derrick episoden 038 – 041 (deutschland 1977 – 1978)

Veröffentlicht: März 20, 2015 in Film
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Episode 038: Inkasso (Helmut Ashley, Deutschland 1977)

Der Plot entfaltet sich traditionell und in behäbigem Tempo: Ein Mann namens Rombach wird erschossen, die Befragung seiner Ex-Frau (Monika Gabriel) bringt wenig konkrete Erkenntnisse, außer ihres unverhohlenen Unwillens, sich positiv zum Toten zu äußern. Die Untersuchung der todbringenden Pistolenkugel stellt aber die Verbindung zu einem anderen Mordopfer her, eines Fotografen, mit dem Rombach sich regelmäßig zum Skatspielen traf. Der dritte in der Skatrunde ist der Apotheker Backhaus (Karl Walter Diess), der merklich Angst hat, das nächste Opfer zu sein, aber trotzdem nicht mit der Sprache rausrückt. Um den Mörder zu finden, müssen Derrick und Klein hinter das Motiv kommen und dazu hinter das Geheimnis, das die drei Männer offensichtlich verbindet.

11045427_958735574151745_7163803936766346713_nAshleys Episode bietet dem geneigten Zuschauer gewissermaßen DERRICK’sche Durchschnittskost, aber das auf hohem Niveau. Eine narkoleptische Modenschau zu schwofigem Disco-Sound und in pseudobarockem Interieur mit Hang zum Beige ist zunächst der delirierende Höhepunkt der gewohnt schön fotografierten, sonst aber ganz auf Linie der sich am gehobenen Bürgertum abarbeitenden Serie liegenden Episode. Erst in den letzten 15, 20 Minuten entgleitet Ashley die Kontrolle bzw. greift er nach den Sternen am graubraunen Polyesterfirmament: Plötzlich verwandelt sich die Folge in eine verzichtphilosophisches Juvenile-Delinquency-Drama mit Pferdeszenen, stummen Liebkosungen und schmachtenden Blicken, die Entladung erflehen und wiederholte Ablehnung empfangen. Das alles erlebt der Betrachter aus der Distanz, nimmt die Perspektive der beiden Kriminalbeamten ein, die dem Liebespaar hinterherstelzen und seine schüchternen Zärtlichkeiten mit der nüchternen Bewunderung zweier Wissenschaftler beobachten, die sich vom Blick auf das pumpende Herz des lebend sezierten Froschs Erkenntnisse über das Geheimnis des Lebens erhoffen. Dazu spielt passenderweise ein brachialromantisches Kitschinstrumental, das in seiner mechanistischen Erbarmungslosigkeit so klingt, als habe Ashley es aus einem Enz-Film geborgen. Groß.

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Episode 039: Die Tote im Wald (Helmut Ashley, Deutschland 1977)

Eine ähnliche Folge wie die vorangegangene, in dem Sinne, dass der Fall und die Ermittlungen eher konventionell erzählt werden, das Ende – eine Rückblende auf den Tathergang – dann aber aufmerken lässt. Zu Beginn wird im Wald die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Zufällig in der Nähe ist Hans Beck (Martin Lüttge), der sich die Leiche ansieht, dann panisch zu seiner Gattin Lore (Gaby Dohm) nach Hause eilt und seinen Freund Donk (Günther Neutze) anruft. Becks Panik erklärt sich wie folgt: Vor Jahren wurde er in einem sehr ähnlichen Fall wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, von der seine Gattin nichts weiß. Nun befürchtet er, von der Polizei vorverurteilt zu werden, und bittet Donk, für ihn ein gutes Wort einzulegen. Der aber spielt sein eigenes Spiel: Anstatt Beck zu beruhigen, schürt er seine Angst, anstatt ihn zu entlasten, macht er genau das Gegenteil.

10949751_959210927437543_7307672007736787647_nDIE TOTE IM WALD ist in erster Linie eine Schauspielerfolge, lebt ganz von der fiebrig-kaltschweißigen Nervosität, die Martin Lüttge seinem Beck verleiht, sowie der abgezockten Frechheit und intriganten Manipulativität Donks, der Günther Neutze ein ebenso hassenswertes wie ungerührtes Gesicht gibt. Spannung erwächst zunächst aus der Frage, ob es für die Anspannung Becks nicht doch eine andere Erklärung geben könnte, dann aus der zunehmenden Gewissheit, dass Donk Böses im Schilde führt, und der Unfähigkeit des gutmütigen Beck, genau das zu erkennen. Es ist eine banale Zeugenaussage, die die entscheidende Wendung bringt und zur Konfrontation des richterlich auftretenden Derrick mit dem lügnerischen Gernegroß führt. In den Flashbacks, die ihn danach als notgeile alternde Witzfigur enttarnen, die nicht nur der naiven englischen Austauschschülerin durch das Unterholz nachjagt, sondern auch der eigenen, längst vergangenen Jugend, bevor es das zarte Pflänzchen mit den ungeschickten Händen eines Mannes zerdrückt, dem menschliche Berührungen fremd sind, findet Ashleys Episode ein nachhaltiges Ende.

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Episode 040: Der Fotograf (Helmut Ashley, Deutschland 1978)

Nach zwei eher intimen Folgen bekommen Derrick und Klein es zur Abwechslung mal wieder mit international agierenden Kapitalverbrechern zu tun. Am Anfang war die Action: Der titelgebende Fotograf Alwin Merz (Bruno Dietrich) hetzt von drei Schergen verfolgt durch die grell erleuchteten Gänge eines U-Bahnhofs und wird schließlich vor einen einfahrenden Zug geworfen. Aus der Tatsache, dass der Film aus Merz‘ Kamera entwendet wurde, schließt Derrick, dass sein Beruf etwas mit seinem gewaltsamen Tod zu tun hatte. Die Pornofotos, die er in seinem Atelier mit seiner Angestellten und Schwägerin Inge (Christine Buchegger) machte, waren wahrscheinlich nicht der Grund, sie führen aber zu dem Geschäftsmann Blodin (Jürgen Goslar). Und der wiederum ist auf einem der in Merz‘ Atelier sichergestellten Fotos mit einem international gesuchten Drogendealer zu sehen …

1959733_959359137422722_1792260223065015748_nViel, viel drin, in dieser Episode, aber Ashley lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Nach explosivem Beginn – neben der einleitenden Verfolgungsjagd gibt es eine wilde Schießerei, bei der Klein verwundet wird – steuert er die Narration in ruhige Fahrwasser, deutet einen weiteren jener Bürgertums-Gothics an, für die die Serie steht. Die Art, wie die Protagonisten das Wort „Pornofotos“ aussprechen, als sei es etwas gänzlich Unvorstellbares, nur mit in dunklen Gewölben dargebrachten Menschenopfern vergleichbar, lässt fast mit erschaudern, und Derricks mitleidiger Blick, als ihm Inge Merz gesteht, die Bilder aus rein wirtschaftlicher Not heraus ohne Wissen ihres Gatten zu machen, kristallisiert die Haltung, mit der das Drehbuch Reineckers Pornografie begegnet, in einer einzigen Einstellung. Bei DERRICK erhält das deutsche Spießertum regelmäßig eine Möglichkeit, in den Abgrund ihrer eigenen Begierden zu starren und sich daran zu delektieren. Aber dann gibt es auch einen sehr zärtlichen Nebenstrang, der sich um ein querschnittsgelähmtes Mädchen dreht, die in einer freundschaftlichen Beziehung zum Toten stand. Sie arbeitet als Museumsführerin in Landshut, und das altehrwürdige Gebäude, in dem die historischen Schätze untergebracht sind, scheint ihr und ihrem Vater auch als wildromantischer Wohnsitz zu dienen. Nachdem Derrick es durch seinen escheresken Eingang betreten hat, trifft er die junge Frau hoch oben auf einem Turm mit Panoramablick über die südbayrische Stadt. Schwarzweiß-Pornobilder, die die Kamera sich nie zu zeigen traut, auf der einen Seite, eine elfenbeinhäutige Schönheit auf dem Turm eines Märchenschlosses auf der anderen. Das Ganze integriert in eine Drogen-und-Epressungsgeschichte: Kann man in einer Stunde ein breiteres Spektrum abdecken?

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Episode 041: Tode eines Fans (Alfred Vohrer, Deutschland 1978)

Nachdem Derrick in der Folge zuvor seinem Unverständnis für das Phänomen namens „Pornografie“ Ausdruck verlieh, ist in Alfred Vohrers Episode die Popkultur dran. Die Zeichnung von Popgeschäft und Fantum sind es dann auch, die TOD EINES FANS leicht über Durchschnitt heben: Der Fall selbst ist eher uninteressant, eine banale Eifersuchtsgeschichte, und vor allem die zweite Hälfte hängt ziemlich durch. Zuerst muss der im 21. Jahrhundert angekommene Zuschauer aber akzeptieren, dass Tommy Piper (mit noch intakter Stimme) im DERRICK-Universum des Jahres 1978 der Stoff ist, aus dem Rockstars gemacht werden: Als Harry Dugan irgendwo in der nicht vorhandenen Schnittmenge zwischen Ricky Shane, Barry Manilow und Mick Jagger angesiedelt, reißt er sein überwiegend weibliches Publikum mit einer alles andere als dem Zeitgeist und seiner Zielgruppe entsprechenden Coverversion von „Born to be Wild“ von den Stühlen (ja, es handelt sich wirklich um ein bestuhltes Konzert). Hinter der Bühne wird der vollkommen euphorisierte Dugan („Ich habe sie angebetet!“) von seinem strengen Manager Heckel (Wolfgang Wahl) angepfiffen, als er sich ein Gläschen Sekt einschenkt, wegen der Journalisten und so. Im Hotel angekommen, legt Dugan als erstes sein eigenes Album auf und findet dann ein ermordetes Groupie in seinem Bett. Er tut, was jeder Rockstar in dieser Situation täte: Er zieht die Leiche an und schleppt sie aus dem Zimmer. Dabei wird er jedoch von einem Journalisten ertappt, der sich die einmalige Fotogelegenheit natürlich nicht nehmen lässt. Vohrer inszeniert diesen Moment sehr effektiv als Montage der Schwarzweiß-Schnappschüsse, die zeigen, wie Dugan panisch auf den Fotografen zustürzt.

10628331_960194614005841_2018503542989100084_nDugan ist damit natürlich der Mordverdächtige Nr. 1, aber Derrick will mehr wissen. Der Star selbst wie auch sein Tross – der offensichtlich schwule Günther Orkel (Werner Schulenberg) mit silbergrauen Haaren, indigniertem Blick und unklarer Funktion sowie der schmollmündige Fahrer Ingo (Stefan Behrens) – beteuern immer wieder, wie verrückt diese Fans seien, was sie nicht alles auf sich nähmen, um ihren Schwarm auch nur zu berühren, wie es ihnen stets gegen jede Wahrscheinlichkeit gelänge, an ihr Ziel zu kommen. Alle komplett wahnsinnig also. Bestes Beispiel ist die Tote: Deren Mutter, eine trübselige Frau mit wächsernem Gesicht, die in ihrer braungrünen Wohnung ziellos auf und ab geht, hat es ja schon immer gewusst, dass die Begeisterung für diese „Musik“ ihr Töchterlein irgendwann ins Unglück stürzen wird. Es scheint als wolle sie mit ihrem ganzen Wesen den Kontrast zu dem entrückten Strahlen bilden, dass Marianne auf einem Poster zeigt, auf dem sie den Star bei einem Konzert berührt. Man ahnt, warum sich das Mädchen so in eine imaginierte Liebesbeziehung hineinsteigert, aber die Erwachsenen sind viel zu beschäftigt damit, Staub anzusetzen. Reineckers Drehbuch jazzt die vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit eines Fans tatsächlich zu einem ernsten gesellschaftlichen Problem hoch, zeichnet Popmusik als diabolische Droge mit Zerstörungspotenzial, was angesichts der braven Musik von Dugan schon sehr gewagt anmutet. Aber diese Marianne war tatsächlich ein bisschen irre, wollte Dugan wirklich ins Bett zerren und machte daraus auch vor ihrem Freund Konrad (Christian Kohlund, mit Schnäuz) keinen Hehl. Der ist der verwöhnte Sohn eines patriarchalischen Geschäftsmanns (Hannes Messemer), der der Entnazifizierung offensichtlich erfolgreich entkommen. Immer wieder toll, diese horriblen urdeutschen Herrenmenschen, die in mondän vertäfelten Büros residieren und alle mit einem Hundebellen herumkommandieren. An Derrick prallt dieses Gehabe natürlich wirkungslos ab, aber sein Blick verrät, wie es brodelt. Und gebrodelt hat es dann auch in Konrad, der sich in einem wenig überraschenden Finale als Mörder herausstellt.

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