christine (john carpenter, usa 1983)

Veröffentlicht: März 5, 2015 in Film
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CHRISTINE ist im Werk Carpenters vielleicht der „vergessenste“ Film überhaupt, zumindest empfinde ich das so. Es gibt da die unbestrittenen Klassiker, die immer als Beleg für seine Meisterschaft herangezogen werden – ASSAULT ON PRECINCT 13, HALLOWEEN, THE FOG, ESCAPE FROM NEW YORK und THE THING – ein paar nicht ganz so durchgehend zelebrierte Geheimfavoriten, wie STARMAN, BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA, PRINCE OF DARKNESS, THEY LIVE oder IN THE MOUTH OF MADNESS, und dann natürlich die vermeintlichen Flops und Gurken aus dem Spätwerk, über die ebenfalls weitgehende Einigkeit herrscht, etwa MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN, ESCAPE FROM L.A. oder GHOSTS OF MARS. Carpenter hatte mit CHRISTINE, den er unmittelbar im Anschluss an den massiv gefloppten THE THING inszenierte, zudem nicht nur das Pech, einen kaum zu toppenden Run von Meisterwerken fortsetzen, sondern auch einen zu Beginn der Dreharbeiten noch gar nicht fertiggestellten Roman von Stephen King adaptieren zu müssen. King war zu jener Zeit gewissermaßen unfehlbar, genoss einen hervorragenden Ruf und erfuhr darüber hinaus geradezu frenetische Verehrung seiner Leser: Eine Filmadaption verfügte noch über eine eingebaute Erfolgsgarantie. (Erst später, nach einigen kommerziellen wie künstlerischen Enttäuschungen im weiteren Verlauf der Achtzigerjahre, erwarben seine Romane sich die Reputation, gewissermaßen unverfilmbar zu sein.) Kings in die Breite gehende Erzählungen büßen bei der Übertragung auf die Leinwand viel jenes Lokal- und Zeitkolorits ein, der sie ganz wesentlich auszeichnet, und der Schrecken, der bei ihm eher aus dem Raum zwischen den Zeilen kriecht, verliert bei der Übersetzung in greifbare Bilder viel von seiner Wirkung. Das zeigt sich auch in CHRISTINE, der als „runder“ Erzählfilm nur bedingt funktioniert: Was das titelgebende Auto zur Mordmaschine macht, wird anders als in Kings Roman nie wirklich addressiert, die Entwicklung Arnies (Keith Gordon) vom hilflosen, schüchternen Nerd hin zum rücksichtslosen Rock’n’Roll Rebel verläuft ebenso sprunghaft wie die Spannungsdramaturgie, die den Fokus kurz vor Schluss recht unvorbereitet auf Arnies (zuvor zur Nebenfigur degradierten) Kumpel Dennis (John Stockwell) zurückverschiebt, um das Finale einzuleiten.

Es genügt eigentlich ein kurzer Blick auf die zugrundeliegende Geschichte, um zu wissen, dass Carpenter nicht die optimale Wahl für eine Filmumsetzung war. Seine vorangegangenen Erfolge speisten sich eher aus erzählerischer Reduktion, was genau der gegenteilige Ansatz von Kings Methode ist, der glaubwürdige und lebendige Soziotope voller ausgefeilter Charaktere und einer echten Historie entwickelte. King betreibt mit seinen Romanen eine Art mythologischer Parallelgeschichtsschreibung, die sich wesentlich aus Fünfzigerjahre-Nostalgie und der Liebe zu Americana speist. In CHRISTINE ist das besonders augenfällig: Durch den Besitz eines 57er Plymouth, dessen Radio nichts anderes als Oldies spielt, verwandelt sich die von Eltern und Mitschülern gegängelte, hornbrillentragende Jungfrau Arnie in einen coolen, selbstbewussten juvenile delinquent, dessen roter Blouson Assoziationen zu James Deans ikonischem Outfit aus Nicholas Rays REBEL WITHOUT A CAUSE evoziert. In der aufgeräumten Welt der Spätsiebziger mit ihrem hedonistischen Discosound entfaltet der neue, nach dem Vorbild der „Halbstarken“ von einst modellierte Arnie ein wahrhaft zersetzerisches Potenzial. (Der schon zuvor schwelende Konflikt mit seinen Eltern zeigt freilich, dass die heile Welt der Seventies genauso ein Traumgebilde war wie die der Fifties.)

Carpenter hat mit all dem aber nur wenig am Hut – und lustigerweise macht gerade das seine King-Verfilmung interessant. Die packendsten Momente von CHRISTINE sind auch sehr typische Carpenter-Momente: Die Verfolgung des fiesen bullys Buddy durch den unbemannten, brennenden Wagen über eine nächtliche Landstraße lädt Carpenter durch expressive Beleuchtung und seinen gewohnt minimalistischen Synthiescore bedrohlich auf, verleiht dem Szenario etwas Fremdartig-Surreales. Überhaupt fallen in dem durchweg fantastisch fotografierten Film all jene Szenen besonders positiv auf, in denen Carpenter das Auto inszeniert. Seine Herangehensweise erinnert hier durchaus an HALLOWEEN: Nicht nur, dass er die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung von Christines Besessenheit völlig offen lässt (im Buch ist es der Geist von Christines Vorbesitzer, der das Auto zur Mordmaschine macht, im Film ist es von Anfang an böse), er versteht es auch, dem Unbelebten mithilfe des ruhigen, distanzierten, suggestiven Kamerablicks abgründige, beunruhigende Bösartigkeit zu verleihen. Es ist seine Kälte, die Makellosigkeit seiner glänzenden Linien und des spiegelnden Chroms, die Abwesenheit alles Organischen, seine sprichwörtliche Unmenschlichkeit, die das Auto so unheimlich machen. Man vergleiche das Antlitz des Autos nur mit dem „infizierten“ Arnie, der in der chargierenden Darbietung von Keith Gordon zur grimassierenden Karikatur auf den Fünfzigerjahre-Halbstarken wird. Christines unverwandter „Blick“ und ihre Passivität sind in Verbindung mit ihrem starken, „gefährlichen“ Design die geradezu ideale Projektionsfläche für Arnies Selbstermächtigungsfantasien. CHRISTINE ist auch ein Film über Fetische, darüber, wie sie mit Bedeutung aufgeladen und „belebt“ werden. Wie Carpenter dieses Auto erotisiert, es zu einem Charakter macht, der lebendiger als alle menschlichen Figuren des Films scheint, das erinnert tatsächlich an Cronenberg, wie Leena gestern nach dem Film anmerkte.

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Kommentare
  1. The Nameless sagt:

    Wunderbare Besprechung! Christine zählt zu meinen Lieblingsfilmen von John Carpenter.

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