edge of tomorrow (doug liman, usa/australien 2014)

Veröffentlicht: Oktober 24, 2014 in Film
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edge-of-tomorrow-posterDie Erde wird von einer außeriridischen Invasion überrollt, Zentral- und Westeuropa ist bereits verloren. Major Cage (Tom Cruise), ein Schreibtischtäter, zuständig für das Marketing des Militärs und die Anwerbung neuer Rekruten, nicht aber für den bewaffneten Kampf, glaubt sich in einem Albtraum, als er an die Front geschickt wird. Völlig unvorbereitet wird er in einen Kampfanzug gesteckt und in die Schlacht geworfen, wo er schon nach kürzester Zeit das Zeitliche segnet … nur um denselben Tag gleich noch einmal zu durchleben. Und noch einmal, und noch einmal … Ein Ausbruch aus dem Zyklus des ewigen Sterbens scheint möglich, als die Soldatin Rita (Emily Blunt) – nach einer fast im Alleingang gewonnenen Schlacht „Engel von Verdun“ getauft – Cages sehr spezielles Problem erkennt und ihm erklärt, dass er mit der Fähigkeit der Aliens, die Zeit zurückzudrehen, infiziert worden sei und somit den Schlüssel zum Triumph in der Hand halte. Gemeinsam versuchen die beiden sich zum „Omega“, dem zentralen Hirn der Invasion vorzukämpfen. Doch bis dahin müssen Cage und Rita noch zahlreiche Tode sterben … 

EDGE OF TOMORROW ist ganz ohne jeden Zweifel dem zeitgenössischen Eventkino zuzuzählen, mit all den Auswüchsen, die das miteinschließt: In der Hauptrolle agiert mit Tom Cruise vielleicht der größte Star, den Hollywood zu bieten hat, weniger ein Schauspieler als eine erfolgversprechende Marke, die jeder kennt. Von der ersten Minute an wird der Zuschauer mit eindrucksvollen Effekten und Bildern überhäuft, allesamt State of the Art und in gewisser Weise Machtdemonstration einer Industrie, die eh längst keine ernstzunehmende Konkurrenz mehr hat. Und das Ganze basiert weniger auf einer Geschichte als auf einer Synthese verschiedener erfolgreicher Filme, die jeder, der sich etwas für das Kinogeschehen interessiert, sofort benennen kann. Man hört bei der Entfaltung des Plots förmlich den Sales Pitch, mit dem das grüne Licht für die Produktion erzwungen wurde: STARSHIP TROOPERS/INDEPENDENCE DAY/BATTLE LOS ANGELES trifft SAVING PRIVATE RYAN trifft GROUNDHOG DAY. Zu Beginn hatte ich dann auch trotz der wohlwollenden Stimmen diverser Kollegen ein ungutes Gefühl: Zu Wenn sich der zynische Marketingfuzzi Cage – Cruise ist so typgerecht-programmatisch besetzt, dass es fast schon schmerzt – vor dem Kampfeinsatz drücken will, für den er zuvor Tausende von Freiwilligen akquiriert hat, dann aber als wimmerndes Etwas mitten im Kampfgetümmel landet, droht EDGE OF TOMORROW zur militaristischen Propaganda zu werden, zur Fabel über den Feigling, der im Stahlbad des Krieges zum Helden reift. Glücklicherweise wirft Regisseur Liman aber jegliche Prätention über Bord und konzentriert sich einfach darauf, den Zuschauer zwei Stunden lang die berühmte Achterbahnfahrt zu liefern, die allzu viele Kollegen immer nur versprechen.

Es ist nicht zuletzt der Humor, der Limans Film auszeichnet und ihn von so vielen unangenehm grimmigen, misanthropischen bis protofaschistischen Action- und Kriegsfilmen der letzten 15 Jahre abhebt. Irgendwann nimmt Cage seine Tode nur noch mit der leicht genervten Resignation des Konsolenspielers hin, der wieder und wieder das Ableben seiner Bildschirmfigur miterleben muss. Eine ganze lange Sequenz widmet sich einer erfolglos verlaufenden Trainingseinheit, bei der Cage nach immer wieder erlittener, manchmal auch nur harmloser Verwundung von seiner Mitstreiterin per mitleidlosem Pistolenschuss „erlöst“ wird. Liman entwickelt eine fast sadistische Freude daran, darin TOM & JERRY-Cartoons nicht unähnlich, seinen Star über die Klinge springen zu lassen und Tom Cruise, nicht gerade im Ruf stehend, ein besonders gelassenes Verhältnis zu sich selbst zu haben, macht bei dem Spiel begeistert mit. Es ist ziemlich offensichtlich, dass den Machern klar war, dass Cruise von nicht gerade wenigen Kinogängern für seine perfekt modellierte Fassade inbrünstig verachtet wird: EDGE OF TOMORROW bedient diese Verachtung, indem er den Star zur Zielscheibe des Sadismus macht, und wird damit für ausgesprochene Cruise-Verächter ebenso zum Muss wie für seine Verehrer.

Erstaunlicherweise steht dieser Humor dem Gelingen des Films als spannendes Actionvehikel niemals im Weg, vielmehr entwickelt sich das eine wunderbar organisch aus dem anderen. Und während andere „Prämissenfilme“ unter der Last der einen großen Idee oft in die Knie gehen, dem ursprünglichen, genialischen Funken schon nach kurzer Zeit nichts mehr hinzuzufügen wissen, entwickelt Liman ein spielerisches Verhältnis zu seinem Stoff, probiert immer wieder neue Ansätze aus, verwirft, wenn das Potenzial ausgereizt ist, und versucht etwas anderes. Obwohl EDGE OF TOMORROW also ganz wesentlich aus Wiederholungen besteht, erfindet er sich immer neu. Ganz so, wie das auch sein Protagonist tut. Besonders effektiv ist es, wenn Liman andeutet, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt aus den Dutzenden Wiederholungen gesehen haben, die Cage durchlaufen hat, klar wird, dass er manche Handlungen schon Hunderte von Malen durchgeführt hat, ohne einen Fortschritt zu erzielen. Einmal verzichtet Cage ganz darauf, sein gewohntes Pensum abzuleisten: Wie ein vom Alltag gebeutelter Arbeiter setzt er sich stattdessen in eine Kneipe und trinkt, gezeichnet von der Wiederkehr des Immergleichen, ein Bier. Als er zum xten Male den Tod seiner Partnerin nicht verhindern kann, fasst er nach dem Neustart den Entschluss, auf die Zusammenarbeit mit ihr ganz zu verzichten. Er sucht sie wie gewohnt zum „ersten Mal“ auf, schaut sie an, dreht sich um und geht. Sie hat natürlich keine Ahnung wer er ist und kann dem rätselhaften Fremden nur irritiert hinterherschauen. So entwickelt dieser Bubblegum-Film ungeahntes dramatisches Potenzial und emotionale Tiefe, wo andernorts nur oberflächliches Spektakel vorherrscht. Aber auch letzteres beherrscht Liman und seine Schlachtenpanoramas sind wirklich atemberaubend. So fällt es dann auch nicht negativ ins Gewicht, dass der Showdown, die Auflösung ein bisschen pflichtschuldig rüberkommen und eigentlich auch nicht mehr wirklich interessieren. 

Ich habe angesichts der hier gebotenen Klasse so meine Zweifel, dass irgendein Film EDGE OF TOMORROW den Titel „Bestes Big-Budget-Effetkspektakel des Jahres“  noch streitig machen kann. Überhyptes Mittelmaß wie THE AVENGERS wird hier m. E. spielend in die Tasche gesteckt. Schade, dass das niemand den potenziellen Zuschauern gesagt hat, die dem Kino in Scharen fernblieben und Liman einen massiven Flop bescherten. Egal, Mund abwischen, Neustart wagen.

Kommentare
  1. Stimme überein, dass das hier sehr viel besser ist als ein The Avengers, auch am Ende störte ich mich ein wenig, da wäre – wie so oft m.E. – weniger vermutlich mehr gewesen. Dennoch überraschend unterhaltsam!

  2. Bartel sagt:

    Mir gefiel das Aliendesign sehr. Ihr Bewegungsapparat, das hyperaktive Abdecken sämtlicher möglicher Bewegungen des Gegners durch ihre manipulativen Fähigkeiten die Zeit zu verändern macht sie zu einem riesigen wuselnden Killerflummi. Fand ich gut.

  3. HomiSite sagt:

    Hm, ich war spätestens nach diesem Text schon etwas gehypet, auch wenn sich eine Skepsis angesichts des THE AVENGERS-Seitenhieb hielt. Und insgesamt kann ich mich dem hohen Lob nicht anschließen. Vielleicht weil bei vielem meiner Meinung nach mehr möglich gewesen wäre: Zeitschleife eher uninspiriert umgesetzt (über die Logik/Plausibilität denke ich mal gar nicht nach :-)), Cruise fast immer zu heldenhaft, Action zu hektisch gefilmt, Monsterdesign gefiel mir persönlich nicht so, Schießereien hätten mehr STARSHIP TROOPERS-blutig sein können, gefühlt sehr harter Tempoeinbruch nach den ersten Zeitschleifen usw. Ich fühlte mich trotzdem ganz gut unterhalten – aber THE AVENGERS fand ich trotzdem wuchtiger.

    PS: Und wann gibt’s angesichts der Exoskelette endlich einen fetten WARHAMMER 40.000-Film mit Space Marines? 😀

    • Oliver sagt:

      Sehe ich alles überhaupt nicht so, aber das ist nach meinem Text ja klar. Wenn du mir aber schon nahezu komplett widersprichst, wären Ausführungen aber erwünscht. Dass die Zeitschleifen-Thematik überhaupt nicht uninspiriert umgesetzt, sondern im Gegenteil ziemlich clever und humorvoll genutzt wird, habe ich lange erklärt. Du sagst jetzt einfach: Nö. Wenig. Cruise zu heldenhaft? Er wird gefühlte 20-mal einfach so hingerichtet, in der ersten Stunde herumgewirbelt wie ein Sandsack. Was willst du denn noch an Demontage in einem solchen Film? Und eine Kritik wie „hätte blutiger sein können“ kann ich schon rein prinzipiell nicht nachvollziehen. Kann man nämlich über fast jeden Film sagen. Oder auch: „Hätte, hätte, Fahrradkette.“

      Was ich eigentlich sagen will: Vielleicht schaust du ihn dir nochmal an, ohne vorgehypt zu sein. Deine Kritik klingt nämlich ehrlich gesagt so, als hättest du jetzt den besten Action-Blockbuster aller Zeiten erwartet und wolltest ihm jetzt nachträglich ankreiden, dass er das nicht ist. Und meinen STARSHIP TROOPERS-Vergleich hast du auch in den falschen Hals bekommen. 😉

      • HomiSite sagt:

        Sicher spielt auch meine Erwartungshaltung mit hinein, am ehesten wohl, weil ich persönlich AVENGERS sehr mochte. Den besten Action-Blockbuster aller Zeiten habe ich nicht erwartet, aber dann halt doch mehr als in meinen Augen guten (!) Dienst nach Vorschrift.

        Sicher ist die Inszenierung der Zeitschleifen gelungen, aber prinzipiell passiert da nichts Neues. Okay, jetzt kann man einwenden, dass Zeitschleifen vielleicht generell nicht so viel Spielraum lassen, trotzdem wirkte es halt auf mich wirklich wie der von dir erwähnte „Sales Pitch“ – der für mich aber eben selten besonders überboten wurde.

        Dass Cruise zigmal stirbt, negiert ja nicht seine Heldenhaftigkeit; er akzeptiert sehr schnell sein Schicksal als Retter der Menschheit, hadert quasi nie damit – auch wenn er zwischendurch davon genervt ist – und betreibt auch kein Schindluder mit seiner Macht (oder es wird nicht gezeigt). Das biss sich für mich mit seiner anfänglichen Charakterzeichnung; das Image des Schauspielers war mir dabei eher egal (ist er immer noch Hollywoods biggest star…?).

        Der „Wunsch“ nach mehr Blut entstand weniger aus deinem STARSHIP TROOPERS-Vergleich, sondern daraus, dass hier tödliche Nahkampfaliens agieren und die Kamera das allzu oft mit hektischem Gehampel versteckte.

        Weiß nicht, ob ich jetzt meine Meinung jetzt klarer zum Ausdruck bringen konnte. Ich mehme Filme auch oft eher „oberflächlich“ wahr :-). Wie gesagt: E.O.T. unterhielt mich ja ziemlich gut, nur so viel mehr wie ich aus deiner Rezension vielleicht fälschlich entnahm war er dann doch nicht, für mich.

  4. Oliver sagt:

    Es passiert nichts grundlegend Neues – das erwarte ich von Genre-Blockbustern mittlerweile auch nicht mehr -, aber es sind die kleinen Details, die hier neu sind: Dass der immer wiederkehrende Tod ein Teil des Spiels wird z. B. Oder dass man einen Eindruck von der Müdigkeit erhält, die hunderte von Neustarts hinterlassen haben.

    Hast du nach meinem Text wirklich erwartet, Cruise gebe hier den Antihelden? Welcher vergleichbare Film ging denn in den letzten Jahren diesen Weg? Das ist doch keine Kritik, die EOT in besonderem Maße trifft. Der Film ist natürlich keine bahnbrechende Revolution, wie könnte er das bei den Verbindlichkeiten von 300 Millionen Dollar auch sein? Entscheidend ist in diesem Falle doch, was er innerhalb der eng abgesteckten Grenzen aus den Möglichkeiten macht. Und da sehe ich zB einen Crusie, der a) als totales schmieriges Arschloch beginnt, b) als Feig- und Schwächling gezeichnet wird, c) darüberhinaus als Punchingball für das Ressentiment des Publikums benutzt wird. Dass er am Ende des Tages die Welt rettet, weiß ich doch, bevor ich das Ticket löse. Klaro, wäre da – in einer besseren Welt – noch mehr möglich gewesen. Aber wie besteht denn THE AVENGERS vor dieser Kritik? Und warum sind „zu wenig Blut“, „eindimensionale Charaktere“ und „keine inhaltlichen Innovationen“ im einen Fall legitime Kritikpunkte und im anderen nicht?

    • HomiSite sagt:

      Einen Cruise als Antihelden habe ich natürlich nicht erwartet, aber für mich persönlich hätten es halt ruhig ein paar mehr „Schweinehund“-Szenen geben können als genervte Müdigkeit und einmal gesittet eine Kneipe besuchen. Und rettet dann die Welt. Mehr meine ich gar nicht (na ja, und dass Cruise doch schon in TROPIC THUNDER eine schmierig-selbstironische Rolle hatte, oder?).

      Zu den drei von dir zitierten Einwänden meinerseits: AVENGERS positioniert sich halt nicht als futuristischer Kriegsfleischwolf und hat vielleicht keine vielschichtigen Figuren, aber mehr/spannendere/unterhaltsamere Interaktionen derselben. Wirklich innovativ war er sicher auch nicht, aber anscheinend empfinde ich das Prinzip Zeitschleife einengender als die Marvel’sche Superhelden-Formel.

      Na ja, ich wiederhole mich: Ich fand E.O.T. ja nicht schlecht ;-).

      • Oliver sagt:

        Naja gut, aber irgendwie ist es doch wohl schon etwas anderes, in einem Film wie TROPIC THUNDER, der maßgeblich davon lebt, sich über die Fakeness des Filmbiz auszulassen, das Arschloch zu geben als in einem Blockbuster wie EOT, meinst du nicht?

        Ich habe von EOT ehrlich gesagt keinen „Fleischwolf“ erwartet, sondern großes jugendgerechtes Entertainment. Und ohne jetzt hier allzu lang auf dem THE AVENGERS-Vergleich rumreiten zu wollen: Der lebt doch ganz wesentlich von seinem via Einzelfilmen lang aufgebautem Protagonisteninventar, das sich zwangsläufig untereinander „austauscht“. Das Miteinander der Helden gehört wesentlich zur ganzen Prämisse. EOT hat einen Helden und eine leicht untergeordnete Partnerin. Das engt die Möglichkeiten für lustigen Jokus ziemlich ein. (Ich fand EOT trotzdem witziger als THE AVENGERS.)

  5. peter sagt:

    Ich mag Emily Blunt sehr gerne in diesem Film und finde sie extrem gut besetzt. Für eine Frauenrolle in einem Tom-Cruise-Abenteuer ist Rita zudem einen Tick exzentrischer und ungewöhnlicher, als man es in diesen Filmen sonst zu sehen bekommt.

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