sex und noch nicht 16 (peter baumgartner, deutschland 1968)

Veröffentlicht: Februar 28, 2015 in Film
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SEX UND NOCH NICHT 16 (nicht zu verwechseln mit dem Ingrid-Steeger-Vehikel) ist ein Meisterwerk des deutschen psychotronischen Kinos – aber leider kaum bekannt. Regisseur Peter Baumgartner hatte sich das Recht auf einen eigenen Film als DoP für Erwin C. Dietrichs ST. PAULI ZWISCHEN NACH UND MORGEN und SEITENSTRASSE DER PROSTITUTION erworben, eine Tätigkeit, die er kurz danach wieder aufnahm, denn SEX UND NOCH NICHT 16 sollte seine letzte Regiearbeit bleiben. Warum ist indessen alles andere als nachvollziehbar. Der Film war kommerziell durchaus erfolgreich und zudem eindeutiger Beweis für das Talent Baumgartners. Experimentell, fragmentarisch, künstlerisch, kreativ, freigeistig, innovativ: SEX UND NOCH NICHT 16 hätte mit anderen Dietrich-Produktionen jener Zeit so etwas wie die Speerspitze einer deutschen Nouvelle Vague begründen können, aber leider wurde daraus nichts. Hatten sich die Zuschauer, die sich in Erwartung eines lüsternen Sexfilms verstohlen ins Kino geschlichen hatten, nach dem Film möglicherweise verprellt gefühlt? Zwar gibt es den versprochenen Sex mit einer 15-Jährigen – Darstellerin Rosy-Rosy aka Rosemarie Heidinkel, ein dunkelhaariges Brigitte-Bardot-Lookalike war tatsächlich bereits 22 –, doch ist der kaum mehr als eine Randerscheinung. Es ging Baumgartner um andere Dinge und die Sexfilmschablone war kaum mehr als ein Etikett, um das Publikum anzulocken.

Zu behaupten, SEX UND NOCH NICHT 16 erzähle eine Geschichte, ginge an der Realität des Films vorbei, doch wenn man so etwas wie eine Handlung aus dem straffen Siebzigminüter herauskristallisieren wollte, ließe diese sich so zusammenfassen: Die 15-jährige Waise Rosy (Rosy Rosy) landet auf ihrer Flucht aus dem Pflegeheim im Nachtklub der Sängerin Helen (Helen Vita) und lernt dort den netten Studenten Rolf kennen. In die sich anbahnende Liebesgeschichte platzt Helens Manager Johnny (Peter Capra), ein kleinkrimineller Gernegroß, der in der attraktiven Minderjährigen eine willkommene Einnahmequelle sieht, sie mit seinem Geprotze ködert und dann als Jungfrau an bereitwillig zahlende Kunden verschachert. Doch Johnny kriegt den Hals nicht voll: Als er einen Radprofi nach dessen Nummer mit Rosy erpresst, kommt es zur nächtlichen Auseinandersetzung auf dem Güterbahnhof, in die sich auch der fürsorgliche Rolf einmischt.

Man könnte sich ohne Weiteres einen Film vorstellen, der daraus ein 90-minütiges Sleazedrama macht, aber Baumgartner interessierte sich mehr für die somnambule Atmosphäre unter den Vergnügungssüchtigen, die Helens Club bevölkern, oder die frivol-rotzigen Chansons, die die alternde Diva zu Besten gibt, Kleine, eigentlich unwichtige Szenen werden dank der einfallsreichen Inszenierung und des expressiven Schnitts zu lebhaften Vignetten, die das Rauschhafte lustvoll unterstreichen. Man weiß nie genau, was als nächstes passieren wird, alles scheint möglich: Eine ganz typische Eigenschaft solcher „Nachtfilme“ zwar, unter denen SEX UND NOCH NICHT 16 dank seiner formalen Radikalität und Frische aber dennoch eine Sonderstellung einnimmt. Es ist beeindruckend, wie es Baumgartner gelingt, jeden Vorwurf stilistischer Eitelkeit und Prätentiösität mit spielerischer Leichtigkeit zu umgehen und einen Film vorzulegen, der trotz seiner Künstlichkeit wie der authentische Ausdruck reiner Lebenslust wirkt.

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