1. mondo bizarr weekender: ta paidia tou diavolou (nico mastorakis, griechenland 1975)

Veröffentlicht: Januar 31, 2015 in Film
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Zweitsichtung. Meinen ersten Text möchte ich an diese Stelle nur um ein paar Bemerkungen ergänzen: Mastorakis selbst drehte diesen Film nach eigenem Bekunden mit dem Vorhaben im Hinterkopf, möglichst viel Geld mit möglichst wenig Aufwand, aber unter Rückgriff auf allerlei Geschmacklosigkeiten zu verdienen. Inspiration soll dabei vor allem THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE gewesen sein. Das scheint bei Betrachtung des Films, der keine richtige Geschichte erzählt, sondern eigentlich nur eine Situation schildert – ein psychopathisches amerikanisches Geschwisterpaar kommt nach Mykonos, um die Insel von „Perversen“ zu befreien –, die dann Anlass für zahlreiche Tabubrüche ist, auf den ersten Blick einleuchtend. Berücksichtigt man aber Mastorakis‘ Situation zu jener Zeit (und die Griechenlands), bekommt die Wut, die in TA PAIDIA TOU DIAVOLOU zum Ausdruck kommt, eine ganz andere Dimension.

Mastorakis, seit den späten Fünfzigerjahren eine Instanz in der griechischen Medienwelt, mit beträchtlichen Erfolgen als Zeitungsjournalist, Radio- und Fernsehmoderator und Musikproduzent, arbeitete unter der griechischen Militärdiktatur  von 1967 bis 1974 für den militäreigenen Sender, war dort jedoch nicht für staatserhaltende Propaganda, sondern in erster Linie für Unterhaltung zuständig. Er moderierte zahlreiche Fernsehhows, schrieb Drehbücher für Fernsehspiele, -serien und -filme. Zweimal geriet er dabei wegen angeblich systemkritischer Äußerungen mit den Machthabern aneinander und wurde entlassen, landete jedoch immer wieder auf den Füßen. Das änderte sich kurz vor dem Zusammenbruch der Junta. Als die Militärregierung nach den blutig niedergeschlagenen studentischen Aufständen an der TU von Athen merkte, dass sie etwas tun musste, um ihr Ansehen bei der Bevölkerung wiederherzustellen, kamen sie auf die Idee eine Dokumentation zu machen, bei der die inhaftierten Studenten zu Wort kommen sollten. Als Interviewer wurde Mastorakis auserkoren. Nach Fertigstellung des Films kam es jedoch zu einem handfesten Skandal, als einige der beteiligten Studenten behaupteten, mit Gewalt zur Mitwirkung an dem Projekt gezwungen worden zu sein. Auch Mastorakis gab zu Protokoll, nicht freiwillig mitgewirkt zu haben, doch sein Ruf war da schon längst ruiniert. Für eine Arbeit im griechischen Fernsehen war er verbrannt, seine Karriere zu Ende. Er fand eine neue Beschäftigung as Regisseur von Werbespots, bevor er mit TA PAIDIA TOU DIAVOLOU sein Spielfilmdebüt vorlegte.

Natürlich passt der Film sehr gut in eine Zeit, die nicht zuletzt geprägt war von der Enttäuschung über das sang- und klanglose Ende des Sommers der Liebe. Ernüchterung, Desillusionierung, Resignation, Pessimismus machten sich breit. Filme wie eben THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder THE LAST HOUSE ON THE LEFT erschienen und zeigten ihre Verachtung für ein Bürgertum, das seine Werte verkauft hatte. Das sieht man auch in Mastorakis‘ Film, dessen Protagonisten im Namen einer nicht näher definierten Freiheit die Arbeit von Faschisten machen. Auf Griechenland und Mastorakis selbst bezogen, ist TA PAIDIA TOU DIAVOLOU aber auch eine Art Befreiungsschlag, ein großes „Fuck you“ an die überwundene Militärdiktatur und ein bitter-ironisches Dankeschön an die Leute, die ihn fallengelassen hatten wie eine heiße Kartoffel. Aber, das zeigte die wunderschöne 35-mm-Kopie, die gestern zur Vorührung kam, es ist auch ein Film, der von einer gewissen Aufbruchsstimmung geprägt ist: Die Mittelmeersonne, das hypnotische Glitzern des Meeres lassen erahnen, dass nicht alles schlecht ist, und die am Ende sich anbahnende Beziehung zwischen der geläuterten Mörderin und dem schwachsinnigen, stummen griechischen Schafhirten kann man innerhalb der Gegebenheiten des Films nicht anders als als „romantisch“ bezeichnen. Ein toller Film, gleichzeitig Kind seiner Zeit wie vollkommen eigenständig.

 

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