der fan (eckhart schmidt, deutschland 1982)

Veröffentlicht: März 23, 2015 in Film
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Noch bevor ich überhaupt wusste, worum es in dem Film überhaupt geht, wusste ich, dass er ein „Skandalfilm“ ist. Wenn es um DER FAN geht, dauert es garantiert nicht lang, bis der Begriff fällt, und natürlich habe auch ich heute, als ich Kollegen von DER FAN erzählt habe, denen der Titel unbekannt war, selbst auf diese Kategorisierung zurückgegriffen. Man macht damit sofort klar, dass man nicht nur irgendeinen alten Film gesehen hat, sondern einen, der für einen kurzen Moment einmal die Gemüter erregt hatte, eine gewisse gesellschaftliche Bedeutung erlangte. Lustigerweise soll das Wort „Skandalfilm“ so verwendet eine gewisse Respektabilität bringen, anstatt zu stigmatisieren. Das zeigt natürlich auch, wie unsinnig es ist, mit solchen Begriffen, die binnen von 30 Jahren komplett ihre Bedeutung verlieren, überhaupt zu operieren. Die Aufregung um DER FAN hat sich natürlich irgendwann gelegt, und 2003 wurde der Film sogar vom Index genommen. Heute ist der Weg frei für seine Neubewertung unter künstlerischen Gesichtspunkten. Sicherlich mag er auf manche auch heute noch allein wegen der Tatsache, dass die damals 16-jährige Désirée Nosbusch darin in ihrer ganzen jugendlichen Pracht zu sehen ist, eine gewisse Anziehungskraft ausüben (warum auch nicht, sie war ja tatsächlich sehr hübsch), aber das ist eher zu vernachlässigen. Wer sich DER FAN heute aus der Distanz anschaut, der wird wahrscheinlich darüber staunen, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit damals an etwas so Oberflächlichem wie der Nacktheit der Hauptdarstellerin aufhing. Vielleicht war das eine Schutzmaßnahme, denn alles andere an DER FAN ist noch deutlich verstörender als es jede vermeintliche „Ausbeutung“ gewesen sein könnte (die Nosbusch klagte kurz nach Erscheinen des Films, weil sie behauptete, man habe ihr die Zusage gegeben, ihre Nacktszenen zu kürzen).

Kurz zum Inhalt: Simone (Désirée Nosbusch), Schülerin im Teenageralter, ist glühender Verehrer des Popstars R (Bodo Steiger) und schreibt ihm regelmäßig Liebesbriefe, auf die sie sehnsüchtig eine Antwort erwartet, die jedoch ausbleibt. Schließlich gelingt es ihm, bei einem Fernsehauftritt seine Aufmerksamkeit zu erringen. Er nimmt sie mit zu sich nach Hause, schläft mit ihr und will sie dann wieder verlassen – sie ist nur eines von vielen Mädchen, die ihm ihre Liebe gestehen und die er benutzt, bevor er sich der nächsten zuwendet. Sie  erschlägt ihn, zerstückelt seine Leiche mit einem Elektromesser, kocht und verspeist ihn, bevor sie seine Knochen zu Staub verarbeitet. In der letzten Szene schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie ihm gesteht, dass sie schwanger von ihm ist. Der Film endet mit einem Türklingeln.

Wie bei GIB GAS – ICH WILL SPASS wusste die zeitgenössische Kritik mit dem Film rein gar nichts anzufangen. Die Handvoll Rezensionen, die exemplarisch auf der Wikipedia-Seite des Films zitiert werden, lassen die tiefe Verunsicherung und Ratlosigkeit erkennen, die Schmidt mit seiner Inszenierung verursacht hatte. Das steife und leichenhafte Spiel der beiden Hauptdarsteller, das im Spiegel kritisiert wird, ist, das sieht ein Blinder mit Krückstock, natürlich beabsichtigt und soll das detachment von einer Gesellschaft illustrieren, die den beiden Protagonisten völlig fremd geworden ist. Und wenn das Lexikon des internationalen Films bemängelt, dass „weder das Verhalten des Mädchens noch die gesellschaftskritischen Ansätze glaubhaft entwickelt“ würden, dann übersieht der Autor dieser Zeilen total, dass es Schmidt weder um eine konkret ausformulierte Gesellschaftskritik noch um Psychologie geht. Was Schmidt in DER FAN besser und eindrucksvoller gelingt als zahlreichen anderen Filmemachern, die sich mit dem Abdriften in den Wahnsinn beschäftigt haben, ist gerade die Darstellung der Zäsur, des Risses, des Sprungs. Es gibt keine Erklärung, die Simones Tat hinreichend erklären würde. Anstatt Indizien anzuhäufen, die sich dann wie bei einem Puzzle zu einem lückenlosen Bild zusammensetzen, macht Schmidt das Gegenteil: Er saugt alles, was als Träger von Bedeutung fungieren könnte, aus dem Film heraus. Zurück bleibt eine Welt ohne Verständnis, ohne Wärme, ohne Empathie, die totale Leere. Wie sollte man die anders füllen, als damit, den Menschen, den man zu lieben glaubt, kurzerhand zu verspeisen und damit für immer zu behalten, jedoch ohne jemals auf ihn hören zu müssen?

Zu spartanischer Synthiemusik intoniert R in typischer New-Wave-Sprechgesang-Diktion den Text zu „Augenblick“: „Ich lebe für den Augenblick“, heißt es da, doch was das genau bedeutet, wie ein Leben, das man im Bewusstsein seiner Flüchtigkeit leben soll, aussehen könnte, diese Erklärung bleiben sowohl R wie auch der Film schuldig. Auch Simone weiß das nicht, nur dass das Leben, wie es sich für sie darstellt, nicht lebbar ist. Es findet keine Kommunikation statt außer der einseitigen mit R in ihren Briefen (die er nicht beantwortet). Ihre Eltern sprechen zu statt mit ihr, ohne durchzudringen und ohne wirkliches Interesse für ihre Belange zu zeigen. Ein kurzes Insert zeigt den Vater, der direkt in die Kamera schreit, dass sie etwas erleben könne, wenn sie noch einmal blau mache. Ihre Reaktion darauf sieht man nicht, aber es ist klar, dass es in DER FAN nichts zwischen Gleichgültigkeit und Konfrontation gibt. Die Leute stehen so rum, ergehen sich in Konventionen, aber darüber hinaus passiert nichts. Wie sollte eine 16-Jährige darauf anders reagieren, als sich einen Traumprinzen als Antwort auf alle ihre Fragen zu schaffen? Doch auch der ist ja nur ein Mensch und Sex mit ihm nur eine fast geschäftliche Transaktion, bei der sich zwei Körper berühren, sonst nichts.

DER FAN ist eiskalt, ohne sich aber in typisch „kalten“ Bildern zu ergehen. Es ist eher die Haltung, die Schmidt zum Geschehen einnimmt bzw. die Distanz, die er wahrt, der sein Film diese zutiefst hoffnungslose, traurige Atmosphäre verdankt – und natürlich der Musik von Rheingold, der Band von R-Darsteller Steiger. Noch einmal zum „Skandalfilm“: Es ist schon klar, dass das Finale damals verstörte. Die gut 15-minütige Sequenz, die Simones Abstieg in den Wahnsinn mit herausfordernder Ruhe begleitet, ihr grausames Verbrechen ohne jeden Anflug von Aufregung protokolliert, ist harter Tobak, auch wenn es kaum Grafisches zu sehen gibt. Und die Nosbusch, eine unschuldige Fernsehmoderation in dieser Rolle zu sehen, war natürlich ein starkes Stück. (In einer Szene ist Joachim Fuchsberger als Moderator von „Auf los geht’s los“ zu sehen, der noch Jahre später als Fürsprecher der Moderatorin fungierte, die mit einigen undiplomatischen, aber ehrlichen Aussagen in der deutschen Öffentlichkeit zur Persona non Grata geworden war.) Das Unbehagen, das der Film verursacht, resultiert aber nicht aus der Tat allein: Es ist die Ungewissheit darüber, wie die Geschichte weitergehen wird, die Vorstellung Simone könne ganz normal weitermachen, ohne dass jemals etwas von ihrem Verbrechen ans Licht kommt, die so schockierend ist. In der Welt von DER FAN fällt Simone nicht aus dem Rahmen.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Interessanterweise fand ich, dass der Film voll war mit Erklärungs- oder Deutungsmustern, die Simones Verhalten erklären. Genauso wie der Film überladen ist mit psychoanalytischen Symbolen. Schmidt ist ein erklärter Sirk-Anhänger. Vielleicht hängt es damit zusammen. Hab dazu mal was geschrieben.

    http://unendlichfilm.blogspot.de/2012/11/der-fan.html

    Sehr schöner Text, der sich mit der Stimmung der Zeit befasst.

    • Oliver sagt:

      Vielleicht würde ich das bei einem zweiten Anlauf auch bemerken. Auf jeden Fall erzählt er diese Erklärungsmuster nicht aus, wenn man das so formulieren kann. Es gibt ja eigentlich überhaupt keinen expositorischen Dialog. Auffällig ist sicherlich, dass Kommunikation regelmäßig scheitert, weil sie von oben herab gerichtet wird. Sieht man daran, dass er den Sprecher meist frontal in die Subjektive sprechen lässt.

  2. Faniel Dranz sagt:

    Vorsicht Spoiler: Als ich letzte Woche THE NEON DEMON gesehen habe musste ich am Ende unwillkürlich an das Ende von DER FAN denken.

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