1. auswärtiger sondergipfel des hofbauer-kommandos: 69 – sixtynine (jörn donner, schweden/finnland 1969)

Veröffentlicht: November 9, 2014 in Film
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MV5BMTg1ODA0MzY3OF5BMl5BanBnXkFtZTcwMTI0ODk3MQ@@._V1_SY317_CR3,0,214,317_AL_Tuula (Ritva Vepsä) und Jukka Virta (Sven-Bertil Taube) sind auf den ersten Blick glücklich verheiratet. Ehemann Jukka kümmert sich um den Haushalt und den Hund, der auf Hundeausstellungen stets mit Preisen bedacht wird. Die Routine, mit der die Partner zusammenleben, wertet man zunächst als Beleg für ihr blindes Verständnis. Doch dann muss Tuula erfahren, dass ihr Mann ein Geheimleben führt. Er verdient sich Geld als Eishockeyschiedsrichter dazu und verbringt seine Abende bei seiner jungen Liebhaberin Kristiina (Seija Tyni). Anstatt ihren Mann zu konfrontieren, tut es Tuula ihm gleich, und beginnt sich mit dem Gynäkologen und sechsfachen Vater Timo Paasi (Jörn Donner) zu treffen … 69 – SIXTYNINE steht exemplarisch für die wunderbaren Entdeckungen, die man ohne umfassende archäologische Vorarbeit oder entsprechenden Expertenstatus in Deutschland derzeit wahrscheinlich nur beim Hofbauer-Kongress machen kann. Der Film, hierzulande seinerzeit gewohnt vollmundig und unaufrichtig als 69 – VORSPIEL ZUR EKSTASE gestartet, ist eine lakonische Ehekomödie, total einzigartig in ihrem gleichzeitig zurückhaltenden, aber scharfen Humor, ihrer wunderschönen, gleichermaßen aufgeräumten wie romantischen Bildsprache und der elliptischen Erzählhaltung, die nur wenig Interesse an langweiligen Auflösungen hat, sondern die Dinge lieber für sich stehen lässt. Jörn Donner war wohl, wie man dem Vortrag von Olaf Möller entnehmen konnte, ein linksliberaler Grantler, der „Filme entweder für oder gegen etwas gedreht hat“, seine größten Erfolge aber eigentlich als Produzent feierte. (Der derzeit einzige Oscar Finnlands steht angeblich in seiner Wohnung, weil Donner an der Produktion von Bergmans FANNY OCH ALEXANDER beteiligt war und sich die begehrte Statue kurzerhand unter den Nagel riss.) Man kann 69 – SIXTYNINE leichten Spott für das bürgerliche Eheideal entnehmen, die Überzeugung des Filmemachers erkennen, dass Monogamie nicht funktioniert, eine unnötige Selbstbeschränkung ist, die sich der Mensch aus falschen Gründen selbstauferlegt, aber nie schaut Donner von der Kanzel auf seine Protagonisten hinab, erkennt ihre Wünsche und ihren Antrieb und steht ihnen letztlich als weitestgehend zurückhaltender Zeuge zur Seite, ihr Ringen mit sich selbst eher amüsiert-empathisch begleitend als abschätzig verurteilend. Es gibt einige urkomische, dann wieder berückend schöne Szenen zu bestaunen. 69 – SIXTYNINE fließt angenehm entspannt dahin, ohne dabei jedoch in die Niederungen des Erbauungskinos hinabzuinken, und seine eher konfrontativen Szenen werden durch Donners elegante Regie immer wieder geschickt abgefedert. Die größten Lacher erntete der Zahnarztbesuch des grimmigen Gynäkologen mit der Arztphobie und das Aufeinandertreffen mit einer besonders rigorosen Dentistin, die nach langem schmerzhaften Ringen endlich den bösen Weisheitszahn in ihrer Zange hält. Anderswo wäre das vielleicht zur harmlosen Slapstickszene geraten, hier wirkt es einfach nur wahr. Als Jukka und Timo sich nach einer Fehlgeburt Kristiinas im Krankenhaus treffen und nach der Versciherung, dass der Frau nichts fehlt, sofort zum Thema Hundezucht übergehen, bleibt einem das Lachen etwas im Halse stecken, trotzdem ist die Szene weitaus weniger böse und gemein als sie das in anderen Filmen zweifelsohne wäre. Donner hält dem Menschen keine unerreichbaren Ideale vor: Nachsicht scheint mir das hervorstechendste Merkmal an 69 – SIXTYNINE und es sorgt dafür, dass der Film auch heute noch modern scheint, trotz der allgegenwärtigen Fotos von Nixon und Mao Tse-tung. Geradezu hypnotisch ist eine Liebesszene zwischen Jukka und Kristiina, bei der Donner mit extremen Close-ups an ihren nackten Körpern entlangfährt, jeden Winkel erkundet, während das leise lustvolle Seufzen betörend in den Ohren klingt. Andere Details, wie jenes, dass Tuula das untere Ende ihrer Zeitung bei der Lektüre stets ins Badewasser hängenlässt, schweißen einem die Figuren eng ans Herz, weil sie so echt und liebenswert wirken. Auch das spätere Nebeneinander des Ehepaars, das mittlerweile über die außerehelichen Aktivitäten des anderen voll informiert ist, das etwas ungeschickte Um-den-heißen-Brei-Herumtanzen-und-so-Tun-als-sei-nichts, die gewissermaßen signalpolitischen Zuwendungen und Gefälligkeiten, mit denen sie ihr schlechtes Gewissen vor dem anderen beruhigen wollen, das Nichtwissen, wie sie mit dieser seltsamen Situation überhaupt umgehen sollen, sind sehr genau beobachtet und von den hervorragenden Schauspielern ausgezeichnet umgesetzt. Man fühlt sich vertraut mit ihnen, auch ohne große Bekenntnisse. Am Ende läuft 69 – SIXTYNINE einfach so aus. Tuula, Jukka, Kristiina und Timo sind glücklich, warum sollten sie also etwas ändern? Man freut sich mit ihnen.

Kommentare
  1. […] in Frankfurt und berichtet über „Frankfurt Kaiserstraße“ von Roger Fritz und „69 – Sixtynine“ von Jörg […]

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