pet sematary (mary lambert, usa 1989)

Veröffentlicht: Oktober 23, 2014 in Film
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Pet_sematary_posterDie Stephen-King-Hysterie, die irgendwann in den späten Achtzigerjahren auch Deutschland mit voller Wucht erfasste, ist längst abgeebbt. Wo sich früher seine namhaften Bestseller auf Stephen-King-Tischen im Eingangsbereich der Buchhandlungen stapelten und reißenden Absatz fanden, bekommt man heute kaum noch mit, wenn ein neuer Roman von ihm erscheint. Eine normale Entwicklung sicherlich: Welcher populäre Künstler kann schon von sich behaupten, über Jahrzehnte hinweg in gleicher Intensität verehrt worden zu sein? Aber die Begeisterung, die King damals quer über Jahre durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen auslöste, war schon speziell. Von der Hausfrau bis zum Schuljungen wurden die Horrorromane von nahezu jedem verschlungen, der lesen konnte, und darüber, welches seiner Bücher man favorisierte, ließen sich stundenlange Diskussionen führen. Lediglich in einem Punkt war man sich meist einig, nämlich darin, dass die Verfilmungen zum Großteil nichts taugten. Die Verzweiflung über die nur mäßige Rezeption führte schließlich soweit, dass der Meister für MAXIMUM OVERDRIVE selbst den Regiestuhl bestieg, aber selbstverständlich konnte auch das nichts an der Tatsache ändern, eher im Gegenteil. Die Diskrepanz zwischen der Qualität der Vorlagen und ihrer filmischen Adaptionen war sicherlich auch daher so augenfällig, weil irgendwann auch noch die letzte fünfseitige Kurzgeschichte einen Film nach sich zog. Solange der Name die Massen lockte, wollte die Kuh gemolken werden. Aus heutiger Sicht ist der ganze Ärger um verfehlte King-Adaptionen kaum noch nachzuvollziehen: Andere Autoren wären wahrscheinlich froh, wenn nur zwei ihrer Werke handfeste Meisterwerke wie CARRIE oder THE SHINING nach sich gezogen hätten. „Friedhof der Kuscheltiere“, wie PET SEMATARY hierzulande hieß, war ein Riesenbestseller und Objekt besonderer Verehrung: schlechte Voraussetzungen für eine Filmadaption. Ich fand den Roman damals stinklangweilig und kam mit Mary Lamberts Film somit gut klar. Die Make-up-Effekte sahen toll aus und mit einer handlichen Länge von knapp 100 Minuten wurde die Geduld nicht so dermaßen überstrapaziert wie in Kings Vorlage. Aber das ist dann auch so ziemlich das einzig Positive, was man über den Film sagen kann, wie ich gestern ernüchtert feststellen musste.

PET SEMATARY ist so dermaßen durchschnittlich und by the book, dass es schmerzt. Dale Midkiff ist fürchterlich als trauernder Vater, der seinen bei einem Unfall verstorbenen Sohn wiederauferstehen lässt, weil er den Verlust nicht erträgt. (Zumindest trauert er in der Vorlage. Hier guckt er halt ein bisschen bedröppelt.) Die Szene, in der das Kleinkind beim Spielen von einem Sattelschlepper erfasst und überrollt wird, sollte das emotionale Zentrum des Films sein, ein niederschmetternder Moment, mit dessen Erfolg schließlich auch das ganze folgende Handlungskonstrukt steht und fällt. Aber so, wie Mary Lambert sie inszeniert, wirkt sie wie Slapstick, samt cartooneskem Close-up auf das doof dem heranrasenden LKW entgegenglotzende Balg sowie auf die Knie sinkendem und „Nooooo!“ gen Himmel schreiendem Papa. Lambert strebt zu keiner Sekunde mehr an als bloß gut wegkonsumierbare Unterhaltungsware von der Stange. Sie vermeidet so zwar größere Fehlgriffe – Ausnahme: siehe oben –, umschifft aber auch weiträumig alles, was man annähernd für Inspiration oder Kreativität halten könnte. Der Film, so professionell er handwerklich auch sein mag, kommt zu keiner Sekunde über den Status von Vorabend-Fernsehfilm oder Schülertheater hinaus: Man schaut Schauspielern beim Schauspielern zu, alle Emotionen sind nur vorgetäuscht, jeder Satz aus dem Drehbuch auswendig gelernt, nichts wirklich gelebt oder gefühlt, alles, was zählt, ist der Plot. Ein Horrorfilm sollte im Idealfall schockieren, erschrecken, aufwühlen, verängstigen, kurz: irgendwelche Spuren hinterlassen, ob das nun durch seine formale Gestaltung, raffinierte Inszenierung, ein gut konstruiertes Drehbuch, besondere Schauspielerleistungen oder eine Kombination aller dieser Elemente gelingt, sei mal dahingestellt. PET SEMATARY erreicht nichts davon. Erst ganz am Schluss, wenn Papa Louis seinem als gefräßiges Monster zurückgekehrten Söhnchen die Todesspritze in den Hals sticht und im Moment des Todes ganz kurz noch einmal das kleine, unschuldige Kind durchscheint, das Papa wiederhaben wollte, erhält man eine Ahnung davon, was sich King bei seiner Geschichte gedacht hat und welches Potenzial eine Verfilmung hätte haben können. Es ist der einzige Lichtblick im ganzen Film, bei dem „Verstörung“ offenkundig gar nicht intendiert war, lediglich unanstößige audiovisuelle Untermalung zum Popcornessen. Vielleicht muss man einfach froh sein, mit PET SEMATARY einen Film bekommen zu haben, der ganz gut aussieht und keine totale Kirmes veranstaltet. Andererseits ist mir ein grob missratener Film irgendwie hundertmal lieber als diese routiniert und risikolos runtergekurbelte Massenware ohne jeden Funken Mut und Einfallsreichtum. Man kann es nur mit den Ramones halten: „I don’t wanna be buried/in a pet sematary.“ Wohl wahr.

Kommentare
  1. Thies sagt:

    Die King-Hysterie ist in der Öfffentlichkeit sicherlich aus dem Blickfeld geraten, aber die Fangemeinde ist offenbar immer noch groß genug. Eine Kollegin von mir war letztes Jahr bei der Vorstellung seines Romans „Doctor Sleep“ – die erste Deutschlandtour des Autors – und das Haus war voll und signierte Bücher nur durch ein Lotterieverfahren zu erwerben, da King ansonsten wohl mit einem lahmen Arm nach Hause hätte gehen müssen. Aber es stimmt natürlich trotzdem, dass das King-Fieber nicht mehr das ist was es mal war. Auch bei mir liegen drei seiner aktuelleren Romane rum – zwei angelesen, eins nur als Mängelexemplar-Taschenbuch gekauft – die auf entsprechende Würdigung warten. Das wäre in der Zeit in der ich, wenn kein neues Buch verfügbar war, einfach nochmal „Shining“ oder „Christine“ gelesen habe, vollkommen undenkbar gewesen.

    Zu meiner Rezeption von King und den Verfilmungen könnte ich natürlich noch einen seitenlangen Text schreiben. Deshalb nur kurz zu diesem Film, den ich als ganz passabel im Kopf abgespeichert habe. Da die letzte Sichtung aber bestimmt noch vor Einführung der DVD stattfand, kann ich keinerlei echte Verteidigung für ihn aufbringen, ausser dass er für mich damals die typische King-Erzählstruktur recht gelungen auf die Leinwand brachte. Eines seiner Stilmittel war ja die düstere Vorahnung mit der der Leser auf das weitere Geschehen eingestimmt wurde. Hier war es der nach einem Unfall tödlich verletzte Student, der dem Protagonisten immer wieder erscheint und ihm warnende Hinweise gibt, was ich damals auch in der Verfilmung als recht effektiv empfand.

    Auf eine Neusichtung des Films habe ich nach diesem Text erstmal keine Lust, denn ich ahne dass mit meiner Begeisterung für King auch meine Toleranz für mittelmäßige Verfilmungen geschrumpft sein dürfte. Zumal ich das von der gleichen Regisseurin gedrehte Sequel gedanklich immer unter der Rubrik „abschreckendes Beispiel“ abgespeichert habe.

  2. Oliver sagt:

    Hallo Thies,

    erstmal danke für den ausführlichen Kommentar. 🙂

    Ja, King ist immer noch aktiv und in gewissem, wahrscheinlich etwas kleinerem Rahmen als damals, populär und das mit der Tour habe ich auch gehört. Ich gehe hier natürlich von meiner sehr subjektiven Wahrnehmung aus und da war King damals gewissermaßen allgegenwärtig. Heute ist er halt ein bekannter Autor, der immer noch Bücher veröffentlicht, diese auch gut verkauft, aber gewiss kein Modethema mehr. Sieht man ja auch etwa an der (geringen) Anzahl aktueller Verfilmungen.

    „Passabel“ kann man PET SEMATARY wahrscheinlich schon nennen. Der Film ist bestimmt keine Vollkatastrophe, aber eben auf so eine biedere Art mittelmäßig, dass mir ein richtiger Kackfilm schon wieder lieber ist. Es gibt ein paar schöne, stimmungsvolle Bilder, das ist richtig, aber das verpufft alles. Vielleicht hätte ein anderer Hauptdarsteller als Midkiff schon gereicht, den Film besser zu machen, aber er ist eben insgesamt sehr auf breites Gefallen gebürstet. Das ist nicht unbedingt der ideale Ansatz für einen Horrorfilm.

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