waidmannsheil im spitzenhöschen (jürgen enz, deutschland 1982)

Veröffentlicht: November 8, 2014 in Film
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Die fesche Evi (Sandra Atia) haut von zu Hause ab und wird von einem Anhalter aufgelesen, der ihr sogleich an die Wäsche will. Als sie sich gegen den Zudringling wehrt, fliegt sie mitten im bayrischen Wald hinaus, trifft aber zum Glück auf den braven Jägersmann Hubert (Günther Amann). Der arbeitet für den Grafen Reginald (Dietz Werner Steck) im nah gelegenen Schlösschen. Noch, denn der Graf hat Schulden, und man droht ihm, seinen Besitz zwangszuversteigern. Evi hat aber eine tolle Idee, wie das nötige Kleingeld aufgetrieben werden könnte, und so begründet der Graf eine Jagdschule. (Wie der Graf sein Geld zuvor verdient hat, bleibt unklar. Wie so oft bei Enz scheinen seinen Protagonisten ganz selbstverständliche Konzepte wie das des Geldverdienen-Müssens vollkommen fremd zu sein.) Schon trudeln die ersten Wissbegierigen ein, sind von dem ganzen Gerede über Büchsen, Flinten und Steckschüsse bald jedoch ganz waidwund, schlagen sich lieber in die Büsche, anstatt dem Lehrplan zu folgen und blasen zu großen Halali. Bis eines Tages der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht…

Auch wenn sich das vielleicht ganz lustig anhört: WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN ist tatsächlich der erste Film von Jürgen Enz, bei dem ich mich gelangweilt habe. Möglich, dass das einfach nur daran lag, dass ich nicht in der richtigen Enzzeitstimmung war, allein mir fehlt der Glaube. Unter dem Pseudonym „Kenneth Howard“ gedreht, lässt WAIDMANNSHEIL jene Absonderlichkeiten und Verschrobenheiten vermissen, die bislang alle Filme, die ich von Enz gesehen habe, in mehr oder minder starker Ausprägung enthielten und sie zu solch wunderlichen Ereignissen machten. Besonders die Ausstattungskuriositäten habe ich vermisst, die Tristesse (klein)bürgerlicher Wohnwelten. Dieses Moment, wo der Schleier der vordergründigen Hässlichkeit plötzlich zerreißt und der Blick für bundesdeutsche Realität geöffnet wird. WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN ist einfach ein stinknormaler Sexfilm, etwas liebevoller, niedlicher, harmloser, friedvoller als andere Vertreter des Genres, und somit für den Kenner durchaus als echter Enz identifizierbar, aber dennoch deutlich stromlinienförmiger und weniger spezifisch. Er hat kaum Schnittpunkte mit der „Realität“, scheint vielmehr in einem märchenhaften Vakuum oder einer Parallelwelt zu spielen, in der die Sorgen, die Menschen nunmal so haben, gänzlich abwesend sind. Warum Evi zu Beginn ausreißt, wird abseits einer leeren Erklärung – Wunsch nach Freiheit, pi-pa-po – nie transparent.

Schon am Anfang deutet sich also an, dass hier einiges anders ist. Die versuchte Vergewaltigung, die Evi erleiden muss, ist der erste Akt der sexuellen Aggression, an den ich mich bei Enz erinnern kann. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass das Evchen erst noch ihr Märchenschloss finden muss. Dort angekommen, zerfließen dann auch wieder alle Protagonisten in gegenseitiger Liebe, werden noch bei jeder Tätigkeit von der sie verlässlich überkommenden Lust überfallen. Vor allem des Grafen treuer Hausmeister Richard (Franz A. Huber) und die dralle Haushälterin Anna (Christa Abel) können kaum voneinander lassen und die Liebe, die sie offenkundig füreinander empfinden, ist auch deshalb so rührend, weil beide von der Natur nicht gerade begünstigt wurden, anders etwa als Evi und Hubert. Gern hätte man mehr von den beiden gesehen, wie auch vom gutmütigen Grafen und der bald eintreffenden Ramona (Eva Astor), Evis Mama, zwischen denen ebenfalls die Funken sprühen. Stattdessen rührt Enz ein paar müde, nicht weiter erwähnenswerte Zoten an, zeigt die Jagdschüler bei ihren noch nicht einmal halbherzigen Versuchen, den Jagdschein zu machen, und lässt Hubert immer wieder überrascht über entblößte Leiber stolpern, obwohl die schon von Weitem sichtbar sind. Am Schluss kündigt sich ganz kurz das große Drama an, als man dem Grafen den Termin für die Versteigerung überbringt, doch schon in der nächsten Szene ist alles wieder gut, weil Evis Mama die nötige Geldspritze liefert. Evi und Hubert können heiraten, Anna und Richard verloben sich und der Graf schließt seine Ramona in die Arme. Es ist fast so, als könnte Enz die Spannung, den Konflikt, das Ungewisse nicht ertragen. Er strebt mit aller Gewalt zur Harmonie. Das ist eigentlich sehr schön, tröstlich, tatsächlich fast utopisch, wie hier jeder böse Gedanke ganz, ganz weit weg ist, alle sich zärtlich und in Liebe zugetan sind, aber einen aufregenden Film gibt das trotzdem nicht.

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