cujo (lewis teague, usa 1983)

Veröffentlicht: März 6, 2015 in Film
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Eine meiner Lieblingsthesen, wenn es um das Actionkino geht, besagt, dass es auf den Ursprung des Kinos als pure Freude am bewegten Bild zurückgeht. Action, und alles was dazugehört, also etwa Verfolgungsjagden, Shootouts, Faustkämpfe, sind gewissermaßen der Urstoff des Kinos; Bewegung, das, was das Medium in den Augen der Zuschauer auf den ersten Blick von Fotografie oder Malerei abhob, ihr Interesse weckte. Aber natürlich gibt es auch andere, komplexer Bildideen, die in der Kinosituation eine besondere Kraft entfalten. Eine davon ist gewissermaßen das Gegenteil der Abbildung von Bewegung: Ich meine kammerspielartige Ein-Raum-Situationen (wie sie lustigerweise als Belagerungsszenarien wichtiger Bestandteil ausgerechnet des Actionfilms geworden sind). Die Reduktion von Raum und Personal, die äußerste Verdichtung in einem Zustand der Bewegungslosigkeit und der Verlust der Handlungsmacht spiegeln die Situation des Zuschauers im Kino, der für zwei Stunden an seinen Sitz gefesselt ist und sich passiv einem Film ergibt, der vor ihm in Überlebensgröße abläuft. Auch Lewis Teagues CUJO bezieht seinen Reiz aus dieser Dynamik und legt dem Zuschauer in seiner zweiten Hälfte Daumenschrauben an, die er unaufhörlich fester dreht, bis sich der Druck irgendwann entladen muss und kann.

„Cujo“, der Roman, zählt zu den Werken, mit denen Stephen King seinen kometengleichen Aufstieg und den Stammplatz an den Spitzen der Bestsellercharts ergattern konnte (es war, die unter dem Pseudonym „Richard Bachman“ verfassten Romane nicht mitgezählt, sein siebtes Buch). Die deutsche Bastei-Ausgabe lag damals, Mitte bis Ende der Achtzigerjahre, mit großer Verlässlichkeit auf dem zu jener Zeit noch obligatorischen Stephen-King-Tisch jeder Buchhandlung oder -abteilung und wurde auch von mir regelmäßig umgarnt. So richtig interessiert hat mich die anhand der Backcover-Inhaltsangabe als sehr rudimentär offenbarende Geschichte um einen tollwütigen Wauwau aber nicht, und auch der Film, in einschlägigen Lexika weitestgehend der Rubrik „Kann man, muss man aber nicht“ zugeordnet oder als eine der vielen höchst mittelmäßigen King-Verfilmungen abgeurteilt, schien mir verzichtbar. Beim Surfen auf Joe Dantes schöner, nein, unverzichtbarer Seite Trailers from Hell stieß ich vor einigen Tagen dann aber auf den Trailer des Films, der von Regisseur Mick Garris wider Erwarten in den höchsten Tönen gelobt und als eine der sehr guten Adaptionen des Meisters gewürdigt wurde. Die bewegten Bilder des blutdurstigen Hundes machten mir dann auch spontan Lust, die „Bildungslücke“ zu schließen. Und selbst wenn ich CUJO nun nicht unbedingt als Meisterleistung feiern würde, so ist er zumindest in seiner zweiten Hälfte doch ein sehr effektiv inszeniertes Stück Spannungs- und Terrorkino, das durchaus unter Wert gehandelt wird.

Von Lewis Teague inszeniert, der mit seinem ALLIGATOR ein Händchen für Tierhorror bewiesen hatte, und von Jan de Bont in eindringlichen, aber auch schönen Bildern eingefangen, krankt er allerdings ein wenig an dem, was mich damals schon am Buch „abgeschreckt“ hatte: Die Story um den tollwütigen Bernhardiner, der die in einem fahruntüchtigen Auto gefangene Donna (Dee Wallace) und ihr Söhnchen Tad (Danny Pintauro) belagert, liefert nicht wirklich ausreichend Stoff für einen Neunzigminüter. Die erste Hälfte des Films, die das Belagerungsszenario vorbereitet, ist dann auch ein wenig zäh geraten und dürfte vor allem bei der Zweitsichtung den Griff zur Skiptaste anregen: Nachdem Cujo im hübschen Prolog einen Fledermausbiss abbekommen hat, wendet sich das Drehbuch dem trügerischen Failienidyll der Trentons zu. Trügerisch, weil Donna eine Affäre mit Steve (Christopher Stone) hat, dem Tenniskumpel ihres Gatten Vic (Daniel Hugh Kelly), die dann schließlich zur vorübergehenden Trennung führt, welche die prekäre Belagerungssituation überhaupt erst verursacht. Bis es dazu kommt, müssen aber zunächst einige eher uninteressante Alltagssituationen durchstanden werden, die uns die Trenton auf sehr generische Art und Weise näherbringen sollen. Zwischendurch macht Teague immer wieder kleinere Abstecher zum abgelegenen Haus des Mechanikers Camber (Ed Lauter), dem der infizierte, immer aggressiver werdende Hund Cujo gehört, dessen graduelle Verwandlung aber zunächst von niemandem bemerkt wird. Diese ruhige Einleitung ist sicherlich notwendig, nimmt aber rund die Hälfte der Gesamtlaufzeit ein, ohne, dass etwas Wesentliches passieren würde. Tads Angst vor den Monstern in seinem Wandschrank wird aufgebaut, um einen Kontrast zu dem sehr realen Monster zu schaffen, das ihn später bedrohen wird, aber dieses Konstrukt führt zu nichts, weil Tad am Ende eh der Ohnmacht anheimfällt – und wer würde es ihm verdenken –, anstatt seine Angst überwinden zu können. Wenn das Belagerungsszenario aber greift, vollzieht CUJO einen qualitativen Quantensprung: Der Hund sieht mit seinem vor Schleim triefenden Gesicht, den blutunterlaufenen Augen und dem verkrusteten Fell wahrhaft furchteinflößend aus, sein Belauern des Wagens mit den hilflosen Insassen darin wird von Jan de Bont mit einer hyperbeweglichen Kamera kongenial eingefangen. Die Angriffe werden immer heftiger, die Gewissheit, nicht ewig im Auto ausharren zu können, die Konfrontation suchen zu müssen, immer größer. Dee Wallace ist als Abbild mütterlichen Leids und wachsenden, archaischen Zorns einfach wunderbar, der Spannungsaufbau nahezu makellos. Als Tad plötzlich Krampfanfälle bekommt, meint man auch vor dem heimischen Bildschirm keine Luft mehr zu bekommen. Und dann kulminiert die Situation erst in einem furiosen, mehrfachen 360°-Schwenk im Inneren des Autos und dann natürlich im blutigen Kampf der Mutter gegen die Bestie. Wenn der versöhnte Ehemann Vic am Ende am Ort des Geschehens eintrifft, die triumphierende, zerschundene Mutter mit dem geschwächten Kind im Arm im Licht der untergehenden Sonne sieht, weiß man, dass er hier keine Hilfe gewesen wäre.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Bin kein grosser King Fan mehr. Aber als ich es noch war zählten Cujo und DeadZone zu meinen
    Lieblingsbüchern von ihm. Das war bevor er anfing Umfang mit Klasse zu verwechseln.
    Cujo (der Film) ist ganz nett, aber weit entfernt von der bösartigen Brillianz der Vorlage.

  2. […] Dominik Grafs kraftvollen Gangsterfilm „Die Katze“ und den beiden Stephen-King-Verfilmungen „Cujo“ und […]

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