short circuit (john badham, usa 1986)

Veröffentlicht: Oktober 10, 2014 in Film
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In meiner Erinnerung ist NUMMER 5 LEBT! einer dieser Filme, die 1986 alle in meiner Klasse gesehen hatten – außer mir. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein: Ich erinnere mich an den „Film-Foto-Roman“ in der Bravo und daran, dass dieser Film von der sympathischen Jugendzeitschrift zum heißesten Scheiß hochgeschrieben wurde. Und das war er wohl auch, wenn man bedenkt, dass es zwei Jahre später sogar ein Sequel gab; immerhin in einer Zeit, in der nicht sowieso jeder Film seine Fortsetzung erhielt. So richtig verstanden habe ich den Hype damals nicht. Roboter waren für mich immer schon nur mittelmäßig interessant und das kulleräugige Design von „Nummer 5“ fand ich mit 10 bereits eher albern. Wahrscheinlich bin ich daher nicht nur damals nicht im Kino gewesen, sondern habe ihn auch danach niemals gesehen. Die heutige Sichtung war demnach meine Premiere.

Und die ist durchaus wohlwollend ausgefallen. SHORT CIRCUIT gehört zu einer Art von filmischem Entertainment, wie es heute traurigerweise hoffnungslos aus der Mode gekommen ist. Klar, im weitesten Sinne ist auch er Effekt- und Eventkino, dramaturgisch zudem eher naiv – der Film richtet sich unschwer erkennbar an Kinder – und in Humor und „Message“ so ziemlich das Gegenteil von subtil. Aber was ihm im Gegensatz zu heutigen Pendants vollkommen abgeht, ist jede Form zynischer Kalkulation. Man spürt, dass die Faszination und Begeisterung, die vom Zuschauer eingefordert wird, dieselbe ist, die die Beteiligten vor und hinter der Kamera selbst aufbrachten. SHORT CIRCUIT ist mit einem Wort zu beschreiben: süß. Es ist süß, dass Kartoffelnase Steve Guttenberg ein Programmiergenie spielt, das mangels Alternativen für ein Rüstungsunternehmen Kampfroboter konstruiert. Es ist süß, dass diese Kampfmaschinen aussehen, wie aus der Augsburger Puppenkiste entflohen. Es ist süß, dass eine von ihnen nach einem Kurzschluss die Orientierung verliert und über Umwege bei der wuseligen Tierfreundin Ally Sheedy landet. Verdammt, Ally Sheedy ist süß, mit ihrer Art die Stirn zu runzeln und zu schielen, wenn sie „Nachdruck“ und „Entschlossenheit“ spielen soll. Es ist süß, dass sie den Roboter für einen Außerirdischen hält. Und es ist natürlich süß, wie dieser Roboter dann Seele, Lebensfreude und Selbsterhaltungstrieb entwickelt und proklamiert, dass „Nummer 5 lebt!“. Am allersüßesten ist es aber, dass der treudoofe Programmierer, die chaotische Tierfreundin und der putzige Roboter dem Rüstungskonzern ein Schnippchen schlagen und am Schluss in eine Zukunft als robotische Patchwork-Familie fahren. (Die Frage, ob Fisher Stevens Darstellung des indischen Programmierkollegen Guttenbergs auch süß oder doch eher rassistisch ist, lasse ich jetzt mal offen.)

John Badham inszenierte mit SHORT CIRCUIT gewissermaßen eine Kinderversion von BLADE RUNNER, und die Offenherzigkeit, mit der die beiden menschlichen Protagonisten ihren Blechfreund als gleichberechtigtes, lebendiges Wesen und als Freund akzeptieren, ist absolut rührend. Die Übertragung auf den Zuschauer gelingt dem Regisseur mit Bravour: Wenn am Schluss für eine Sekunde suggeriert wird, Nummer 5 sei den Weg alles Irdischen gegangen, ist das tatsächlich absolut niederschmetternd – auch wenn man natürlich ahnt, dass das nicht das Ende gewesen sein kann. SHORT CIRCUIT ist ein durchaus interessanter Beitrag zum Roboter-Diskurs und zu den philosophischen Debatten, die sich daran anschließen. Vor allem natürlich aus historischer Perspektive, zeigt er doch, wie diese Fragestellungen immer mehr in den Alltag des Ottonormalverbrauchers eindringen, schließlich gar Kinder beschäftigen (die sich vielleicht nach dem Kinobesuch wie der Protagonist von WARGAMES an ihren Heimcomputer zurückzogen). Als Werk seines Regisseurs, der sich in seinen Filmen immer wieder neuer Technologie, der Frage nach den Chancen, die sie bringt, aber auch nach den Gefahren, die von ihr ausgehen, auseinandersetzte, fällt SHORT CIRCUIT zwar keineswegs aus dem Rahmen, ist aber gewiss nicht ganz so hoch einzuschätzen wie BLUE THUNDER. Dafür ist er einfach: zu süß.

 

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