death proof (quentin tarantino, usa 2007)

Veröffentlicht: November 23, 2014 in Film
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Als ich DEATH PROOF zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich danach in einem ziemlich polemisch formulierten Verriss über ihn ausgekotzt – und ich bin froh, dass der Text in den Tiefen meines alten Filmforen-Filmtagebuchs vergraben ist (Katastrophen-Touristen können ihn über den entsprechenden Link rechts ausfindig machen). Das Problem, das ich damals mit dem Film hatte, hängt unmittelbar mit seiner Vermarktung als Teil des GRINDHOUSE-Events zusammen. Mit einigen Fake-Trailern (u. a. zu MACHETE, der besser dieser kleine Gag geblieben wäre, anstatt ein saublöder ganzer Film zu werden) und Rodriguez‘ PLANET TERROR im Tandem kam Tarantinos neuester als Huldigung des Bahnhofskinos der Siebzigerjahre heraus. Zwar simuliert er typische Eigenschaften jener Filme nahezu perfekt – neben eher kosmetischen Details in der ersten Hälfte, wie der Typo der Credits, dem  verkratzten Look, den ausgewaschenen Farben und diversen Filmrissen, sind vor allem die Besetzung mit heißen, selbstbewussten Chicks, die Reduzierung des Plots auf ein einziges Bild, die Fokussierung auf etwas aus der Mode gekommene Stunts und Blechdeformationen, das abrupte Ende und die bewusst träge Dramaturgie zu nennen –, aber Tarantino interessiert sich ausdrücklich nicht für einfaches Nerdjerking. Wie das aussehen konnte, demonstrierte sein Mitstreiter Rodriguez mit PLANET TERROR: Generekino, das den Durst nach blutigen Sensationen und bescheuerten Einfällen des einschlägigen Publikums so gut befriedigte, das gar nicht mehr auffiel, dass der Film mit dem Bahnhofskino von einst, dem er huldigen wollte, eigentlich rein gar nichts zu tun hatte.

DEATH PROOF dampft den dialektischen Zweischritt von KILL BILL VOL. 1 und KILL BILL VOL. 2 auf einen Film ein, und erzählt mehr oder weniger ein und dieselbe Geschichte zweimal mit leicht veränderten Variablen: Eine Gruppe gut aussehender Frauen macht Bekanntschaft mit Stuntman Mike (Kurt Russell), der sich dann einen Spaß daraus macht, sie mit seinem Stuntcar zur Strecke zu bringen. In der ersten Episode, die in einem heftigen Frontalzusammenstoß zweier Autos kulminiert, der sogleich mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt wird, gelingt sein Plan. Im zweiten Teil findet er selbst sein Ende, weil er sich an den falschen Damen, ihrerseits aus dem Filmgeschäft und darunter zwei weibliche Stuntfrauen, vergriffen hat. Der Bruch zwischen den beiden Kapiteln wird durch ein kurzes Umschalten zu Schwarzweiß und dann den Verzicht auf die Verschleiß und Alter des Filmmaterials suggerierenden optischen Marker signalisiert. DEATH PROOF „feministisch“ zu nennen, mag etwas zu viel der Ehre sein, aber wie etwa die Filme, die Roger Corman in den Siebzigerjahren mit New World Pictures produzierte, präsentiert auch Tarantino hier Frauen, die sich nicht in erster Linie durch die Zugehörigkeit zu einem Mann definieren und ohne einen solchen keineswegs unvollständig sind – zumindest in der zweiten Hälfte. In der ersten spielt Sexualität eine deutlich größere Rolle.

Drei Freundinnen – die amazonenhafte Radiomoderatorin Jungle Julia (Sydney Poitier), Arlene (Vanessa Ferlito) und Shanna (Jordan Ladd) – gehen zusammen aus und präsentieren selbstbewusst ihre Reize. Ein Spielchen von Julia soll der partnerlosen Arlene diverse Verehrer einbringen, in der Hoffnung, einen von Julia in Aussicht gestellten Lapdance von ihr zu erhalten. In der Bar, in der sie schließlich landen, hängen nicht nur diverse ölige Typen rum, sondern auch Stuntman Mike, der erst die naive Pam (Rose McGowan) aufgabelt, dann schließlich Arlene den Lapdance abringt, den sie eigentlich gar nicht geben will. Und Julia, die sich ganz als toughe Männermörderin inszeniert, sendet den ganzen Abend SMS an ihren Freund, der sie schließlich versetzt. Diese Frauen können den Ruch der sexuellen Verzweiflung, der sie umgibt, nicht ganz verbergen. In der zweiten Hälfte sind es die Maskenbildnerin Abernathy (Rosario Dawson), Schauspielerin und Fotomodel Lee (Mary Elizabeth Winstead) sowie die beiden Stuntfrauen Kim (Tracy Thoms) und Zoe Bell (Zoe Bell), die einen drehfreien Tag für eine Spritztour nutzen und das Interesse von Stuntman Mike auf sich ziehen. Nachdem sie einen Dodge Challenger aufgetrieben haben und die naive Lee (im Cheerleader-Outfit) losgeworden sind, attackiert sie der Killer, wird jedoch von ihnen zur Strecke gebracht. Auch in den vorangehenden, ausufernden Gesprächen dieser Damen spielen Beziehungsprobleme und Sex eine Rolle, doch der Modus ist ein gänzlich anderer. Weder wird aggressiv ein Partner gesucht noch sind Mangel oder „Besitz“ eines solchen definierende Eigenschaften. Die Frauen sind emanzipiert, selbstständig und für die Dauer ihres Ausflugs ist die Abwesenheit von Männern sogar deutlich willkommen.

Die Struktur, die optisch einen Wandel von alt zu neu suggeriert, scheint sonst eher den umgekehrten Weg zu beschreiten: Die zweite Hälfte ist näher dran an den erwähnten Empowerment-Exploitationern der Siebzigerjahre, deren Frauentypen, verglichen mit den hochgesexten Chicks um Jungle Julia, jedoch fortschrittlicher wirken. Wie passt Stuntman Mike in dieses Konstrukt? Bei seinem ersten Auftritt stellt er sich als Relikt aus einer vergangenen Zeit vor, als noch „echte Männer“ ihr Leben in waghalsigen Stunts  riskierten und Autos tatsächlich zu Schrott gefahren wurden. Er ist auch einer von denen, die durch die neue Technologie an den Rand gedrängt wurden. Kein Wunder, dass ihm die Mädels um Jungle Julia, nicht gewachsen sind, auch wenn sie ihn arrogant verlachen, in Verkennung der Situation, in der sie längst die Rolle des Kaninchens in der Falle eingenommen haben, es der selbstbewussten Damen aus der zweiten Hälfte bedarf, ihn zu überwinden. In dieser Lesart zeigt sich Tarantinos Hommage an das „handgemachte“ Kino von einst meines Erachtens auch stärker als in irgendwelchen formalen oder plotrelevanten Aspekten. Anstatt einfach nur mit Zitaten um sich zu werfen oder einen bewusst auf alte getrimmten Film vorzulegen, feiert Tarantino die Attitüde der alten Reißer, indem er sie von seinen Charakteren verkörpern lässt.

DEATH PROOF hat mir bei der Zweitsichtung sehr gut gefallen, wenngleich er vielleicht etwas zu akademisch gedacht und in der Einzelversion mit 110 Minuten deutlich zu lang ist (aber das galt ja für viele der alten Exploiter auch). Er wischt das Klischee von Tarantino als lustigem Trashfilm-Guru und Schutzpatron aller Nerds endgültig weg. Schnödes, zum dumpfen Abfeiern gedachtes Zitatekino, wie es etwa sein Freund Robert Rodriguez regelmäßig produziert, ist seine Sache nicht: Er hat immer das große Ganze und vor allem die Gegenwart im Blick. DEATH PROOF hätte kein anderer Filmemacher machen können. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss wieder jeder für sich beantworten. Ich habe mich mittlerweile für die erste Variante entschieden.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Death Proof war ganz OK Planet Terror war Grütze, wie alles von Rodriguez.
    Mein Problem ist, das ich das ganze Grindhouse Konzept total beknackt fand.
    Natürlich war die Zeit toll, in der in der 42.Street die Grindhouses ihre Blüte hatten.
    In denen auch in Deutschland Bahnhofs und Exploitation Kinos boomten.
    Aber was ich geliebt habe waren die Filme die gezeigt wurden.Nicht alle natürlich, da war auch
    viel Mist dabei. Mir ist aber bei missing Reels und Filmrissen keiner abgegangen.
    Und auf die Mäuse die mir innen die Hose hochliefen und die schnaufenden Pädophilen hätte
    ich auch gerne verzichtet. Sogesehen ist die Arbeit die Label wie Grindhouse Releasing,
    Blue-Underground oder Vinegar Syndrome um das restaurieren und herausbringen dieser Filme
    leisten auch das einzig wahre. Auf aufgeblasenen, mit viel Geld auf alt getrimmten Schrott im
    Multiplex, kann ich verzichten.

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