1. mondo bizarr weekender: primitif (sisworo gautama putra, indonesien 1980)

Veröffentlicht: Februar 2, 2015 in Film
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film primitifIn meiner Erinnerung bestand DER TODESSCHREI DER KANNIBALEN aus den seltsamen, mit Kraftwerks „Wir sind die Roboter“ unterlegten Credits, rammdösigem Gestapfe einer spargeligen Brillenschlange im indonesischen Busch und einer fadenscheinigen Splatterszene mit ein par angespitzten Stöcken. Umso schöner war die Sichtung gestern, bei der ich feststellte, dass der Film durchaus eine – wenn auch dünne – Handlung und sogar weitere Darsteller aufweist. Des Rätsels Lösung liegt wohl darin, dass ich mir den Film nie wirklich anders als im schnellen Vorlauf auf der Suche nach happigen Effekten gesehen habe, ohne dabei jedoch fündig zu werden. Das NL-Tape hatte ich bei einer meiner vielen Touren nach Venlo erstanden und mehr aus Trotz gekauft: Er war billig, in rauer Stückzahl vorhanden und irgendwann ging er mir wohl auf die Nerven, wie er mich da jedesmal aus der Auslage anlachte. Wahrscheinlich war es gut, dass ich mir die Sichtung bis heute aufgespart habe, denn als Kannibalen- oder gar Horrorfilm (den ich damals erwartet habe) taugt PRIMITIF absolut gar nicht. Was auch daran liegen mag, dass er eigentlich gar kein „echter“ Kannibalenfilm ist, wenn er auch viel mit den Vertretern des Genres gemeinsam hat.

Eine Gruppe von Anthropologen – darunter der junge Barry Prima in einer sehr frühen Rolle – reist in den Urwald, um dort einen Stamm von „Steinzeitmenschen“ ausfindig zu machen (hence der Originaltitel). Auch die Warnungen ihres Führers können sie nicht abhalten, zu groß ist der wissenschaftliche Ehrgeiz. Es kommt, wie es kommen muss: In den Stromschnellen eines reißenden Flusses geht erst das Floß kaputt und das Team wird auseinandergerissen, dann landen Amri (Barry Prima) und Rika (Enny Haryono) in der Gefangenschaft des Steinzeitmenschen-Stammes, die die beiden an ihrem lustigen Alltag teilhaben lassen: Sie kommen mit den Eigenheiten der Urwaldküche in Kontakt, werden in putzige Gesellschaftsspielchen eingebunden und müssen ihren Gastgebern bei Rechtsprechung und Urteilsvollstreckung zusehen. Amri wird einmal von einem kleinen Jungen angestrullert, Rika werden die Kleider von den auf natürlichen Schlussverkauf-Entzug gesetzten Damen so kunstfertig vom Leib gerissen, dass dabei ein stylishes Twinset aus bauchfreiem Top und knappen Hotpants übrig bleibt. Hier kündigt sich für viele der Frauen eine hoffnungsvolle zukünftige Karriere in einem hübschen Sweatshop an. Indes vergiftet sich der durch den Urwald laufende Tommy (Johann Mardjono) an psychedelischen Äpfeln, während der Führer einem beißwütigen Krokodil zum Opfer fällt. Es gibt überhaupt viele Tiere in PRIMITIF, meist aus Archivmaterial eingeschmuggelt. Sehr toll ist der Kampf eines der Kannibalen mit einer leblosen Python, die er sich mit beiden Händen fest um den Bauch wickelt und sich dann hysterisch im Schlamm wälzt, weniger toll ist die echte Schlachtung eines lebenden Krokodils. CANNIBAL HOLOCAUST ist tatsächlich der einziger Film, dem ich seine Tiertötungen verzeihe, weil klar wird, dass es Deodato dabei gerade nicht darum geht, ein sensationalistisches Bedürfnis zu befriedigen, sondern dem Zuschauer genau das – genauso wie sein gespaltenes Verhältnis zur Natur und sein scheinheiliges Moralverständnis – vorzuhalten. Regisseur Gautama Putra zeigt sich dann aber doch noch ein nicht ganz verloren, als er bei der Tötung eines Orang-Utans einen Trick anwendet. Das war dann wohl selbst ihm zu heiß und der Zuschauer weiß es zu schätzen. (Es ging ein hörbares Aufatmen durchs Kino.) Irgendwann reißt Amri der Geduldsfaden und ihm und Rika gelingt dann recht einfach die Flucht, die sie wohl auch schon früher hätten haben können. Es kommt noch zu einigen Auseinandersetzungen während der Flucht, bei der auch der lustige Tommy stirbt (der mich massiv an eine indonesische Version von Lil‘ Wayne erinnert hat). Die zuvor noch überzeugt geäußerten Pläne, zurückzukommen und den Steinzeitmenschen den Segen der Zivilisation zu bringen, gewissermaßen als verspätetes Gastgeschenk, wird verworfen. Ach so, gefressen wird niemand, aber rohes Fleisch gibt es trotzdem.

PRIMITIF ist, wie man es von indonesischer Exploitation generell erwartet, ein überdrehter Mummenschanz, der beknackte Sensationen am Fließband liefert. Die Extras, die die Steinzeitmenschen spielen, sind besonders putzig, rollen ständig mit den Augen und machen Grunzlaute oder auch einfach nur „Huhuhu“. Sich bei Ansicht des Films vorzustellen, wie da ganz normale Leute ans Set gekarrt, mit Dreck eingerieben und dann aufgefordert wurden, Höhelenmensch-Familie zu spielen, ist schon der halbe Spaß an der ganzen Sache. Das ist Kino! Den Rest besorgt der Enthusiasmus der Beteiligten: Sogar ein Säugling spielt mit! Da kennen die echt nix, die Indonesier. Zwischendurch nimmt PRIMITIF fast parodistische Züge an, weil es Gautama Putra einfach nicht gelingen will, dem Zuschauer weiszumachen, dass das, was er da sieht, schrecklich ist. Die genretypischen Demütigungen, denen die Forscher unterzogen werden, muten eher wie derangierte Partyspiele an, und man merkt, dass alle total Bock darauf hatten, den Zivilisationsmenschen zu Hause und als Kannibale die Sau rauszulassen. Das wirkt auf die Dauer immens ansteckend. Einmal Höhlenmensch sein, das hätte schon was. Zum Bizarro-Move mit dem Kraftwerk-Song kann ich nur sagen, dass der mit Kenntnis des Genres, vor allem mit seiner Sternstunde CANNIBAL HOLOCAUST, durchaus sinnhaft wird. Dem Genre inhärent ist ja eine Zivilisationskritik, die in erster Linie durch die Gleichsetzung unserer vermeintlich gesitteten Welt mit der gesetzlosen Wildheit der Urvölker artikuliert wird. Da wirkt der Einsatz von Kraftwerks Elektronikklassiker, dessen Titelzeile den Menschen zur Maschine macht, wie eine logische Fortführung. Dass die Macher das so beabsichtigt haben, dass sie überhaupt wussten, was da gesungen wird, darf natürlich bezweifelt werden – sofern der Song in der Originalfassung überhaupt zu hören war und nicht erst nachträglich eingefügt wurde. Wie dem auch sei: Ein großer Spaß.

 

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