the raid 2: berandal (gareth evans, indonesien/usa 2014)

Veröffentlicht: Februar 26, 2015 in Film
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Das erste Gefühl: Enttäuschung.

THE RAID 2: BERANDAL hat es aber auch nicht ganz leicht. THE RAID kam damals förmlich aus dem Nichts, um mit seinem No-holds-barred-approach und 110-minütiger Non-Stop-Action den von CGI abgetörnten Zuschauer komplett wegzublasen. Er war nicht ganz ohne Vorbild – John Woos Hongkong-Abschiedsfilm LAT SAU SAN TAAM war vor rund 25 Jahren ein vergleichbarer Frontalangriff und Prachya Pinkaew präsentierte in ONG-BAK mit Tony Jaa einen ähnlich suizidalen Martial Artist wie Evans mit Iko Uwais –, erschien aber in so großem Abstand zu den genannten, dass man nur zu gern bereit war, ihn als Wiedergeburt oder zumindest als Wiederbelebung eines darbenden Genres zu feiern.

THE RAID 2: BERANDAL, den Regisseur Evans eigentlich ursprünglich als ersten Teil geplant hatte, aus Finanzierungsgründen aber das günstiger zu produzierende Sequel vorzog, geht einen gänzlich anderen Weg als der Vorgänger. Mit 150 Minuten Länge wird echte Epik angestrebt, und statt eine ausufernde Actionszene mit kurzen Pausen aufzulockern, während derer die Geschichte vorangetrieben wird, ist es hier eher umgekehrt. Es dauert eine Weile bis zum ersten langen Action-Setpiece und in der Zeit bis dahin wird viel, viel Exposition in langen, statischen, ganz im Gegensatz zum sonst entfachten Wirbel bleischwer und zäh anmutenden Dialogszenen abgearbeitet, deren Ernsthaftigkeit nicht ganz im Einklang mit der Formelhaftigkeit des Plots steht: Um die grassierende Polizeikorruption in jakarta auszuhebeln, wird Rama (Iko Uwais) von einer Sondereinheit als Undercover-Cop dazu ausgewählt, sich in die Gangster-Organisation von Bangun (Tio Pakusodewo) einzuschleichen. Um das Vertrauen des Bosses zu gewinnen, sperrt man ihn in das Gefängnis, in dem dessen Sohn Uco (Arifin Putra) einsitzt, dem er gegen eine ganze Horde gedungener Mörder zur Seite steht. Der Plan geht auf und Rama leistet nach seiner Entlassung seinen Dienst als rechte Hand Ucos. Zur gleichen Zeit plant Bejo (Alex Abbad), ein anderer aufstrebender Gangsterboss, seinen Coup: Er will die Macht in Jakarta an sich reißen, indem er Bangun und den Japaner Goto (Kenichi Endo) gegeneinander ausspielt. Uco, selbst von Machthunger ergriffen, soll ihm dabei helfen.

Evans erzählt diese sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren erstreckende Geschichte mit vielen Ellipsen und Sprüngen, führt unvermittelt neue Figuren ein, verschiebt unerwartet den Focus von einer auf die andere, unterbricht den Flow immer wieder jäh mit jenen statischen Dialogszenen. Vor allem während der ersten Stunde stellt sich so das Gefühl ein, hier sei ein Regisseur unter der Last der Ambition eingeknickt. Die Leichtfüßigkeit, das Tempo, die THE RAID ausgezeichnet hatten, sind dahin und das, was an ihre Stelle tritt, stellt keinen adäquaten Ersatz dar. Die Charaktere bleiben Folien, selbst wenn es immer wieder schöne Einfälle gibt: Als Rama nach zwei Jahren seine Gattin anruft und sie bittet, ihn die Stimme des Sohnes hören zu lassen. ohne dass der es merkt, schließt die Szene mit dem Bild des in den Raum gehaltenen Telefonhörers und der aus dem Off erklingenden Stimme des Kindes. Toll sind auch wieder die gemäldeartigen Bildkompositionen und die lebendigen Texturen von verwitterten Wänden und Böden: Die Aufnahme zweier Männer vor einer Wand, der Blick auf eine verfallene Plattenbausiedlung, das Bild einer durch den Schnee sickernden Blutlache werden zu impressionistischen Gemälden. Evans zeigt eine Vorliebe für authentisch wirkenden Schmutz und Verfall, der THE RAID 2: BERANDAL einige fantastische visuelle Momente verdankt. Aber die Lebendigkeit, die diese Bilder suggerieren, stehen im Kontrast zur Leere der Charaktere: Das aalglatte, in seiner Makellosigkeit fast manipuliert aussehende Gesicht Ucos ist da fast schon paradigmatisch zu nennen.

Irgendwann fängt sich der Film – oder man gewöhnt sich daran, dass er visuell wie erzählerisch einer sehr eigenen Ästhetik verpflichtet ist. Dieser neurotische Wechsel von ultrabrutalen, halsbrecherisch spektakulären Actionszenen und somnambulen, aber nichtsdestotrotz (bedeutungs)schweren, drückenden Dialogszenen entwickelt mehr und mehr seinen eigenen Reiz. Es hilft aber zugegebenermaßen auch, dass die Pausen zwischen den Massakern mit zunehmender Laufzeit kürzer werden. Und hier brillieren Evans und Hauptdarsteller/Choreograf Uwais dann wie gewohnt: Die Kamera wirbelt genauso entfesselt wie die Darsteller, dennoch bleibt die Übersichtlichkeit stets gewahrt. Stilistisch sind die Martial-Arts-Fights nicht von jener Eleganz geprägt, die etwa alte Hongkong-Eastern auszeichnet, auch nicht von der kalten Effizienz, mit der Seagal zu Werke ging, vielmehr steigert sich Uwais in einen Zustand berserkerhafter Raserei, wirft sich mit vollem Körpereinsatz und ohne Rücksicht auf Verluste in seine Gegner und walzt sie buchstäblich nieder. Artistik ja, aber sie geht hier nicht mit der Freude einher, die Gesetze der Physik zu überwinden, sondern verfolgt stets den Zweck, größtmöglichen Schaden anzurichten. Den Gegner greifen und ihn mit voller Wucht in eine Wand oder gegen einen Pfeiler zu schleudern: Das ist der Move, der seine Methode vielleicht am ehesten repräsentiert. Der Blutverlust hier ist enorm, ebenso wie die Anzahl gebrochener Knochen. Genüsslich werden Gegner zu Kebap zerhäckselt, Gesichter und Köpfe weggeschossen, eingeschlagen oder zerschlitzt, Körper pulverisiert, Gliedmaßen verbogen oder aus den Gelenkpfannen gerissen. Als ein Killerpärchen auftritt, das mittels zweier Hämmer (Sie) bzw. Baseballschläger und zugehörigem Ball (Er) mordet, droht THE RAID 2: BERANDAL die Grenze zum Funsplatter zu überschreiten, aber Evans findet doch noch den richtigen Dreh. Die Höhepunkte des Films sind eine schier wahnsinnige Verfolgungsjagd, zu der neben dem obligatorischen vehicular mayhem auch eine irre Prügelei zwischen vier Personen im Inneren eines fahrenden Autos (!) gehört, und der große Schlussfight zwischen Rama und einem mit zwei sichelartigen Messern bewaffneten Killer. Wie die beiden hier in einem nicht enden wollenden, gnadenlosen Kräftemessen den Raum mehrfach durchmessen, bis einer von ihnen in einer riesigen Blutlache liegt, setzt sicherlich neue Maßstäbe im Bereich des Martial-Arts-Films.

Am Ende war ich dann doch sehr versöhnt mit dem Film und bin gern bereit, ihm seine Schwächen zu verzeihen: Evans hätte es sich gewiss einfach machen und die Schablone des erfolgreichen ersten Teils ein zweites Mal anwenden können: Rama vs. Schurkenarmee auf einem Schiff/in einem unterirdischen Gewölbe/in einem abgeschlossenen Freiluftgebiet. Stattdessen geht er einen Weg, mit dem er manchen Fan verprellen mag. Es ist etwas Arbeit und Eingewöhnung nötig, um sich auf das gedrosselte Tempo des Sequels einzustellen, aber wenn man sich darauf einlassen mag, wird man mit einem ungewöhnlichen, originellen und einzigartigen Film belohnt, den ich mir jetzt am liebsten gleich noch einmal ansähe.

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Kommentare
  1. Mr. Majestyk sagt:

    Ich habe mich über „The Raid 2“ geärgert. War der Vorgänger noch ein wirklich erfrischend intensives Action-Event, so langweilt diese Dauerprügelei irgendwann nur noch. The Raid 2 ist weder Fisch noch Fleisch und kann m.E. dem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Für einen Actionspaß viel zu lang, für einen ernsthaften Gangsterfilm definitiv zu inhaltsleer und mir auch zu unlogisch.
    Hinzu kommt, die Gewalt ist schon over the top. Mag an mir liegen, aber wenn dargestellt wird wie Menschen das Gesicht nach innen gedrückt wird so sollte das für mich nicht unbedingt cool rüberkommen.
    Ich habe „The Raid 2“ relativ zeitnah zu „Rambo“ gesehen, dort empfand ich die Gewalt als rau, brutal, bedrohlich, hier dann doch eher als verherrlichend.
    Es war tatsächlich das erste Mal, dass ich dies bei einem Film bewusst so empfunden habe.
    Sicherlich alles sehr subjektiv, vielleicht werde ich auf meine alten Tage sensibel, aber die FSK 18 Freigabe ist im Vergleich zu einigen Indizierungen der letzten Zeit ein schlechter Witz.

    • Oliver sagt:

      Ich kann dem nicht viel entgegenhalten. Beim ersten Anlauf fand ich THE RAID 2 auch eher schwach, um nicht zu sagen: langweilig, aber er hat sich dann für mich doch noch gemausert. Ich wollte ihn aber eigentlich auch mögen. Der Plot ist ganz gewiss seine große Schwäche. Ehrlich gesagt hat der mich kaum interessiert. Logiklöcher stören mich generell eher selten, in einem Film wie THE RAID 2 eigentlich gar nicht. Zur Gewalt: Ja, dass das selbstzweckhaft ist, kann ich nicht bestreiten. Gewaltverherrlichend? Ich weiß nicht. Im Actionfilm geht es immer um eine gewisse Triebabfuhr und die Probleme fangen erst an, wenn man sie auf die Realität übertragen will. THE RAID 2 ist ja so over the top, dass sich diese Frage gar nicht stellt, finde ich.

  2. Mr. Majestyk sagt:

    Logiklöcher interessieren mich zunehmend auch immer weniger.
    Vielleicht hätte ich diesbezüglich eher auf Hitchcock hören sollen.
    Hier hat es mich gestört, vielleicht auch weil in den Extras deutlich wurde welchen Anspruch Evans vermeintlich gehabt hat.
    Gegen Triebabfuhr habe ich rein gar nichts. Ich möchte auch definitv keinen Zeigefinger erheben.
    Die FSK Freigabe empfand ich als unpassend, zumal ich genau in der Woche gelesen habe, dass Maniac und Killer Joe auf dem Index gelandet sind.
    Beides Filme die ich nicht nur lieber mag, sondern in denen die Gewalt m.E. eben nicht selbstzweckhaft ist.

    • Oliver sagt:

      Über die FSK erübrigt sich ja jede Diskussion. Ich rege mich darüber nicht mehr auf. Dass es keine verbindlichen Kriterien gibt, die eine Freigabe begründen, ist ja bekannt. Aber wie sollte das auch gehen? Bei MANIAC und KILLER JOE dürfte die Verbindung von Gewalt und Sex ausschlaggebend gewesen sein. Aber ich gebe dir natürlich Recht: THE RAID 2 ist deutlich brutaler und schießt vielleicht etwas übers Ziel hinaus.

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