gib gas – ich will spaß (wolfgang büld, deutschland 1983)

Veröffentlicht: März 23, 2015 in Film
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$T2eC16NHJGoE9nuQeS!-BQV4!zWK4w~~60_35„Spaß hätte ich allerdings auch gerne gehabt, doch den blieben mir Nena, Markus und der Regisseur Wolfgang Büld in ihrer lahmen Unterhaltungsklamotte leider völlig schuldig. Was sollte das eigentlich sein? Eine Ausreißergeschichte, ein Schlagerfilm oder ging es nur um ein paar, noch dazu ziemlich phantasielose szenische Arrangements, um irgendwie sämtliche Nummern der Nena und Markus-LP unterzubringen?“ (Carla Rhode, Der Tagesspiegel, 1983)

„Nicht die Filmstoffe sind neu, lediglich die Zeiten sind anders, das Drumherum wandelt sich. Und so hätte Wolfgang Bülds Gib Gas – ich will Spaß auch schon vor zwanzig Jahren gedreht sein können, mit Peter Alexander und Cornelia Froboess vielleicht, und sie hätten gesungen ›Verliebt, verlobt, verheiratet‹. Es ist schon von hemmungsloser Belanglosigkeit, dieses Filmchen.“ (Peter Müller, Berliner Morgenpost, 1983)

„Und wenn auch fünfundzwanzig Jahre an den Lebenserkenntnissen der Schlagerbranche recht spurlos vorübergegangen sind, dieser Versuch einer Wiedererweckung jenes inzwischen selig verklärten Genres entpuppt sich bereits nach den ersten Einstellungen überzeugend als Totgeburt.“ (Otto Heuer, Rheinische Post, 1983)

Die drei Zeitungszitate habe ich der Einfachheit halber dem Wikipedia-Artikel entlehnt. Sie sind aufschlussreich, weil sie zum einen sehr schön die Kluft offenbaren, die zwischen einem Jugendfilm wie GIB GAS – ICH WILL SPASS und den Ansprüchen einer erwachsenenl, bürgerlichen Filmkritik klafft, zum anderen wunderbar das generelle Miss- bzw. Unverständnis Letzterer gegenüber Ersterem illustrieren. Keiner der formulierten Vorwürfe ist wirklich tragfähig, weil die Kritiker dem Film mit der völlig falschen Haltung begegnen: Inhaltliche Austauschbarkeit, Flüchtigkeit und Belanglosigkeit sind nämlich nicht Zeichen des Scheiterns, sondern im Gegenteil sogar des Erfolgs eines solchen Films. Büld gelingt es nicht nur, einige der schönsten Hits seiner Hauptdarsteller unterzubringen (was ja allein schon nicht so verkehrt wäre), er schafft es auch das Streben der Jugend in all ihrer träumerischen Selbstverständlichkeit wie auch ihrer Naivität in Bilder zu setzen. Und er ringt Markus und Nena, die sicherlich nicht als begnadete Mimen in die Geschichte eingehen werden, Superleistungen ab. Oder vielmehr: Er weiß, wie er ihnen mit der Kamera begegnen muss, um sie wie absolute Naturals erscheinen zu lassen.

Robby (Markus) kommt neu in die Klasse von Tina (Nena) und verliebt sich sofort in sie. Sie allerdings schwärmt für Tino (Enny Gerber), der am Autoscooter auf der Kirmes arbeitet, ein eigenes Auto hat und wahrscheinlich sogar schon einmal zur See gefahren ist. Anders als die Jungs aus der Schule scheint er schon etwas von der Welt gesehen zu haben, er steht für Abenteuer, Freiheit und Ungezwungenheit. Ungezwungen ist er tatsächlich, aber anders als Tina denkt: Als die beiden gemeinsam ausreißen wollen, verspätet sich Tina und er fährt kurzerhand ohne sie los. Robby kommt ihr mit seinem Roller gerade recht. Sie becirct ihn und bringt ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu, ihrem Schwarm hinterherzufahren. Auf der Reise kommen sich die beiden näher …

Diese Geschichte ist, wie damals in den Zeitungen kritisiert und von mir eingeräumt (s. o.), generisch, vorhersehbar, wahrscheinlich auch belanglos: eine harmlose Teenie-Liebesgeschichte eben, und Teenielieben vergehen bekanntlich fast genauso schnell wie sie erblühen. Der Stern des Traumpärchens Robby und Tina wird wahrscheinlich noch schneller erloschen sein, als die Sangeskarriere des männlichen Hauptdarstellers Markus. Aber das ist alles vollkommen egal, weil Büld gar keinen Hehl daraus macht, die Flüchtigkeit und Naivität des Ganzen im Gegenteil noch akzentuiert, ohne seine Protagonisten jedoch elterlich zu belächeln. Aus erwachsener Perspektive ist GIB GAS – ICH WILL SPASS eigentlich ziemlich deprimierend: Das herbstlich-winterliche München sieht furchtbar trist aus, die Welt der Protagonisten ist schrecklich klein, ihr Horizont zwangsläufig noch enger. Nur die Gefühle, die sind übergroß und mit absurden Hoffnungen aufgeladen, die eigentlich nur enttäuscht werden können. Tinas naive Schwärmerei für den ihrer Meinung nach so „weltgewandten“ Tino – einen zwar selbstbewussten, aber doch auch eher perspektivlosen Taugenichts – ist zwar durchaus nachzuvollziehen, trotzdem besteht kein Zweifel daran, dass sie sich da in erster Linie in eine Projektion verliebt hat. Tino ist kein schlechter Kerl, aber genau der Typ, vor dem Eltern ihre Kinder – mit gutem Grund – warnen würden, weil sie ihr Wohlergehen im Sinn haben. Man versteht, warum Robby zunächst als Partner für Tina nicht in Frage kommt, aber auch, warum sie sich dann doch in ihn verliebt. Und man begreift, warum Robby es mit ihr aushält, obwohl sie sich ihm gegenüber einfach nur fürchterlich verhält. So wenig orginell dieser „Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht“-Mechanismus auch ist: Die Dynamik zwischen den beiden funktioniert, sie ist der Kern des Films, und sie wäre ohne Nena und Markus gar nicht denkbar.

Ich gestehe, als Sechsjähriger total in Nena verschossen gewesen zu sein. Es war 1982, und sie hatte gerade ihren ersten großen Hit mit „Nur geträumt“ und trat im Fernsehen auf: Ich war hin und weg. Ihr schmales Gesicht mit dem Schlafzimmerblick und die wilde Wuschelfrisur, die Klamotten, ihre charakteristisch schludrige Artikulation, die Art wie sie tanzte, total verführerisch in ihrer Selbstvergessenheit: Das war für mich damals der Inbegriff der Sexiness (auch wenn ich das damals noch nicht so benennen konnte, ich fand einfach, dass sie gut aussah). GIB GAS – ICH WILL SPASS hat mich gestern wieder zurückgebeamt ins Jahr 1982: Nena ist einfach supersexy, und dass Robby sich von ihrer Tina alles gefallen lässt, wird sofort verständlich, wenn man sieht, wie sie sich vor ihm auszieht, wie sie tanzt, wie sie ihre hoffnungslos romantischen Mädchenlyrics hinhaucht. Selbst wenn man es nicht wüsste: Man sieht, dass sie ein Star ist, dass sie im Umgang mit der Kamera etwas hat, eine Ungezwungenheit und Selbstverständlichkeit, die andere nicht haben. Es ist egal, dass sie keine gute Schauspielerin ist: Sie bringt Persönlichkeit auf die Leinwand. (Man sieht aber auch schon das Potenzial für die Schreckschraube, die sie heute leider ist, in ihr angelegt, was dem Film aus heutiger Perspektive eine melancholischen Unterströmung verleiht, wenn man ihn heute sieht. Tina und Robby werden irgendwann mal langweilig oder fürchterlich werden.) Markus‘ Appeal ist ein ganz anderer (und von mir zugegebenermaßen nicht ganz adäquat zu beurteilen, da ich ein heterosexueller Mann bin), aber er ist nicht weniger am Erfolg des Films beteiligt: Wenn Tina die jugendliche Wildheit und Spontaneität verkörpert, sie gewissermaßen das enigmatische Objekt der Betrachtung ist, dann ist Markus das rationale Zentrum des Films, die Identifikationsfigur für den Zuschauer. Man wünscht ihm, dass er Tina erobert, dass er die ihn manchmal einengende Vernunft ablegt, aber auch, dass er sich dabei nicht aufgibt. Er ist enger am Zuschauer und die Posen, die er einnimmt, wenn er seine Hits intoniert, wirken immer ein wenig gespielt. In GIB GAS – ICH WILL SPASS werden nicht einfach zwei der damals beliebtesten NDW-Stars zusammengeworfen: Büld verleiht beiden eine Leinwandpersona, mit der sie den anderen komplementär ergänzen, und so zusammen eine Chemie entwickeln. Und, was genauso wichtig ist und den Wert des Films treffend beschreibt: Die beiden wirken als Teenager, die sich zu Beginn der Achtzigerjahre ineinander verlieben und von einem spannenden Leben abseits des Schulalltags träumen, abslut authentisch. Dass dieses Abenteuer letztlich recht banal ist, liegt dabei in der Natur der Sache. Nur ein Idiot kann dem Film das wirklich vorwerfen.

Zwei unverbundene Beobachtungen zum Abschluss: Wie in dem von mir unmittelbar zuvor gesehenen DREI GEGEN DREI findet auch hier Wagners „Ritt der Walküren“ Anwendung. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit für diesen Zufall? In den letzten Szenen, bei denen Tina ihrem Robby durch die Gassen Venedigs nachjagt, hat Wolfgang Büld eine kleine Reminiszenz an Nicholas Roegs DON’T LOOK NOW eingebaut, was ich umso wunderbarer finde, je länger ich darüber nachdenke.

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Kommentare
  1. Mic sagt:

    Okay, wie schon bei der Besprechung zum Boney M-Film angedeutet, muss ich mich dann wohl gemäß deines vorletzten Absatzes in die Reihe der Idioten einreihen ;-). Und das, obwohl ich auf rein musikalischer (!) Ebene ebenso von Nena fasziniert war wie du und „Kleine Taschenlampe brenn'“ für eine der besten Schmusenummern der NDW halte. Aber das ändert nichts daran, dass ich diesen Film nur schwer ertragen kann und mich deutlich näher bei den zitierten Kritikern einpendel, als bei deiner Meinung. Denn vor allem Nena als Person (!) war mir bereits als 7-jähriger 1982 irgendwie nicht ganz geheuer. Heute übrigens noch weniger, aber das ist eine andere Geschichte.

    • Oliver sagt:

      Über Nena heute müssen wir nicht reden. Klar, wenn man sie als Person ätzend findet, ist auch GIB GAS wahrscheinlich nicht zu verteidigen.

      Ich polemisiere ganz gern, musst dich nicht angesprochen fühlen. 🙂

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