was uns Badham noch als dystopische Science Fiction präsentiert, ist für uns Alltag geworden. Ein Großteil unserer Kommunikation läuft mittlerweile über einen Computer, der ganz selbstverständlich Bestandteil nahezu jeden Haushalts ist, und die Erkenntnis, dass Maschinen für manche Arbeiten besser geeignet sind als Menschen, ist für uns auch kein Anlass mehr zur Entrüstung oder zur Furcht vor der nahenden Robotergesellschaft. Werbeanzeigen, die Computer als magische Wundermaschinen präsentieren, kachelgroße Disketten, Internetverbindung per Telefonhörer, Computerspiele, die nur aus Zahlen und Schrift bestehen, per in die Nutzeroberfläche eingegebener Sätze geführte Unterhaltungen mit dem Rechner, der ein seltsames Eigenleben führt: Diese Dinge regen heute vor allem unsere Nostalgie an oder kitzeln ein überlegenes Kichern aus uns heraus. WARGAMES schaut selbst mit großen, staunenden Augen auf diese Dinge, die er nur so halb verstanden hat. Es ist über weite Strecken ein Film über Menschen, die auf Bildschirme starren und verzweifelt versuchen, sich einen Reim auf das zu machen, was sie da sehen. „Is it a game, or is it real?“: Die Tagline und zentrale Frage des Films führt weit über ihre diegetische Bedeutung hinaus. Der High-School-Schüler und Hobbyhacker David richtet sie an den Militärcomputer Joshua, den er zum Spiel „Thermonuclear Global War“ herausgefordert hatte und dessen Simulationen nun ganz reale Folgen nach sich zu ziehen drohen. Der Computer ist nicht in der Lage, den Unterschied zwischen Simulation und Realität zu erkennen.

Auf den Film selbst bezogen, adressiert die Frage aber die Art und Weise, wie sich der Plot in ihm bildlich manifestiert: Zwar suggerieren uns Bilder von in ihren Silos dampfenden Atomraketen, dass der reale atomare Schlag kurz bevorsteht, doch weit überwiegend spielt sich die Handlung des Films auf den Monitoren in der Militärzentrale ab. Das Schicksal von Millionen Menschen, über das da verhandelt wird, ist rein virtuell. (Erst ganz spät hört man die Stimme einiger potenzieller Opfer des sowjetischen Angriffs via Telefon, die auf Nachfrage erleichtert bestätigen, dass keine Atomraketen eingeschlagen sind.) Das Setting erinnert nicht wenig an Platons Höhlengleichnis: Auf den Bildschirmen tobt ein schattenhafter Weltkrieg, aber draußen, im Sonnenlicht, entpuppt er sich als Illusion. Auf diese Illusion fallen aber ironischerweise nicht nur die Menschen herein, sondern auch der Computer selbst, der auf die zitierte Frage nur verständnislos antworten kann: „Wo ist der Unterschied?“. WARGAMES handelt nun aber nicht ausschließlich davon, wie man die Illusion zerschlagen und zur Erkenntnis gelangen kann. Er begibt sich eher an den Punkt, an dem die Illusion selbst auf unerklärliche Art und Weise in Wahrheit umschlägt. Der Katalysator ist die „moderne Technik“, aber sie wird gewissermaßen durch den Menschen erst dazu ermächtigt. Immer wieder zeigen sich die Protagonisten überrascht davon, dass die Tastaturbefehle, die sie geben, Folgen in der physischen Welt nach sich ziehen: David kann sich in den Schulcomputer oder den Chicagoer Flughafen einhacken, die Noten nach seinen Wünschen korrigieren oder einen Platz an Bord der Maschine nach Paris reservieren. In ihrer prometheischen Freude darüber, aus Nichts etwas Greifbares, Materielles geschaffen zu haben, erinnern David und seine Freundin Jennifer (Ally Sheedy) an Kleinkinder, die zum ersten Mal die Erfahrung machen, dass sie Türen öffnen und schließen, Objekte bewegen oder zerschlagen können.  Was ihnen fehlt, ist ein Verständnis von dem, was hinter dem Bildschirm liegt und wie die Maschine mit dieser Welt verknüpft ist. Mehrere Einstellungen zeigen, wie sich David im Glas spiegelt, wie sich die Grafiken und Zahlenreihen über sein Gesicht legen. Aber der Computer ist kein Spiegel, sondern ein Fenster.

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