the man with the golden gun (guy hamilton, großbritannien 1974)

Veröffentlicht: Januar 21, 2015 in Film
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man-with-the-golden-gun-the_1Zu THE MAN WITH THE GOLDEN GUN habe ich ein ganz spezielles Verhältnis. Ich kann nicht mehr genau sagen, ob es nicht vielleicht sogar mein erster Bondfilm war (ich glaube aber, diese Ehre kommt DR. NO zu), aber es war in jedem Fall einer der ersten. Bei Besuchen bei meinem Großonkel, dem VHS-Pionier, über dessen Bedeutung für meine Filmsozialisation ich hier schon häufiger geschrieben habe, landete THE MAN WITH THE GOLDEN GUN häufiger im Player. Ich hatte noch keine Ahnung, wer Christopher Lee war und hätte auch noch keine Vorträge über die Frage nach „Sean Connery oder Roger Moore?“ halten können, aber der Film bot einem heranwachsenden Jungen mit Flausen im Kopf eine Menge Schauwerte und war prächtig geeignet, sonst langweilige zwei Stunden wie im Flug vergehen zu lassen. Scaramanga (Christopher Lee) mit seinem dritten Nippel, sein Unterschlupf an der thailändischen Felsenküste, der bizarre, kirmesartige Parcours, durch den er seine Herausforderer hetzt, sein zwergenhafter Diener Nick Nack (Hervé Villechaize), Sumo-Ringer, Karatekämpfer, Bootsverfolgungsjagden, Autostunts, sogar ein fliegendes Auto, elektronischer Schnickschnack vor exotischer Kulisse: Hier war alles drin, was die Fantasie eines Jungen beflügeln musste. Gestern habe ich den Film zum ersten Mal seit Jahrzehnten wiedergesehen und es war eine dieser Wiederbegegnungen, die die Erinnerung kräftig durchlüften und längst Vergessenes wieder ans Tageslicht spülen. Wer viele Filme sieht, kennt das: diese Momente, in denen einem einzelne, eigentlich völlig unwichtige Bilder Sekundenbruchteile, bevor sie im Film zu sehen sind, plötzlich wieder einfallen und glasklar vor einem stehen. Solche Momente gab es gestern etliche. Sie zeigten mir, welche Bedeutung THE MAN WITH THE GOLDEN GUN tatsächlich für mich hat. Und deshalb ist es mir an dieser Stelle auch nicht möglich – und auch nicht angebracht – davon zu abstrahieren.

Moores zweiter Auftritt als britischer Superagent wird generell nämlich eher geringgeschätzt: In Bond-Ranglisten taucht er verlässlich in der hinteren Hälfte auf und nicht wenigen gilt er als einer der schlechtesten Filme der Reihe (er war auch an den Kinokassen einer der weniger erfolgreichen). Angesichts der Geschichte, die mich mit ihm verbindet, kann ich das logischerweise nicht bestätigen, aber auch, wenn ich meine emotionale Bindung beiseiteschöbe, fiele es mir schwer, das nachzuvollziehen. Eine der ausgesprochenen Stärken dieses Films liegt meiner Ansicht nach in der Simplizität der Handlung, die man als radikale Reduktion der typischen, verschwurbelten Bond-Handlungsschemata begreifen kann: ein Bösewicht, der Welt gefährlichster und erfolgreichster Auftragskiller, will Bond ans Leder, Bond will ihm dabei zuvorkommen. Zugegeben, die ganze Geschichte entpuppt sich im weiteren Verlauf des Films dann doch als etwas komplizierter, aber über weite Strecken bezieht THE MAN WITH THE GOLDEN GUN seine Spannung einfach aus der Frage, wann sich die beiden Kontrahenten gegenübertreten werden und wer dann als Sieger das Feld verlässt. Letzten Endes lassen sich alle Bonds auf diese einfache Formel herunterbrechen, aber dieser hier ist – mit Ausnahme vielleicht von LICENSE TO KILL – der einzige, der sich traut, diesen Kern ganz deutlich herauszuschälen und keinen weiteren erzählerischen Zierrat anzuhäufen. Das erweist sich als geschickter Schachzug, weil es dem Film, der ganz nach dem mit LIVE AND LET DIE etablierten Muster wieder einer ausufernden Collage aus spektakulären Set Pieces gleicht, eine gewisse übergeordnete Aufgeräumtheit und Klarheit verleiht. Während man in anderen Filmen der Reihe vor lauter Location Hopping irgendwann, wie vom Jetlag geplagt, den Überblick darüber verliert, warum Bond sich denn nun gerade hier aufhalten muss, steht die Suche nach dem Killer Scaramanga von Anfang an als zentrale Motivation über allem. Sie fungiert als Anker für den Zuschauer.

Ich meine, die Klarheit dieser Prämisse führt auch dazu, dass THE MAN WITH THE GOLDEN GUN eine gewisse Schärfe bekommt, die die verspielten Moore-Bonds sonst weitestgehend vermissen lassen. Besonders kommt das in der Szene zum Ausdruck, in der Bond Scaramangas Maitresse Andrea (Maud Adams) verhört: Hier wird der smarte Agent mit den guten Manieren plötzlich überaus unangenehm und übergriffig, verteilt großzügig Ohrfeigen, dreht Arme um, droht weitere Gewalt an und benimmt sich wie ein brutaler Frauenschläger. Connerys Bond stand gewiss nicht im Verdacht, ein Vorkämpfer des Feminismus zu sein, aber solche Niedertracht legte er in keinem einzigen seiner Filme an den Tag. Der distinguierte, vornehme Gentleman-Habitus, den der Moore-Bond sonst so demonstrativ vor sich herträgt, erhält dadurch etwas überaus Berechnendes und Falsches. Unter der Fassade des modernen Ritters lauert ein Prolet, der Connery im Moore sozusagen. Überhaupt zeigt sich Moores Bond überraschend wenig selbstreflektiert: Als Scaramanga ihn zum Schluss als eine Art „Bruder im Geiste“ tituliert, platzt dem Agenten der Kragen und er klammert sich an die Behauptung, seine Opfer seien allesamt Verbrecher, die den Tod verdient hätten, keine Unschuldigen, die aus Profitstreben ins Gras beißen müssten. Das möchte man als kritischer Betrachter aber nicht unbedingt unterschreiben: Bond ist der Vollstrecker eines politischen Willens und hat als solcher vor allem zu funktionieren, Nachfragen nicht erlaubt. Seine Überzeugung, im Auftrag des Guten unterwegs zu sein, ist natürlich die Voraussetzung dafür, dass er seine Arbeit überhaupt machen kann, aber sie lässt ihn auch als reichlich gutgläubigen Soldaten erscheinen, der einen harten Kontrast zum weltgewandten, gebildeten Schöngeist darstellt, den er sonst verkörpert.

Abseits solcher Facetten, die den Film auch bei genauerer Betrachtung interessant machen, ist THE MAN WITH THE GOLDEN GUN natürlich in erster Linie ein buntes Spektakel. Nach den Ausflügen in Richtung Blaxploitation in LIVE AND LET DIE greifen die Produzenten hier den von Robert Clouses ENTER THE DRAGON losgetretenen Martial-Arts-Trend auf. Die in Flemings Vorlage erneut auf Jamaika angesiedelte Geschichte wird nach Fernost verlegt, es gibt Thaiboxing-Einlagen, eine Szene, in der sich Bond in einer Karateschule gegen deren Schüler zur Wehr setzen muss, Sumoringer und den Showdown in Scaramangas Killer-Parcours, der deutliche Parallelen zu Bruce Lees Kampf gegen den bösen Han im oben genannten Film aufweist. Christopher Lee ist als Bond-Schurke eigentlich längst überfällig und er verleiht seinem Scaramanga, wie man es erwarten durfte,  physische Präsenz und diabolischen Charme, erweitert aber auch seine eigene Persona: Scaramanga ist ein dekadenter Snob, jemand, der die schönen Dinge zu schätzen weiß und den eigenen Körper als sein Kapital begreift. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es mehr Szenen von ihm in seinem engen blauen Trainingsanzug gegeben. Welch eine Schau! Die Settings und Locations tragen wie gewohnt erheblich zum Charme des Filmes bei (der „Pilzfelsen“ Ko Tapu wurde danach als „James Bond Island“ beliebte Touristenattraktion und ist mittlerweile für Besucher gesperrt, da er im Laufe der Jahre zur Müllkippe verkam), und eine besonders schöne Idee ist das Geheimdienstbüro im schiefliegenden Wrack der „RMS Queen Elizabeth“, das mit seiner verqueren Geometrie und den sprichwörtlich verrückten Sichtlinien eine Art Spiegelbild zu Scaramangas Jahrmarktkabinett darstellt. Der Film ist gewiss nicht ohne Mängel: Wie im Vorgänger gerät THE MAN WITH THE GOLDEN GUN im letzten Drittel zur ausufernden Verfolgungsjagd, bei der auch der aus dem Vorgänger bekannte Südstaatensheriff Pepper (Clifton James) ein eher unwillkommenes Comeback als Tourist feiern darf. Auch die Charakterisierung des Bondgirls Mary Goodnight (Britt Ekland) lässt zu wünschen übrig: Als Kollegin Bonds reduziert sich ihre Aufgabe aufs Stichwortgeben und darauf, ungeschickt von einer misslichen Lage in die nächste zu stolpern. Die Gespielinnen des Connery-Bonds waren da schon zehn Jahre zuvor deutlich fortschrittlicher und selbstständiger. Das mangelnde Talent – oder der Unwillen – zur Selbstbeschränkung, das in den Moore-Jahren gewissermaßen das Paradigma der Reihe wird und das man auch diesem Film teilweise vorwerfen kann, zeigt sich am deutlichsten wohl in der eminent schwachsinnigen Idee, einen absoluten Jahrhundertstunt mit einem klamaukigen Pfeifen zu untermalen. Vor allem an diesem Detail machen Kritiker das Scheitern dieses Filmes fest, den ich sonst aber hinsichtlich seines Humors und seiner Selbstreferenzialität als deutlich zurückgenommen empfinde. Moore hält sich mit hirnrissigen One-Linern zurück (zumindest im O-Ton) und selbst Nick Nack, der kleinwüchsige Sidekick Scaramangas, ist eher surrealistische denn klamaukige Beigabe. Seinen Blick aus dem Käfig, mit dem der Film schließt, habe ich dann auch weniger als dumpfen Witz verstanden, als als tragische Brechung des Finales: Er ist der eigentliche Verlierer des Films, was wieder einmal zeigt, dass es in der Bond-Reihe nicht wirklich um die Nöte der Unterprivilegierten geht.

Wie schon gesagt: Ich habe THE MAN WITH THE GOLDEN GUN in einer Zeit gesehen, in der ich sicherlich überaus empfänglich für seine zahlreichen, kritischen Betrachtern oberflächlich erscheinenden Reize war, und stehe ihm von daher alles andere als unvoreingenommen gegenüber. Aber das muss ich ja auch nicht. Und deswegen kann ich auch ohne jedes schlechte Gewissen sagen, dass ich THE MAN WITH THE GOLDEN GUN immer noch ziemlich knorke finde.

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Kommentare
  1. Andreas Flohr sagt:

    Also nee, diese jungjourmalisten mit ihrem Sozialisationsgesülze – wen interessiert das. Aber spitzenplakat

    Von meinem iPad gesendet

    >

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