hatari! (howard hawks, usa 1962)

Veröffentlicht: Januar 10, 2015 in Film
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Hatari   1962Zwei verschiedene Ansätze des Filmemachens: Der eine beruht auf einem bis ins letzte Detail ausgetüftelten Drehbuch, das dann während der Dreharbeiten möglichst genau und ohne größere Improvisationen umgesetzt wird. Der Regisseur hat eine ganz genaue Vorstellung von dem, was am Ende auf der Leinwand zu sehen sein soll, und muss dafür Sorge tragen, dass seine Crew diese Vorstellung ohne Verlust in Bilder übersetzt. Beim anderen Ansatz steht am Anfang lediglich eine nur grob umrissene Idee, ein Bild, das dann während der an Urlaub mit Freunden erinnernden Dreharbeiten ausgearbeitet, ergänzt und mit Leben gefüllt wird. Die wichtigste Aufgabe des Regisseurs ist es hierbei, eine gute Stimmung zu kreieren, in der sich die Crew wohl fühlt und die nötige Spontaneität entwickelt, dabei aber gleichzeitig das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Die allermeisten großen filmischen Geniestreiche gründen wahrscheinlich auf einer Verbindung der beiden unterschiedlichen Ansätze, aber ich behaupte, die allerschönsten Filme – und es gibt nur wenige davon – entstehend auf die zweite Methode. Und HATARI! ist einer davon (ein anderer wäre etwa DONOVAN’S REEF).

Hawks‘ Film kreist um ein Team von Tierfängern im afrikanischen Tanganjika: der jungen Chefin Brandy (Michéle Girardon) unterstehen Sean Mercer (John Wayne), der deutsche Fahrer Kurt Müller (Hardy Krüger), der Witzbold Pockets (Red Buttons), „der Indianer“ (Bruce Cabot) sowie der Spanier Lopez (Valentin de Vargas). Sie arbeiten im Auftrag des Baseler Zoos, erleiden aber gleich zu Beginn beim Versuch, ein Nashorn einzufangen, einen Unfall, bei dem sich der Indianer verletzt und kurzfristig durch den Franzosen Chips (Gérard Blain) ersetzt werden muss. Die Ankunft der Tierfotografin Anna Maria D’Allessandro (Elsa Martinelli) sorgt zudem für Liebeswirren im Hauptquartier der Mannschaft: Vor allem Sean erwischt es schwer, doch er ist nicht in der Lage, sich seinem Schwarm zu offenbaren, der mehr und mehr die Geduld verliert …

Hawks wollte einen Film über Tierfänger in Afrika machen, recherchierte über deren Methoden und drehte dann zu allererst die heute absolut selbstmörderisch erscheinenden Actionszenen, in denen alle Darsteller selbst mitwirkten. Danach erst entstand das Drehbuch, das eigentlich nur einen sehr locker gesponnenen roten Faden bereitstellt. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Kameradschaft im Team, dem entspannten Miteinander seiner Mitglieder, der Lebensfreude, die sich auch auf den Zuschauer überträgt. Das heißt freilich nicht, das die hauchdünne Story nur Vorwand wäre: Im Gegenteil, die Geschichte der Liebe zwischen Sean und „Dallas“ funktioniert ausgezeichnet und ist voller Witz, gerade weil sie nicht überkonzipiert ist, sondern auf der Chemie der Darsteller und der pointierten Dialoge beruht. John Wayne hat sichtlich Spaß daran, einmal den Ahnungslosen zu geben, und das funktioniert auch deshalb so gut, weil er in allen Körpereinsatz erfordernden Szenen wieder einmal die absolute Souveränität und Autorität verkörpert. Die anderen Charaktere sind weniger greifbar, trotzdem möchte man auf sie nicht verzichten, weil sie alle ihren Beitrag zu lebendigen Atmosphäre leisten (vielleicht mit Ausnahme von Lopez, der meines Wissens nicht eine einzige Dialogzeile bekommen hat). Es macht einfach Spaß, an dieser Atmosphäre teilzuhaben, einzuziehen in die ausladende Lodge, mit den Freunden zu trinken, zu feiern, zu lachen – und am nächsten Tag wieder auf die Jagd zu gehen, den Atem eines gewaltigen Nashorns direkt neben dem Wagen zu hören. Das trägt tatsächlich auch über die üppige Spielzeit von 150 Minuten, die fast so schnell vergehen wie ein zweiwöchiger Erholungsurlaub es leider meist zu tun pflegt. Es bedarf eines mit allen Wassern gewaschenen Meisterregisseurs, um das so hinzubekommen. Ein Christopher Nolan hätte sich nach wenigen Drehtagen am erstbesten Affenbrotbaum aufgehängt – vorausgesetzt, John Wayne hätte ihn nicht schon vorher mit der Flinte in der Hand vom Set gejagt.

Heute ist ein Film wie HATARI! völlig undenkbar, nicht nur aufgrund der geltenden Tierschutzbestimmungen, die es – zum Glück! – verbieten, dass Filmteams in Afrika einfallen und auf Großwildjagd gehen. Den etwas bitteren Beigeschmack mildert man ab, indem man sich klarmacht, dass es eben andere Zeiten waren, in denen dieser Film entstand. Ein professioneller Großwildjäger fungierte als Ratgeber und war stets anwesend – außerdem vertraue ich darauf, dass Hawks‘ Beziehung zu den Tieren grundsätzlich respektvoll war. Das Alter des Films zeigt sich natürlich auch im romantischen Subplot oder generell im Miteinander von Mann und Frau. Wenn sich Pockets da nach der hübschen Brandy verzehrt, die er und Sean nach eigenen Angaben schon kannten, als sie noch ein Baby war, dann wirkt das auf den heutigen Betrachter schon etwas seltsam. Auch der hier bereits 55-jährige Wayne scheint nach heutigen Vorstellungen nur noch schwer als Love Interest für eine fast 30 Jahre jüngere Frau vermittelbar. Klar, mit seiner souveränen, völlig in sich ruhenden Art ist er bestimmt attraktiv, aber sein Sean Mercer hat wirklich überhaupt keine Ahnung, was Frauen wollen. Das grenzt schon an Analphabetismus. Aber es sind auch diese Anachronismen, die HATARI! zum filmischen Kurzurlaub werden lassen. Die Unschuld und Naivität, die hier – bei größtmöglichem Professionalismus wohlgemerkt – zum Ausdruck kommen, kann man heute, wo jeder Hollwood-Film auf höchste Effizienz hin optimiert ist, jede Sekunde perfekt genutzt wird und weder der Zuschauer noch die Figuren auf der Leinwand auch nur einen Augenblick Zeit bekommen, mal Luft zu holen und den Blick schweifen zu lassen, nur vermissen. Die Zeiten, in denen ein Regisseur mit seiner Crew nach Afrika fliegen und solch einen wie aus der Hüfte geschossenen Film drehen konnte, sind leider lange vorbei. HATARI! ist Kino.

Kommentare
  1. John Wayne Filme sind alles klassiker und immer sehenswert.

  2. Dennis Neiss sagt:

    Ohne dich wäre ich vermutlich nie in den Genuss dieses wunderbaren Films gekommen. Herzlichen Dank!

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