octopussy (john glen, großbritannien 1983)

Veröffentlicht: Januar 25, 2015 in Film
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james-bond-octopussy_41Eigentlich hatte ich OCTOPUSSY ja als schwachen Bond abgespeichert. Zugegeben, ich kannte ihn nicht besonders gut, obwohl er eigentlich sogar für ein besonders inniges Verhältnis prädestiniert war: Er war mit NEVER SAY NEVER AGAIN der erste neue Bond, den ich bei seinem Kinoeinsatz wahrnahm, und mit seinem Krakenmotiv stieß er bei mir auch sofort auf Interesse – das allerdings erstarb, als ich mir auf dem Schulhof erzählen ließ, dass der Tintenfisch nur in einer Szene wirklich zum Einsatz kam. Ich habe OCTOPUSSY dann erst Jahre später zum ersten Mal gesehen, eher aus Komplettierungsbedürfnis denn aus echtem Interesse. Vielleicht hat das heute geholfen: Während mich FOR YOUR EYES ONLY – eigentlich immer einer meiner Lieblingsbonds – diesmal eher ernüchtert hat, hat mir OCTPUSSY sehr gut gefallen. Im Vergleich zum Vorgänger zeichnet er sich durch eine gewisse Unentschlossenheit im Tonfall aus, die wahrscheinlich ursächlich ist für seinen eher schlechten Ruf, aber die verschiedenen Facetten der Reihe sehr schön vereint, den Film mit Leben füllt und über den etwas kalten Professionalismus von FOR YOUR EYES ONLY hebt.

Der Schauplatz Indien trägt viel zum märchenhaften Charakter des Films bei. Die prachtvollen Settings, die farbenfrohen Kostüme und die lokale Flora und Fauna werden lustvoll ins Bild gerückt und verleihen OCTOPUSSY viel von jenem karnevalesken Flair, das ich an MOONRAKER so liebe (es ist nur konsequent, dass der Film später in einem Zirkus einkehrt). Er ist wieder voller skurriler Einfälle: Am besten hat mir das Mini-U-Boot in Krokodilform gefallen, aber die sich erneuernde Plakatwand, hinter der sich ein Geheimgang verbirgt, oder die fliegende Guillotine, mit der einer der Schurken um sich wirft, sind auch toll. Mit Kamal Khan (Louis Jourdan) gibt es – trotz durch und durch weltlichem Ansinnen – wieder einen diabolischen Schurken, und die Titelfigur (Maud Adams) hat einen ganzen Harem von Schönheiten in ihrem schwimmenden Palast versammelt. Höhepunkt des abenteuerlichen Treibens ist eine Großwildjagd im Urwald, bei der der Geheimagent zum unvorhergesehenen Opfer wird und Bekanntschaft mit allerlei Viehzeug macht. Die kurze Szene, in der er sich zum Tarzanschrei von Baum zu Baum schwingt, hat OCTOPUSSY einige Schmähungen eingetragen, aber ich finde, sie passt zur wieder einmal überbordenden Fabulierfreude, die ein wenig an Spielbergs INDIANA JONES-Filme erinnert, die ungefähr zur selben Zeit die Massen begeisterten.

Das ist dann nur eine Seite des Films, denn die Geschichte um einen kriegslüsternen General der Roten Armee (Steven Berkoff), der die voranschreitenden Abrüstungsverhandlungen der Großmächte durch die Zündung einer gestohlenen amerikanischen Atombombe mitten in Deutschland im Keim ersticken will, steht ganz im Einklang mit dem neuen Realismus, dem auch FOR YOUR EYES ONLY verpflichtet war (Realismus hier in Anführungszeichen und im Vergleich zu Filmen wie DR. NO, YOU ONLY LIVE TWICE, THE SPY WHO LOVED ME oder MOONRAKER gedacht). Die zweite Hälfte weckt Erinnerungen an das Zugszenario aus FROM RUSSIA WITH LOVE und ist, das muss mal so klar gesagt werden, ein Meisterstück in Sachen Tempo, Timing und Suspense. Ein spektakuläres Set Piece (diese unfassbare Stunt, als ein Auto auf das Ruderbötchen zweier Angler katapultiert wird!) reiht sich ans nächste und der unerbittlich tickende Countdown der Bombe hält alles zusammen. Ein greifbares Gefühl echter Bedrohung legt sich über den Film, was nach der ersten Hälfte eine nicht zu überschätzende Leistung ist. Auf zahlreichen Seiten im Netz wird immer negativ auf Bonds finale Clownverkleidung eingegangen, wird sie als Zeichen dafür gewertet, wie Bond unter Moore mittlerweile zur Witzfigur verkommen war. Das ist in jeder Hinsicht Blödsinn. Der Clownverkleidung kommt nämlich, wie meine Gattin Leena sehr richtig bemerkte, eine wichtige dramaturgische Funktion zu: Sie hilft dem Agenten zwar zunächst, doch dann  steht sie ihm kurz vorm Ziel im Weg: Niemand nimmt ihn ernst, als er vor einer Bombe warnt. Die letzten Sekunden vor der Detonation werden so zum Härtetest für strapazierte Zuschauer-Fingernägel. Ich finde außerdem, dass OCTOPUSSY – und davor schon FOR YOUR EYES ONLY – das Alter seines Hauptdarstellers durchaus miteinbezieht: Mit Octopussy steht Bond eine Frau zur Seite, die wie er schon etwas reifer ist und sich nicht mehr so einfach becircen lässt. Es ist vielleicht zum ersten Mal nach ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE eine Beziehung auf Augenhöhe. Und Bond selbst hüpft auch nicht mehr mit jedem sich ihm andienenden Hasen ins Bett. Die Clownepisode ist somit keineswegs als Schuldeingeständnis zu verstehen, jedenfalls nicht in diesem Sinne: Sie zeigt einfach, wo das Herz der Bondfilme schlägt. Sie sind Eskapismus, ihr Ziel ist es, die Zuschauer zum Lachen zu bringen, ihnen emotionale Reaktionen zu entlocken, und das gelingt OCTOPUSSY vorzüglich. Wenn im Finale erst die Amazonen Octopussys den Sturm auf Kamal Khans Palast proben, der Geheimagent dann selbstvergessen auf ein startendes Flugzeug hüpft und sich in höchsten Höhen einen Kampf gegen den Killer Gobinda (Kabir Bedi) liefert, dann schließt John Glen den Kreis, springt kopfüber in den Pulp zurück und entlässt den Zuschauer satt, glücklich und zufrieden. Nur der Titelsong, Rita Coolidges „All Time High“ ist eine ziemlich Schnarchnummer. Sonst meckern an diesem Film nur chronische Besserwisser herum. Guckt euch halt ’nen Nolan-Film an, for crying out loud!

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