14. hofbauer-kongress: fwu-kurzfilme

Veröffentlicht: Januar 9, 2015 in Film
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In den letzten Jahren regelmäßig als kleine, kurze, amüsante Happen zur Einstimmung vor einem Spielfilm ins Kongress-Programm eingeschoben, haben die sogenannten FWUs  innerhalb des HK-Kosmos immer mehr an Bedeutung gewonnen und diesmal konsequenterweise ihren eigenen Programmslot erhalten. Der fiel zwar leider dem Zeitplan zum Opfer, dennoch wurden einige der skurrilen Filme zur Auflockerung geschaut. Bei den FWU-Filmen handelt es sich um kurze, 5- bis 30-minütige kleine Dokumentationen, Lehr- und Aufklärungsfilmchen oder „Diskussionsanreger“ die im Auftrag des „Institut für Bild und Wissenschaft in Wissenschaft und Unterricht“ inszeniert wurden/werden und für den Einsatz im Schulunterricht vorgesehen waren bzw. sind. Das Institut „mit Sitz in Grünwald ist das gemeinsame Medieninstitut der Länder der Bundesrepublik Deutschland. Gegründet wurde es 1945 als Nachfolgeorganisation der 1934 geschaffenen Reichsstelle für den Unterrichtsfilm“ und war bzw. ist mit seinen in fragwürdigem Bildungsauftrag entstandenen Werken fester Bestandteil bundesdeutscher schulischen Erziehung. Was die Filme eint oder ihren fragwürdigen Charme ausmacht, ist neben dem jeweiligen ihrer Zeit geschuldeten Kolorit der mahnende Tonfall, die stets steif und bemüht ernst wirkende Thematisierung von potenziell vergnüglichen Themen. In den FWUs wendet sich die besorgte Elterngeneration mit großer aufklärerischer Geste an eine Jugend, zu der sie längst jede Bindung verloren hat. Der heilige Ernst, mit dem da existenzielle Fragen, biologische Phänomene oder gesellschaftliche Probleme abgearbeitet werden, steht in putzigem Missverhältnis zu dem Gekichere, das die Filme von den Schülern oftmals geerntet haben dürften. Das Institut existiert immer noch, produziert aber keine „richtigen“ Filme mehr, sondern bietet – ganz im 21. Jahrhundert angekommen – Streams und Downloads an. Der jüngste der von uns gesehenen Filme stammte aus dem Jahr 1995 und fiel stilistisch ein bisschen aus dem Rahmen. Vor allem das, was da zwischen den Fünfziger- und Achtzigerjahren auf die Jugend losgelassen wurde, ist eine Fundgrube für Mentalitäts- und Kulturgeschichtler – oder natürlich für Freunde der Geman Gothic, die die alten Krimiserien oder aber Fernsehshows wie AKTENZEICHEN XY UNGELÖST schmerzlich vermissen. Anbei Kurzbesprechungen zu den gesehenen Filmen:

Yesterday when I was young – Ein Film über die Verlierer der Straße (Mario Cortesi, Deutschland 1976)

Diese Dokumentation über die Gefahren des Motorsports und junge verunglückte Motorradfahrer und Motorradfahrerinnen braucht den Vergleich mit Ruggero Deodatos meisterhaftem CANNIBAL HOLOCAUST in Sachen Publikumsmanipulation nicht zu scheuen. Gleich zu Beginn sieht man einen toten Motorradfahrer im Straßengraben liegen, und der Voice-over-Kommentator berichtet von den Verlockungen der Jugend und fragt zu dem sich stakkatoartig wiederholendem Szenario suggestiv-düster: „Erinnerst du dich noch?“ Das Ende ist nicht minder niederschmetternd: In der Geriatrie eines Krankenhauses liegt ein junger, vollkommen gelähmter Mann in seinem Bett. Er kann sich nur noch mithilfe eines mit dem Mund geführten Stiftes verständigen, ansonsten ist er zu keiner Regung mehr fähig. „Vor seinem Fenster steht ein Baum“, sagt der Voice-over-Erzähler, und man sieht einen blattlosen, tristen braunen Baum vor grauem Himmel. Das, was dazwischen passiert, ist kaum lebensbejahender. Szenen eines missglückten Motorradstunts, erinnern an die makabre Sensationsgeilheit der FACES OF DEATH-Reihe, und als wenn das alles nicht schon schlimm genug wäre, werden die Verunglückten, die nun im Rollstuhl sitzen, auch noch beharrlich als „Verlierer“ tituliert. Die Aussage des Films: Wer sich ein Motorrad – oder auch nur ein Moped – zwischen die Beine klemmt, geht einen Pakt mit dem Teufel ein, der unabhängig von den eigenen Fahrkünsten fast unweigerlich im Tod oder der Verkrüppelung endet. Die Kritik richtet sich natürlich auch gegen Gruppenzwang und das jugendliche Bedürfnis, etwas zu repräsentieren, sowie die Werbung, die die Erfüllung dieses Wunsches verspricht, doch Regisseur Cortesi macht das böse Spiel insgeheim mit, wenn er zweitklassige Motorsportler für ihren unbelohnt bleibenden Enthusiasmus verhöhnt und mit Unverständnis straft. Wer nicht gewinnt oder seine körperliche Unversehrtheit verliert, ist selbst schuld. In den frühen Morgenstunden war diese bittere Mahnfabel ein echter Runterzieher.

Pubertät bei Jungen (unbekannt, Deutschland ????)

Ein kurzer Aufklärungsfilm über die körperlichen Veränderungen im männlichen Körper während der Pubertät, ganz in einfach gehaltenen Animationen vor schwarzem Hintergrund, mit betont sachlich-medizinischem Voice-over. Bei all dem Gerede über Samenkanälchen, Hoden, Drüsen und Bildern von hypophysischen Telepathiestrahlen, die auf das männliche Geschlechtsteil einwirken, beginnt man selbst irgendwann zu schwimmen, wie eine Samenzelle auf dem Weg zum Ei, verdammt dazu, sich zu verirren und zu verdorren. Nie war Sexualität deutscher und freudloser. Nie schien es mir weniger verlockend und erhebend, einen Schwanz zu besitzen.

Achterbahn der Gefühle (Josef Kluger, Deutschland 1995)

Es geht auch anders. ACHTERBAHN DER GEFÜHLE ist ein poetisches Kleinod über das parallele Erwachen der Sexualität bei einem Geschwisterpaar. Schwesterchen bekommt morgens vor der Schule ihre erste Periode, der Bruder seinen ersten feuchten Traum. Das Interesse für das andere Geschlecht erwacht und der Film bebildert das in fragmentarisch bleibenden Episoden, kerzenlichtgeschwängertem Weichzeichner und Neunzigerjahre-Szenarios von 15-jährigen Mädels, die in ihrer Stammkneipe (der Begriff „Kneipe“ ist angesichts des Etablissements massiv fehl am Platze) Cola mit dem Strohhalm nuckeln und über Mädchendinge reden. Die Freundin der Protagonistin kommt gerade von einem einjährigen USA-Aufenthalt wieder und ist ganz verführerische Teeniesouveränität. Der Film fängt die Stimmung, die einen in diesem Alter befällt, gut ein: Jeder Moment scheint massiv aufgeladen, voller Potenzial und dabei ganz offen, in alle nur denkbaren Richtungen ausgedehnt zu werden. Am Ende liegt das Mädchen in ihrem romantisch beleuchteten Zimmer und masturbiert und man sieht für einen kurzen Moment tatsächlich ihre jugendlichen Brüste aufblitzen. Magie.

Du und deine Umwelt (unbekannt, 1984)

Der rätselhaft-vertstrahlte Höhepunkt des kleinen FWU-Programms. Der Film handelt nicht etwa, wie der Titel suggeriert, von Umweltverschmutzung und -schutz. Produziert wurde er von einem Pharmaunternehmen, wahrscheinlich unter Einwirkung starker Medikamente, und möglicherweise zu dem Zweck, schulische Diskussionen zum Thema „Drogenmissbrauch“ anzustoßen. (Ich vermute einen anderen, finstereren Plan dahinter.) Der Film dreht sich um den „Hilmi“, eine neue auf dem Markt angebotene Wundermaschine, die einen alle Sorgen vergessen lässt, wenn man an ihrem Mundstück einatmet. Der Film ist vollkommen dialogfrei und in fünf oder sechs streng voneinander getrennte „Kapitel“ geteilt, die alle denselben Protagonisten haben. Ein Junge sieht den Hilmi, auf knalligen Plakaten gepriesen, in einem Schaufenster liegen. Die Kamera fängt den seltsamen Apparat immer wieder bedeutungsschwanger und auch irgendwie bedrohlich ein. Man erfährt nichts über das Gerät, aber der Junge kauft es trotzdem, führt es an seinen Mund und atmet ein. Die aus der Apparatur ragenden Schläuche beginnen in psychedelischen Farben zu leuchten, der Junge scheint entspannt. Die folgenden Kapitel zeigen sehr einfach, fast abstrakt gehaltene Problem- und Stresssituationen, in denen der Junge immer wieder zum Hilmi greift. Nach ca. 10 Minuten endet der Film. Was macht der Hilmi? Verschafft er wirklich eine Besserung? Wie hat der Junge vergleichbare Situationen gemeistert, bevor er den Hilmi besaß? Könnte er diese Situationen überhaupt anders meistern? Alles Fragen, die man stellen kann und die der Film aufwirft, wenn man ihn aufmerksam betrachtet. Es bleibt aber die Frage: Wäre es aus pädagogischer Sicht nicht produktiver gewesen, diese Fragen etwas weniger surreal zu bebildern? In dieser Form ist er vor allem desorientierend, bizarr und unfreiwillig komisch. Schon allein diese rigide Stuktur mit den eingebeldneten Kapitelzahlen, den mit einer Handvoll Requisiten nachgestellten „Problemsituationen“, die nur die Ahnungslosigkeit der Macher bloßstellen. Er macht Lust, sich sofort hemmungslos zu bekiffen. Ich schätze, der verantwortliche Pharmakonzern vertrat eine böse Doppelagenda. DU UND DEINE UMWELT scheint übrigens weitaus älter zu sein, als es das Produktionjahr angibt. Wahrscheinlich gab es Konstruktionsprobleme mit dem Hilmi.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Gratulation zum Blog der Woche.

    http://sigigoetz-entertainment.de/

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