under the skin (jonathan glazer, großbritannien/usa/schweiz 2013)

Veröffentlicht: Februar 9, 2015 in Film
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UNDER THE SKIN, nach dem großartigen BIRTH und fast zehnjähriger Funkstille der neueste Film des seinerzeit für SEXY BEAST mit Kritikerlob überhäuften Jonathan Glazer, war im vergangenen Jahr ein kleines Politikum unter deutschen Cineasten. Von Senator in den Vertrieb genommen, drohte der bildgewaltige Film nach Weigerung der Firma, ihn ins Kino zu bringen, auf Heimmedien zu versauern. Es war nicht zuletzt der Kampagne und dem Eifer von Sebastian Selig zu verdanken, dass dieser ohne Frage für die große Leinwand konzipierte Film dann doch den Weg in einige ausgesuchte Lichtspielhäuser fand, die sich bei Senator gewissermaßen um eine außerplanmäßige Auswertung „beworben“ hatten. Vielleicht verbirgt sich hinter diesem Sonderfall auch ein Weg, die oft so risikoarme Vertriebspolitik der Verleihfirmen zu reformieren: Kinos verwerten nicht mehr einfach nur, was ihnen angeboten wird, sondern bestimmen dieses Angebot durch ihre direkte Nachfrage selbst und geben so ein Signal gegen Mutlosigkeit, ästhetische Armut und das festgefahrene Programm, das als Alternativ zum neuesten Hollywood-Blockbuster bloß noch deutsche Beziehungskomödien oder betulichen Arthouse-Quark für die Rotweinfraktion kennt. Es ist durchaus nachvollziehbar, warum Senator bei UNDER THE SKIN den Schwanz einzog: Glazers Film ist ebenso handlungs- wie dialogarm, von klassischem Erzählkino denkbar weit entfernt, experimentell, elliptisch und enigmatisch, dabei von betörender und auch verstörender Klarheit und somit für den Zuschauer, der Film in erster Linie konsumiert, als kulturell angehauchten Einstieg ins Wochenende begreift und dabei möglichst wenig gefordert und überrascht werden möchte, ein potenzieller Stimmungskiller. Andererseits: Besteht nicht geradezu eine Verpflichtung dazu, seinem Publikum nicht nur zu geben, was es will, sondern ihm auch zu zeigen, was ihm dabei entgeht? Was Kino auch ist, sein könnte? Und als solcher „Erweckungsfilm“ eignet sich UNDER THE SKIN wirklich hervorragend, zum einen, weil er mit Scarlett Johansson über eine bekannte und beliebte Hauptdarstellerin verfügt (den um sie betriebenen Starkult zudem gleich mitreflektiert), zum anderen, weil er trotz aller experimentellen Höhenflüge im weitesten Sinne als Genrefilm rezipierbar bleibt.

UNDER THE SKIN ist vordergründig ein Alien-Invasion-Film, handelt von einem außerirdischen Vampirwesen, das Menschen als Nahrung benötigt und sich seiner attraktiven weiblichen Hülle bedient, um seine Opfer – Männer – in die Falle zu locken. Doch das Monster entdeckt seine Empathie, als es einen durch Neurofibromatose entstellten jungen Mann kennenlernt, und flieht vor der eigenen Mordlust ins schottische Hinterland, wo es selbst einem Vergewaltiger zum Opfer fällt. Doch unter dieser Handlungsebene handelt Glazers Film sinnigerweise vor allem von Oberflächen, Texturen, Aggregatzuständen und den Kontrasten zwischen ihnen – ganz wortwörtlich, aber auch im übertragenen Sinne. Ästhetisch zeigt sich das in der Differenz zischen den roh wirkenden Szenen, die die Protagonistin bei ihren Fahrten durch die Innenstadt Glasgows zeigen, und den überaus slicken Effektsequenzen und collagenhaften Zwischenspielen. Unterstreicht Glazer den improvisierten Charakter ersterer mithilfe des roh wirkenden, pixeligen und bewegungsunscharfen HD-Bilds (er realisierte diese Szenen mithilfe von Passanten, die er auf der Straße ansprach und dann über ein earpiece instruierte), sind letztere betont artifiziell und sauber gehalten, zeigen glänzende, makellose Oberflächen aus öligem Schwarz oder gleißendem Weiß, reines Nichts oder pures Licht gewissermaßen. Dieses ölige Schwarz, das das Haus der Außerirdischen auszufüllen scheint, saugt ihre Opfer ein, konserviert sie in einer tiefblauen Flüssigkeit, in der sie sich langsam auflösen, bis nur noch ihre Haut übrigbleibt, die dann herumtreibt wie ein erschlaffter Luftballon. Sie sind einer Fantasie zum Opfer gefallen, die den Kern aller Vampirgeschichten ausmacht, aber hier durch die Besetzung noch besonders hervorgehoben wird: Scarlett Jonhansson ist natürlich eine programmatische Besetzung. Sie spielt dieses Wesen weniger als dass sie eine Projektionsfläche für das männliche Begehren bietet, die ikonische Verkörperung der Sehnsucht. Wenn die Hollywood-Schauspielerin wie eine Nutte gekleidet, mit sinnlichem roten Mund durch die Arbeiterviertel Glasgows fährt und auf offener Straße junge Männer anspricht, ist das ohne Frage zu allererst die Verbildlichung einer sexuellen Fantasie, die Hollywood überhauptt erst ermöglichte. Im Aufeinanderprallen von Johanssons sinnlich-rauchiger, wohlartikulierter Stimme, der sanften Weichheit ihrer Lippen und ihres Teints, und dem zerhackten, hingeworfenen und rudimentären Slang, der ihr aus den verdutzten Durchschnittsgesichtern der schottischen Jungmänner entgegenschlägt, spiegelt sich der ganze Film, in dem ständig Weiches auf Hartes knallt, sich elektrisch am anderen reibt, dann schließlich umarmt und gegenseitig aufsaugt. So funktionieren Fantasie und Begehren, so funktioniert Film, funktioniert Hollywood. Die Frage bleibt, was hinter den verlockenden Oberflächen lauert, was unterhalb des elektrostatischen Britzelns stattfindet. Und ob da überhaupt etwas passiert. Oder verbirgt sich unter dem Schutzpanzer nur ein weiterer, wie das Ende nahelegt?

Man muss sich diese Fragen nicht stellen, weil schon die auf sinnlicher Ebene wahrnehmbare Vibration des Films eine völlig ausreichende, befriedigende Sensation ist. Man hat nicht gelebt, wenn man nicht gesehen hat, wie die schwarhaarige Scarlett Johansson im dünnen pinkfarbenen Pulli über den spitzen Brüsten durch den schottischen Regen läuft, um dann von einem wohlmeinenden Busfahrer mitgenommen zu werden. UNDER THE SKIN ist keinesfalls ein kalter Film, keine in Ästhetizismus erstarrte Hirnwichserei, sondern ein abwechselnd erotisierendes, dann wieder zutiefst erschütterndes Werk. Die Liebesgeschichte zwischen dem außerirdischen Vampir und dem Entstellten ein nie in dieser Klarheit gesehenes Bekenntnis zum Menschen, von entwaffnender Romantik. Die Szene, in der sie beobachtet, wie ein Ehepaar bei dem Versuch, den eigenen Hund zu retten, in der tosenden Flut des Meers ertrinkt, absolut niederschmetternd. Nur selten wird das Sterben mit der Beiläufigkeit eingefangen, die Glazer ihm hier beimisst. Man begreift fast gar nicht, was da eigentlich passiert, weil man gewohnt ist, dass die Darstellung des tragischen Todes mit einer Emphase versehen ist. Hier sehen wir ihn durch die Augen eines Wesens dem Leben, Tod und Mitleid fremd sind. Sie beobachtet den Todeskampf neugierig, aber teilnahmslos, wie wir uns vielleicht einen Surfer im Wasser anschauen würden. Das Sterben ist tatsächlich furchtbar banal. Dass da auch noch ein schreiendes Baby ganz allein am grauen Felsenstrand zurückbleibt, ist emotional kaum verkraftbar. Später taucht der Partner der Außerirdischen auf – seine Rolle wird nicht ganz klar – und sammelt einige Spuren ein, das Baby jedoch lässt er einfach sitzen. Grausam. Das Schöne und das Furchtbare stehen ganz unvermittelt nebeneinander und es ist das frappierende So-Sein des Films, das noch als Verstärker fungiert. Ich fühlte mich entwaffnet, auch die Hermeneutikerbrille schafft kaum Distanz. Was gut ist.

Vielleicht ist es das, was man aus UNDER THE SKIN mitnimmt. Das Leben ist äußerst selten nur wunderschön oder nur hässlich, es besteht vielmehr aus einem beständigen Ineinanderfließen der beiden vermeintlichen Ideale besteht, einem Mischzustand. Die Fantasie ist letztlich nur der zum Scheitern verurteilte Versuch, uns vor der Härte der Wirklichkeit zu versperren, die viel reicher ist, als alles, was wir uns so erträumen könnten. Vor dem Hintergrund seiner komplizierten Veröffentlichungsgeschichte muss man den Film fast als eine Kampfansage gegen Gleichschaltung, Oberflächlichkeit und Zielgruppenoptimierung begreifen. Als Plädoyer für mehr Filme, die den Menschen eben nicht das geben, was sie zu brauchen glauben.

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Kommentare
  1. Constantin Harazim sagt:

    Sehr geehrter Herr Nöding,
    vielen Dank für den Spruch: „betulicher Arthouse-Quark für die Rotwein-Fraktion“. Das ist anmutig auf den Punkt gebracht. Punktabzug gibt’s allerdings für die Erwähnung der „Hermeneutikerbrille“. Solch ein Gerät auch nur zu kennen riecht schon verdächtig nach Hirnwichs Übrigens: das Hässliche ist doch wohl kaum ein Ideal, oder in Ihren Augen doch? Schön‘ Gruß C.H.

    • Oliver sagt:

      Zuerst: Können wir uns auf das „Du“ einigen?

      Dann: Ich kann mich vom Vorwurf der Hirnwichserei nicht grundsätzlich freisprechen, das stimmt schon. Aber ich mag es, wenn Filmemacher mir das Primat darauf überlassen und mit ihren Filmen klare Kante zeigen.
      Und: Doch, das Hässliche kann durchaus ein Ideal sein, insofern als es die Voraussetzung für das Schöne ist.

      • Constantin Harazim sagt:

        Tja. Hm. Das Hässliche kann ich mir als Ideal nicht denken, denn es ist doch zunächst einmal das Abscheuliche und Abzulehnende, die Abwesenheit des Schönen. Allenfalls kann ich im vermeintlich Hässlichen, in dem, was eine (mutwillig) eingeschränkte Weltsicht (z.B. eine ohne Empathie) als hässlich betrachtet, das Schöne oder etwas Schönes entdecken. Oder ich kann mich am vital Hässlichen erfreuen, wenn mir ein genormtes und entseeltes, industriell hergestelltes Schönes auf den Geist geht, also die Sicht auf das Wahre verstellt. Das ist jetzt alles sehr aus der Hüfte geschossen, kann grad‘ meine Hermeneutikerbrille nicht finden. Const.

      • Oliver sagt:

        Das Hässliche als bloße Abwesenheit des Schönen? Das ist mir zu negativ gedacht, weil „das Hässliche“ ja eine eigene Qualität hat. Aber wir können uns durchaus auf die letztere Lesart einigen. Viel Erfolg weiterhin beim Suchen. 🙂

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