1. auswärtiger sondergipfel des hofbauer-kommandos: mellem venner (poul nyrup, dänemark 1963)

Veröffentlicht: November 11, 2014 in Film
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days-of-sin-and-nights-of-nymphomania-movie-poster-1963-1020408855Der besoffenste Film des ersten Hofbauer-Sonderkongresses kam aus Dänemark, was nicht nur angesichts der dortigen Alkoholpreise bemerkenswert ist. Poul Nyrups MELLEM VENNER ist der erste von drei Filmen des Regisseurs und nimmt in der Filmgeschichte seines Heimatlandes eine Sonderstellung ein, die sich zur Zeit seiner Entstehung leider nicht in finanziellem Erfolg niederschlug. Den gelungenen Versuch, wüste Exploitation nach amerikanischem Vorbild zu machen, wussten weder Publikum noch überforderte Kritiker angemessen zu würdigen und so strichen mehrere Jahrzehnte ins Land, bis der Film als Video ausgerechnet in den USA eine kleine, aber feine Fanschar um sich versammelte, und ein dänischer Filmemacher namens Nicolas Winding Refn den letzten Teil seiner PUSHER-Trilogie dem Urvater des dänischen Crimekinos widmete.

Als Schilderung eines fehlgeschlagenen Coups einer amateurhaften Jugendgang ist MELLEM VENNER (seltsamer deutscher Titel: NORDISCHE NÄCHTE – VERSCHWIEGENE PARTYS) nicht besonders überzeugend. Aber in der locker-flockigen Darstellung eines kleinkriminellen Alltags entwickelt Nyrup deliriöses Potenzial. Die Mitglieder der Clique um einen eben aus der Haft entlassenen Vergewaltiger hängen saufend in eine schäbigen Pinte ab, gefallen sich in ihrem kleinkriminellen Dasein und prahlen mit Weibergeschichten, die natürlich nie stattgefunden haben. Alles wirkt wie ein Spiel, als hätten sie zu viele Gangsterfilme geschaut, und versuchten nun, den dort zur Schau gestellten Lebenswandel zu imitieren. Aber die Sauferei, das Glücksspiel, die Großmäuligkeit und die Schlägereien sind eher mitleiderregend als respekteinflößend. Ihr wahres Gesicht zeigen die Proleten, als sie eine Party organisieren und zu diesem Zweck diverse Mädchen mit hochtrabenden Versprechungen ködern. Der Plan geht tatsächlich auf, doch wichtiger als sexuelle Entgleisungen ist den Jungs die Vernichtung von Alkohol in rauen Mengen. Da werden Alkoholika angekarrt, als wolle man damit eine ganze Kompanie durch einen harten Winter bringen, und vor lauter exzessiver Sauferei werden alle erotischen Ambitionen völlig vergessen. Der Vergewaltiger setzt gleich zwei der Schönheiten auf seinen grünschnabeligen Kompagnon an, so als sei das tatsächlich eine Strafe und nicht die Erfüllung einer ewigen Männerfantasie, und widmet sich lieber der Sicherung des Biernachschubs, anstatt selbst tätig zu werden. Am Ende sind alle stritzestratzevoll, der obligatorische Dicke hat mitten in der Nacht noch Popcorn zubereitet (im restlichen Film trägt er eine in den Ausschnitt seines Jacketts gestopfte Tüte des beliebten Kirmesfutters mit sich herum), aber seine Unschuld hat keiner verloren.

Das Gehabe der Provinzbolzen ist eine Schau, die Laiendarsteller sind großartig in ihren Rollen, und MELLEM VENNER immer dann am besten, wenn er sich ihnen einfach an die Fersen heftet. Eine putzige Episode zeigt die Freunde beim Billardspiel in ihrer Stammkneipe: Als sie feststellen, dass sie kein Geld haben, um ihre Rechnung zu begleichen, holen sie kurzerhand einen kleinen Jungen von der Straße, drücken ihm das Queue in die Hand und stehlen sich heimlich, still und leise davon, während der Wirt angesichts der Geräuschkulisse in dem Glauben ist, sie seien immer noch da. Irgendwie mutet das alles so unschuldig und lausbubenhaft an, und das ist die große Stärke des Films, tatsächlich etwas, was Refn mit PUSHER ebenfalls versucht hat, in den darauffolgenden Teilen aber über Bord warf. So kann dänisches Crimekino funktionieren. Die dramatische Zuspitzung am Ende wirkt demgegenüber viel weniger organisch und auch nicht besonders interessant. Es ist das typische Crime-does-not-pay, das Nyrup bedient, weil sein Film irgendein Ende benötigt und ihm kein anderes, besseres eingefallen ist. Für echten Thrill und echte Dramazik fehlt ihm und seinen Darstellern dann aber der nötige Feinschliff. Er scheint das aber selbst gewusst zu haben, denn wie die Gang da am Ende auffliegt, das ist weit jenseits jeder Bonnie-und-Clyde-Romantik und jedes existenzialistischen Antiheldentums, einfach nur amatuerhaft und provinziell. Wahrscheinlich ist MELLEM VENNER sogar ziemlich realistisch.

Kommentare
  1. […] It For Later ausführlich über Otto Retzers „Babystrich im Sperrbezirk“; den dänischen „Nordische Nächte – Verschwiegene Parties“ von Poul Nyrups , dem Nicholas Winding Refn seinen dritten „Pusher“-Film widmete; „Sünde […]

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