piratensender powerplay (siggi götz, deutschland 1982)

Veröffentlicht: Februar 6, 2015 in Film
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dmB9V70IdpdpqYsDUHCvls2OkPrPIRATENSENDER POWERPLAY war einer der ersten Filme, die meine Eltern in den frühen Achtzigerjahren auf Video ausliehen, durchaus auch, um mir einen langweiligen Abend zu verkürzen, und diese Tatsache sagt schon viel über das enorme Standing, das Krüger und Gottschalk und mit ihnen dieser Film damals genossen. Der Witzeerzähler aus Quickborn war zu jener Zeit wahrscheinlich noch der größere Star der beiden Hauptdarsteller und ein Tape eines seiner Liveauftritte lief im elterlichen Auto in der heavy rotation, sehr zu meinem anhaltenden Vergnügen. Natürlich liebte mein schätzungsweise fünf-, sechsjähriges Ich seinen Superhit „Der Nippel“, wie wahrscheinlich alle Jungs, die Mitte der Siebziger geboren worden waren. Gottschalk hatte seine ersten Fernsehauftritte zwar schon im Jahrzehnt zuvor absolviert, war aber in erster Linie noch als Radiopersönlichkeit bekannt. Der Aufstieg zu DER deutschen Fernsehpersönlichkeit begann ungefähr parallel zu diesem Film mit seinem ZDF-Engagement als Moderator von „Thommys Pop-Show“, dem dann die langlebige Talkshow „Na sowas!“ folgte. Kürger und Gottschalk spielen in Siggi Götz‘ Erfolgsfilm weniger „Rollen“, als dass sie die von ihnen auf der Bühne bzw. im Radio/TV etablierte Persona in einen Film hinübertrugen: „Mike“ ist demzufolge der etwas tolpatischige Witzbold mit dem Gesicht zum Reinschlagen, „Thommy“ der Sunnyboy mit dem Gespür für die heißesten Sounds aus den US of A und der jugendlichen Ansprache. Gerade letzteres sorgt heute für Heiterkeit: Gottschalk geriert sich bekanntermaßen immer noch gern als frecher, respektloser Sprücheklopfer, steht als mittlerweile 65-Jähriger jedoch keinesfalls mehr im Verdacht, den Finger am Puls der Zeit zu haben oder besonders cool zu sein, verkörpert als beinharter Rockist vielmehr einen rückwärtsgewandten und spießigen Geschmack (der sich freilich schon in der damals bereits hoffnungslos überkommenen Musikauswahl für PIRATENSENDER POWERPLAY mit Songs von Bands wie der J. Geils Band oder Little Feat entsprechend niederschlägt). Er ist ein Opa, der gern noch 20 wäre und so eher Fremdscham auslöst. Hier hingegen liegen ihm die Jugend und vor allem die feschen Mädels geradezu zu Füßen, lauschen gebannt seinen schmerzhaft unwitzigen Sprüchen und bewundern ihn als Trendsetter. Um PIRATENSENDER POWERPLAY wirklich zu mögen – und das tue ich – ist es unerlässlich, sich den historischen gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem der Film entstand zu vergegenwärtigen.

Wie Thomas Groh in der letztjährigen, zu Siggi Götz‘ 70. Geburtstag erschienenen Ausgabe von Sigi Götz Entertainment schrieb, nimmt PIRATENSENDER POWERPLAY die Einführung der Privatsender in den mittleren Achtzigerjahren vorweg und darf als früher Beitrag zu einer bis heute anhaltenden Diskussion um die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und um seine nötige Verjüngung verstanden werden. Die beiden unangepassten Jungspunde Mike und Thommy erfreuen sich mit ihrem jeden Montag um 15 Uhr für genau eine Stunde illegal ausgestrahltem Programm nämlich immenser Beliebtheit bei der Jugend. Die von Thommy flapsig-flippig anmoderierten Hits aus Übersee, die von Mikes Kalauern unterhaltsam aufgelockert werden, bekommt man in dieser Konzentration sonst nirgendwo zu hören. Den Beamten des ÖR, vor allem dem Intendanten (Ralf Wolter), ist die Konkurrenz ein Dorn im Auge, weshalb Dr. Müller-Hammeldorf (Gunther Philipp) mitsamt des tölpeligen Polizei-Einsatzleiters Pluderer (Rainer Basedow) auf die Rundfunkpiraten angesetzt wird. Die bekommen just in dem Moment, da die Falle zuzuschnappen droht, unerwartete Hilfe von Mikes Schwester (Evelyn Hamann). Weil die Religionslehrerin erkennt, welches kommerzielle Potenzial im Projekt ihres Bruders steckt, investiert sie das ihr zur Verfügung stehende Kapital, kauft ein schickes Wohnmobil als schwierig zu ortenden Sendewagen und holt einige Werbepartner an Bord. Am Ende einer für den ÖR erfolglos verlaufenen Jagd zieht der Intendant die einzig richtige Konsequenz: Er integriert die „Feinde“ ins System und lässt sie ihr Programm unter dem Banner des staatlichen Rundfunks machen, eine Strategie, der sich ARD und ZDF auch heute noch bedienen, um den Anschluss an die Privatsender nicht gänzlich zu verlieren.

So schwer es heute auch fällt, Mike Krüger und Thomas Gottschalk als Repräsentanten der Gegenkultur zu akzeptieren, Siggi Götz meint das durchaus halbernst. Schon zu Beginn bezieht er eindeutig Position, wenn er die als durchweg dämlich und autoritätshörig diffamierten Polizisten erst eine mit lustigen Gaga-Transparenten wie „Weg mit den Alpen! Freie Sicht aufs Meer!“ sympathisch tapezierte Kommune, wenig später dann ein Bordell stürmen lässt, in der sich zu diesem Zeitpunkt rein zufällig auch Mike und Thommy aufhalten. Der Richter spuckt bei der folgenden Verhandlung Zeter und Mordio, weil er eine Beleidigung des amtierenden Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß durch die Angeklagten wittert, dabei sprechen die beiden arglosen jungen Männer doch nur über ihren gleichnamigen Hund. Im weiteren Verlauf ist es immer wieder die schreiende Inkompetenz, gepaart mit Übermotivation und Selbstgerechtheit, die Müller-Hammeldorf ins Hintertreffen bringt, ihn selbst in aussichtsreichster Position versagen oder den Wald vor läuter Bäumen übersehen lässt. Es ist ja nur logisch, dass Götz die Rollen der Staatsbeamten mit älteren Herren besetzt, aber es passt in doppelter Hinsicht, weil Ralf Wolter, Gunther Philipp oder Rainer Basedow auch eine andere Humorgeneration verkörpern. Gunther Philipp etwa stürzt sich mit der ihm eigenen Verve in die Schlacht und sein Müller-Hammeldorf entwickelt dabei einen solchen Feuereifer, dass er über sein wiederholtes Versagen gar in der Nervenheilanstalt landet. Dem ganzen Slapstick-Chaos, das er und seine Mitstreiter entfachen, stehen Krüger und Gottschalk mit der Gelassenheit des Niederlagen und Nackenschläge gewohnten Slackers (Krüger) und der pfiffigen Unverdrossenheit des von der Sonne geküssten Glückspilzes (Gottschalk) gegenüber. Sie müssen gar keinen allzu großen Einfallsreichtum aufbringen, um den Verfolgern immer wieder zu entkommen, schlüpfen mit größter Selbstverständlichkeit in die unterschiedlichsten Rollen, und können sich in ärgster Not immer darauf verlassen, dass ihre Gegner schlicht zu blöd sind.

PIRATENSENDER POWERPLAY entwickelt so nicht gerade Spannung, aber einen sehr ansteckenden Drive, der von der Ferienatmosphäre, die der Film ausstrahlt, noch befeuert wird. Es ist die ganze Zeit was los, trotzdem ist das sich einstellende Gefühl eines von Entspannung, von vollkommen sorgenfreiem Müßiggang. Nichts scheint da wirklich irgendeine echte Konsequenz nach sich zu ziehen. Die Lebenshaltung, die darin zum Ausdruck kommt, dieses gänzlich unbelastete Gottvertrauen darin, dass alles irgendwie gut ausgehen wird, dass Mike und Thommy am Ende des Tages immer noch Mike und Thommy sein und die Unwägbarkeiten des Lebens irgendwie meistern werden, ist durchaus erstaunlich, gerade für einen deutschen Film, und davon mal abgesehen, einfach schön. Gerade heute, wo nicht wenige Eltern den Karriereplan ihrer Kinde schon vor deren Geburt fest eingetütet haben, tut es gut, zwei Männern dabei zuzusehen, wie sie einfach nur machen, worauf sie Lust haben. Dass sie am Ende Fernsehkarriere machen, wird so mitgenommen, es wird nichts Wesentliches ändern, und wenn nichts daraus wird, ist es auch egal. Vielleicht ist das ja auch die versteckte Botschaft des wunderbaren Zirkelschlusses, mit dem PIRATENSENDER POWERPLAY aufhört: Thommy sagt im Fernsehen den ersten Film an, den er mit seinem Kumpel Mike gedreht habe, und es laufen die Anfangscredits für eben jenes Werk, das sich auf dem intradiegetischen Fernsehschirm seinem extradiegetischen Ende nähert. Wenn alle Stricke reißen, fängt man eben von vorn an.

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