1. auswärtiger sondergipfel des hofbauer-kommandos: frankfurt kaiserstraße (roger fritz, deutschland 1981)

Veröffentlicht: November 9, 2014 in Film
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138552_fErster auswärtiger Sondergipfel des Hofbauer-Kommandos, Kongressort Frankfurt. Auch ich bin, wie angekündigt, wieder angereist, nachdem ich den Sommergipfel leider verpassen musste. Mein Hotel für die bevorstehenden Tage befindet sich wenige hundert Meter vom Frankfurter Hauptbahnhof entfernt, an der Ecke Kaiserstraße und Weserstraße. Es handelt sich um eine belebte Gegend mit vielen Snackbars, Imbissbuden, aber auch Restaurants und natürlich Geschäften. Es ist keine hervorstechend gute oder gar vornehme Gegend, aber man sieht die Bemühungen der Städteplaner, hier ein „angesagtes“ Szeneviertel entstehen zu lassen. Auffällig ist vor allem, dass sich diese Straße kaum von vergleichbaren Gegenden in vergleichbaren deutschen Großstädten unterscheidet.

Der erste Film, der die Kongressteilnehmer abends im doch ziemlich weit vom Zentrum entfernten Höchst erwartet, heißt FRANKFURT KAISERSTRASSE, und ist für mich verständlicherweise doppelt verheißungsvoll. Es ist ein Film, den der in den Sechzigerjahren mit einigen Autorenfilmen in Erscheinung getretene Roger Fritz für die umtriebige Lisa-Film inszeniert hat, einer ihrer typischen Kommerzfilme, irgendwo zwischen Komödie, Teenieromanze, Sex- und Milieufilm angesiedelt, das Frankfurter Pendant zum Berliner DIE SCHULMÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO gewissermaßen oder auch ein verspäteter Nachfahre von HEISSES PFLASTER KÖLN und den St.Pauli-Filmen nicht nur von Rolf Olsen. Und die Rolle vom Bahnhof Zoo oder der Reeperbahn nimmt hier eben die Kaiserstraße ein, vor 30 Jahren noch ein nicht nur nächtlich brodelnder Sündenpfuhl voller ranziger Bierschwemmen, Nacktlokale, Peep-Shows, Sexshops und Bordelle. Am Straßenrand stehen die leichten Mädchen und Johnny Klewer (Hanno Pöschl), der „Wiener Johnny“, regiert mit eiserner Hand.

Die Kaiserstraße ist der Dreh- und Angelpunkt verschiedener kleiner, zunächst unverbundener Geschichten, die dann im Laufe des Films schicksalsträchtig zusammengeführt werden. Die Hauptfiguren sind Susanne (Michaela Karger) und Rolf (Dave Balko), ein Liebespaar an der Grenze zum Erwachsenwerden. Beide haben das spießige Leben in ihrem hessischen Dörfchen und die Schikanierung durch die Eltern satt, wollen ihre Freiheit genießen, am liebsten im großen, aufregenden Frankfurt, wo das Leben reich, voller Überraschungen und Chancen zu sein scheint. Doch erst muss Rolf seinen Wehrdienst ableisten, zum Glück in Frankfurt-Höchst, nicht weit von Susanne, die wiederum bei ihrem schwulen Onkel Ossi (Kurt Raab) einzieht. Der betreibt mit seinem Lebensgefährten ein Blumengeschäft auf der Kaiserstraße, lebt dort auch und tritt nachts in einer Varietéshow auf. Während Susanne sich langsam in der Großstadtwelt zurechtfinden muss, erlebt Rolf den rauen Ton beim Bund, der ihn in die Arme der Kantinenangestellten Chris (Ute Zielinski) treibt. Die beiden kommen einander näher, Susanne erfährt davon und landet voller Eifersucht bei Johnny, der in ihr ein neues Zugpferd für seinen Stall sieht. Natürlich bemerkt sie das nicht, hält seine einschmeichelnde Art für echt, seine Zuwendungen und Geschenke für ein Zeichen von Zuneigung. Bis sie durch Zufall miterlebt, wie er einen Mord begeht.

FRANKFURT KAISERSTRASSE ist Kolportagestoff, vollgestopft mit kleinen, aber lebendigen Nebenfiguren und ihren Geschichten, ein Film wie ein Bild aus einem Wimmelbuch, wo man an jeder Ecke etwas entdecken kann. Auch wenn er sich mit seiner Milieubetrachtung in die Reihe deutscher „Sittenreißer“ einfügt, gelingt es Fritz doch, dieses Bild einigermaßen differenziert zu halten. „Für jedes Stück Freiheit, das man sich erobert, muss man an anderer Stelle ein Stück Freiheit aufgeben“, heißt es einmal, und so hat hier (fast) alles seine Licht- und Schattenseiten. Fritz bedient in seiner Zeichnung des Stadtviertels als Sündenpfuhl zwar das Bedürfnis nach lasterhaften Sensationen, das diese Stoffe damals so kassenträchtig machte, zeigt die Bewohner der Kaiserstraße aber auch als verschworene Gemeinschaft, die aufeinander aufpasst, Freud und Leid miteinander teilt. Das schwule Pärchen hat nicht etwa unter Vorurteilen von außen zu leiden, sondern eher unter inneren Spannungen zwischen nonkonformistischem Lebenwandel und dem Bedürfnis nach Bürgerlichkeit und Familiengründung. Von anderem Kaliber sind da die Geschäftsleute in ihren gläsernen Wolkenkratzern, die sich Ganoven wie den Wiener Johnny als Vollstrecker halten, aber auch den eiskalt abservieren, wenn er ihnen nicht mehr in den Kram passt. Eine faszinierende, schillernde Welt, die nicht nur mit Blick auf die heutige, (fast) aller zwielichtigen Attraktionen beraubten Kaiserstraße (an der Ecke Elbestraße, wo der Film überwiegend spielt, befindet sich heute sehr bezeichnenderweise eine Rossmann-Filiale) meilenweit entfernt scheint. Leider.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Den Film selbst fand ich zwar Mau, vor allem da die Kaiserstrasse zu dieser Zeit mehr hergegeben
    hätte, aber Hanno Pöschel gibt den schmierigen Luden brilliant.

  2. […] den Erstern auswärtigen Sondergipfel des Hofbauer-Kommandos in Frankfurt und berichtet über „Frankfurt Kaiserstraße“ von Roger Fritz und „69 – Sixtynine“ von Jörg […]

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