14. hofbauer-kongress: schleppzug m17 (heinrich george/werner hochbaum, deutschland 1933)

Veröffentlicht: Januar 7, 2015 in Film
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schleppzug-m17Heinrich George. Heinrich George ist. Heinrich George ist breit. Groß. Fleischig. Fett. Heinrich George ist breit, groß, fleischig, fett. Er ist Naturgewalt. Kein Mann, ein donnernder Berg aus Fleisch. Oben ist auch ein Kopf dran. Ein großer Kopf, der den baumstammdicken Hals tief zwischen die Schultern drückt und dann einen Lappen Kinn darüberlegt. Seine Hände sind groß wie Pfannen, seine Füße gleichen Baumstümpfen. Auch beim Sprechen macht er den Mund nicht wirklich auf. Worte sind überbewertet und kosten Zeit. Besser, man spuckt sie aus. Heinrich George ist Körper. Fleisch. Nackter Wille und Trieb. Heinrich George kann auch ohne das Geistige existieren. Durch einen Akt bloßer Willensgewalt wurde er Mensch, anstatt mit den Dinosauriern unterzugehen. Warum arbeitete er später nur für die Nazis? Er hätte sie zerstampfen können, über sie hinwegrollen, wie eine Lawine aus Fett und Haaren. Später ist er im russischen Gefangenenlager Sachsenhausen gestorben. Es brauchte keinen Kometen und auch keine Eiszeit dazu. In SCHLEPPZUG M17 ist Heinrich George Henner, Kapitän eines alten Schlepperkahns. Er hat eine Frau, Marie (Berta Drews), und einen kleinen Jungen namens Franz (Joachim Streubel), und scheint glücklich. Aber eine Einheit sind diese drei nicht. Man kommt an Henner nicht richtig ran. Heinrich Georges Körpermasse schließt Henners Seele ein wie eine Kohlroulade das Hackfleisch. Sie ist ein Panzer, der sich nur ganz selten öffnet, etwa wenn er am Bug seines Schiffes steht, die Pfeife im Mundwinkel, aus zugequollenen Augen einen Punkt hinter dem Horizont fixiert wie ein alter, von Wind und Wasser hart gemachter Seebär (obwohl er doch nur gemütlich auf einem Fluss entlangschippert) und eine alte Weise singt, nach einem ganz eigenen, anderen unzugänglichen Melodieverständnis. Oder als er nachts in Berlin Gescha (Betty Amann) begegnet, der Partnerin zweier Ganoven, die nach einem Überfall fliehen können und sie zurücklassen. Erst will Henner sie der Polizei übergeben, doch dann zieht sie ihn auf sich, ringt ihm ohne viel Mühe einen Kuss ab. Ab diesem Moment ist Henner nicht mehr er selbst. Er ermöglicht ihr die Flucht, stelzt ihr nach, lässt seine Familie völlig unwissend zurück. Einmal nimmt er sie mit, um ihnen die große Stadt zu zeigen, und lässt sie dann ganz einfach stehen, mitten auf dem Potsdamer Platz, und verschwindet, weil er Gescha erblickt hat. Die Naturgewalt, dieser Koloss, auf einmal ist er ganz klein und lächerlich, wie er da dieser schönen jungen Frau aus der Großstadt nachrennt, sich ein neues Leben mit ihr erhofft, was für jeden als hoffnungslose Schnapsidee erkennbar ist, nur für ihn nicht. Abends kommt er dann nach Hause und schweigt seine Frau an, für die er noch nicht einmal eine Ausrede parat hat. Schlechtes Gewissen, das sich als männliche Macht tarnt. Liebe macht blind, vor allem, wenn man Henner ist, ein Mann, der sich mit der Gießkanne wäscht, und einem Rhythmus folgt, der dem der Sonne gleicht. Morgens aufstehen, seinen Weg machen, abends untergehen. Mehr ist da nicht. SCHLEPPZUG M17 war einer der allerschönsten Filme des 14. Hofbauer-Kongresses. Ein ungeschliffener Diamant, mehr noch, ein Stück tiefschwarze Kohle, in der sich ein Diamant verbirgt. Pure Emotion in grobkörnigem Schwarzweiß, ein tiefer, aus einer anderen Zeit zu uns dringender Seufzer des Leids. George inszenierte den Film mit der Unbedarftheit seiner Hauptfigur, spontan seinen Launen nachgehend, unerklärlichen Impulsen folgend. Unter dem Schatten von Georges monolithischem Körper erkennt man nur noch schemenhaft die Umrisse eines Melodrams. Was bleibt, sind die inneren Kämpfe eines Mannes, dessen Motive undurchsichtig bleiben, sowohl die Henners als auch die Georges. Man muss Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.

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