operation dance sensation (thilo gosejohann, deutschland 2003)

Veröffentlicht: November 1, 2014 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Vieles spricht dafür, OPERATION DANCE SENSATION im weitesten Sinne dem weiten Feld des „Amateurfilms“ zuzurechnen, aber irgendwie sträuben sich mir dabei die Nackenhaare: und das nicht nur, weil die Brüder Gosejohann längst Profis sind. Klar, auch sie versammelten überwiegend Freunde und Bekannte vor der Kamera, die sie in und um ihre Heimat in der Nähe des westfälischen Gütersloh aufbauten, Effekte, Requisiten und Kostüme wurden liebevoll aus dem, was der heimische Keller hergab, selbst gebastelt und dann fleißig improvisiert. Was OPERATION DANCE SENSATION aber von mit unter ähnlichen Bedingungen entstandenen und Papas Super-8-Kamera abgedrehten „Jungmutation“ unterscheidet, ist ein (meist) ins Schwarze treffender Humor (statt tumber Zoten), ein gutes Auge für die inneren Mechanismen des Actionfilms (statt bloß langweilig angehäufter Zitate), ein unübersehbares Talent für dynamische Inszenierung (statt technischem Dilettantismus) und ein sich tatsächlich auf den Zuschauer übertragender Spaß an der Sache (statt peinlicher Nabelschau).

Zwischen all dem liebenswerten Unfug um aus dem Vietnamkrieg geklaute Waffen, die nun in einem verborgenen Kellerraum einer Discothek im US-amerikanischen Neverhorst lagern und vom schurkischen Zorc (Oliver Piper) an die Irakis verkauft werden sollen, um die Rivalität zwischen den Veteranen Jackson (Thilo Gosejohann) und seinem Erzfeind Atlas (Simon Gosejohann) und die frappierende Unfähigkeit von Ninjas rührt OPERATION DANCE SENSATION auf sehr liebevolle und kluge Art und Weise an die subkutanen Wahrheiten des Actionfilms, die eben nur echten Experten auffallen: Jackson, Atlas, Zorc und Ralf Eden (Alexander Clarke) sind Kriegsversehrte in dem Sinne, dass ein bürgerliches Leben längst nicht mehr denkbar für sie ist. Außer dem Umlegen von Feinden haben sie nicht nur nichts gelernt, das ist auch genau das, was ihnen Spaß macht. Am Ende bejubeln sie die Tatsache, dass die USA Liechtenstein den Krieg erklärt hat und es für sie zum ersten Mal seit dem Vietnamkrieg wieder etwas zu tun gibt. Und plötzlich ist auch die sonst eher pazifistisch und liberal eingestellte Gesellschaft wieder ganz froh, dass es Profis wie Atlas und Jackson gibt, die mit Feuereifer und Freude an der Sache ihrem Job nachgehen. Natürlich geht es in OPERATION DANCE SENSATION nicht darum, irgendeine politische Aussage über die „echte“ Welt zu machen, vielmehr setzt er sich in Beziehung zum Actionfilm allgemein. Es ist ein handfester Metafilm, der ohne falsche Prätention sden kathartischen oder „seelenhygienischen“ Effekt des gepflegten Männer- und Ballerkinos herausarbeitet. Und „Neverhorst“ ist gewissermaßen der utopische Ort, an dem sich diese Funktion zeigen darf. Direkt an der US-irakischen Grenze und gegenüber von Vietnam gelegen, ist es das prototypisch brave Örtchen, wo alles nur vordergründig bieder und brav ist. Der Diskothekenking Eden konsumiert bergeweise Koks und muss sich rechtkonservativer Politiker erwehren, denen sein Etablissement ein Dorn im Auge ist. Durch Jacksons Garten stapfen Skinheads und Ninjas, ohne dass jemand daran Anstoß nähme und in einer Talkshow wird der Veteran, der sein Geld in mangels Alternativen als Kopfgeldjäger verdienen muss, bequem als Sündenbock ausgemacht, während man Atlas für die Einstellung von Ninjas und die Schaffung von Arbeitsplätzen lobt. Eine einfache Wahrheit wie die, dass die härtesten Kerle die dicksten Knarren haben, schafft da Trost und Klarheit.

In erster Linie ist OPERATION DANCE SENSATION aber ein Partyfilm. Simon Gosejohann ist zum Totlachen als tumber Muskelprotz Atlas, der die Ninjas verbraucht wie andere Leute Socken, und sich mit Jackson in einem Fort kindische Handgreiflichkeiten liefert (dieser auf Kindergartenniveau ausgetragene Streit, wer denn nun die bessere „Einheit“ im Krieg hatte, ist alles). Schöne Ideen wie die mit dem Kindergeburtstag, bei dem sich die Kerle bei einem Kinderspiel in die Wolle kriegen, der absurde Showdown, bei dem überdimensionierte Waffen auf Stützrädern herumgekarrt werden, und die schnoddrigen Dialoge in schönster westfälischer Diktion sorgen dafür, dass der Film auch nach über zehn Jahren nichts von seinem Charme eingebüßt hat. Allerdings, das muss man der Fairness halber sagen, ist er mit knapp 110 Minuten mehr als nur einen Hauch zu lang geraten. Einige Straffungen hätten dem Film gut getan und mancher Witz verpufft, weil das Timing nichts stimmt, Szenen zu lang dauern. Ein Paradebeispiel ist die erwähnte Talkshow-Szene (mit Bela B. als Gaststar), die nicht richtig auf den Punkt kommt, weil da einfach zu viel auf einmal gewollt wurde.  Aber ich kann das durchaus verstehen: Wenn man mit Herzblut bei der Sache ist, fällt es manchmal schwer, sich hinterher von liebgewonnenen Ideen zu trennen, den Auftritt des Freundes zu kürzen oder den einen Effekt rauszuschmeißen, auf den man so stolz ist. Echten Schaden können solche kleinen Mängel dem Film dann auch nicht zufügen, der immer noch eine Ausnahmeerscheinung im überschaubaren deutschen Genrekino ist. Mit anderen Worten: Klassiker.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.