Archiv für Februar, 2015

merantau (gareth evans, indonesien 2009)

Veröffentlicht: Februar 28, 2015 in Film
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Bevor Gareth Evans internationalen Erfolg mit THE RAID und seiner Fortsetzung THE RAID 2: BERANDAL erlangte, zwei superbrutalen Actionfilmen, die von der Fangemeinde wie der sprichwörtliche Tropfen Wasser in der Wüste empfangen wurden, inszenierte er diesen Martial-Arts-Film. MERANTAU ist mit dem Star der beiden Hits, Iko Uwais, besetzt, wie diese voll mit brillant choreografierten, harten, aber dabei knochentrockenen Fights, und dennoch ganz anders als die beiden.

Der enigmatische Titel geht zurück auf einen indonesischen Brauch, nach dem Heranwachsende ihr Heim verlassen und sich auf „Wanderung“ begeben, um erwachsen zu werden. Auch Yuda (Iko Uwais) geht auf diese Wanderung, in der Hoffnung, in der Großstadt Jakarta als Kampfkunst-Lehrer sein Geld zu verdienen. An seinem Ziel angekommen, erhält er einen ersten Dämpfer: Der Ort, an dem er eine vorübergehende Heimat finden sollte, ist einer Baustelle gewichen, unter der Telefonnumer, die er bekommen hat, meldet sich niemand mehr. So irrt er durch die Straßen der Metropole und trifft auf Astri (Sistra Jessica), ein junges Mädchen, das für den kleinen Zuhälter Johni (Alex Abbad) als Tänzerin arbeitet. Er eilt ihr zu Hilfe, als der sie verprügeln will, doch schafft er damit nur noch größere Probleme: Astri war dazu auserkoren, als neues Animiermädchen für den miesen Menschenhändler Ratger (Mads Koudal) zu arbeiten, und der mag auf das ihm versprochene Mädchen nicht verzichten. Yuda muss es mit einer ganzen Armee von bad guys aufnehmen, um das Mädchen aus seinen Händen zu befreien …

Wenn es der Kurzabriss der Storyline noch nicht klar gemacht hat, dann lässt spätestens die strahlende Farbgebung keinen Zweifel daran aufkommen, es hier mit einem lupenreinen Märchen zu tun zu haben. Dem monochromen Schmuddellook der beiden RAID-Filme setzt Evans hier leuchtende Blau-, Grün- und Rottöne entgegen, die Jakarta in Yudas Augen in einen Ort der wahrlich unbegrenzten Möglichkeiten verwandeln. Vom Märchen hat MERANTAU aber nicht nur die bunten Farben, sondern auch den klar vorgezeichneten Weg, die Aufgabe, die zu rettende Prinzessin und den finsteren Schurken. Es gibt keine Grautöne in MERANTAU, die Grenze zwischen Gut und Böse ist klar erkennbar und jede Relativität ist abwesend. Evans‘ Film steht in einer ganz klaren Traditionslinie, die von den Hongkong-chinesischen Kung-Fu-Epen der Shaw Brothers über deren Neuinterpretation durch Jackie Chan, Sammo Hung und Corey Yuen in den Achtzigerjahren bis hin zu aktuelleren Genrevertretern wie ONG-BAK oder TOM YUM GOONG reicht. Allenfalls das überraschende Ende fällt aus der Reihe, aber das mag auch am Blickwinkel des Westeuropäers liegen. Es verleiht dem Film, der sonst vielleicht etwas zu glatt vorüberzöge, emotionales Gewicht. Der Erfolg eines solchen Films steht und fällt aber natürlich mit den Fights, und hier deuten Evans und Uwais bereits an, zu was sie fähig sind. Die Kämpfe sind spektakulär, ohne allzu angeberisch zu sein, brachial, ohne auf vordergründigen Splatter zu setzen (erst sehr spät fangen Yudas Gegner auch an, Blut zu vergießen), artistisch, ohne ins Tänzerische abzugleiten. Die beiden finden das ideale Gleichgewicht zwischen Realismus und Effektreichtum, was sie von der Konkurrenz abhebt, die meist letzteres präferiert. Wer die Action in THE RAID und THE RAID 2: BERANDAL mochte, sie aber in etwas „mundgerechteren“ Happen bevorzugt, der wird mit MERANTAU garantiert glücklich.

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unruhige-toechter-9717_xlUNRUHIGE TÖCHTER ist so etwas wie das verhinderte Companion Piece zu Baumgartners großartigem SEX UND NOCH NICHT 16. Beide teilen eine jugendliche Hauptfigur (hier ist es die Abiturientin Susanne), hier wie dort gibt Peter Capra einen fiesen Erpresser, der Score ist zum Teil deckungsgleich und wie Baumgartner durfte auch Hansjörg Amon nur diesen einen Film inszenieren. Da hört es dann mit den Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder auf, denn UNRUHIGE TÖCHTER ist, wenn auch durch die Nostalgiebrille betrachtet ganz putzig, eher missraten, inszenatorisch kein Vergleich zum kreativen SEX UND NOCH NICHT 16.

Der Film kreist um die frühreife, progressiv eingestellte Susanne (Brigitte Skay), die ihre spießigen Lehrer mit neugierigen Aufklärungsfragen in die Bredouille bringt, eine Affäre mit dem verheirateten Lateinlehrer anfängt, Freundinnen zur Abtreibung rät und am Ende in die weite Welt reist, um Filmstar zu werden, während die Schulkameradinnen mit ihren kleinbürgerlichen Problemchen zu Hause bleiben. Das könnte ja alles ganz nett sein, wenn es nicht so hoffnungslos altbacken inszeniert und nachlässig erzählt wäre. Exemplarisch sei hier nur der Schauspieler-Subplot erwähnt: Susanne erhält durch ihren Fotografen und Liebhaber Kontakt zu einem Filmregisseur, der sie nach Betrachtung ihrer Nacktfotos vom Fleck weg als Hauptdarstellerin für seinen neuesten Film – ein Selbstmorddrama – haben will. Man glaubt zunächst daran, dass er sie mit diesem Bekenntnis nur ins Bett zerren will, doch er meint es tatsächlich ernst. Bei der ersten Szene hat sie noch Probleme, meistert sie aber mithilfe ihres Fotografenmentors, bei der zweiten ist der Regisseur dann vollends begeistert. Aber was für Szenen das sind: Damit käme kein Provinztheater durch. Dass Susanne aufgrund dieser Darbietung am Ende ins Flugzeug nach Hollywood steigt, ist geradezu lachhaft. Das Herz der Films schlägt durchaus auf dem rechten Fleck: Susanne ist eine junge Frau, die sich nicht in das Ende der Sechzigerjahre noch enge Rollenkorsett zwängen lassen will, sich nimmt, was sie will, und dabei keine Kompromisse macht. Aber sie wirkt darin eben nicht glaubwürdig, der ganze Film ist gnadenlos konstruiert und Brigitte Skay – wie im intradiegetischen Film – hoffnungslos damit überfordert, mehr als nur das hübsche, sexuell erfahrene Püppchen mit dem großen Mundwerk zu geben. Und trotz vergleichsweise straffer Handlungsorganisation kommt UNRUHIGE TÖCHTER am Ende zerstückelter und zerfahrener daher als der improvisierte, fragmentarische SEX UND NOCH NICHT 16. Nee, das war nix.

Udo kommt zu einer wesentlich positiveren Einschätzung, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten will.

SEX UND NOCH NICHT 16 (nicht zu verwechseln mit dem Ingrid-Steeger-Vehikel) ist ein Meisterwerk des deutschen psychotronischen Kinos – aber leider kaum bekannt. Regisseur Peter Baumgartner hatte sich das Recht auf einen eigenen Film als DoP für Erwin C. Dietrichs ST. PAULI ZWISCHEN NACH UND MORGEN und SEITENSTRASSE DER PROSTITUTION erworben, eine Tätigkeit, die er kurz danach wieder aufnahm, denn SEX UND NOCH NICHT 16 sollte seine letzte Regiearbeit bleiben. Warum ist indessen alles andere als nachvollziehbar. Der Film war kommerziell durchaus erfolgreich und zudem eindeutiger Beweis für das Talent Baumgartners. Experimentell, fragmentarisch, künstlerisch, kreativ, freigeistig, innovativ: SEX UND NOCH NICHT 16 hätte mit anderen Dietrich-Produktionen jener Zeit so etwas wie die Speerspitze einer deutschen Nouvelle Vague begründen können, aber leider wurde daraus nichts. Hatten sich die Zuschauer, die sich in Erwartung eines lüsternen Sexfilms verstohlen ins Kino geschlichen hatten, nach dem Film möglicherweise verprellt gefühlt? Zwar gibt es den versprochenen Sex mit einer 15-Jährigen – Darstellerin Rosy-Rosy aka Rosemarie Heidinkel, ein dunkelhaariges Brigitte-Bardot-Lookalike war tatsächlich bereits 22 –, doch ist der kaum mehr als eine Randerscheinung. Es ging Baumgartner um andere Dinge und die Sexfilmschablone war kaum mehr als ein Etikett, um das Publikum anzulocken.

Zu behaupten, SEX UND NOCH NICHT 16 erzähle eine Geschichte, ginge an der Realität des Films vorbei, doch wenn man so etwas wie eine Handlung aus dem straffen Siebzigminüter herauskristallisieren wollte, ließe diese sich so zusammenfassen: Die 15-jährige Waise Rosy (Rosy Rosy) landet auf ihrer Flucht aus dem Pflegeheim im Nachtklub der Sängerin Helen (Helen Vita) und lernt dort den netten Studenten Rolf kennen. In die sich anbahnende Liebesgeschichte platzt Helens Manager Johnny (Peter Capra), ein kleinkrimineller Gernegroß, der in der attraktiven Minderjährigen eine willkommene Einnahmequelle sieht, sie mit seinem Geprotze ködert und dann als Jungfrau an bereitwillig zahlende Kunden verschachert. Doch Johnny kriegt den Hals nicht voll: Als er einen Radprofi nach dessen Nummer mit Rosy erpresst, kommt es zur nächtlichen Auseinandersetzung auf dem Güterbahnhof, in die sich auch der fürsorgliche Rolf einmischt.

Man könnte sich ohne Weiteres einen Film vorstellen, der daraus ein 90-minütiges Sleazedrama macht, aber Baumgartner interessierte sich mehr für die somnambule Atmosphäre unter den Vergnügungssüchtigen, die Helens Club bevölkern, oder die frivol-rotzigen Chansons, die die alternde Diva zu Besten gibt, Kleine, eigentlich unwichtige Szenen werden dank der einfallsreichen Inszenierung und des expressiven Schnitts zu lebhaften Vignetten, die das Rauschhafte lustvoll unterstreichen. Man weiß nie genau, was als nächstes passieren wird, alles scheint möglich: Eine ganz typische Eigenschaft solcher „Nachtfilme“ zwar, unter denen SEX UND NOCH NICHT 16 dank seiner formalen Radikalität und Frische aber dennoch eine Sonderstellung einnimmt. Es ist beeindruckend, wie es Baumgartner gelingt, jeden Vorwurf stilistischer Eitelkeit und Prätentiösität mit spielerischer Leichtigkeit zu umgehen und einen Film vorzulegen, der trotz seiner Künstlichkeit wie der authentische Ausdruck reiner Lebenslust wirkt.

Vacanze_per_un_massacro_1980Der Gewaltverbrecher und Bankräuber Joe Brezzi (Joe Dallessandro) bricht aus dem Knast aus, killt zwei Typen, klaut ihr Auto und begibt sich zu dem Bauernhäuschen, wo er einst seine Beute versteckt hatte. Dummerweise haben sich dort soeben drei Städter für ein erholsames Wochenende einquartiert: der Hobbyjäger Sergio (Gianni Macchia), seine Gattin Liliana (Patrizia Behn) und deren Schwester Paola (Lorraine De Selle), die eine Affäre mit Sergio hat …

Durchaus untypisch für den doch weitestgehend geschmackssicher inszenierenden Di Leo beginnt VACANZE PER UN MASSACRO wie ein richtiger schmuddelig-dampefender Sleazehobel. Schwer zu sagen, ob das die Zeit war, die Di Leo zwang, sich dem Unterleib des italienischen Volkes zuzuwenden – der Niedergang des italienischen Kinos war bereits kaum noch abzuwenden –, oder ob er sich da lediglich einen Spaß erlaubte, um das Publikum in „Sicherheit“ zu wiegen. Die letzte halbe Stunde und das Finale sind nämlich von anderem Kaliber als der spaßige, aber auch etwas einfältige Aufbau. Was natürlich nicht heißt, dass der Film bis dahin schlecht wäre. Dreck und Schmier können ja durchaus erfrischend sein und das ist auch VACANZE PER UN MASSACRO in jedem Fall. Joe Dallessandro ist ganz fleischgewordene, entgeistigte, entintellektualisierte Körperlichkeit wie er da mit Jeans und Trägershirt und stumpfen Gesichtsausdruck durch die Pampa watschelt (sein Bewegungsablauf ist schon die halbe Miete, ehrlich!), kaum unter Kontrolle gehaltenes Tosen der Hormone, und in der kargen Hütte, in der sich die drei schicken Stadtmenschen versammeln steht die Stimmung breiets vor seiner Stippvisite vorm Überkochen. Paola kann es kaum erwarten, es von ihrem Sergio besorgt zu bekommen und benimmt sich wie eine Nymphomanin, der ein paar Sicherungen rausgeflogen sind: Gleich am Esstisch steckt sie ihm den Fuß in den Schritt, drückt ihm Küsse auf, wenn Liliana sich bloß umdreht, schläft vollkommen nackt in der Wohnstube des Hauses und empfängt ihn am nächsten Morgen mit entblößtem Venushügel, während die gutgläubige Gattin nur wenige Meter entfernt nichts ahnend schlummert. Und die hat wiederum gar kein Problem damit, dass sie sich ständig das Geschlechtsorgan ihrer enthemmten Schwester anschauen muss. Sergio selbst ist aber nur unwesentlich besser: Zwar versucht er verzweifelt eine gewisse Diskretion zu wahren, aber irgendwie genießt er die Situation auch. Joe findet Paola schließlich allein vor – er hatte das Treiben im Haus zuvor beobachtet und weiß von der Dreiecksbeziehung – und wird sogleich Opfer ihrer wenig subtilen Ranschmeißmethoden. Mehr aus Bequemlichkeit zieht er sie durch, bevor er sich wieder wichtigeren Dingen zuwendet. Richtig interessant wird es, als sich Liliana und Sergio wieder einfinden und Joe die Bombe platzen lässt. Dann zeigen die zuvor so verlogenen und feigen Städter plötzlich ihre Zähne, spinnen böse Pläne und vergessen jede Blutsverwandtschaft, um ihre eigenen Ärsche zu retten. Da kommt sie dann wieder durch, die zynische, pessimistische Welt- und Menschensicht Di Leos, und was vorher ein blödlustiger Reigen der Niedertracht war, wird mit einem Mal zum bitteren Psychothriller mit unerwarteten Wendungen.

Auch ästhetisch ist VACANZE PER UN MASSACRO spannend, weil er dem grauenvoll schmucklosen Interieur, in dem der Film über weite Strecken angesiedelt ist, mit der Kameraführung eines Vollprofis begegnet und es immer wieder mit sonnendurchfluteten Außenaufnahmen der italienischen Natur kontrastiert. Und Luis Bacalov zieht mit seinem Score ebenfalls alle Register seines Könnens, verbindet ein hochdramatisches Orchesterstück mit treibenden Beatsongs, plötzlich aufheulenden Sirenen und dissonantem Synthiegefiepse. So wird dieses sparsame Vier-Personen-Kammerspiel bis zum Bersten aufgeladen, bis es zum Schluss nur noch in einem Freeze Frame explodieren kann. Toll.

liberi_armati_pericolosi_tomas_milian_romolo_guerrieri_001_jpg_fbsyJugendliche Straftäter bevölkern das Kino spätestens seit den Fünfzigerjahren, als Rock’n’Roll und Rebellion vielleicht zum ersten Mal eine scharfe Trennlinie zwischen Erwachsenen und Jugendlichen zogen, sich ein „Wir-und-die-anderen“-Gefühl ausbreitete. Der Juvenile-Delinquents-Film schlug im Grunde zwei Fliegen mit einer Klappe: Unter dem Deckmäntelchen der Gesellschaftskritik, durch die sich Erwachsene in all ihren Vorurteilen und Ängsten gegenüber bzw. vor der „Jugend von heute“ bestätigt finden durften, wurde die Wildheit und Ungezügeltheit derselben gefeiert, die sich endlich einmal in Überlebensgröße auf der Leinwand repräsentiert sah. Mit dem Voranschreiten der Jahrzehnte änderte sich aber auch die Darstellung von Jugendkriminalität: Was früher Ausdruck von Rebellion gegen den Status quo (und nicht zuletzt ein Stück Lifestyle) war, entpuppte sich immer mehr als verzweifelter Versuch der Jugendlichen, mit diesem mitzuhalten. Vor allem im italienischen Crime-Kino der Siebzigerjahre wird das deutlich: Die Motivation ist ganz klar das Geld, das den Ausbruch aus der Armut sichern soll. Die drei männlichen Protagonisten von Guerrieris LIBERI ARMATI PERICOLOSI haben nichts von der Coolness, die einst James Dean oder Marlon Brando auszeichnete, vergangene Ikonen rebellischer Jugendkultur. Es sind armselige Loser, hoffnungslos Fehlgeleitete, für die es schon zu Beginn keinen Ausweg mehr gibt.

Lea (Eleonora Giorgi) unterrichtet den Polizeikommissar (Tomas Milian) davon, dass ihr Freund Luigi (Max Delys) zusammen mit seinen Kumpels Mario (Stefano Patrizi) und Giovanni (Benjamin Lev) einen Überfall auf eine Tankstelle plane. Die drei seien im Grunde genommen harmlos und nur mit Spielzeugpistolen ausgestattet, aber ein Überfall sei schließlich dennoch ein Überfall. Die Polizei nimmt sich der Sache an und bewacht die Tankstelle, muss aber beobachten, wie sich die Situation ganz anders entwickelt als erwartet: Als der Tankwart sich weigert, das Geld herauszugeben, erschießt Mario ihn mit seiner keineswegs falschen Waffe, im folgenden Feuergefecht müssen drei weitere Polizisten ihr Leben lassen, bevor den Jungs die Flucht gelingt. Die Polizei auf den Fersen, setzen sie ihren Raubzug fort, nach ihren ersten Morden nun völlig enthemmt. Nur Luigi nimmt an dem sich anbahnenden Massaker nicht teil, bringt aber auch nicht den Mut auf, seine Freunde zu stoppen …

Das Postermotiv und der Name von Tomas Milian lassen einen typischen Polizeifilm erwarten, doch Guerrieri (der nach einem Drehbuch von Fernando Di Leo inszenierte) hat anderes im Sinn (sehr zu Verwirrung eines österreichischen IMDb-Rezensenten, der den Film verreißt, weil er nicht das ist, was er erwartet hat). Der kubanische Star des Italokinos jener Tage hat nur eine vergleichsweise kleine Nebenrolle, der Fokus liegt ganz auf den Jugendlichen, die sich in blinder Raserei immer tiefer in die Scheiße reiten, ohne auch nur einmal innezuhalten. Das Spannende an LIBERI ARMATI PERICOLOSI ist die Abwesenheit jeglichen erklärenden Kontextes. Die Eltern der drei Straftäter sieht man nur kurz, und eine kurze Szene, in der der Kommissar dem desinteressierten Vater (Venantino Venantini) von Luigi erklärt, dass man Kindern zuhören, ihnen Liebe und Zuneigung schenken müsse, weil sie sonst zu „Monstern“ würden, ist eher hinsichtlich der Hilflosigkeit der Polizei aussagekräftig, als dass sie die Ursachen hinter den Verbrechen zufriedenstellend benennen würde. Auch das Geld, das die drei Jungen als ihre Hauptmotivation angeben, ist nur ein leeres Symbol. Die Antwort auf die Frage, warum es bei anscheinend völlig normalen, netten Jungs plötzlich „Klick“ macht, warum sie von einem Tag auf den nächsten zu rücksichtslosen Killern werden, die lustvoll alle Gesetze, Normen und Werte in den Staub treten, kann nicht eindeutig gegeben werden. So gibt es auch hier gleich mehrere Indizien, von denen die Gruppendynamik, die die drei unterschiedlichen Charaktere entwickeln, vielleicht das entscheidende ist. Das hysterische Großmaul Giovanni spielt sich gern als Anführer auf und hat mit Luigi und Mario zwei Kumpels zur Seite, die ihm dabei nicht in die Quere kommen. Luigi, der ruhigste der drei, ist der ideale enabler, weil er grundsätzlich konfliktscheu und entscheidungsschwach ist. Zwischen beiden hin- und hergerissen ist der sowieso schon instabile, aber tatkräftige Mario, der offensichtlich Probleme mit seiner Sexualität hat: Giovanni hilft ihm dabei, sich als Kerl zu fühlen, und dem sanften Luigi – der aber mit der schönen Lea verbandelt ist – gilt sein eigentliches Interesse. Entlädt sich da auch die in einer Machogesellschaft angestaute sexuelle Frustration? In einem kongenialen dramaturgischen Schachzug lässt LIBERI ARMATI PERICOLOSI den Großstadtmoloch Mailand nach ca. einer Stunde hinter sich und begibt sich in die Natur, als sich die Flüchtigen mit ihrer Geisel Lea im Schlepptau auf den Weg zur Grenze machen. Vielleicht ist es doch nicht die gesellschaftliche Prägung, die den Menschen zum potenziellen Mörder macht, vielleicht steckt das alles einfach in uns drin.

a good man (keoni waxman, usa 2014)

Veröffentlicht: Februar 27, 2015 in Film
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Ich schätze, für einen Seagal-Film wie A GOOD MAN muss man anno 2014 einfach dankbar sein. Große Begeisterung vermag er zwar nicht auszulösen, aber er ist auch kein Zugunglück, hat ein paar nette Einfälle, ein paar hübsche Schwertfights, die Erinnerungen wach werden lassen an die guten alten Zeiten in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, als Seagal on top of his game war, und er auch wird nicht übermäßig durch diese Unzulänglichkeiten getrübt, die so viele Seagals der letzten 15 Jahre aufwiesen. Der mittlerweile auf Schrankwandgröße angeschwollene Star stand offensichtlich während eines substanziellen Teils der Dreharbeiten zur Verfügung, nur ein paarmal wird an seiner Stelle ein Stand-in ins Bild geschoben, und nachsynchronisiert wurde er auch nicht. Keoni Waxman, der zu Seagals Stammregisseur herangereift zu sein scheint – er drehte mit ihm bereits THE KEEPER, A DANGEROUS MAN, MAXIMUM CONVICTION, FORCE OF EXECUTION und 8 Episoden der Fernsehserie TRUE JUSTICE –, liefert ordentliche Arbeit ab und fängt auch die Actionszenen gut ein, hat sonst aber allem damit zu kämpfen, dass kaum etwas an A GOOD MAN wirklich hängenbleibt. Wieder einmal in Bukarest gedreht und mit den typischen Ostblock-Russenmafia-Darstellern besetzt, versinkt der Film in der immer unüberschaubarer werdenden Flut vergleichbarer DTV-Actioner: Wo MERCENARY FOR JUSTICE, SHADOW MAN, BORN TO RAISE HELL, SIX BULLETS, ASSASSINATION GAMES, LAST BULLET oder DIRECT CONTACT enden und A GOOD MAN anfängt, kann man längst nicht mehr genau sagen.

Was bleibt also von A GOOD MAN? Seagals Bart und seine neue Vorliebe für Schals zum Beispiel. In der Rückblende, mit der der Film eröffnet und die die Motivation seines Alexander erklärt, eines ehemaligen Spec-Ops-Mannes, gibt er wieder einmal seiner Vorliebe für schwer verständlichen Tech Talk nach, strickt er weiter an der Legende seiner „dunklen Vergangenheit“. Eine echte Überraschung ist die spätere Enthüllung, wer hinter den üblen Morden an Mobstern steckt, deren verstümmelten und mit Räucherstäbchen garnierten Leichen überall in der Stadt an mit japanischen Schriftzeichen dekorierten Orten auftauchen: Kein Psychopath, sondern der Held Alexander selbst ist es, der als „White Ghost“ auf der Jagd nach dem Waffenhändler Chen (Tzi Ma) ist und dabei kräftig aufräumt. Irgendwann ist Seagal definitiv reif, den Killer in einem Slasher- oder zumindest Serienmörderfilm zu spielen, die richtigen Körpermaße für Jason Voorhees hat er ja schon. Als human interest wird die liebe Lena (Iulia Verdes) eingeführt, die für die Schurken als Kellnerin in einer Strip-Bar arbeiten muss, für ihre süße minderjährige Schwester Mya sorgt und außerdem einen halbseidenen Halbbruder namens Sasha (Victor Webster) hat, der Alexander am Ende hilft. A GOOD MAN endet dann auch mal wieder mit einer jener unangenehmen Liebesszenen zwischen Seagal und seiner gut 30 Jahre jüngeren Partnerin, von denen der Star nicht lassen kann, obwohl diese ihm weder liegen noch zu seinen Charakteren passen. Klar, am Ende soll sein Alexander geläutert sein, doch sind die turmhohen Leichenberge, die er überall hinterlassen hat, deswegen wirklich vergessen? Das Hundchen, das er sich als treuen Gefährten hält, kann die Zweifel, die an seiner psychischen Verfassung aufkommen, jedenfalls nicht gänzlich zerstreuen, auch wenn das wohl so gedacht war.

Fazit: Ein durchschnittlicher DTV-Actioner, der die Krise des Genres nicht aufzulösen vermag, dem Seagal-Komplettisten aber durchaus das ein oder andere Aha-Erlebnis schenkt. Wie gesagt: Dafür muss man schon dankbar sein.

MAN MAN

Das erste Gefühl: Enttäuschung.

THE RAID 2: BERANDAL hat es aber auch nicht ganz leicht. THE RAID kam damals förmlich aus dem Nichts, um mit seinem No-holds-barred-approach und 110-minütiger Non-Stop-Action den von CGI abgetörnten Zuschauer komplett wegzublasen. Er war nicht ganz ohne Vorbild – John Woos Hongkong-Abschiedsfilm LAT SAU SAN TAAM war vor rund 25 Jahren ein vergleichbarer Frontalangriff und Prachya Pinkaew präsentierte in ONG-BAK mit Tony Jaa einen ähnlich suizidalen Martial Artist wie Evans mit Iko Uwais –, erschien aber in so großem Abstand zu den genannten, dass man nur zu gern bereit war, ihn als Wiedergeburt oder zumindest als Wiederbelebung eines darbenden Genres zu feiern.

THE RAID 2: BERANDAL, den Regisseur Evans eigentlich ursprünglich als ersten Teil geplant hatte, aus Finanzierungsgründen aber das günstiger zu produzierende Sequel vorzog, geht einen gänzlich anderen Weg als der Vorgänger. Mit 150 Minuten Länge wird echte Epik angestrebt, und statt eine ausufernde Actionszene mit kurzen Pausen aufzulockern, während derer die Geschichte vorangetrieben wird, ist es hier eher umgekehrt. Es dauert eine Weile bis zum ersten langen Action-Setpiece und in der Zeit bis dahin wird viel, viel Exposition in langen, statischen, ganz im Gegensatz zum sonst entfachten Wirbel bleischwer und zäh anmutenden Dialogszenen abgearbeitet, deren Ernsthaftigkeit nicht ganz im Einklang mit der Formelhaftigkeit des Plots steht: Um die grassierende Polizeikorruption in jakarta auszuhebeln, wird Rama (Iko Uwais) von einer Sondereinheit als Undercover-Cop dazu ausgewählt, sich in die Gangster-Organisation von Bangun (Tio Pakusodewo) einzuschleichen. Um das Vertrauen des Bosses zu gewinnen, sperrt man ihn in das Gefängnis, in dem dessen Sohn Uco (Arifin Putra) einsitzt, dem er gegen eine ganze Horde gedungener Mörder zur Seite steht. Der Plan geht auf und Rama leistet nach seiner Entlassung seinen Dienst als rechte Hand Ucos. Zur gleichen Zeit plant Bejo (Alex Abbad), ein anderer aufstrebender Gangsterboss, seinen Coup: Er will die Macht in Jakarta an sich reißen, indem er Bangun und den Japaner Goto (Kenichi Endo) gegeneinander ausspielt. Uco, selbst von Machthunger ergriffen, soll ihm dabei helfen.

Evans erzählt diese sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren erstreckende Geschichte mit vielen Ellipsen und Sprüngen, führt unvermittelt neue Figuren ein, verschiebt unerwartet den Focus von einer auf die andere, unterbricht den Flow immer wieder jäh mit jenen statischen Dialogszenen. Vor allem während der ersten Stunde stellt sich so das Gefühl ein, hier sei ein Regisseur unter der Last der Ambition eingeknickt. Die Leichtfüßigkeit, das Tempo, die THE RAID ausgezeichnet hatten, sind dahin und das, was an ihre Stelle tritt, stellt keinen adäquaten Ersatz dar. Die Charaktere bleiben Folien, selbst wenn es immer wieder schöne Einfälle gibt: Als Rama nach zwei Jahren seine Gattin anruft und sie bittet, ihn die Stimme des Sohnes hören zu lassen. ohne dass der es merkt, schließt die Szene mit dem Bild des in den Raum gehaltenen Telefonhörers und der aus dem Off erklingenden Stimme des Kindes. Toll sind auch wieder die gemäldeartigen Bildkompositionen und die lebendigen Texturen von verwitterten Wänden und Böden: Die Aufnahme zweier Männer vor einer Wand, der Blick auf eine verfallene Plattenbausiedlung, das Bild einer durch den Schnee sickernden Blutlache werden zu impressionistischen Gemälden. Evans zeigt eine Vorliebe für authentisch wirkenden Schmutz und Verfall, der THE RAID 2: BERANDAL einige fantastische visuelle Momente verdankt. Aber die Lebendigkeit, die diese Bilder suggerieren, stehen im Kontrast zur Leere der Charaktere: Das aalglatte, in seiner Makellosigkeit fast manipuliert aussehende Gesicht Ucos ist da fast schon paradigmatisch zu nennen.

Irgendwann fängt sich der Film – oder man gewöhnt sich daran, dass er visuell wie erzählerisch einer sehr eigenen Ästhetik verpflichtet ist. Dieser neurotische Wechsel von ultrabrutalen, halsbrecherisch spektakulären Actionszenen und somnambulen, aber nichtsdestotrotz (bedeutungs)schweren, drückenden Dialogszenen entwickelt mehr und mehr seinen eigenen Reiz. Es hilft aber zugegebenermaßen auch, dass die Pausen zwischen den Massakern mit zunehmender Laufzeit kürzer werden. Und hier brillieren Evans und Hauptdarsteller/Choreograf Uwais dann wie gewohnt: Die Kamera wirbelt genauso entfesselt wie die Darsteller, dennoch bleibt die Übersichtlichkeit stets gewahrt. Stilistisch sind die Martial-Arts-Fights nicht von jener Eleganz geprägt, die etwa alte Hongkong-Eastern auszeichnet, auch nicht von der kalten Effizienz, mit der Seagal zu Werke ging, vielmehr steigert sich Uwais in einen Zustand berserkerhafter Raserei, wirft sich mit vollem Körpereinsatz und ohne Rücksicht auf Verluste in seine Gegner und walzt sie buchstäblich nieder. Artistik ja, aber sie geht hier nicht mit der Freude einher, die Gesetze der Physik zu überwinden, sondern verfolgt stets den Zweck, größtmöglichen Schaden anzurichten. Den Gegner greifen und ihn mit voller Wucht in eine Wand oder gegen einen Pfeiler zu schleudern: Das ist der Move, der seine Methode vielleicht am ehesten repräsentiert. Der Blutverlust hier ist enorm, ebenso wie die Anzahl gebrochener Knochen. Genüsslich werden Gegner zu Kebap zerhäckselt, Gesichter und Köpfe weggeschossen, eingeschlagen oder zerschlitzt, Körper pulverisiert, Gliedmaßen verbogen oder aus den Gelenkpfannen gerissen. Als ein Killerpärchen auftritt, das mittels zweier Hämmer (Sie) bzw. Baseballschläger und zugehörigem Ball (Er) mordet, droht THE RAID 2: BERANDAL die Grenze zum Funsplatter zu überschreiten, aber Evans findet doch noch den richtigen Dreh. Die Höhepunkte des Films sind eine schier wahnsinnige Verfolgungsjagd, zu der neben dem obligatorischen vehicular mayhem auch eine irre Prügelei zwischen vier Personen im Inneren eines fahrenden Autos (!) gehört, und der große Schlussfight zwischen Rama und einem mit zwei sichelartigen Messern bewaffneten Killer. Wie die beiden hier in einem nicht enden wollenden, gnadenlosen Kräftemessen den Raum mehrfach durchmessen, bis einer von ihnen in einer riesigen Blutlache liegt, setzt sicherlich neue Maßstäbe im Bereich des Martial-Arts-Films.

Am Ende war ich dann doch sehr versöhnt mit dem Film und bin gern bereit, ihm seine Schwächen zu verzeihen: Evans hätte es sich gewiss einfach machen und die Schablone des erfolgreichen ersten Teils ein zweites Mal anwenden können: Rama vs. Schurkenarmee auf einem Schiff/in einem unterirdischen Gewölbe/in einem abgeschlossenen Freiluftgebiet. Stattdessen geht er einen Weg, mit dem er manchen Fan verprellen mag. Es ist etwas Arbeit und Eingewöhnung nötig, um sich auf das gedrosselte Tempo des Sequels einzustellen, aber wenn man sich darauf einlassen mag, wird man mit einem ungewöhnlichen, originellen und einzigartigen Film belohnt, den ich mir jetzt am liebsten gleich noch einmal ansähe.