sieben tage frist (alfred vohrer, deutschland 1969)

Veröffentlicht: Februar 17, 2015 in Film
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Dass Internate nicht nur vor Frohsinn sprühende fliegende Klassenzimmer beherbergen, sondern im schlimmste Fall Brutstätten des Sadismus sind, weiß man seit der Schullektüre von Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“. Auf dem Internat, das der Schauplatz von Vohrers SIEBEN TAGE FRIST ist, türmen sich nach den zunächst eher genreüblichen Schelmenstücken bald sogar die Leichen. Doch daran sind keineswegs Abiturstress, Versetzungspanik und Gruppenzwang schuld …

Vohrer zeichnet zunächst einen Schulalltag, der längst von einer unheilvollen Stimmung zersetzt ist. Alle, sowohl Schüler als auch Lehrer und sonstige Bedienstete, scheinen eine schwere Last mit sich herumzuschleppen, etwas zu wissen, was sie mit niemandem teilen können. Ein Name fällt dabei immer wieder, der des Schülers Kurrat (Arthur Richelmann). Der stammt, wie eigentlich alle, die die private Erziehungsanstalt für Jungen besuchen, aus gutem Hause und ist so etwas wie der Peer Group Leader der Schüler: Entweder man gehört zu seiner Gefolgschaft oder man hat nichts zu lachen. Nachts nimmt er „Kunden“ mit zu Lonny (Hilde Brandt), einer Dirne, die in einem Pfahlbau am Strand lebt und einen Deal mit Kurrat abgeschlossen hat. Der Hausmeister Muhl (Bruno Dallansky) hilft dem elitären Schüler, mit seinen „Kunden“ unbemerkt das Gelände verlassen zu können, hasst sich dafür selbst und erntet auch noch die Verachtung seiner Gattin (Karin Hübner). Die nächtlichen Ausflüge sind für Lehrer wie den zynischen Fromm (Konrad Georg) oder den hypernervösen Stallmann (Paul Albert Krumm) kein Geheimnis, aber sie halten still – aus unterschiedlichen Gründen. Der junge Lehrer Hendricks (Joachim Fuchsberger), neu an der Schule, will sich mit den Gegebenheiten nicht so einfach abfinden, doch auch er prallt mit seinen Fragen immer wieder vor eine Mauer aus Routine und Feigheit.

SIEBEN TAGE FRIST ist ein wendungsreich erzählter Kriminalfilm, der mehrmals einen ganz anderen Verlauf nimmt, als man vorhergesagt hat, und er steckt dabei ein thematisch weites Feld ab. Seinem Sujet entsprechend geht es natürlich um den ewigen Konflikt zwischen Jung und Alt, der hier nicht zuletzt auch eine sexuelle Komponente hat, zudem auch ein Klassenkonflikt ist. Die reichen Bengel wissen, dass sie im Grunde genommen Narrenfreiheit genießen, die Lehrer bloße Dienstleister sind, die bei Unzufriedenheit gnadenlos auf der Abschussliste landen. Diese Konstellation führt zu einer Stimmung, die nur mit einem brodelnden Dampfkessel zu vergleichen ist: Alle Erwachsenen stehen unter immenser Spannung, doch der Ausbruch kommt dann erstaunlich früh: Fromm verpasst Kurrat ein paar Ohrfeigen, nachdem sein Hund Opfer eines gemeinen Streiches geworden ist, und sieht sich einer Konferenz gegenüber, bei der auch Kurrat senior (Otto Stern) anwesend ist. Auch hier gibt es keine Klarheit, nur in vorauseilendem Gehorsam hingeworfene Entschuldigungen und Besserungsgelöbnisse des servilen Direktors (Robert Meyn), vielsagende Blicke und Sätze, die wie verklausulierte Drohungen klingen. Nach einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Kurrat senior und Fromm, dem dann eine Unterredung zwischen Fromm und Kurrat junior folgt, bei der erster letzterem einen „bemerkenswerten Vater“ bescheinigt, wird es vollends seltsam: Kurrat junior verschwindet spurlos und während das Kollegium händeringend versucht, ihn ausfindig zu machen, um nicht die Polizei einschalten zu müssen, wird die in Form von Oberinspektor Klevenow (Horst Tappert) selbst vorstellig. Kurrat senior ist nämlich ebenfalls unauffindbar.

Mit dem Aufritt von Tappert verwandelt sich SIEBEN TAGE FRIST in eine besonders unterkühlte DERRICK-Episode, von denen Vohrer im Laufe der Siebziger- und Achtzigerjahre ja einige inszenieren sollte. Wie sein Münchener Kollege hat auch Klevenow seine helle Freude daran, die gutsituierten Bürschchen zum Schwitzen zu bringen, die ganze Scheinheiligkeit der Lehrerschar zu enttarnen und ihnen seine Verachtung schallend ins Gesicht zu klatschen, dass es nur so eine Art ist. Mit Trenchcoat, putzigem Hütchen und auf seiner stinkigen Zigarre rumkauend, wie es sonst nur Eastwood vermochte, sie dann und wann gar voller Zorn wegspuckend, wandelt er als deutsches Hardboiled-Monument durch den Film, ohne dessen Abgründigkeit dabei zu schaden. Und, meine Fresse, was für ein Finaltwist den Zuschauer da von den Füßen holt, ist kaum angemessen zu beschreiben, weshalb ich es auch lasse und stattdessen auf ein paar Details eingehen werde. SIEBEN TAGE FRIST hatte mich ja eigentlich schon mit seinen gelben Anfangscredits vor verschwommenen Impressionen kargen Wintergeästs und magentafarbenem Sonnenauf- bzw. -untergang, aber Vohrers Inszenierung und Ernst W. Kalinkes Kameraarbeit kreieren auch danach immer wieder einprägsame Szenen und starke Bilder. So zieht nach dem Striptease bei Lonny plötzlich ein Trupp Soldaten in weißen Winter-Tarnmänteln an der Baracke vorbei, werfen Armeefahrzeuge gespenstische Schatten an die weiße Holzfassade. Ein surreal anmutender Einwurf wie aus dem Nichts, eine gespenstische Vorahnung der nahenden Unheils. Lehrer Fromm fotografiert mit Vorliebe Eis- und Schneekristalle, was eine gespenstische Qualität annimmt, wenn man weiß, wie der Film endet. Arno Jürging, der einige Jahre später einen sehr begeisterungsfähigen Gehilfen Frankensteins in Paul Morrisseys CARNE PER FRANKENSTEIN spielte, gibt hier den ständig wie besinnungslos gackernden Internatsschüler Mangold und Petra Schürmann, die einstige deutsche Miss World, spielt die Lehrerin Gabert, die mit dem schnittigen Hendricks liiert ist. Der Fuchsberger-Besetzungscoup ist sehr clever, weil er doch auch ein wenig auf die falsche Fährte lockt. SIEBEN TAGE FRIST könnte man zunächst durchaus als moderne deutsche Wallace-Variation betrachten: Es gibt den abgeschlossenen Raum mit dem beschränkten Figureninventar, den „mondänen“ Hintergrund und dann das Verbrechen mit den zahlreichen Verdächtigen. Vohrers Film ließe sich ohne Frage als Whodunit charakterisieren, aber die Auflösung reicht dann weit über das hinaus, was das gemütliche Krimigenre sonst so hergibt. Die Schatten ragen – wie im Giallo oder im gothic horror – aus den Tiefen der Vergangenheit in die Gegenwart und legen sich dort eiskalt um die Opfer. Der Generationenkonflikt spielt sich in ganz anderen Dimensionen ab, als im albernen Katz-und-Maus-Spiel von Schülern und Lehrern. Und Fuchsbergers Hendricks, der strahlende, tadellose Held, kommt dem Geheimnis zwar auf die Schliche, aber man merkt, wie ihn diese Erkenntnis im tiefsten Innern frösteln lässt. Angesichts des Unfassbaren gibt es keine Souveränität. Deshalb habe ich SIEBEN TAGE FRIST auch einen Tag sacken lassen müssen. Wahnsinn.

Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    So krass Eindruck hat der Film und die Auflösung auf mich zwar irgendwie nicht gemacht, aber ich war trotzdem positiv überrascht, wie frisch er in Teilen wirkt. Ich fand ihn auch überraschend explizit, hätte da eher verschüchtert-miefige Deutschtümelei erwartet (vielleicht gerade auch wegen der cleveren Besetzung) – ist der Film für seine Zeit/Herkunft ungewöhnlich deutlich?

    • Oliver sagt:

      Was meinst du denn mit „explizit“? Gewaltdarstellungen? Da gab es ja eigentlich keine grafische Gewalt, wenn ich mich recht erinnere. Ich versuche deine Frage trotzdem zu beantworten: SIEBEN TAGE FRIST liegt meiner Meinung nach genau in der Schnittmenge dessen, was deutsches Krimifernsehen, späte Wallace-Filme und „psychotronisches“ Kino wie etwa die St.-Pauli-Filme zu jener Zeit so aufboten. Wenn dir der Film gefallen hat, solltest du ein wenig weitergraben und dich davon überraschen lassen, was dir da bisher entgangen ist. Mein Blog sollte dir da ein paar Anregungen geben.

      • HomiSite sagt:

        Ich war etwas erstaunt, dass es Nacktheit und, äh, Wunddarstellung gab (Einschussloch). Aber wie gesagt kenne ich außer den „zahmen“ Wallace-Filmen o.ä. kaum etwas aus der Zeit. Und dein Blog ist mir eh immer Anregung für Filme!

      • Oliver sagt:

        Sex und nackte Leiber waren im deutschen Kino der Sechziger- und Siebzigerjahre alles andere als, hahahoho, „Fremdkörper“. Gerade Wolf C. Hartwig und Erwin C. Dietrich garnierten ihre Produktionen gern mit nackten Tatsachen, es gibt eine ganze Reihe von „Sittenreißern“ in jener Zeit und wenig später brachen mit den Report-Filmen ja eh alle Dämme. Ich habe im letzten Jahr einiges aus dieser Zeit hier besprochen, das dir gefallen dürfte, wenn dich SIEBEN TAGE FRIST positiv überrascht hat.

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