goldfinger (guy hamilton, großbritannien 1964)

Veröffentlicht: Januar 14, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , , , , ,

goldfinger_ver4Der dritte Bond, wie FROM RUSSIA WITH LOVE ein häufig genannter Serienfavorit, dürfte für den weiteren Fortgang der Serie von maßgeblicher Bedeutung gewesen sein. Ab sofort gab es die der Titlesequenz vorgeschaltete Mini-Mission, den souligen Titelsong, das mit allen Finessen ausgestattete Auto, den henchman mit fantasievoller Spezialwaffe oder -begabung, das Bondgirl mit dem vielsagenden Namen („Pussy Galore“ sollte allerdings unübertroffen bleiben) und die Szene, in der Bond sich in besonders auswegloser Situation befindet. Nach dem kleinen Exkurs Richtung ernstem, weitestgehend realistischem Spionagethriller, den der direkte Vorgänger bedeutete, kehrten die Produzenten mit GOLDFINGER außerdem zur Linie von DR. NO zurück, verfeinerten und perfektionierten die Erfolgsformel, die in Zukunft immer wieder Anwendung fand, nur noch oberflächlich aufpoliert und dem jeweiligen Zeitgeist angepasst wurde. Seinen anhaltenden Sonderstatus verdankt der dritte Bondfilm überdies einer besonders stattlichen Anzahl ikonischer Momente: Die mit Gold überzogene Shirley Eaton, Gert Fröbe als Schurke im Goldrausch, sein Spruch „I expect you to die, Mr. Bond!“, der Penislaser und der stumme Killer Oddjob mit dem scharfen Hut sind über den Rahmen der Serie hinaus in die Filmgeschichte eingegangen und stellen besonders einprägsame und kreative Interpretationen der „Formel“ dar. Wenn FROM RUSSIA WITH LOVE der realistischste Bondfilm ist (zumindest bis zur Timothy-Dalton-Phase) und MOONRAKER (und möglicherweise DIE ANOTHER DAY) das andere Ende des Spektrums besetzt, dann ist GOLDFINGER wahrscheinlich der berühmteste – und der aufgeräumteste.

Die beiden einander entgegengesetzten Impulse der Reihe – die Verwurzelung im Agententhriller mit seinem geopolitischen Rückgrat und das Streben zu Science Fiction und Superhelden-Comic – vereint Hamilton sehr ausgewogen. Goldfingers Operation Grand Slam mag in der Wahl der Mittel mit „Overkill“ treffend umschrieben sein – er bricht mit seiner Privatarmee im als uneinnehmbar geltenden Fort Knox ein, nachdem er alle Menschen im Umkreis mit Giftgas betäubt hat, und bereitet dort die Zündung einer Atombombe vor – das dahinterstehende Motiv ist ökonomisch aber nicht angreifbar: Durch radioaktive Verseuchung der US-Goldreserven will er deren Wert senken und so im Gegenzug den seiner eigenen Goldvorräte erhöhen. Auric Goldfinger ist gegenüber den späteren missionarischen Eiferern, Utopisten, Visionären oder schlicht größenwahnsinnigen Spinnern der Reihe ein frappierend im Hier und Jetzt verhafteter Materialist, gewissermaßen eine extreme Vorwegnahme eines Bernie Madoff und all jener miesen Spekulanten, die zum eigenen Vorteil Geld auf die Pleite eines Landes wetten und damit ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben. Das schlägt sich entsprechend in der vor unterschwelliger sexueller Aggressivität nur so sprudelnden Rivalität mit Bond, aber auch im Fortgang der Handlung selbst nieder, die stets bodenständig und zielstrebig bleibt (die etwas zähe Kurz-vor-Schluss-Viertelstunde leistet nichts anderes, als alles für das Finale in Stellung zu bringen). Das Drehbuch bietet eine ganze Reihe siedender Konfrontationen, deren Ton von Mal zu Mal schärfer wird. Bond lockt den Gegner aus der Reserve, indem er ihn dort trifft, wo es ihn am meisten schmerzt, nämlich in seiner Zockerehre und dem Portemonnaie. Der Plan gelingt, doch in seinem Eifer vergisst Bond, dass er für Goldfinger ja gar kein Unbekannter mehr ist: Bereits zu Beginn, als Bond sich ein Stelldichein mit Goldfingers untreu gewordenem Betthäschen Jill (Shirley Eaton) gibt, wird er von dessen Henker Oddjob niedergeschlagen, schon bei der zweiten Begegnung auf dem Golfplatz, muss Goldfinger wissen, dass dieser Bond etwas gegen ihn im Schilde führt.

In der zweiten Hälfte des Films bekommt Bond die Quittung für seinen Leichtsinn: Er taumelt von einer misslichen Situation in die nächste, verbringt eigentlich den ganzen Rest des Films in der Gefangenschaft des Schurken. Die Entwicklung Bonds vom treuen Staatsdiener zum selbstherrlichen Gigolo, die ich schon in meinen Texten zu DR. NO und FROM RUSSIA WITH LOVE andeutete, nimmt hier ihren konsequenten nächsten Schritt. Bonds Chef M hat nur einen Kurzauftritt, das Missionsbriefing fällt auffallend knapp aus und überlässt Bond weitestgehend Narrenfreiheit, die dieser sehr offensiv interpretiert und damit blindlings in die Falle tappt. Etwas scheint ihn persönlich an Auric Goldfinger zu reizen, sodass er alle Regeln des Berufs außer Acht lässt. Die beiden sind unverkennbar Seelenverwandte, wissen die schönen Dinge zu schätzen, sind selbstverliebt und überaus schlechte Verlierer. Der offene Schlagabtausch, den Bond indes anstrebt, fällt nach leichten Anfangsvorteilen für den Agenten zunehmend einseitig aus. Einmal geht sogar der Versuch, seine Verbündeten um Felix Leiter mittels eines Peilsenders auf die richtige Spur zu locken, in die Hosen. Dramaturgisch-strukturell lässt sich der Handlungsverlauf von GOLDFINGER als graduelle Entmannung Bonds interpretieren. Am deutlichsten wird das natürlich in der Szene, in der Goldfinger Bond mit einem Laserstrahl zwischen die Beine zielt (was die Doppelnull ganz schön ins Schwitzen bringt: Da ist es auf einmal vorbei mit der Coolness.), es zeigt sich aber auch im Ringen um Goldfingers Pilotin Pussy Galore (Honor Blackman). Sowohl Bond als auch Goldfinger bemühen sich redlich, sie mit allerlei Avancen weichzuklopfen und auf die Matratze zu zerren, doch beide bleiben bis zum Schluss, als Bond sich mit dem Sieg über den Schurken als würdiger Partner erwiesen hat, erfolglos. Pussy Galore nimmt wahrscheinlich bis heute einen Sonderstatus unter den sonst sehr verfügbaren Bond-Girls speziell der frühen Jahre ein – Spekulationen, dass sie möglicherweise lesbisch sein soll, aber von Bond „umgepolt“ wird, brechen die Autonomie der Figur, weshalb ich die Interpretation bevorzuge, dass sie einfach nur auf einen echten Männlichkeitsbeweis wartet, bevor sie sich in die Horizontale begibt. Bonds smartes, selbstzufriedenes Grinsen genügt ihr genauso wenig wie Goldfingers Reichtum.

GOLDFINGER hat die Jahrzehnte seit seiner Entstehung sehr gut überstanden, wirkt innerhalb der Reihe, deren Beiträge im Laufe der Jahre immer weiter überfrachtet wurden, überraschend reduziert und in der von mir skizzierten Zeichnung des Helden zudem durchaus ungewöhnlich. Hamilton, der mit seinen trickreichen Verfolgungsjagden Actionfilm-Maßstäbe setzte, beraubt seinen Helden ironischerweise um das, was Actionhelden für gewöhnlich auszeichnet: Handlungsmacht. Am besten hat mir aber bei diesem Wiedersehen die Sequenz in Goldfingers Haus gefallen, als er einer Bande von Mafiosi von seinen Plänen berichtet, und sich das Interieur auf Knopfdruck komplett verändert, damit Goldfinger ein akribisch gefertigtes Fort-Knox-Modell präsentieren kann. Wieder einmal ein wunderschönes Setting von Ken Adam, das man vielleicht als paradigmatisch für den Film sehen kann, dessen glänzende Oberfläche manches Geheimnis verbirgt.

 

Kommentare
  1. Chrisch sagt:

    „Sowohl Bond als auch Goldfinger bemühen sich redlich, sie mit allerlei Avancen weichzuklopfen und auf die Matratze zu zerren, doch beide bleiben bis zum Schluss, als Bond sich mit dem Sieg über den Schurken als würdiger Partner erwiesen hat, erfolglos. Pussy Galore nimmt wahrscheinlich bis heute einen Sonderstatus unter den sonst sehr verfügbaren Bond-Girls speziell der frühen Jahre ein – Spekulationen, dass sie möglicherweise lesbisch sein soll, aber von Bond “umgepolt” wird, brechen die Autonomie der Figur, weshalb ich die Interpretation bevorzuge, dass sie einfach nur auf einen echten Männlichkeitsbeweis wartet, bevor sie sich in die Horizontale begibt. Bonds smartes, selbstzufriedenes Grinsen genügt ihr genauso wenig wie Goldfingers Reichtum.“

    Ich mag das falsch in Erinnerung haben, aber ist es nicht so, dass das Streben Galore auf die Matratze zu bekommen von Bond schon recht früh erreicht wird. Stichtwort: Scheune. Die Szene – wenn mich die Erinnerung nicht allzu sehr trübt – in ihrer Drastik einer Vergewaltigung seitens Bond gleich. Es entbrennt ein Kampf. Die eigentlich unnahbare und als starke Frau porträtierte Galore wehrt sich und wird dann von Bond zu einem feuchten Kuss genötigt. Nach anfänglicher Gegenwehr gibt sie sich ihm dann doch bereitwillig hin. (Oder war es bis hin zum Ende ein Zwangsakt? Dsbzgl. ist meine Erinnerung zu flüchtig)
    Eine sehr befremdliche Darstellung einer eigentlich als autonom und stark dargestellten Frauenfigur.

    Die Szene ist diskutabel und ich wäre sehr an deiner Deutung interessiert!

    LG
    Chrisch

    • Oliver sagt:

      Ich kann mich an die Szene in der Scheune nicht mehr genau erinnern, aber wenn sie so abläuft, wie du das schilderst, sehe ich das nicht als Widerspruch zu dem, was ich schreibe: Bond kann Pussy Galore vielleicht mit Gewalt einen Kuss aufzwängen, brechen kann er sie aber noch nicht. Erst später, nach seinem Triumph über Goldfinger, kommt sie freiwillig zu ihm.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.