berberian sound studio (peter strickland, großbritannien 2012)

Veröffentlicht: März 13, 2015 in Film
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Peter Greenaway hat irgendwann mal (sinngemäß) gesagt, dass die Menschen es verlernt hätten, Bilder zu „lesen“. Er meinte damit, dass das Wissen um Mythen und antike Texte, also gewissermaßen um den Ursprung von Symbolen und Gleichnissen und die Quelle ihrer Bedeutung, das im Bürgertum des 19. Jahrhunderts dank humanistischer Bildung einmal vorhanden war, heute zunehmend erodiert sei. Wahrscheinlich hat er damit sogar Recht. Noch viel naiver scheint mir bei der Konfrontation mit Film aber das Verhältnis zum Ton. Ich merke das auch an mir selbst: Ton, das ist das, was so mitläuft, die Stimmung ohne Zweifel entscheidend mitprägt, aber ganz selten wirklich bewusst erlebt wird. Am Ende kann ich meist nur sehr allgemeine Aussagen zur Art der Musik und den Gefühlen, die sie bei mir evozierte, machen, kann feststellen, ob Soundeffekte eher realistisch eingesetzt wurden oder bewusst übertrieben waren, aber sonst liegt mein Fokus ohne Frage auf dem Bild. Peter Strickland ist mit BERBERIAN SOUND STUDIO angetreten, dem Filmton und seinen Schöpfern ein Denkmal zu setzen. Sein Film zeigt einerseits, welchen sensorischen Reichtum die akribische Komposition von Klängen, Musik und Geräuschen erzeugen kann, andererseits wie viel Sinnlichkeit bei der Erzeugung dieses Tons am Werk ist. Und nebenbei ist BERBERIAN SOUND STUDIO auch noch eine Liebeserklärung an das expressive italienische Genrekino der Siebzigerjahre, bei dem der Ton stets eine ganz besondere Bedeutung innehatte (und natürlich an Film allgemein, aber das sollte ja klar sein).

Der britische Sound Engineer Gilderoy (Toby Jones), ein stiller, schüchterner, eher konservativer Typ, der zuvor vor allem Naturfilme vertont hatte, wird zum Abmischen des Tons eines Films des italienischen Regisseurs Giancarlo Santini (Antonio Mancino) ins „Berberian Sound Studio“ nach Italien beordert. Vor Ort muss er sich mit der ihm unverständlichen Sprache und den ungewohnten Sitten und Arbeitsmethoden arrangieren. Bei Betrachtung des Films „The Equestrian Vortex“, den er für einen Film über Pferde gehalten hatte, stellt er schockiert fest, es in Wahrheit mit einem blutrünstigen Horrorfilm zu tun zu haben. Die Bilder des Films, die Arbeitsumstände, das seltsame Verhalten der Crew ihm gegenüber und das wachsende Heimweh zehren zunhemend an seinen Nerven, bald ist nicht mehr klar, wo das „echte“ Leben aufhört und der Film beginnt …

Für einen Film über Filmton ist BERBERIAN SOUND STUDIO von immensem visuellem Reichtum: Das kleine Studio, in dem Gilderoy mit der zärtlichen Genauigkeit eines Schmetterlingssammlers seiner Arbeit nachgeht, erinnert an eine klösterliche Schreibklause, immer wieder tastet die Kamera akribisch geführte handschriftliche Notizen, Briefe, rätselhafte Arbeitspläne und Skizzen sowie Tonspulen, Mischpulte, Knöpfe und Schalter ab. Der Saft zerhackter Wassermelonen spritzt meterweit und zurück bleibt nur das blutrote Fleisch. Die zu Tönen verarbeiteten Früchte und Gemüse verwandeln sich in ihrer Abfallkiste in ein farbenfrohes Gemälde der Verwesung. Ein Weberknecht krabbelt mit seinen langen Beinen über eine Hand, das Knistern von Herbstlaub unter den Füßen besänftigt die Sehnsucht nach zu Hause. Eine gewisse Empfindsamkeit vorausgesetzt, wie sie Gilderoy ohne Zweifel sein eigen nennt, nehmen alle diese Dinge Bedeutung an und Strickland ermutigt den Betrachter, sich ebenso von den Bildern verführen zu lassen. Wie auf Zehenspitzen schleicht er mit der Kamera durch das Berberian Sound Studio, nimmt alle Eindrücke mit der unvoreingenommenen Neugier eines Kindes auf, voller Lust an Formen, Farben, Geräuschen, Bildern, Oberflächen. BERBERIAN SOUND STUDIO erreicht eine ungewöhnliche taktile Qualität und selbst der Ton erlangt eine physische Präsenz. Das nüchterne Englisch Gilderoys reibt sich an der erotischen Wildheit des Italienisch, die Synchronsprecher steigern sich in dem Bemühen, den glaubwürdigsten Angstschrei hevorzubringen, blutdurstige Hexen von den Toten auferstehen zu lassen oder lüsterne Goblins zum Leben zu erwecken, in geradezu orgasmische Höhen. Der Ton ist ständig in Bewegung, verändert sich unter der sanften Kontrolle Gilderoys wie die Gezeiten das Meer, vom furchteinflößenden, außerweltlichen Grollen in ein verführerisch singendes Locken.

Wer einen herkömmlich entwickelten Plot erwartet, wird von BERBERIAN SOUND STUDIO wahrscheinlich eher enttäuscht sein. Die Lynch-Vergleiche, die in der Presse zum Teil gezogen wurden, sind zwar etwas hilflos und unoriginell, aber insofern zutreffend, als Strickland vor allem eine bestimmte Stimmung erzeugt, weniger an einer lückenlosen Übersetzung seiner Bilder in Bedeutung interessiert ist (das wäre dann auch der Unterschied zu Greenaways Verständnis von BIldern als Trägern konkreter Bedeutung). Es ist nicht zuletzt eine unterschwellige Komik, die mich für den Stoff eingenommen hat. Sie wird wahrscheinlich nicht jedem auffallen, aber wer sich auch bei den Geschichten Kafkas ein Schmunzeln nicht verkneifen kann, wird verstehen, was ich meine. Der Zusammenprall der unterschiedlichen Mentalitäten birgt natürlich sowieso einiges komische Potenzial, aber es ist eben auch diese ins Auge springende Fremdheit, die von allem Besitz ergreift, was Gilderoy mit seinem höchst beeinflussbaren Blick streift. Der kleine, gnomhafte Soundmann mit dem Auftreten eines ganz in seiner Welt versunkenen Koleopterologen bewegt sich durch die ihm fremde Umwelt mit der Ungeschicktheit und Hilflosigkeit eines Mannes, der einen fremden Planeten betreten hat, und der Horrorfilm, den zu sehen er da gezwungen wird, stellt sein geordnetes Weltbild völlig auf den Kopf. BERBERIAN SOUND STUDIO macht sich aber nicht lustig über ihn, nein, er zeichnet seine Empfindsamkeit durchaus mit Liebe und, ja, auch einem gewissen Neid. Diese Offenheit, Hilflosigkeit, Wehrlosigkeit, mit der Gilderoy der Welt und „The Equestrian Vortex“ gegenübersteht, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Einen Film so zu sehen wie er, sich ganz darin verlieren zu können, ist eine Gabe von unschätzbarem Wert. Strickland ermutigt dazu, uns dieser Sichtweise anzunähern, zu fühlen, statt zu verstehen.

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