tomorrow never dies (roger spottiswoode, großbritannien 1997)

Veröffentlicht: Januar 29, 2015 in Film
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TOMORROW NEVER DIES ist eine eher flüchtige Affäre. Mit einer Laufzeit von knapp unter zwei Stunden ist es der kürzeste Bondfilm seit YOU ONLY LIVE TWICE, und die düsteren Anflüge, die GOLDENEYE in der Interpretation seiner Hauptfigur an den Tag gelegt hatte, werden hier ganz außen vor gelassen. Was der Film an Tiefe vermissen lässt, macht er durch nahezu ununterbrochene Action und einen gesteigerten Camp-Appeal wett. Sichtlich vom damals zu internationaler Popularität gelangten Hongkong-Kino inspiriert, präsentiert er mit Michelle Yeoh nicht nur einen überaus schlagkräftigen Partner für Bond, sondern wartet im Mittelteil auch mit einer unglaublichen Motorradverfolgungsjagd auf, in der sich ein halsbrecherischer Stunt an den nächsten reiht. Im ausgedehnten Finale an Bord eines „Stealth-Bootes“ (nee, is klar) wird das wahrscheinlich sündhaft teure Setting komplett in handliche Einzelteile zerlegt und eine Vielzahl von Schurken effektvoll ins Jenseits befördert. So krawallig und rasant war bis dahin kein Bond-Film.

An der Darbietung von Jonathan Pryce und an seinem Schurken Elliot Carver, einem Rupert Murdoch nachempfundenen Medienmogul, der sich nicht mehr damit begnügt, nur das zu berichten, was passiert, sondern seine eigenen Nachrichten macht, werden sich die Geister scheiden. Wie er da in Schallgeschwindigkeit auf dem Vorläufer eines Tablets herumtippt und vor seiner riesigen Bildschirmwand enthemmte Monologe über seine Monopolideen hält, wird sein Superschurke zur grellen Karikatur, wie TOMORROW NEVER DIES überhaupt deutlich satirische Züge trägt. Die Bondfilme waren mit dem Begriff „realistisch“ zwar nur selten wirklich zutreffend beschrieben, meist auf tagesaktuellen Entwicklungen fußende und dann über die Grenzen zur Science Fiction hinaus betriebene Gedankenspiele (oder eben – wie in MOONRAKER – offensichtlicher Blödsinn), aber sie verkauften ihre Spinnereien mit einem Pokerface. TOMORROW NEVER DIES krankt indes daran, dass man nicht recht zu wissen schien, wie man einen Bondfilm um einen Medienmann konstruieren sollte, dessen Waffen ja gewissermaßen immateriell sind: Er arbeitet mit gezielt geschalteten oder zurückgehaltenen Informationen, eignet sich mithin nur mäßig als Schurke für einen Actionfilm, der auf Körperlichkeit, Materialität und Konkretion fußt. Die Autoren begegnen diesem Problem, indem sie Carver zum typischen Bondschurken machen: Sein Plan – einen Krieg zwischen Großbritannien und China zu provozieren, um so am Ende einer langen Kausalkette die alleinigen Fernsehrechte in China zu erhalten – ist nicht nur reichlich umständlich, er kommt auch einer Trivialisierung seines eigentlichen Drohpotenzials gleich. Das Furchterregende an Medienmännern wie Carver ist ja gerade, dass sie in der Realität gar keine drastischen Mittel benötigen, um zu ihrem Ziel zu gelangen, dass ihre Manipulation schleichend und unbemerkt geschieht, ohne physischen Kollateralschaden. Zur Ehrenrettung der Verantwortlichen sei gesagt, dass sie ihren „Fehler“ selbst bemerkten und Carver demnach zum augenrollenden Irren machten. Wenn man das akzeptieren mag, ist TOMORROW NEVER DIES durchaus witzig. Als Diskussionsbeitrag zum Thema „Medienmanipulation“ eignet er sich eher weniger.

Wunderschön finde ich den Finalmoment, wenn Bond nach erbittertem Kampf gegen Carvers deutschen Kettenhund Stamper (Götz Otto) ins Wasser springt, wo die gefesselte Wai Lin (Michelle Yeoh) kurz vor dem Ertrinken steht. Sie, eine toughe, selbstständige chinesische Agentin, hat bis zu diesem Zeitpunkt alle Avancen des britischen Agenten an sich abprallen lassen, doch jetzt vereinen sich beide unter Wasser unter dem Vorwand der Beatmung in einem innigen Kuss. Es ist eine perfekt getimete, gleichermaßen pulpige wie wunderschöne Pointe eines turbulenten Showdowns, und zudem ein traumhaftes Bild, wie die beiden da schwerelos im Wasser treiben, das von den über der Oberfläche tosenden Flammen illuminiert wird. Es ist auch ein schöner, romantischer Kontrapunkt zur sonst auffallenden Technokratie. Die Technik spielt natürlich in allen Bonds eine überaus wichtige Rolle, aber in TOMORROW NEVER DIES steht sie besonders im Vordergrund. In der Erinnerung spielt der Film fast ausschließlich in von flackernden Bildschirmen beleuchteten Innenräumen, Natur gibt es fast gar nicht zu sehen. Mit etwas mehr Ambitionen würde ich jetzt versuchen, das als Paradigma des Films zu interpretieren, aber Spottiswoode inszeniert so auf den vordergründigen Thrill hin, legt einen innerhalb der nun nicht gerade für Tiefsinn bekannten Reihe solch seichten Film vor, dass exegetische Hohenflüge ein bisschen zu sehr den Methoden Carvers glichen: „Mit Kanonen auf Spatzen schießen“, nennt man das, glaube ich.

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Kommentare
  1. EMB sagt:

    Der beste Bond aller Zeiten.

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