fight club (david fincher, usa 1999)

Veröffentlicht: Februar 16, 2015 in Film
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Ich schätze damals, anno 1999, als FIGHT CLUB ins Kino kam, gab es nur wenige junge Männer meines Alters oder mit vergleichbarem sozialen Hintergrund, die von Finchers Film nicht komplett weggeblasen wurden. Ich gebe zu, damals Schwierigkeiten mit der Schlusspointe gehabt zu haben (die mir heute nicht mehr wie ein überraschend aus dem Ärmel geschüttelter Twist, sondern eher als finale Verbalisierung des Offensichtlichen erscheint, eine Redundanz als Zugeständnis ans Massenpublikum), aber trotzdem versetzte mich FIGHT CLUB in einen Rausch: Chaos, Aufruhr, Zusammenbruch und Apokalypse, diese Begriffe beinhalteten plötzlich auch die Chance für etwas Neues. Und wann hatte es vor jenem längst legendären Schlussbild mit den in sich zusammenstürzenden Bankentürmen zuletzt ein so klares antikapitalistisches Statement aus Hollywood gegeben? OK, wahrscheinlich war mir damals gar nicht so bewusst, wie radikal FIGHT LUB als Hollywoodfilm war, aber dass es sich um einen politischen Film handelte, das hatte ich dann doch mitbekommen. Sein Erscheinen koinzidierte bei mir mit einer Art „politischem Coming-out“ während meines Studiums, als ich plötzlich soetwas wie den Punk in mir entdeckte, und profitierte davon erheblich.

Weil Filme wie FIGHT CLUB seit damals Schule machten – man nennt sie heute gern „Mindfuck-“ oder „Mindgame-Filme“ – ist es mittlerweile leider auch etwas uncool geworden, ihn zu verehren. Ich verstehe den Impetus hinter der Ablehnung: Für Fincher funktioniert jeder Film wie ein Uhrwerk, jedes Bild, jede Requisite, jeder Schnitt und jede Dialogzeile sind minutiös geplant und erfüllen einen genau benannten Zweck. Man lese sich nur einmal diese sehr eindrucksvolle und akribische Analyse durch, um sich einen Eindruck davon zu machen, wie wenig Raum für Spontaneität oder Zufall bei der Inszenierung von FIGHT CLUB übrig war. Wer Freiräume im Film sucht, gern den Blick schweifen oder sich von Belanglosigkeiten im Bildhintergrund verzaubern lässt, wer das ästhetische Angebot als Anreiz für eigene Entdeckungstouren nimmt und ungern an der Leine geführt wird, der muss sich von FIGHT CLUB notgedrungen beengt und bedrängt fühlen. Es ist auch kein Film, den man interpretiert, sondern einer, den man dekodiert. Als Geburtsfehler schleppt er aufgrund seiner Verfassung den Makel mit sich, bei wiederholter Sichtung keine wirklich neuen Perspektiven mehr zu bieten. Wenn man ihm einmal auf die Schliche gekommen ist, kann man bei weiteren Begegnungen nur noch beobachten, wie sich das Netz immer weiter verdichtet. Wenn man aber bereit ist, das zu akzeptieren, dann muss man FIGHT CLUB unbedingt zugutehalten, dass er extrem gut ist in dem, was er tut, und das Herz definitiv auf dem rechten Fleck hat.

Was sofort einnimmt und den gerade für diesen Film so entscheidenden Sog bewirkt (der einmal das Erweckungsgefühl des Protagonisten spiegelt, zum anderen den Blick soweit verengt, dass man die vielen, vielen Tricks des Films übersieht), sind das enorm hohe Tempo und das unglaubliche Timing, mit dem Fincher seine Pointen anbringt. Die Dialoge – oder eher die Monologe – verwirren und bezaubern mal mit rätselhaften Formulierungen und turns of phrase („make me go a big rubbery one„), dann landen sie wieder vernichtende Wirkungstreffer („My tit’s going to rot off„). Die Kälte und schonungslose Klarheit, mit der sie die Welt beschreiben, ist mitunter schockierend. Was wirklich erstaunlich – oder vielmehr beängstigend – ist, ist dass FIGHT CLUB in den rund 16 Jahren seit seiner Premiere kaum an Relevanz eingebüßt hat. Gut, Amerika hat mit dem „War on Terror“ nur zwei Jahre später den großen Krieg bekommen, dessen Mangel Tyler noch beklagt, aber die an die Schriften der Kritischen Theorie anknüpfende Beobachtung, dass jeder Ausbruch aus dem System direkt im nächsten mündet (die Underground-Unternehmung der Fight Clubs wird gewissermaßen zum Franchise), Kapitalismus die ideale Brutstätte für den Faschismus ist, trifft heute noch genauso zu wie damals. Vielleicht ist es sogar noch ärger: Könnte ein Brad Pitt als blutender, bombenbauender, kettenrauchender, mit Gummihandschuhen fickender Guerilla-Terrorist heute noch zur Ikone werden? Ich habe meine Zweifel. So betrachtet ist FIGHT CLUB heute noch genauso ein Arschtritt wie damals.

Kommentare
  1. Chrisch sagt:

    Da du dich ja – neben den Punkten zu Finchers Inszenierung – dem Film inhaltlich stark näherst: Der ist natürlich kein Verdients von Fincher oder den Drehbuchschreibern, sondern nur von Palahniuk, dem Autoren des zugrundeliegenden Romans. Nicht, dass du das so geschrieben hättest, aber…

    Ich finde, dass sollte durchaus Erwähnung finden, wenn man sich in einem Text diesem Film – zu Teilen – stark auf der inhaltlichen Ebene erwähnt.

    All die Relevanz und Brisanz des Inhalts ist nur Palahniuks Verdienst. Fincher ist nur für die exzellente Ausgestaltung der Hülle verantwortlich. Das soll seine Leistung allerdings nicht schmälern.

    greetz

    • Oliver sagt:

      Ich habe „Fight Club“ nicht gelesen, aber Palahniuk selbst hat sich nach Sicht des Films sehr beeindruckt von Finchers Arbeit gezeigt und hervorgehoben, dass der sein Werk entscheidend verbessert habe:

      „Now that I see the movie, especially when I sat down with Jim Uhls and record a commentary track for the DVD, I was sort of embarrassed of the book, because the movie had streamlined the plot and made it so much more effective and made connections that I had never thought to make. There is a line about “fathers setting up franchises with other families,” and I never thought about connecting that with the fact that Fight Club was being franchised and the movie made that connection. I was just beating myself in the head for not having made that connection myself.“

      So viel dazu. 😉

  2. Chrisch sagt:

    Ja, ich kenne das Statement. Aber das ändert ja nichts an meinem Punkt. Die Vorlage, die Grundthesen, die Weltanschauung, die Charaktere, teilweise sogar die Dialoge kommen von Palahniuk.

    Habe das Buch gelesen. Und tatsächlich ist es fast identisch mit dem Buch. Es wurde sehr akkurat von Fincher adaptiert, daran besteht kein Zweifel. Ebenso wenig daran, dass Pitt und besonders Norton die Rollen fabelhaft zum Leben erwecken.

    Fincher hat inhaltlich aber nur Nuancen verändert. Aber deswegen gebürt ihm – was den Inhalt des Präsentierten angeht – meines Erachtens nach kaum Lob. Das hat er sich durch andere Dinge (Schauspielerführung, Inszenierung) verdient.

    greetz

    Achja, dass tatsächlich noch jemand außer mir The Legend of Billie Jean kennt, hat mich freudig überrascht!

  3. Chrisch sagt:

    Ach übrigens: Schon den Trailer zu Seagals neuestem Opus „Mercenary Absolution“ geschaut?

    Sieht bis dato wirklich ansprechend aus. Seagal scheint sich nicht zu Schade für viele Actionszenen (auch Fights) gewesen zu sein und auch visuell überragt es seine vorangegangen Werke um Längen.

    Würde sowieso mal wieder gerne eine schöne Seagal-Review von dir lesen!

    greetz

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