1. auswärtiger sondergipfel des hofbauer-kommandos: tausend takte übermut (ernst hofbauer, deutschland 1965)

Veröffentlicht: November 9, 2014 in Film
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Irrungen, Wirrungen: Manfred Reiner (Thomas Alder), Angestellter einer Plattenfirma, erhält den Auftrag, an die Adria zu reisen und dort den Schlagerstar Cherry Davis (Hannelore Auer) zu einer Vertragsunterzeichnung zu überreden. Seine Strategie, die selbstbewusste Dame durch Missachtung auf sich aufmerksam zu machen, scheitert allerdings daran, dass die ihren alten Schwarm Rick Tanner (Rex Gildo), seines Zeichens ebenfalls Schlagersänger, wiedertrifft. Andere Sorgen hat Frank Hilman (Gus Backus), Sohn des Hotelbesitzers Robert Hilman (Harry Hardt): Sein strenger Papa hält nämlich gar nichts von seiner neuen Freundin und Ehefrau in spe Michaela (Andrea Scherr), weshalb diese sich ihm inkognito annähern will, um ihn von ihrer Eignung zu überzeugen. Inkognito ist auch Hilman selbst unterwegs, folgt er doch der Beschwerde von Cherry Davis über den mangelhaften Hotelservice, den ihr Portier Pizzanini (Fritz Korn) angedeihen lässt. Pizzanini wiederum hält den Hochstapler Felix Glücklich (Gunther Philipp) für seinen Chef, der sich infolgedessen alle Freiheiten erlauben darf. Und als wäre das noch nicht Verwechslunspotenzial genug, gibt sich die Telefonistin Gerti Brückner (Vivi Bach) als Michaela aus, verdreht so Manfreds Kollegen Peter (Kurt Liederer) den Kopf und treibt den guten Frank in die Fänge der Eifersucht …

Nachdem Ernst Hofbauer die Kongressteilnehmer im Sommer mit HOLIDAY IN ST. TROPEZ verzückte, wurde diesmal der direkte Nachfolger – ebenfalls aus der erprobten Feder von Hans Bilian – kredenzt, mit kaum geringerem Erfolg. Die damals wie heute publikumswirksame Mischung aus sonniger Urlaubskulisse, stimmungsvoller Schlagerkost, beeindruckendem Staraufgebot, haarsträubenden Verwechslungen und irrwitzigem Slapstick hätte wahrscheinlich auch in handwerklich weniger inspirierter Ausführung gezogen, unter Hofbauers temporeicher Regie verzaubert sie abwechselnd die Sinne, überrascht mit originellen, die Formel biegenden Einfällen oder raubt dem Zuschauer fast den Atem mit ausufernden Slastick- und Actionchoreografien. Nur hier darf man etwa erleben, wie der Schlagersänger (und Eiskunstlauf-Olympiasieger) Manfred Schnelldorfer seinen Hit „Deine schönen blauen Augen“ als mitfühlender Taxifahrer nicht etwa einer holden Dame, sondern seinem sichtlich verdutzten Fahrgast Gus Backus vorsingt, die Heteronormie der braven deutschen Komödie mutig durchbrechend. Überhaupt diese zahlreichen Musiknummern: Sie werden nicht etwa lieblos runtergekurbelt, sondern sind mit sichtbarer Liebe choreografiert und abgelichtet. Keine Toilettenpausen also, sondern den umwerfenden Charme ganz wesentlich prägende Momente, in denen TAUSEND TAKTE ÜBERMUT tatsächlich ganz bei sich ist. Gus Backus rockt das Haus mit seiner lässig weggetanzten Musicalnummer genauso endlos cool wie der Italiener Peppino Di Capri, dessen Körper von seinem Bubblegum-Rock’n’Roll konvulsivisch-ekstatischen Zuckungen unterworfen wird. Und eine Gesangsnummer von Hannelore Auer und Rex Gildo endet geradezu traumhaft poetisch in einem Tanz auf dem menschenleer und regennass in der Morgendämmerung schlummernden Markusplatz. Auf der eher körperlichen Seite beweist Gunther Philipp wieder einmal, dass er vielleicht einer der ersten deutschen Actionstars war, lässt seinen beachtlichen Brustkorb anschwellen und führte alle Stunts sichtbar selbst aus. Noch nicht einmal der in jeder Hinsicht kolossale Ady Berber kann es mit ihm aufnehmen, muss in der finalen Verfolgungsjagd, die dem eh schon turbulenten Film noch die Krone aufsetzt, im Gegenteil viel einstecken.

Der Schlagerfilm muss gewohnheitsmäßig viel Häme einstecken, auch von Menschen, die Musikfilmen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstehen. Wirklich verwundern tut das nicht, bedenkt man, wie einfach es sich deutsche Lustspielregisseure in der Regel mit diesem Genre machten, in welche Niederungen der geneigte Zuschauer hinabsteigen musste. Die Siebzigerjahre haben dem Genre mit ihren grienend durchs Bild schreitenden und schmalzige Weisen absondernden Betonfrisuren jede Respektabilität ausgetrieben und sind bis heute unauslöschliches Stigma. Nicht das erste einst erfolgreiche Genre, dass die deutsche Filmindustrie gnadenlos runtergewirtschaftet hat. Hofbauer zeigt mit TAUSEND TAKTE ÜBERMUT, was der deutsche Schlagerfilm ursprünglich einmal war und weiterhin hätte sein können, hätte man mehr Mühe, Können, Inspiration und Kreativität hineingesteckt, anstatt die Kuh mit möglichst wenig Aufwand zu melken.

Wer will, kann sich TAUSEND TAKTE ÜBERMUT hier in voller Länge anschauen.

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