nachts im grünen kakadu (georg jacoby, deutschland 1957)

Veröffentlicht: November 13, 2014 in Film
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17784Irene Wagner (Marika Rökk) leitet das „Institut für Tanz, Anstand und Enthemmung“, das ihr verstorbener Papa einst gründete und ihr nach seinem Tod vererbte, verbunden mit dem Auftrag, es in seinem SInne weiterzuführen. Doch das Festhalten an alten Traditionen und überkommenen Wertvorstellungen, die Weigerung sich etwa dem Bedürfnis der Jugend nach Rock ‚N‘ Roll zu öffnen, führt Irenes Geschäft zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Der Gerichtsvollzieher steht schon vor der Tür, außerdem ist es offensichtlich, dass Irene jene „Enthemmung“, die sie anderen vermitteln will, selbst am allernötigsten hat. Die Erbschaft eines entfernten Onkels kommt zur rechten Zeit, scheint aber doch unerreichbar: Irene soll sich als Chefin des florierenden Nacht- und Tanzlokals „Der grüne Kakadu“ unter Beweis stellen, bevor es ihr vollständig übertragen wird. Doch das sortige Treiben stellt die zugeknöpfte Person vor arge moralische Probleme …

Die Überwindung falscher Moralvorstellungen ist hier – wie in den zuletzt bewunderten SÜNDE MIT RABATT oder THE LOVE REBELLION, aber doch ganz, ganz anders – das große Thema und außerdem Anlass für ein publikumswirksames Potpourri aus Slapstick-, Tanz- und Gesangseinlagen, rasante Verwechslungskomik und eine Prise Romantik. Aus heutiger Sicht mutet NACHTS IM GRÜNEN KAKADU natürlich in allererster Linie brav an: Der „Boogie mit Bravour“, den Marika Rökk als Irene erst als Ausgeburt der Unkultur ablehnt, dann nach vollzogener Wandlung schließlich selbst besingt, ist heute kaum noch dazu geeignet, das Blut in Wallung zu bringen, im „Grünen Kakadu“ geht es überaus gesittet zu, und die jungen Leute, die in der Tanzschule auf den Pfad der Tugend geführt werden sollen, sind verglichen mit unseren Prekariats-Jugendlichen, die Scripted-Reality-Soaps und Mc-Donald’s-Filialen bevölkern, bundesverdienstkreuztaugliche Musterschüler. Die „Enthemmung“ Irenes taugt dann auch nicht als ernstzunehmendes, aufklärerisches Plädoyer für sexuelle Befreiung und Individualismus: Sie ist zu Beginn des Films in einem solch übersteigerten Maße verklemmt, dass sie als halbwegs realistische Repräsentantin normalen Spießbürgertums schlicht nicht in Frage kommt. Das raubt dem Film zwar das subversive Potenzial, das in ihm schlummert, ändert aber nichts an seinem immensen Unterhaltungswert.

Im Zentrum steht natürlich Marika Rökk. Es ist der erste Film, den ich mit ihr gesehen habe – zumindest bewusst – und wenn sie mir auch nicht als Schauspielerin erscheint, die man sofort ins Herz schließt, so verfügt sie doch über eine kaum zu leugnende körperliche Präsenz und eine sehr eigene Leinwandpersona. ihr scharfkantiges Gesicht und der herbe ungarische Akzent sind die hervorstechendsten Merkmale: Für die leisen Töne scheint sie eher nicht so geeignet und so intrepretiert sie ihre Rolle in fast wettkämpferischer Manier, die vor allem in den Tanz- und Gesangszenen augenfällig wird. Mehr als über ihre Mimik kommt die Rökk über den vollen Körpereinsatz. Wenn sie in Schwung gekommen ist, ist es unmöglich, sie aufzuhalten, aber darin kommen weniger Lebensfreude und Inspiration als vielmehr eine fast maschinell zu nennende Präzision zum Vorschein. Die langen, bestrumpften Beine, die sie gern herzeigt, leisten Schwerstarbeit, doch ihr Anblick birgt kaum sexuellen Appeal. Marika Rökk ist nahezu asexuell in NACHTS IM GRÜNEN KAKADU, weshalb auch die Romanze, die sich mit dem Geschäftsmann Dr. Maybach (Dieter Borsche) anbahnt, weitestgehend verpufft – und mit ihr auch jener von sexueller Befreiung handelnde Subtext. Das macht Jacobys Film aber in anderer Hinsicht interessant (mal ganz davon abgesehen, dass das Drehbuch trotzdem zahlreiche komische Szenen aufbietet, die ganz unabhängig von den Darstellern funktionieren): Die Tanznummer, in der die Rökk als Mann verkleidet mit einem Mann in Frauenkleidern eine flotte Sohle aufs Parkett legt, ist Gender Bending at its best – noch nie habe ich eine solche Szene in dieser Perfektion gesehen, die Illusion ist geradezu perfekt. Über Geschlechterrollen sagt NACHTS IM GRÜNEN KAKADU sowieso einiges: Es scheint durchaus vielsagend, dass Irene, die sich aus Angst um ihren guten Ruf in widersprüchliche Ausreden flüchtet, von ihren Verwandten irgendwann in einer Klapsmühle abgeschoben wird. Dass sich eine alleinstehende Frau nachts in einem Tanzlokal herumtreibt, war eben Anlass für allerlei dubiose Verdächtigungen. Diese Vorurteile kann Irene schließlich allesamt entkräften, insofern kann man NACHTS IM GRÜNNE KAKADU durchaus zubilligen, von Befreiung und Emanzipation – in dem Rahmen, in dem die Fünfzigerjahre das eben noch zuließen natürlich – zu handeln.

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