1. mondo bizarr weekender: di yi lei xing wei xian (tsui hark, hongkong 1980)

Veröffentlicht: Februar 2, 2015 in Film
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Boah, was für ein Brett! Tsui Hark nimmt mit diesem Frühwerk (es ist sein dritter Spielfilm) keine Gefangenen und liefert einen ultradeprimierenden, hyperbrutalen, megarohen Wutklumpen ab, mit dem er quasi im Alleingang die Hongkong-New-Wave initiierte, die dann im Laufe des Jahrzehnts zum durchgestylten Heroic-Bloodshed-Kino eines John Woo mutierte. Choreografiertes Kugelballett sucht man hier noch vegebens, stilistisch ist Harks Film deutlich näher dran an den siffigen Runterziehern, die New Yorker Filmemacher wie James Glickenhaus oder William Lustig zu jener Zeit ausschwitzten und damit ihren Zorn und ihre Angst kanalisierten.

Zu den Klängen von Goblins Stampfthema aus DAWN OF THE DEAD entführen gleich die ersten Bilder in einen Abgrund aus Dreck, Beton, Armut, Tod und Gewalt. Blick in ein dunkles, klaustrophobisches Drecksloch in einer dieser trostlosen, gigantischen Hongkonger Hochhauskomplexe, in denen sich Elend an Elend reiht. Einmal hier angekommen, ist alles aus. Eine weiße Maus wird aus ihrem Käfig geholt und bekommt dann eine Stecknadel tief in den Nacken gestochen. Panisch beginnt sich das arme Geschöpf im Kreis zu drehen, versucht verzweifelt mit der Nase an die schmerzende Stelle zu gelangen, bis schließlich seine Beine erlahmen und es sich nur noch langsam zuckend fortbewegt. Es ist kein schöner Anfang, ein höchst streitbarer überdies, aber er ist die ideale Einleitung für das, was da in den kommenden 80 Minuten über den Zuschauer wie ein zerstörerischer Hagelschauer hereinbricht.

Drei junge Studenten aus gutem Haus, die mit ihren Hornbrillen, den braven Harrschnitten und den Bubigesichtern noch wie Schüler aussehen und deren größte Sorge die ständige Bevormundung durch die Eltern ist, fahren bei einer nächtlichen Spitztour einen Mann über den Haufen. Bei ihrem Fluchtversuch – sie wissen, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht – werden sie von einem Mädchen beobachtet, das sie fortan dazu erpresst, bei ihren depressiv-suizidalen Aktionen mitzuwirken. Die Hobby-Bombenbastlerin ist die Schwester eines Polizisten (Lo Lieh) und eben jene Rattenquälerin aus dem Vorspann. Den ganzen Tag sitzt sie in ihrem Drecksloch, ohn Aussicht auf eine bessere Zukunft, und hat viel Zeit, ihren wachsenden Hass zu pflegen. Die Jungs kommen ihr gerade Recht, denn Mäuse zu quälen ist auf Dauer keine Herausforderung. Wie dem auch sei: Irgendwann kommen die vier jungen Leute einem Gangster in die Quere, dem sie ein Päckchen abnehmen, ohne zu wissen, worum es sich dabei handelt. Der Inhalt entpuppt sich als ein ganzer Batzen gestohlener, in Japan einzulösender Barschecks, den die Verbrecher natürlich zurückhaben wollen. Weil sich die Kleinkriminellen Taugenichtse beim Versuch, das Papier in Bargeld umzuwandeln, höchst naiv anstellen, sind ihnen bald außerdem diverse Banden und natürlich die Polizei auf den Fersen. Die Schlinge zieht sich immer enger um die Freunde, immer tiefer sinken sie in den Sumpf der Gewalt und die Wahrscheinlichkeit, heil aus der Sache herauszukommen, wird immer geringer. Auf einem gewaltigen Friedhof versammeln sich die Konfliktparteien zum großen Bluten, Morden und Sterben …

Tsui Harks Film stellt seiner Wahlheimat Hongkong – der Mann ist gebürtiger Vietnamese – kein gutes Zeugnis aus: Die Stadt ist heruntergekommen, diejenigen, die das Pech hatten, nicht auf der Sonnenseite des Lebens zu landen, werden in unwürdigen Elensbauten kaserniert, zwischen denen sich turmhoch der Müll und Bauschutt türmt, für junge Leute gibt es schlicht keine Perspektive, noch nicht einmal die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen und das Verbrechen wuchert wie ein bösartiges Geschwür. Kein Wunder, dass der Film der Obrigkeit damals ein Dorn im Auge war und erst nach diversen Entschärfungen den Weg in die Kinos fand. In Deutschland half man noch einmal aus ganz anderen Gründen nach: Um ihn für das anvisierte Actionpublikum interessant zu machen und eine entsprechende Titeländerung (siehe Bild) zu rechtfertigen, wurde die Synchro umgestrickt, der Film gekürzt und umgestellt. Dass er dabei dennoch nichts an seiner urwüchsigen einbüßte, auch plötzliche Handlungssprünge oder Ellipsen seine Durchschlagskraft beinahe noch verstärken, liegt in erster Linie an Harks enorm übergriffiger Inszenierung: In unnachgiebigem Tempo tobt sein Film einem alles wegblasenden Finale entgegen, dabei jedoch niemals in Konfusion verfallend. Ein krasses Bild jagt das nächste, und der mit viel Geschmack und Gespür für gnadenlos pumpende, maschinell anmutende Rhythmen zusammengeklaute Score verzeichnet Harks düstere Bestandsaufnahme zur apokalyptischen Großstadt-Dystopie. Nach der superagitatorischen Fotomontage, mit der DI YI LEI XING WEI XIAN fast als Kriegserklärung an einen autoritäre Regierung endet, ist es geradezu ein Wunder, dass Hongkong danach nicht in Schutt und Asche gelegt wurde. Tsui Harks Filmkarriere führte ihn danach verdientermaßen in ungeahnte Höhen, doch die ungebremste Wucht, mit der er diesen Film aus seinem Bauch auf die Leinwand warf, hat er danach nie wieder erreicht. Ein Meisterwerk, und zudem unerlässlich, wenn es darum geht, sich einen vollständigen Überblick über das Actionkino der Achtzigerjahre zu verschaffen.

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