terza visione 2: il giustiziere dei mari (domenico paolella, italien 1962)

Veröffentlicht: März 30, 2015 in Film
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41071Das Genre des Swashbucklers, des Piratenfilms, aber auch seiner weniger maritimen Variante, des Mantel-und-Degen-Films, sind bei mir im Blog, das muss ich unumwunden eingestehen, fürchterlich unterrepräsentiert. Die Freude, die mir Paolellas wunderbarer IL GIUSTIZIERE DEI MARI – deutscher Titel RÄCHER DER MEERE – bereitet hat, hat mir sehr deutlich gemacht, dass dieser untragbare Zustand dringend behoben werden muss. Es gibt Situationen im Leben, da gibt es wahrscheinlich nichts Besseres als einen Piratenfilm voller strahlender Helden, verkommener Schurken, betörender Schönheiten, gut gelaunter Freibeuter und stolzer Schiffe, die aus allen Rohren durch die Gegend ballern. Samstag, 12 Uhr Mittags, in einem Kino voller begeisterungsfähiger Menschen, ist definitiv eine solche Situation. Schwermütig wünscht man sich dann in Zeiten zurück, als es noch regelmäßig Matineen in den Kinos gab, die bevorzugt bunte Abenteuerfilme für ein jugendliches Publikum zeigten und Jungs mit dem gebotenen Programm den glühenden Traum implantierten, Piratenkapitän, Räuberhauptmann oder Musketier zu werden. Zugegebenermaßen waren die Rollenvorbilder für die Mädchen nicht ganz so reizvoll. Trotzdem muss es eine bessere Welt gewesen sein: Die Farben waren bunter, die Welt größer, die Abenteuer aufregender, die Frauen schöner, Gut und Böse auf den ersten Blick unterscheidbar. In einer solchen Welt spielt auch IL GIUSTIZIERE DEI MARI und man ist sofort drin, wenn man sich dieses Quäntchen Naivität bewahrt hat, tummelt sich zwischen wilden Freibeutern und Haudraufs, kämpft mit ihnen gemeinsam gegen die Schurken, die unter britischer Flagge segeln, und möchte da nie mehr da weg.

Paolellas Film spielt ausnahmsweise nicht in der Karibik, sondern begibt sich in die Gewässer um Australien. Dort fristet eine Gesellschaft ehemaliger Sträflinge auf einer Insel mittlerweile ein trauriges Dasein. Sie riskieren ihr Leben beim Einsatz als Perlentaucher und das, was sie verdienen, wird ihnen regelmäßig von dem britischen Kommandanten Redway (Roldano Lupi) abgeknöpft. Einer von Redways Offizieren ist David Robinson (Richard Harrison), der, was Redway nicht weiß, auch der Sohn des „Anführers“ der Perlentaucher ist – Paolella zaubert diese nicht ganz unwichtige Enthüllung ganz plötzlich aus dem Hut und ich glaube, selbst der Papa war von der Existenz eines Sohnemanns recht überrascht. Die Grausamkeit Redways gegenüber den armen Teufeln und die Interventionen Robinsons sorgen natürlich dafür, dass letzterer aus der Armee geschmissen wird und schließlich bei einer Truppe von Piraten landet, angeführt von dem bärigen wie bärtigen Van Artz (Walter Barnes), deren Vertrauen er nach und nach gewinnt – und natürlich die Liebe der schönen Piratentochter Jennifer (Michelle Merciér). Er will ihnen helfen, Redway den großen Perlenschatz abzuluchsen und dann einen Teil davon seinem Vater als Wiedergutmachung übergeben. Die Geschichte sorgt mit vielen Wendungen stets für Überraschungen: So landen einige der freundlichen Piraten nach einigem Hick und Hack als Gefangene bei einem Eingeborenenstamm, wo sie für ein rätselhaftes Ritual an einen Baum gebunden werden, der sich als fleischfressende Pflanze mit Vorliebe für weißes Fleisch entpuppt.

Besonders toll ist aber der Schurke Redway: Seine ständige Sauferei begründet er gleich zu Beginn mit den Worten „Wenn ich saufe, muss ich nicht denken“ und im weiteren Verlauf unterstreicht er seinen „Genuss“ bei jedem Schluck mit einem herrlich angewiderten Blick und gutturalem Grunzen, die eine perfekte Illustration der Redensart abgeben, die besagt, dass man auch ohne Spaß betrunken sein kann. Redway hat sich außerdem eine anhängliche Mulattin namens Nike angelacht – eine mit Schuhcreme angemalte Marisa Belli –, die von ihm unbedingt in die feine Londoner Gesellschaft eingeführt werden will und sich rührend um ihn sorgt, der er aber nur mit äußerster Geringschätzung und zunehmender Genervtheit gegenübertritt. Was würde ich für ein Spin-off von IL GIUSTIZIERE DEI MARI geben, in dem ihr Wunsch erfüllt wird, ihre Anwesenheit in London ihn vor Scham noch häufiger zur Flasche greifen und zu einem noch größeren Ekel werden lässt, während sie zum Liebling der oberen Zehntausend reift. Das wäre ein Film, der sämtliche Hosen zum Bersten brächte, ein großes Sittenmelodram mit Tränen, Suff, großzügig verteilten verbalen Demütigungen und geplatzten Träumen, und am Ende lägen alle am Boden, Redway, Nike und der Zuschauer. Hach.

Aber zurück zur Realität, die kaum weniger schön ist. Es ist ja nur eine der vielen Leistungen Paolellas, dass IL GIUSTIZIERE DEI MARI solche Fortschreibungen überhaupt ermöglicht, innerhalb des formelhaft abgewickelten Films Platz bleibt für kleine Nebengeschichten, die ihn größer machen als er tatsächlich ist. Paolellas Swashbuckler kann vom Budget her zwar nicht mit vergleichbaren Filmen aus Hollywood mithalten, natürlich nicht, aber das fällt nie ins Gewicht: Erstens weil der Aufwand dennoch beträchtlich ist, zweitens weil er die vielen Schlachten und Scharmützel stets zu optimalem Effekt zu inszenieren weiß. Nur Richard Harrison fehlen einige Fässer Charme und Charisma, um zu jemandem wie Errol Flynn aufschließen zu können: ein gutaussehender Mann, ohne jeden Zweifel, aber sein stets etwas trüber Blick verrät auch, dass er nicht unbedingt die hellste Kerze am Baum ist. Dafür verbreitet Walter Barnes mal wieder Laune für Zehn, wenn er sich mit schallendem Gelächter in die Schlacht wirft. Ein wunderbarer Film, ich sagte es schon, und für mich ein Höhepunkt des Festivals.

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