14. hofbauer-kongress: gift (knud leif thomsen, dänemark 1966)

Veröffentlicht: Januar 7, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

10846491_696989247082979_5350207108458739898_nDer deutsche Titel DIE STRANDBIENE versprach vergnüglich-leichtfüßigen Sommerspaß, voll mit jenen zahm-erotischen Verheißungen, mit denen ein skandinavischer Film in den Sechzigerjahren sein deutsches Publikum lockte. So kann man sich täuschen. Die vielleicht größte Überraschung des 14. Hofbauer-Kongresses traf fast das ganze Publikum völlig unerwartet. Statt als freundlich-frivoles Strandfilmchen entpuppte sich Knud Leif Thomsens Film als provokantes Sittendrama an der Grenze zum Psychothriller, thematisch verwandt mit so unterschiedlichen Werken wie Pasolinis TEOREMA, den Bürgertums-Bashern, die im Gefolge von Wes Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT in die Bahnhofskinos schwappten, oder auch, um in Dänemark zu bleiben, Tomas Vinterbergs Dogma-Film FESTEN.

In einem ausladenden Strandhaus residiert der erfolgreiche Geschäftsmann Henrik Steen (Poul Reichhardt) mit seiner Gattin Hjørdis (Astrid Villaume), dem kessen Töchterlein Susanne (Sisse Reingaard) und dem attraktiven, aber etwas dümmlichen Hausmädchen Sonja (Judy Gringer). Die Familie führt ein vordergründig glückliches Leben: Auch wenn Henrik sowohl Sonja als auch seiner Sekretärin schöne Augen bzw. eindeutige Angebote macht, scheint er durchaus zufrieden. Diese fragile Harmonie wird jedoch heftig gestört, als sich er junge Per (Søren Strømberg) an Susanne heranmacht und auf provokative, ja herausfordernde Art und Weise beginnt, die bürgerlichen Werte der Steens zu hinterfragen. Mit der dauerhaften Einladung Pers ins Haus der Steens, einem von Vater Henrik unternommenen verzweifelten Versuch umgekehrter Psychologie, dramatisiert sich die Situation …

GIFT ist zunächst ein Kind seiner von gesellschaftlichen Umwälzungen geprägten Zeit: Der an der schönen Susanne interessierte und von dieser zunächst barsch abgewiesene Per attackiert die rigide bürgerliche Sexualmoral, nach der man einen Körper für den „Richtigen“ aufzusparen und von einer „natürlichen“, monogamen Beziehung direkt in den Hafen der Ehe zu laufen habe. Körperliche Erfüllung als reinen Lustgewinn anzustreben, ist genauso pfui wie der Konsum von Pornografie. Die von Per geforderten, stichhaltigen Argumente, die solche Überzeugungen stützen würden, bleiben jedoch aus, und die sich in ihren Grundfesten attackiert fühlenden Steens verweigern schließlich jede weitere Diskussion – wohl auch, weil sich der unverschämte Per in seiner Rolle als intellektuell überlegener Provokateur ausgesprochen gut gefällt und weniger Wert auf Verständigung legt als auf Konfrontation. So kippt dann irgendwann die Stimmung, schwinden auch noch die letzten komödiantischen Spurenelemente. Doch dieser Stimmungswandel zugunsten der Steens ist keinesfalls als Regress zu werten. GIFT endet in einer handfesten Aporie: Der Störenfried wurde ruppig und bestimmt entfernt, auch die Zuneigung der Tochter zu ihm ist nach der finalen Eskalation dahin. Der Frieden ist aber längst nicht wieder hergestellt, die Fragen, die die Auseinandersetzung mit dem Versucher aufgeworfen haben, sind noch nicht beantwortet, eine Rückkehr zum friedlichen „Urzustand“ scheint unmöglich. „Und was jetzt?“, fragt Vater Henrik konsterniert, bevor eine Schwarzblende den Film im Ungewissen beendet.

GIFT zeichnet sich durch seine Schärfe und Präzision aus, die von den herausragenden Schauspielern, aber auch einer exzellenten deutschen Synchronisation gestützt wird. Da sitzt jeder Blick, jede Bewegung, jede Betonung, jeder Satz an der richtigen Stelle. Vor allem der Darsteller Pers, Søren Strømberg, ist hervorzuheben, weil er das für das Gelingen des Films so wichtige, empfindliche Gleichgewicht zu halten versteht. Man sympathisiert mit seiner grundsätzlichen Haltung zum Leben, bewundert seine Beharrlichkeit und seinen Mut, verzeiht ihm mit Rücksicht auf seine Jugend auch manchen philosophischen Tiefflug (sein Monolog, in dem er proklamiert, ganz Körper sein zu wollen, war ein Kongress-Highlight) wahrt aber auch respektvollen Abstand zu ihm, weil seine Motive völlig unklar bleiben. Ist er wirklich in Susanne verliebt oder ist das für ihn alles nur ein Spiel, Teil eines zynischen soziologischen Experiments? In Per steckt das Potenzial zum gefährlichen Soziopath. Diese Ausgeglichenheit, mit der jeder der Protagonisten sein Fett wegbekommt, und keiner sich als moralischer Gewinner fühlen darf, ist das, was diesen Film auszeichnet. In dieser Vollkommenheit und Radikalität habe ich das, soweit ich mich erinnere, noch nicht gesehen. Dann ist GIFT aber wiederum sehr leicht und locker, ich bin geneigt zu sagen: skandinavisch. Wie etwa Henriks Sekretärin ihrem Chef auf seine Avancen hin eine Absage erteilt, aber trotzdem eine freundschaftliche, zwar rein platonische, aber durchaus auch erotische Beziehung zu ihm aufrechterhalten kann, ist progressiver als vieles, was man heute zu sehen bekommt. Spätestens da weiß man dann, dass Per die Welt auf seine Vorurteile reduziert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.