Archiv für Januar, 2015

6_236-237_ltk_optIn meinem Text zu THE LIVING DAYLIGHTS hatte ich vorgegriffen und LICENCE TO KILL als „finanziellen Flop“ tituliert: Das ist nicht ganz falsch, da der Film in den USA von allen Bonds tatsächlich am wenigsten einspielte, in den Konkurs stürzte er die Produzenten aber gewiss nicht. Dennoch, ein Rücklauf des Interesses und eine gewisse Unzufriedenheit mit der Entwicklung des Franchises sowohl aufseiten der Produzenten wie auf der der Zuschauer, ließ sich kaum verhehlen. Die düsterere, ernstere, auch realistischere Ausrichtung mit einem auf eigene Faust kämpfenden Bond und einer deutlichen Anhebung des Gewaltlevels stieß nicht auf uneingeschränkte Gegenliebe. LICENCE TO KILL war der erste Bondfilm, der erst nach zahlreichen Kürzungen den Weg in die britischen Kinos fand, und er bietet zwei Haifütterungen und die Verarbeitung Benicio del Toros zu Geschnetzeltem als besonders blutige Höhepunkte an, die das saubere Familienentertainment sabotierten. Mit 25 Jahren Abstand außerhalb seines historischen Kontextes betrachtet, mutet der damalige Aufschrei angesichts heutiger CGI-Blutfontänen und allgegenwärtiger grittiness etwas übertrieben an, genauso wie die Klage, LICENCE TO KILL sei zu sehr aus der Art geschlagen: Meiner Meinung nach ist John Glens letzter Beitrag zur Serie an deren Essenz nämlich deutlich näher dran als der vorangegangene THE LIVING DAYLIGHTS.

Hatte Dalton den Bond dort noch als ritterlichen Kämpfer in einem Hightech-Abenteuermärchen interpretiert (übrigens auch auf eigene Faust operierend), wird er in diesem Rachethriller von seinen Emotionen übermannt und geht mit der Härte, Zielstrebigkeit und Effizienz vor, die auch Connery als Geheimagent an den Tag legte. Als Gegner steht ihm dabei mit dem Drogenbaron Franz Sanchez (Robert David) ein in seinen Plänen zwar durch und durch weltlich denkender Schurke gegenüber, aber dennoch einer, der seinen zahlreichen größenwahnsinnigen Vorgängern in Sachen Reichtum, teuflischer Grausamkeit und skrupelloser Dienerschaft in nichts nachsteht. Da waren Bonds Gegner in THE LIVING DAYLIGHTS – ein weitestgehend harmloser Hochstapler und ein aufgeplusterter, aber doch auch irgendwie eher komischer Waffenhändler – deutlich weniger bedrohlich. (Den tollen Robert Davi in einer solch prominenten Rolle zu sehen ist wunderbar, durfte er doch wenig später allenfalls kleinere Produktionen und Videofilme mit seiner charismatischen Präsenz bereichern. Und die Wahl des Las-Vegas-Crooners Wayne Newton für die Rolle des zwielichtigen Sektenführers ist kaum weniger inspiriert.) Die Settings entführen den Zuschauer wieder in exotisch-sonnige Gefilde voll mondänem Chic und dem schillernden Türkis des Meers, anstatt in die ausgedörrte Ödnis Afghanistans. Konzentrierte 007 seine amourösen Ambitionen zuvor ganz auf eine Frau, so ringen hier gleich zwei attraktive Damen um seine Aufmerksamkeit, ganz wie in alten Zeiten. Wie Bond sich in Sanchez‘ Organisation einschleicht, erinnert ebenfalls daran, wie er sich zuvor an seine Zielpersonen herangepirscht hatte, und letzten Endes unterscheidet sich sein Ziel hier kein Iota von seinen üblichen Missionen: Es geht darum, einen Schurken dingfest zu machen und ihn nebenbei an der Ausführung seiner Pläne zu hindern. Dabei steht ihm Q sogar in einer diesmal besonders ausgedehnten Rolle zur Seite, und es gibt zahlreiche Set Pieces, die Gelegenheit für die spektakulären Stunts bieten, die man von der Serie mittlerweile gewohnt ist. Dass Bond stärker als sonst persönlich involviert ist, ist eigentlich ein eher nebensächliches Detail. LICENCE TO KILL ist ausgezeichnet, als harter Actionfilm, aber auch als eleganter Agententhriller, und es gelingt ihm besser als dem direkten Vorgänger, das Bedürfnis nach Erneuerung und Auffrischung mit der Tradition zu versöhnen.

Das interessante Verhältnis, dass LICENCE TO KILL zu dieser eigenen Tradition unterhält, zeigt sich sowohl in der Verwendung des Titels als auch im dazugehörigen Song von Gladys Knight: Ersterer handelt gerade davon, wie dem Helden die berühmte „Lizenz zum Töten“ – wie die Vorstellung des Agenten und seine Getränkpräferenz eines der unverzichtbaren Mantras der Reihe – entzogen wird (ein Arbeitstitel lautete dann auch „Licence Revoked“). Er bedient sich sozusagen des Wiedererkennbaren und stellt es dann auf den Kopf. So ähnlich, wie der Titelsong auf der Bläserfanfare aus Shirley Basseys „Goldfinger“ basiert, die das Hymnisch-Triumphale hier aber mit einer bedrohlichen Unterströmung versieht. Es ist schon komisch, was die Zeit mit der Wahrnehmung anstellt: LICENCE TO KILL gilt heute als rehabilitiert und im Grunde genommen ist er deutlich näher dran an dem, was Martin Campbell 2006 mit CASINO ROYALE realisierte, als die aus heutiger Perspektive als kleiner Rückschritt bewertbaren Brosnan-Bonds. Die härtere, rohere Aurichtung des Craig-Bonds wurde weitestgehend begeistert aufgenommen, während man ganz ähnliche Versuche 1989 noch als Stilbruch und Sündenfall empfand. Timothy Dalton kann sich für die verspätete Wertschätzung freilich nichts mehr kaufen. Er hatte das Pech, dass die Zeit für seine Interpretation von Bond noch nicht reif wahr. 15 Jahre Roger Moore ließen sich einfach nicht innerhalb des normalen Veröffentlichungszyklus tilgen. Es folgte mithin eine sechsjährige Pause, die längste innerhalb der Reihe überhaupt. Hier geht es schon morgen weiter mit GOLDENEYE.

Advertisements

the-living-daylights-1-1024x768Es liegen nur zwei Jahre zwischen A VIEW TO A KILL und THE LIVING DAYLIGHTS, aber beide Filme trennen Welten. Sie sind so verschieden, dass man kaum glauben mag, dass der Regiestuhl bei beiden mit John Glen besetzt war. Die wichtigste Veränderung war natürlich die Besetzung der Hauptrolle. Mit Timothy Dalton stand ein neuer Darsteller zur Verfügung, der nicht nur 15 Jahre jünger, sondern auch wieder ein physischerer Typ war als Moore, jemand, dem man es abnahm, wenn er als Bond mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug sprang, sich erbitterte Faustkämpfe oder wilde Verfolgungsjagden lieferte. Gleichzeitig schien Dalton aber auch introvertierter, kultivierter und verwundbarer als der aus jeder Pore Selbstsicherheit verströmende Connery: Etwas, was ihm Kritiker als mangelndes Charisma ankreideten, meines Erachtens aber Bonds seit den Anfangstagen der Reihe in Vergessenheit geratenen Status als austauschbarer Staatsdiener hervorhob. Daltons Bond ist zudem nahbarer und menschlicher als es sowohl Connery als auch Moore waren. Das verändert die Zuschauerperspektive total, weil man plötzlich wieder Angst um die Doppelnull haben kann. Keine hochgezogene Augenbraue mehr, in der sich die souveräne Enthobenheit vom Geschehen spiegeln würde. Auch das Verhältnis zu den Frauen ist ein anderes: Viel wurde damals daraus gemacht, welchen Einfluss AIDS auf die Behandlung dieses Aspekts hatte. Bond bleibt einer Frau, der Cellistin Kara Milovy (Maryam D’Abo), den ganzen Film über treu, erst zum Schluss gibt es eine augenscheinliche Sexszene, bei der die Kamera allerdings größte Diskretion walten lässt. Diese Entwicklung hatte sich zwar auch zuvor schon angedeutet, doch war das dort wahrscheinlich eher dem Alter Moores geschuldet als einer echten Neukonzeption der Figur.

Dalton interpretiert den Geheimagenten nicht mehr als abgebrühten Womanizer und öligen Charmeur der alten Schule, sondern als galanten Ritter. THE LIVING DAYLIGHTS lässt sich durchaus auch als romantischer Abenteuerfilm betrachten, bei dem es in erster Linie darum geht, die Angebetete in Sicherheit zu bringen. (Kollege Jochen Werner kritisierte einmal das Errolflynneske von Daltons Bond: Ich finde diese Anlage der Figur zwar überhaupt nicht verwerflich, aber der Vergleich hat nicht nur deshalb etwas, weil Dalton in Joe Johnstons THE ROCKETEER tatsächlich einen unverkennbar Flynn nachempfundenen Hollywood-Beau spielt.) Auch wenn Bond zu Beginn ein anderes Motiv hat, als er sie aufsucht, ist ihm ihre Unversehrtheitbald  mindestens genauso wichtig wie die Festsetzung des Bösewichts. Das bringt mich zum nächsten Punkt. Die Story stellt eine Rückkehr zur Ernsthaftigkeit eines FOR YOUR EYES ONLY dar, ist aber wesentlich wendungsreicher und komplexer. Zum allerersten Mal basiert ein Bondfilm auf mehr als nur einer kurzen, griffigen Prämisse. Die Schurkenfiguren sind vielschichtiger als jemals zuvor, die Geschichte um Waffen- und Drogenhandel mit Russen und Afghanen ist mehr als nur über das Stichwort „Kalter Krieg“ in den damaligen politischen Vorgängen verankert. Das kommerzielle Scheitern von Stallones RAMBO III ein Jahr später schob man in erster Linie darauf, dass er mit seinem Sujet einige Monate zu spät kam. Vielleicht hatte aber auch THE LIVING DAYLIGHTS etwas damit zu tun, dem es gelingt, den Konflikt zwischen Russen und afghanischen Mudschaheddin auf eine Art und Weise zu thematisieren, die kaum weniger spektakulär, aber eben auch etwas intelligenter ist (womit ich natürlich nix gegen RAMBO III gesagt haben will).

Konnte man spätestens ab MOONRAKER das Gefühl haben, dass die Bondfilme den Trends eher hinterher rannten als sie – wie noch in den Sechzigerjahren – selbst zu setzen, wirkten sie aus der Zeit gefallen, statt ihr voraus, so ist THE LIVING DAYLIGHTS ohne Frage durch und durch modern und voll und ganz Kind seiner Zeit. Visuell wird hier ein neues Kapitel aufgeschlagen, der einfallslose A VIEW TO A KILL weit zurückgelassen. Alles wirkt größer, echter, realistischer, physischer, aber ohne den Pomp und Camp-Appeal, der die Reihe bis dahin ausgezeichnet hatte. Die Wurzeln im Pulp werden recht rücksichtslos gekappt. Es lässt sich kaum verleugnen, dass die Serie mit diesem Beitrag auch einen Teil ihrer Identität eingebüßt hat: Die Bondfilme spielten bis zu diesem Zeitpunkt in ihrem eigenen Universum, selbst wenn sie sich hier und da von der sie umgebenden Popkultur inspirieren ließen, bildeten ihr eigenes Genre, das man zwar als Konglomerat verschiedener Einflüsse verstehen konnte, das aber im Endeffekt mehr war als die Summe dieser einzelnen Teile. THE LIVING DAYLIGHTS ist nicht mehr so goofy und campy, dafür härter, cooler und zeitgemäßer, aber eben auch ein Stück austauschbarer. Ich finde den ersten Timothy Dalton sehr stark, halte ihn sogar für einen der letzten großen, handgemachten Actioner der Achtzigerjahre – die Sequenz in dem Flugzeug mit offener Ladafläche ist einfach unglaublich –, dennoch leuchtet unmittelbar ein, dass der neu eingeschlagene Weg nach 25-jähriger Vorgeschichte in eine Sackgasse münden musste. LICENCE TO KILL, der kommende Bond, sollte eine konsequente Weiterentwicklung des Dalton-Debüts sein, die Grenze zum harten Selbstjustiz-Actioner endgültig übertreten – und dem Franchise damit den ersten Flop überhaupt und eine sechsjährige Schaffenspause bescheren. Ich finde es schade, dass es mit Dalton nicht weiterging, weil er als Darsteller am vielseitigsten war. Aber vielleicht war gerade das das Problem: Die Bondserie bewegt sich innerhalb recht fest gefügter Parameter und wenn man zu sehr an ihnen dreht, hört ein Bondfilm auf, ein Bondfilm zu sein. Es sei denn, man nennt ihn CASINO ROYALE und bezeichnet das Ganze als Reboot.

thIch mag A VIEW TO A KILL ja irgendwie, aber es führt trotzdem kein Weg an der Wahrheit vorbei: Es ist der schlechteste Film der Moore-Ära und zusammen mit DIAMONDS ARE FOREVER bis zu diesem Zeitpunkt der schwächste Beitrag der ganzen Reihe. Die Auswechslung des Hauptdarstellers war 1985 längst überfällig, Moore selbst wird damit zitiert, dass er nach eigenem Bekunden „only about four hundred years too old for the part“ gewesen sei (er war damals 57), und streckenweise fühlt man sich wie in einem der DTV-Filme von Steven Seagal: Roger Moore ist fast nur noch in den Close-ups zu sehen, sein Stunt Double dürfte annähernd so viel Screen Time haben wie er selbst und der Einsatz von Rückprojektionen wird zum bestimmenden Stilmittel. Aber der viel zu alte Hauptdarsteller ist nicht das größte Problem: Nachdem die letzten Bondgirls allesamt als starke Frauen bezeichnet werden konnten, kommt Tanya Roberts‘ Stacy Sutton einem Rückfall in die Steinzeit gleich. Sie ist wirklich zu keiner einzigen selbstständigen Handlung fähig und ihr Hauptbeitrag zum Film besteht darin, um Hilfe zu rufen oder gerettet zu werden. Immerhin sieht sie dabei immer recht adrett aus und ihr Talent, die High Heels auch in der widrigsten Situation noch an den Füßen zu behalten, such seinesgleichen. Aber die Beziehung zwischen ihr und Bond ist weder romantisch, noch sexy, noch lustig. Sie wirkt stattdessen furchtbar billig und amerikanisch.

Diese beiden Faktoren sind schon eine schwere Bürde, die aber allein noch zu bewältigen wäre, wenn A VIEW TO A KILL nach dem abenteuerlastigen OCTOPUSSY nicht wieder einen Schritt Richtung geradliniges Actionkino vollzöge. Die beiden nur wenig überzeugenden Helden bremsen jeden Versuch in diese Richtung vollkommen aus. Sehr schade, denn Vieles ist hier sehr richtig: die Plotidee um die Flutung des San-Andreas-Grabens und Silicon Valleys, die Zweiteilung des Films und dann natürlich die Schurken. Dass Christopher Walken einmal einen Bondschurken gespielt hat, klingt heute wie eine Erfindung, aber hier ist er, als Großindustrieller Zorin, blondierter, genmanipulierter Zögling eines deutschen Altnazis. Wenn es einen Grund gibt, A VIEW TO A KILL in Erinnerung zu behalten, dann ist er das. Wild in die Menge seiner Handlanger ballernd, alle Mitwisser rücksichtslos kaltmachend wie ein Pharaoh seine Pyramidenbauer, setzt er neue Maßstäbe in einer an Wahnsinnigen nicht armen Reihe. Das spitzbübische Lachen, mit dem er Sekunden vor seinem Tod realisiert, das sein letztes Stündlein geschlagen hat, ist einer der wenigen entspannten, freien Momente in einem sonst sehr angestrengt und verkrampf wirkenden Film. Grace Jones ist als Zorins persönliche Killerin mit dem Supernamen May Day kaum weniger eindrucksvoll. Sie hat zwar vor allem ihre Physis ins Rennen zu werfen, ist damit im Gegensatz zu manchem anderen Darsteller des Films, adäquat ausgestattet (sie brachte außerdem ihren damaligen Lover Dolph Lundgren für einen Miniauftritt als russischer Leibwächter mit und verschaffte ihm sein Spielfilmdebüt).

Ich scheue mich davor, meinen Text an dieser Stelle schon abzubrechen, aber mir fällt wirklich nicht viel ein zu A VIEW TO A KILL. Ich liebe den Titelsong, das Finale auf der Golden Gate Bridge ist toll, Christopher Walken in einem Bondfilm zu sehen wie gesagt eine reine Freude. Die Geschichte ist interessant und es gibt auch den ein oder andren netten Einfall: Ich mochte die per Fernbedienung veränderbaren Hindernisse auf Zorins Pferderennbahn, und natürlich fällt auch der ein oder andere schöne Stunt ab. Aber insgesamt ist das der Film dann doch eher weniger inspirierend. Das sahen wohl auch die Produzenten so. Mit Moore konnte es nicht weitergehen, wollte man ein Mindestmaß an Respektabilität waren, die Luft war deutlich raus. Eine Frischzellenkur war dringend nötig und so ernannte man Timothy Dalton zum neuen Bond-Darsteller, schlug mit dem folgenden THE LIVING DAYLIGHTS eine neue Richtung ein.

james-bond-octopussy_41Eigentlich hatte ich OCTOPUSSY ja als schwachen Bond abgespeichert. Zugegeben, ich kannte ihn nicht besonders gut, obwohl er eigentlich sogar für ein besonders inniges Verhältnis prädestiniert war: Er war mit NEVER SAY NEVER AGAIN der erste neue Bond, den ich bei seinem Kinoeinsatz wahrnahm, und mit seinem Krakenmotiv stieß er bei mir auch sofort auf Interesse – das allerdings erstarb, als ich mir auf dem Schulhof erzählen ließ, dass der Tintenfisch nur in einer Szene wirklich zum Einsatz kam. Ich habe OCTOPUSSY dann erst Jahre später zum ersten Mal gesehen, eher aus Komplettierungsbedürfnis denn aus echtem Interesse. Vielleicht hat das heute geholfen: Während mich FOR YOUR EYES ONLY – eigentlich immer einer meiner Lieblingsbonds – diesmal eher ernüchtert hat, hat mir OCTPUSSY sehr gut gefallen. Im Vergleich zum Vorgänger zeichnet er sich durch eine gewisse Unentschlossenheit im Tonfall aus, die wahrscheinlich ursächlich ist für seinen eher schlechten Ruf, aber die verschiedenen Facetten der Reihe sehr schön vereint, den Film mit Leben füllt und über den etwas kalten Professionalismus von FOR YOUR EYES ONLY hebt.

Der Schauplatz Indien trägt viel zum märchenhaften Charakter des Films bei. Die prachtvollen Settings, die farbenfrohen Kostüme und die lokale Flora und Fauna werden lustvoll ins Bild gerückt und verleihen OCTOPUSSY viel von jenem karnevalesken Flair, das ich an MOONRAKER so liebe (es ist nur konsequent, dass der Film später in einem Zirkus einkehrt). Er ist wieder voller skurriler Einfälle: Am besten hat mir das Mini-U-Boot in Krokodilform gefallen, aber die sich erneuernde Plakatwand, hinter der sich ein Geheimgang verbirgt, oder die fliegende Guillotine, mit der einer der Schurken um sich wirft, sind auch toll. Mit Kamal Khan (Louis Jourdan) gibt es – trotz durch und durch weltlichem Ansinnen – wieder einen diabolischen Schurken, und die Titelfigur (Maud Adams) hat einen ganzen Harem von Schönheiten in ihrem schwimmenden Palast versammelt. Höhepunkt des abenteuerlichen Treibens ist eine Großwildjagd im Urwald, bei der der Geheimagent zum unvorhergesehenen Opfer wird und Bekanntschaft mit allerlei Viehzeug macht. Die kurze Szene, in der er sich zum Tarzanschrei von Baum zu Baum schwingt, hat OCTOPUSSY einige Schmähungen eingetragen, aber ich finde, sie passt zur wieder einmal überbordenden Fabulierfreude, die ein wenig an Spielbergs INDIANA JONES-Filme erinnert, die ungefähr zur selben Zeit die Massen begeisterten.

Das ist dann nur eine Seite des Films, denn die Geschichte um einen kriegslüsternen General der Roten Armee (Steven Berkoff), der die voranschreitenden Abrüstungsverhandlungen der Großmächte durch die Zündung einer gestohlenen amerikanischen Atombombe mitten in Deutschland im Keim ersticken will, steht ganz im Einklang mit dem neuen Realismus, dem auch FOR YOUR EYES ONLY verpflichtet war (Realismus hier in Anführungszeichen und im Vergleich zu Filmen wie DR. NO, YOU ONLY LIVE TWICE, THE SPY WHO LOVED ME oder MOONRAKER gedacht). Die zweite Hälfte weckt Erinnerungen an das Zugszenario aus FROM RUSSIA WITH LOVE und ist, das muss mal so klar gesagt werden, ein Meisterstück in Sachen Tempo, Timing und Suspense. Ein spektakuläres Set Piece (diese unfassbare Stunt, als ein Auto auf das Ruderbötchen zweier Angler katapultiert wird!) reiht sich ans nächste und der unerbittlich tickende Countdown der Bombe hält alles zusammen. Ein greifbares Gefühl echter Bedrohung legt sich über den Film, was nach der ersten Hälfte eine nicht zu überschätzende Leistung ist. Auf zahlreichen Seiten im Netz wird immer negativ auf Bonds finale Clownverkleidung eingegangen, wird sie als Zeichen dafür gewertet, wie Bond unter Moore mittlerweile zur Witzfigur verkommen war. Das ist in jeder Hinsicht Blödsinn. Der Clownverkleidung kommt nämlich, wie meine Gattin Leena sehr richtig bemerkte, eine wichtige dramaturgische Funktion zu: Sie hilft dem Agenten zwar zunächst, doch dann  steht sie ihm kurz vorm Ziel im Weg: Niemand nimmt ihn ernst, als er vor einer Bombe warnt. Die letzten Sekunden vor der Detonation werden so zum Härtetest für strapazierte Zuschauer-Fingernägel. Ich finde außerdem, dass OCTOPUSSY – und davor schon FOR YOUR EYES ONLY – das Alter seines Hauptdarstellers durchaus miteinbezieht: Mit Octopussy steht Bond eine Frau zur Seite, die wie er schon etwas reifer ist und sich nicht mehr so einfach becircen lässt. Es ist vielleicht zum ersten Mal nach ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE eine Beziehung auf Augenhöhe. Und Bond selbst hüpft auch nicht mehr mit jedem sich ihm andienenden Hasen ins Bett. Die Clownepisode ist somit keineswegs als Schuldeingeständnis zu verstehen, jedenfalls nicht in diesem Sinne: Sie zeigt einfach, wo das Herz der Bondfilme schlägt. Sie sind Eskapismus, ihr Ziel ist es, die Zuschauer zum Lachen zu bringen, ihnen emotionale Reaktionen zu entlocken, und das gelingt OCTOPUSSY vorzüglich. Wenn im Finale erst die Amazonen Octopussys den Sturm auf Kamal Khans Palast proben, der Geheimagent dann selbstvergessen auf ein startendes Flugzeug hüpft und sich in höchsten Höhen einen Kampf gegen den Killer Gobinda (Kabir Bedi) liefert, dann schließt John Glen den Kreis, springt kopfüber in den Pulp zurück und entlässt den Zuschauer satt, glücklich und zufrieden. Nur der Titelsong, Rita Coolidges „All Time High“ ist eine ziemlich Schnarchnummer. Sonst meckern an diesem Film nur chronische Besserwisser herum. Guckt euch halt ’nen Nolan-Film an, for crying out loud!

Movie-Poster-James-Bond-007-For-Your-Eyes-OnlyBei Erscheinen von CASINO ROYALE, dem ersten Bondfilm mit Daniel Craig in der Rolle des Agenten, wurde großer Wert auf die Tatsache gelegt, dass es sich nicht einfach „nur“ um einen neuen Beitrag zur Reihe handele, sondern um einen Neudeutsch „Reboot“ genannten Neuanfang (schon daran zu erkennen, dass er sich im Titel als Verfilmung des allerersten Bond-Roman Ian Flemings auswies). Während alle Bonds von DR. NO bis hin zu DIE ANOTHER DAY also einer Timeline angehörten, begann der Zyklus mit CASINO ROYALE noch einmal neu, nicht nur mit einem neuen Bond-Darsteller, sondern gleich mit einem völlig neuen Bond, einem neuen Konzept und einem neuen, für zeitgemäßer erachteten Look. Zugegeben, der Schnitt wurde hier am saubersten und konsequentesten vollzogen, aber der Versuch, die Reihe neu auszurichten, war schon zuvor mehrfach unternommen worden, man denke nur an den aus dem Schema fallenden ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE mit seinem softeren Bond, den Rückfall danach mit DIAMONDS ARE FOREVER oder schließlich die Überführung in gleichermaßen fantastischere wie komischere Gefilde mit den Moore-Bonds. Ein weiterer Umbruchsfilm, und im Vergleich zu seinem Vorgänger ein kaum weniger radikaler Bruch als DIAMONDS ARE FOREVER zehn Jahre zuvor, ist FOR YOUR EYES ONLY, der erste Bondfilm der Achtzigerjahre und das Regiedebüt des vorigen Second Unit Directors John Glen.

Die Kursänderung war kaum zu vermeiden: Wie hätte man MOONRAKER noch toppen sollen, ohne gänzlich in die Fantasy abzudriften? Weiter weg als ins All konnte man Bond nicht mehr schicken und eine Auseinandersetzung mit dem Leibhaftigen selbst, die vielleicht die einzige logische Steigerung bedeutet hätte, stand zum Glück außer Frage. So ist FOR YOUR EYES ONLY von Reduktion geprägt, eine Rückbesinnung auf die Stärken von FROM RUSSIA WITH LOVE. Es ist der erste Film seit jenem, der als „realistisch“ bezeichnet werden darf und auf Science-Fiction-Schnickschnack gänzlich verzichtet. Der cartooneske Humor des Vorgängers wird ebenfalls nicht wieder aufgegriffen und hinsichtlich Bonds amouröser Abenteuer zum ersten Mal das Alter Moores berücksichtigt (der Brite war zum Zeitpunkt des Films bereits 54 Jahre alt). Um den bevorstehenden Umschwung anzukündigen, beseitigt Glen in der Pre-Title-Sequenz zunächst einige Altlasten: Bond besucht das Grab seiner Gattin Tracy (neben einer kurzen Erwähnung in THE SPY WHO LOVED ME die erste Berücksichtigung von Bonds Trauma) und wird am Friedhof von einem Helikopter abgeholt. Auf Knopfdruck eines glatzköpfigen Rollstuhlfahrers mit Halskrause – wir erinnern uns an Blofelds Ende in ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE – stirbt der Pilot und Bond sieht sich der Gnade des mit einer Fernsteuerung ausgestatteten Superschurken ausgesetzt. Natürlich gelingt es ihm, die Kontrolle über den Hubschrauber zu erlangen: Er spießt den Rollstuhl mitsamt seinem Fahrer mit einer Kufe auf und lässt ihn dann in einen Fabrikschornstein fallen. Die Sequenz ist im Rahmen des Filmes durchaus seltsam: Sie markiert (bis zum Schlussgag) den einzigen Anflug von Albernheit, den er sich gönnt, und ist neben dem Wunsch, mit der Vergangenheit abzuschließen, wohl nicht zuletzt von dem Bedürfnis geprägt, es der Konkurrenz auszuwischen: Die Rechte für die Blofeld-Figur lagen bei Kevin McClory, der wenig später seine Adaption von Flemings Roman „Thunderball“ unter dem Titel NEVER SAY NEVER AGAIN mit Connery in der Bondrolle ins Kino brachte. Der Name „Blofeld“ fällt in beschriebener Pre-Title-Sequenz kein einziges Mal, man sieht auch nie das Gesicht des Schurken, aber sein Outfit, Glatzkopf, Halskrause und natürlich die weiße Katze lassen keinen Raum für Zweifel. Nach diesem Auftakt ist Bond – die Figur und das Franchise – gewissermaßen „befreit“ und kann sich neuen Dingen zuwenden.

John Glen wirft jeglichen bunten Zierrat über Bord und inszeniert einen windschnittigen, actionlastigen Bondfilm ohne jeden Schnörkel, aber großer technischer Kunstfertigkeit, den man durchaus als eine Art Best of beschreiben könnte. Nach einer im wahrsten Sinne des Wortes wendungsreichen Verfolgungsjagd auf einer spanischen Serpentinenstraße wechselt FOR YOUR EYES ONLY ins italienische Cortina in den Dolomiten. Hier erhält erneut Willy Bogner Gelegenheit für eine seiner ausufernden Choreografien: Auf Skiern, Motorrädern, über eine Sprungschanze und durch den Eiskanal einer Bobbahn wird die Verfolgungsjagd ausgetragen, bei der sich Bond gegen Scharen von Bösewichtern behaupten muss. Auf Korfu kommt es zum ersten Mal zu einer Pause und einem Ausflug in Alterssexualität und pornösen Eighties-Sleaze, als Bond die Hochstaplerin Lisl von Schlaf (Cassandra Harris) verführt, um ihr Informationen zu entlocken. Der Soundtrack – zum ersten Mal dominieren poppig-synthetische Klänge – trägt einen entscheidenden Teil dazu bei, dass Pomp und mondäne Eleganz aus dem Film herausgesogen werden: Alles wirkt weltlicher, sachlicher, kälter, oberflächlicher. Was nicht negativ gemeint ist, sondern in erster Linie den Unterschied zu den beiden vorangegangenen Filmen beschreiben soll. Es folgt eine lange Unterwasser-Sequenz, bevor der Film sich mit einer waghalsigen Felskletterei in luftige Höhen begibt. Die Auseinandersetzung mit dem Schurken Kristatos (Julian Glover), keinem Größenwahnsinnigen mit Omnipotenzfantasien, sondern einem schnöden Schmuggler, verläuft geradezu erschreckend schmucklos. Er wird von Bonds Partner Columbo (Topol) erschossen, bevor er den Agenten umbringen kann. Erst jetzt, nach überstandenem Abenteuer, zieht Bond das Bondgirl Melina (Carole Bouquet) auf die Matratze und es folgt die gewohnt humorige Pointe, bei der sich Margaret Thatcher via Telefon statt mit Bond mit einem Papagei unterhält, der ihr Avancen macht.

FOR YOUR EYES ONLY, dem innerhalb der Reihe so etwas wie die Rolle des Geheimtipps zukommt, zählte immer zu meinen Favoriten. Wie THE MAN WITH THE GOLDEN GUN sah ich ihn sehr früh auf Video und war von seiner Vielzahl atemberaubender Actionsequenzen und Stunts begeistert. Waren die Bondfilme zuvor aufgrund ihrer fantastischen Ausrichtung auch mehr und mehr „entkörperlicht“ worden, ist FOR YOUR EYES ONLY von einer Physis geprägt, die man seit den Connery-Tagen nicht mehr gesehen hat. Dem Realismus des Films – es geht um die Jagd nach der Steuereinheit für britische Atomraketen, die nach einem Schiffsunfall irgendwo auf dem Meeresboden liegt – ist es geschuldet, dass auch die zahlreichen Toten mehr ins Gewicht fallen. FOR YOUR EYES ONLY ist ein typischer Kalter-Kriegs-Thriller und es bedürfte nur geringfügiger Änderungen, um ihn in einen jener furztrockenen, eiskalten Polit- und Agentenfilme zu verwandeln, die sich in den Siebzigern so großer Popularität erfreuten. Die drei ClancyVerfilmungen um den CIA-Mann Jack Ryan aus den frühen Neunzigerjahren verdanken diesem Film formal jedenfalls sehr viel, auch wenn sie die Eleganz von GLens Inszenierung weitestgehend vermissen lassen: Wenn Bond und Melina durch versunkene antike griechische Tempel tauchen, schmilzt man vor dem Bildschirm nur so dahin. Leider, leider ist der Funke diesmal dennoch nicht so übergesprungen, wie ich das erhofft und auch erwartet hatte. So rasant und turbulent FOR YOUR EYES ONLY auch ist, über zwei Stunden empfand ich das Actionfeuerwerk als etwas ermüdend. Dem Film fehlen die erzählerischen Details und die Wärme, die das Interesse über die volle Laufzeit wachhalten würden. Glen ist vollauf damit beschäftigt, alles in Bewegung zu halten und hat darüber die Charaktere vergessen, die das Ganze tragen. Die von Rachegedanken getrieben Melina Havelock ist eine potenziell interessante Figur, aber der Film macht nichts aus den Dämonen, die sie mit sich herumträgt. (Immerhin darf sich Carole Bouquet damit rühmen, das anmutigste Bond-Girl ever zu sein.) Kristatos ist ein fürchterlich banaler Bösewicht und der finale Zweikampf mit ihm nahezu antiklimaktisch. Topol bringt als freundlicher griechischer Schmuggler Columbo etwas Leben in die kalte Effizienz, aber auch er wird letztlich auf den Part des hilfreichen Sidekicks reduziert. Was die Figur der Eiskunstläuferin Bibi Dahl im Film zu suchen hat, bleibt fraglich: Ich vermute, hier wollte man angesichts des Alpen-Settings die Gelegenheit nutzen, die ehemalige olympische Eiskunstlauf-Silbermedaillengewinnerin Lynn-Holly Johnson in die Besetzung zu hieven. FOR YOUR EYES ONLY war ein gewaltiger finanzieller Erfolg, dennoch setzte man die mit ihm eingeschlagene Linie nicht konsequent fort. Mit OCTOPUSSY jedenfalls hielten die exotischen, bunten Settings und der comichafte Humor wieder Einzug. Der Rückzug vom Reboot sozusagen.

moonraker-resized1Der kritische Konsens weist MOONRAKER innerhalb der Serie meist die Rolle eines Wende- bzw. Eskalationspunktes und einen unteren Ranglistenplatz zu. Er ist das logische Ende einer mit dem ersten Bondfilm DR. NO begonnenen und in der „Amtszeit“ von Roger Moore forcierten Entwicklung zum Science-Fiction-Effekt-Spektakel, die hier nur äußerst konsequent im Weltall endet (der während der Schlusscredits dann auch tatsächlich als Location angegeben wird): Wo hätte man Bond auch sonst noch hinschicken können? Er war ja bereits überall gewesen. Neben dem mit seinem Setting einhergehenden Bombast wird dem Film oft seine Albernheit vorgeworfen. Ja, er sprengt zeitweise den bislang vorgegebenen und eingehaltenen Rahmen, führt das Konzept an seine Grenzen, dehnt es bis zum Zerreißen. Aber weil mit Lewis Gilbert ein veritabler Stilist und alter Hase auf dem Regiestuhl saß, wirkt MOONRAKER dennoch wie aus einem Guss, zerfällt nie in seine Bestandteile und bewahrt seine Seele. Wenn man sich auf ihn einlassen mag, führt kein Weg daran vorbei, ihn zusammen mit Gilberts anderen Bonds und ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE als einen der schönsten der Reihe zu bezeichnen.

Inhaltlich ist er kaum mehr als eine Variation des Vorgängers THE SPY WHO LOVED ME. Der Industrielle Hugo Drax (Michael Lonsdale) will die Erdbevölkerung nicht mithilfe von Atomraketen, sondern von Giftgas ausrotten, und statt auf dem Meeresboden im Weltraum eine neue Rasse züchten. Ergriff Strombergs Liebe zum Meer noch vom Film Besitz, indem sie eine Art Schleier über ihn legte, ihn in einem nahtlosen Ineinandergreifen von Ebbe und Flut dahinwogen ließ, so verkörpert MOONRAKER vielmehr das aggressive Credo Drax‘ vom „Conquest of Space“ (seinen Landsitz in den USA hat er Stein für Stein aus Frankreich herüberschicken lassen): Jeder Winkel, jede Sekunde des Films ist vollgestopft mit atemberaubenden Settings, exotischen Schauplätzen, Gags, kleinen Geschichten, Zitaten, Gimmicks, Stunts, visuellen Einfällen und inszenatorischen Ideen, sodass nur wenig Luft zum Atmen bleibt. Trotzdem wirkt MOONRAKER dabei so entspannt und selbstbewusst, wie es nur ein Meister hinbekommt. Der Film ruht in seiner Megalomanie, sprudelt förmlich über vor entfesselter Fabulierfreude und lässt das dabei alles wie ein Kinderspiel erscheinen, das ja auch seiner eigenen instinktiven Logik folgt. Die eigentliche Plotlinie gerät darüber in den Hintergrund. Wichtiger wird neben dem bloßen „Wie“, dem Staunen darüber, dass da immer noch ein unglaubliches Bild, noch eine Pointe, noch ein Set Piece draufgesetzt wird, die an die Roadrunner-Cartoons erinnernde Auseinandersetzung zwischen Bond und dem Beißer (Richard Kiel), der hier sein Comeback feiern darf und zum heimlichen Star des Films avanciert. Die halsbrecherischen Unfälle, die er bei jedem Versuch, Bond zu erwischen, erleidet, werden zum hysterischen Running Gag, wofür er schließlich mit einer absolut rührenden Liebesgeschichte belohnt wird, die den der Serie inhärenten Zynismus wunderbar unterläuft. Wahrscheinlich ist es genau dieses Element, bei dem sich viele Bondfans verabschiedet haben, für mich ist es pure Kinomagie und der Beweis für den hintersinnigen Witz Gilberts: Ist es nicht seltsam, dass man bereit ist, alle Einfälle des absurden Plots mitzugehen, aber daran scheitert, dass der Beißer mit einer kleinen Blondine mit Nickelbrille verkuppelt wird? Wenn beide in den Trümmern einer ins All driftenden Raumstation auf ihre unerwartete Liebe anstoßen, ist das nackte, von jedem Vorbehalt, jedem Dünkel, jeder Scham entkleidete Poesie, eine Eroberung des Raums, in der Tat. Bond mag den größenwahnsinnigen Drax zuvor schon beseitigt haben, aber erst hier wird der Idee von der Zucht einer überlegenen Rasse wirklich der Zahn gezogen, der materielle Bombast zur Fußnote reduziert.

Die Albernheit von MOONRAKER – stets mit dem straight face des distinguierten britischen Gentlemans präsentiert – hat durchaus etwas Herausforderndes und manchmal wirkt sie wie ein Spiel, mit dem sich die Macher die Zeit vertrieben: Welche Absurdität erlaubt uns das Konzept, bevor der Zuschauer aussteigt? So wird Bond in einem venezianischen Glasmuseum von Drax‘ Killer, einem Japaner, in voller Kendo-Montur überrascht. Später fährt ein Auto in einem der wohl plumpesten Porduct-Placement-Coups der Filmgeschichte an gleich vier Werbeplakaten vorbei, bevor mit einem zotigen Gag dann auch noch gesondert auf das fünfte hingewiesen wird. Nach einem Schnitt reitet der zuvor noch im Anzug gekleidete Bond plötzlich im Poncho durch die südamerikanische Pampa, bloß, um den neuen Schauplatz entsprechend einzuführen. Und der Kampf mit einer Riesenschlange wird zum putzigen Gerangel mit einem Stofftier, das die Regie kaum kaschieren mag. Diese ausgestellte Schein-Naivität kommt dem Film immer wieder sehr zu Gute. Gilbert interessiert sich einfach nicht für vorgefertigte Muster, folgt lieber seiner eigenen Logik und kommt dabei zu erstaunlichen Ergebnissen. Die Jagd von Drax‘ Rottweilern auf die schöne Pilotin Corinne (Corinne Cléry), die mit weißer Bluse und wehendem Rock zu dramatischer Musik durch den Wald rennt, könnte fast einem Film von Borowczyk entstammen, bekommt durch ihre ungewohnte, im Ton aus dem Film herausfallende Inszenierung eine Bedeutung, die ihr innerhalb des Handlungsrahmen eigentlich nicht zusteht. Es ist eine meiner Lieblingsszenen des Films, vielleicht sogar der ganzen Reihe, vollkommen seltsam, beinahe lyrisch, dramatisch, fleischlich, furchteinflößend. Toll sind auch die schmachtenden Blicke der von Drax zur Züchtung im All auserkorenen Supermenschen, die sich schon auf dem Flug zu ihrem Bestimmungsort vor Wollust und Zeugungswillen kaum zurückhalten können. Und dann natürlich diese Weltraumschlacht, mit der man damals ein bisschen vom STAR WARS-Hype profitieren wollte, die aber trotz tutender Laserstrahlen von chaotischer Ruppigkeit ist.

Was sonst noch? Lois Chiles wird als Bondgirl Holly Goodhead wenig gepriesen, aber ihr Zusammenspiel mit Roger Moore bildet m. E. ebenfalls ein Highlight der Serie. Voller vielsagender Blicke und unterschwelliger Erotik entwickeln beide eine Chemie, die nicht wenig von alten Screwball Comedys inspiriert scheint. Wie sie sich da gegenseitig Honig ums Mäulchen schmieren, nur um ihre wahren Beweggründe zu verschleiern, macht großen Spaß und ist eine willkommene Abwechslung zu den Bond sonst bedingungslos zu Füßen liegenden Groupies. Michael Lonsdale ist nicht der auffallendste Schurke, aber sein teilnahmslos wirkendes Bulldoggengesicht ist toll. Und ich liebe es, wie seine Frisur im Finale aus den Fugen gerät. Die Pre-Title-Sequenz ist für mich die beste, fünf Minuten Thrill in Perfektion, und motivisch natürlich ein schöner Kontrast zum grenzenlosen Aufstieg des Hauptfilms. Und dann der unfassbare Titelsong von Shirley Bassey, ganz schwereloses Gleiten, voraussetzungsloses Sein, verführerisches Locken, beschwichtigendes Streicheln. Die ideale Einstimmung auf das, was da kommt. Ein Film für den fortgeschrittenen Genießer.

der 1. mondo bizarr-weekender

Veröffentlicht: Januar 22, 2015 in Film, Veranstaltungen

1503321_882129958494423_2331182600465037589_nSeit einigen Jahren schon veranstaltet Marc Ewert in Düsseldorf die Reihe „Mondo Bizarr“, die sich dem widmet, was man auf Deutsch unter dem schönen, leider zunehmend in Vergessenheit geratenden Begriff „Bahnhofskino“ subsumiert. Früher im Bambi in der Klosterstraße mit von Video gebeamten Perlen aus längst vergangenen Tagen, seit einiger Zeit in der größeren Black Box, dem Kinosaal des Filmmuseums mit „echten“ 35-mm-Kopien desselben Stoffs.

Am übernächsten Wochenende, also vom 30.01. bis zum 01.02. findet am selben Ort der erste Mondo-Bizarr-Weekender statt, ein Minifestival gewissermaßen, zu dem ein Programm zusammengestellt wurde, das von Liebe zum abseitigen Film in allen seinen Facetten geprägt ist. Es gibt sowohl beliebte Klassiker als auch einige weniger bekannte Perlen zu bestaunen, sodass vom Experten bis zum Einsteiger jeder gut bedient wird. An den drei Tagen gibt es insgesamt acht Filme zu bestaunen, allesamt als prächtige 35-mm-Projektionen.

Auch ich werde anwesend sein und habe überdies die Ehre, zu den Screenings von Nico Mastorakis‘ DIE TEUFLISCHEN VON MYKONOS am Freitag und STAR CRASH am Sonntag ein paar einleitende Worte sagen zu dürfen. Wer in der Nähe Düsseldorfs weilt, das Genrekino liebt und die zunehmende Digitalisierung der Kinos bedauert, hat keine Ausrede, wenn er Marc und die Black Box nicht mit seiner Anwesenheit beglückt. Alle relevanten Details entnehmt ihr dem abgebildeten Flyer.