the equalizer (antoine fuqua, usa 2014)

Veröffentlicht: Februar 23, 2015 in Film
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Alle, die insgeheim von einem großen, fett produzierten, visuell aufregenden Steven-Seagal-Altersactioner träumen: Dies ist the next best thing, der Film, den Seagal machen sollte und wahrscheinlich machen könnte, wenn er nicht zu desinteressiert und mittlerweile wohl auch zu verbrannt für Hollywood wäre. THE EQUALIZER, basierend auf einer Achtzigerjahre-Fernsehserie mit dem WICKER MAN-Hauptdarsteller Edward Woodward, die leider kaum noch jemand kennt und mit der der Film nicht mehr allzu viel gemeinsam hat, ist ein slow burner, kein CGI-lastiger Effektrausch wie die meisten zeitgenössischen Actionfilme, sondern ein finsterer, schwer aufs Gemüt drückender Nachtfilm mit einem Helden, dessen Triumph eine dumpfe Taubheit hinterlässt wie man sie spürt, wenn man nach einer zehrenden Krankheit zum ersten Mal wieder Bett und Haus verlässt. Gleichzeitig belebt er ein Gefühl, dass der großbudgetierte Mainstream-Actionfilm kaum noch zu evozieren versteht: Es ist dieses „Fuck, yeah!“-Gefühl, den die von Outlaw Vern so getauften „Oh shit, it’s on“-Momente nach sich ziehen, Momente, in denen man begreift, dass es gleich ernst werden wird, dass gewissermaßen Schluss ist mit lustig, dass das Töten effektiv und erbarmungslos, das Sterben schmerzhaft und dreckig werden wird. Robert McCall (Denzel Washington), der einem bis unter die Jochbeine tätowierten russian mobster gegenübertritt und ihn mit einem kaum zu rekapitulierenden, zum bloßen Reflex mutierten move entwaffnet. Robert McCall, der einen Raum voller Schwerverbrecher im Rücken hat, zu sich selbst sagt „16 seconds“, den Timer seiner Digitalarmbanduhr stellt, sich umdreht und dann einen nach dem anderen mit der Effienz eines Roboters umbringt. Robert McCall im Verhandlungsgespräch mit dem Killer Teddy (Marton Csokas) kurz vor dem unvermeidlichen Showdown, ganz gefasste, selbstbewusste Autorität, Entschlossenheit und Gewissheit. Die Frage ist nicht, wer hier am Ende als Sieger das Feld verlässt, sondern was von den Leichnamen der Schurken noch übrig bleiben wird und ob ihnen die Zeit bleibt, zu realisieren, was mit ihnen geschieht. Seit OUT FOR JUSTICE war das Kräfteverhältnis zwischen Held und Schurke nicht mehr so aus dem Gleichgewicht wie hier.

Das allein würde ja schon reichen, mir THE EQUALIZER ans Herz zu schweißen, aber da ist noch mehr. Die Exposition ist ganz nachtschwarze Melancholie, voller stimmungsvoller Bilder urbaner Einsamkeit. Washingtons McCall ist ein Witwer, der Tag für Tag einer traurigen Routine folgt, sein Leben mit einer Ruhe und Ordnung lebt, die im Grunde genommen eine Vorbereitung auf das Sterben ist. Diszipliniert nimmt er nach der Arbeit in einem Baumarkt seine Mahlzeit allein am Tisch in seiner kleinen Wohnung sitzend ein, spült dann in stiller Andacht Besteck, Teller und Glas, stellt sie ordentlich in das Abtropfgitter und legt dann gewissenhaft das Handtuch zusammen, das er mit sicherem Handgriff an seinen angestammten Platz am Griff des Spülschrankes hängt. Er faltet einen Teebeutel fein säuberlich in ein Stofftaschentuch, streift die Kanten glatt und steckt es in seine Jackentasche, nimmt sein Buch (Hemingways „Der alte Mann und das Meer“) und sucht das 24-Stunden-Diner auf, das von außen wie das Bild des in die Ewigkeit gedehnten Wartezustands aussieht, den Edward Hopper auf seinem Gemälde „Nighthawks“ festgehalten hat. Dort legt McCall das bereitliegende Besteck bis auf den Löffel beiseite, faltet das Tuch auf, entnimmt den Teebeutel, legt das Buch bündig an die seitliche Tischkante und wartet darauf, dass der Kellner heißes Wasser in eine Tasse gießt. Man könnte diesem Mann stundenlang dabei zusehen, wie er die nichtigen Handlungen, aus denen sein Leben besteht, mit größter Würde, Genauigkeit, Haltung und dem Wissen absolviert, dass man bereits die kleinen Dinge richtig machen muss. Da weiß man freilich noch nicht, dass McCall sein brachliegendes Potenzial bereits kennt und die in Alltagshandlungen gesteckte Akribie reine Ersatzhandlung ist. Aber man kann seinen Dämonen nicht entfliehen. „Got to be who you are in this world, no matter what.“

Ironischerweise fungiert THE EQUALIZER für mich persönlich ganz entgegen seiner existenzialistischen Haltung als schönes Beispiel dafür, wie sich die Dinge ändern können, dass eben nicht alles in Stein gemeißelt ist. Es ist noch nicht lange her, da war Denzel Washington für mich ein Grund, einen Film nicht zu sehen genau wie Antoine Fuqua. TRAINING DAY habe ich seinerzeit gehasst und das, was ich danach über KING ARTHUR gelesen hatte, bestätigte mich in meinem Glauben, dass es da wieder einmal ein besonderer Stümper in die oberen Etagen Hollywoods geschafft hatte. Seitdem hat der Mann aber Knaller wie SHOOTER und BROOKLYN’S FINEST gedreht und Denzel Washingtons Stärken kommen mit den Jahren, die er zulegt, immer mehr zum Tragen. Seine Entwicklung vom smarten, oft unangenehm selbstgefälligen Charmeur zum altersweisen badass ist absolut begrüßenswert und ein wenig mit dem überraschenden Karriereverlauf Liam Neesons vom langweiligen Charakterdarsteller zum Actionhelden zu vergleichen. Washington ist grandios in THE EQUALIZER, die lässige Gravitas seiner Stimme allein macht schon den Film, die elegante Ökonomie seiner Bewegungen und Mimik ist Ausweis des Profis, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Und Fuqua malt ihm zusammen mit DoP Mauro Fiore die ikonischen Bilder, die so ein Film braucht, um sich unauslöschlich einzubrennen. Ich hatte große Hoffnungen in THE EQUALIZER gesetzt, aber dass ich so weggebügelt werden würde, hätte ich nicht zu träumen gewagt. Ein Kracher, der aber, so hoffe ich, ohne das angekündigte Sequel auskommen wird. Denn so sehr ich mich über den Erfolg des Filmes freue und so gern ich mehr von McCall sähe, so wenig braucht THE EQUALIZER einen Nachklapp, so sehr dieses auch arschtreten mag. Jede Fortsetzung kann diesen Charakter nur trivialisieren, ihm Bedeutung und Nachhaltigeit rauben (auch hier siehe als Vergleich den traurigen TAKEN 2). Und ich will ihn so in Erinnerung behalten, wie ich ihn hier gesehen habe, will, dass er wieder im Nebel des Mythischen verschwindet, in seinem urbanen Schlummerzustand, aus dem er hier einmal aufgeweckt wurde.

Kommentare
  1. Matthias Emser sagt:

    Vielen Dank für diesen tollen Text. Ich hatte letztes Jahr im September das große Glück, THE EQUALIZER im Chinese Theatre in Hollywood auf riesiger Leinwand und mit perfekter Soundanlage sehen zu dürfen. Ein schlichtweg atemberaubendes Erlebnis.

  2. Frank Stegemann sagt:

    Wir könnten uns für Samstag ja mal „Training Day“ vornehmen…

  3. Frank Stegemann sagt:

    Das volle Programm also? Na, ich bring den Arthur mal mit 😀

  4. Frank Stegemann sagt:

    „Traing Day“ auch als BR im Hause?

  5. Frank Stegemann sagt:

    „Training Day“ fo‘ sho‘.

  6. Oliver sagt:

    Nee, nur DVD.

  7. Oliver sagt:

    Hast du auch OLYMPUS?

  8. Wolfgang Jahn sagt:

    Diese „Kritik“ ist aber nich´ Dein Ernst, oder doch??

    Hab´den Schmarr´n grade auf RTL gesehen und kann´s noch immer nicht glauben, dass ein Doppel-Oscar-Preisträger in so einem unglaublichen Scheiss mitspielt und der dann noch gelobt wird. Ne Story so duenn und dumm wie Klopapier, von vor´n bis hinten eine Aneinanderreihung von Klischees (und schlecht kopierten „Zitaten“ – nicht nur aus Filmen zB Seven, sogar NIGHTHAWKS von Edward Hopper wird als letzte Einstellung bemueht!), die „Schauspielerei“ ist bis auf die von Denzel am untersten Rand, besonders der „Oberboesewicht“ chargiert von der ersten bis zur letzten Klappe, die Loecher in der „Handlung“ sind so gross, dass da ein Flugzeugträger muehelos d´rin wendet, und formal ist das ganze traurig, traurig, traurig, aber wenn man dann einen Blick auf den Namen des „directors“ wirft … jaja, Fuqua, der Tarantino fuer Arme …

    (aber fuer all die, die diesen Mist lieben, troestet Euch, wahrscheinlich war ich zu bloed fur dieses Meisterwerk …)

    Schade, dass es keine Rache-Filme fuer denkende Menschen mehr gibt, seit der Jahrausendwende hat das US-Kino nur einen einzigen hervorgebracht, der dieses Motiv wirklich gekonnt umsetzt, und den hat ein Kanadier inszeniert … A HISTORY OF VIOLENCE.

    Denzel, ich versteh´ dass nach diesem Muell eine lange Pause angesagt war, aber ich verstehe nicht, dass Du danach wieder mit diesem Mist-Regisseur zusammengarbeitet hast. Dankbarkeit fuer einen Oscar – und so toll war T.D. nun auch weider nicht – hat doch auch ihre Grenzen, oder??

    • Oliver sagt:

      Dein „Kommentar“ ist aber auch nicht dein Ernst, oder?

      Null Argumentation, lediglich rein subjektive Geschmacksaussagen und Polemik von der Resterampe („unglaublicher Scheiss“, „dünne Story“, „dumm wie Klopapier“, „,Schauspielerei'“, „Tarantino für Arme“) und natürlich darf auch der ultimative Krückstock der Filmkritik nicht fehlen: „Logiklöcher … in denen ein Flugzeugträger wenden kann“. Damit es ne runde Sache wird, dann auch noch eine Stilblüte wie „schlecht kopierte Zitate“: Was soll das denn bitte sein? Das Dich-Brüsten damit, dass du eine Reminiszenz an wohl eines der berühmtesten Gemälde des vergangenen Jahrhunderts erkannt hast, ist auch fehl am Platze, schließlich wollte Fuqua damit wohl kaum besonders clever erscheinen als vielmehr eine bestimmte Stimmung evozieren, die jeder mit dem Bild verbindet, weil es genau dafür weltberühmt ist.

      Ist ja OK, dass du den Film scheiße findest: Gibt deutlich schlimmere Vergehen. Ich frage mich bloß, warum dieses Scheißefinden dazu führen muss, dass plötzlich den plumpsten Reflexen nachgegeben wird, bis hin zum Dissen derjenigen, die „dieses ,Meisterwerk'“ gut finden. Wenn du einen intelligenten Rachefilm und high art suchst, offensichtlich auch noch etwas über Rache erfahren willst, was du nach 120 Filmgeschichte noch nicht wusstest, ist Fuqua vielleicht einfach der falsche Mann. Ein Cronenberg ist er nicht, nie gewesen. (Dabei mal nebenbei: A HISTORY OF VIOLENCE bietet mit dem Auftritt von William Hurt eines der schlimmsten Beispiele von filmzerstörendem Overacting der letzten 20 Jahre auf und die russischen Schurken aus EASTERN PROMISES sind auch nicht gerade Ausbünde der Subtilität.) Fuqua hat im Idealfall gut abgehangenes, visuell ansprechendes Genrekino gemacht, dessen Gelingen oder Nichtgelingen davon abhing, wie gut er die einzelnen Versatzstücke miteinander kombiniert hat. Wenn du wissen willst, warum mir THE EQUALIZER gefallen hat: Er hat mich einfach gekickt von vorn bis hinten und kam dabei ohne ärgerlich gimmickigen Quark oder dusseligen Humor aus, den man sonst immer mitgeliefert bekommt. Das ist m. E. für einen erstklassigen Actionfilm schon völlig ausreichend.

      Und zu deiner Verwunderung, wie „Oscar-Preistäger Denzel Washington“ nur mit diesem Dilettanten zusammenarbeiten kann: Könnte vielleicht damit zu tun haben, dass er einen seiner Oscars eben Fuqua verdankt, dem Trottel.

      Vielleicht machst du nach diesem Kommentar auch erst einmal ne längere Pause. Und feierst dein Comeback dann, wenn ich hier Fuquas/Denzels THE EQUALIZER 2 abfeiere. Kommt wohl nächstes Jahr raus. Ich freue mich schon. 😉

      • Wolfgang Jahn sagt:

        Ui, tut mir leid, dass ich da einen wunden Punkt getroffen habe, Deine Kritik hat ja eh in einem Punkt Recht: “ … dass es da wieder einmal ein besonderer Stümper in die oberen Etagen Hollywoods geschafft hatte“. Stimmt, leider!

        Und klar, D.W. hat ihm einen Oscar zu verdanken, hab ich eh nicht uebersehen und Deine Reste von der Restrampe lass ich einfach so stehen, denn Du weisst ja eh bereits, dass Du denselben Muell kommndes Jahr nochmal abfeieren wirst, das nenne ich „Objektivität“. 🙂

        „Overacting“ in History of Violence? Hast Du den Film ueberhaupt gesehen?? Vom Rest D.W.ś Arbeiten – die fast alle sehr gut sind – duerftest Du ja eher wenig Ahnung haben, siehe “ … Es ist noch nicht lange her, da war Denzel Washington für mich ein Grund, einen Film nicht zu sehen.“ Damit ist wohl mehr als genug gesagt …

      • Oliver sagt:

        Dann ist ja gut.

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