Archiv für März, 2015

drei_gegen_dreiTrio waren mit ihrem minimalistisch-dadaistischen (haha) Hit „Da, da, da“ 1982 nicht nur in Deutschland zu Stars geworden. DREI GEGEN DREI erschien drei Jahre später parallel zu ihrem dritten Album „What’s the Password“, das wie der Film katastrophal floppte und – so geht die Geschichte – das Ende der Band bedeutete. Die Idee, mit Musikern der Neuen Deutschen Welle einen Film zu drehen, war nicht neu – zwei Jahre zuvor war Wolfgang Büld mit dem Nena-und-Markus-Vehikel GIB GAS – ICH WILL SPASS ein Erfolg gelungen (immerhin Platz 14 der nationalen Kinocharts) –, doch das Momentum sprach nicht für Trio. Schon deren zweites Album hatte sich nicht mehr so gut verkauft wie das Debüt, die Hochzeit der NDW war Mitte der Achtzigerjahre lang vorbei und anders als die genannten Nena und Markus waren Remmler, Krawinkel und Behrens auch nicht gerade Identifikationsfiguren für Teenager, die naheliegende Zielgruppe für solche Filme.

Zumindest Letzteres hatten die Beteiligten selbst erkannt und demzufolge eine vergleichsweise erwachsene, satirisch-anarchistische Politsatire um die drei Musiker gestrickt, die die Marx Brothers (die berühmte Spiegelszene aus DUCK SOUP wird einmal sehr prominent zitiert) mit Kubricks DR. STRANGELOVE und Woody Allens BANANAS kurzschließt. Die Führung der Militärjunta eines fiktiven südamerikanischen Staates namens San Chaco, die Generäle Weingarten (Stephan Remmler), Ludovico (Gert „Kralle“ Krawinkel) und Klotz (Peter Behrens), müssen aus ihrem Land fliehen, nachdem sie es in einen blutigen Bürgerkrieg gestürzt und ihre internationalen Geldgeber ihnen den Geldhahn zugedreht haben. Um sich unbehelligt in ihren Ruhestand begeben zu können, haben sie einen Plan geschmiedet: Drei ihnen bis aufs Haar gleichende Deutsche, der Informatiker Stephan (Remmler), der hoffnungslose Romantiker Peter (Behrens) und der Börsenmakler Kralle (Krawinkel), sollen entführt werden und an ihrer Stelle bei einem Attentat sterben, sodass sie ihren Lebensabend mit der in der Schweiz gebunkerten Staatskasse verleben können. Natürlich kommen die drei Normalos hinter den bösen Plan und drehen den Spieß um …

Dominik Graf war hier wahlweise der falsche Mann am richtigen Platz oder umgekehrt. DREI GEGEN DREI überzeugt in Bereichen, in denen man es nicht für möglich gehalten hätte, versagt dafür aber dort, wo es wirklich zählte. Als Klamaukkomödie im Stile eines DIE SUPERNASEN, die man vielleicht erwartet hat, ist DREI GEGEN DREI ein Rohrkrepierer erster Güte. Es gibt kaum echte Gags und die wenigen, die das Drehbuch hergibt, werden durch das desinteressierte, abwesende Spiel der Hauptdarsteller zielsicher entschärft. Die Kritik schob Remmler, Behrens und Krawinkel relativ einhellig den Schwarzen Peter zu, stellte das Urteilsvermögen der Produzenten in Frage, die diesen Amateuren die Hauptrollen in einem Film zugeschustert hatten. Zumindest Letzteres ist natürlich arg kurzsichtig und zeugt von der Vergesslichkeit, die Filmjournalisten beim Fällen von Grundsatzurteilen gern ereilt: Trio wären gewiss nicht die ersten Musiker und Quereinsteiger gewesen, die sich mit dem Film ein zweites Standbein geschaffen hätten und wahrscheinlich gibt es für jeden Film, in dem der Versuch, einen Pop- zum Filmstar zu machen, in die Hose geht, einen, in dem es gelingt. Bei der Beurteilung des Spiels des Trios lagen sie schon näher an der Wahrheit, aber auch das ist noch nicht der Grund, warum DREI GEGEN DREI über den gut gemeinten Ansatz nicht hinauskommt. Was eindeutig fehlt, ist die Verbindung zwischen den Musikern und ihrer Rolle auf der Leinwand: Ihre Besetzung erscheint niemals zwingend, so wie das bei Gottschalk und Krüger in den genannten SupernasenFilmen eindeutig der Fall gewesen war. Gottschalk und Krüger waren erfolgreich gewesen, weil sie die totale Durchschnittlichkeit verkörperten und trotzdem triumphierten. Trio waren populär, weil sie so reduziert wirkten, von allem Pop-Zierrat befreit, drei reglose Gesichter, die eine ungerührte Distanz zu dem Trubel um sie herum zeigten. Es schien, als sei ihnen alles egal. Das ist aber der totale Gegensatz von dem, was „Identifikationspotenzial“ bedeutet und Grundlage für das Funktionieren eines Erzählfilms ist. Dass Trio in DREI GEGEN DREI plötzlich für etwas kämpfen sollen, läuft ihrer Persona nicht nur total zuwider, es zerstörte diese so nachhaltig, dass sie danach auch als Musiker nicht mehr glaubwürdig waren.

Ich kenne noch zu wenige Filme von Dominik Graf, um mir eine verlässliche Einschätzung seiner Fähigkeiten zu erlauben, aber ich glaube, dass er für die Art der Komödie, die den Produzenten ohne Zweifel vorschwebte, der völlig falsche Mann war. Man sieht an seinen FAHNDER-Episoden, dass er durchaus Humor hat, aber der entwickelt sich stets homogen aus den Charakteren heraus, schlägt sich eher in schlagfertigen Bemerkungen, kleinen Gesten und Beobachtungen nieder als in elaborierten Slapstick-Choreografien und ungebremsten Zwerchfell-Attacken. Dafür sieht man dem Film Grafs Begeisterung für ernstere Polizei- und Actionfilme zu jeder Sekunde an, die die Action- und Suspenseszenen weit über den in der Komödie üblichen Standard hebt. Es gelingt ihm gegen jede Wahrscheinlichkeit, das Szenario von DREI GEGEN DREI halbwegs glaubwürdig erscheinen zu lassen und er inszeniert den Film tatsächlich so, als sei er ernst gemeint. Es liegt eine schwer genauer zu beschreibende Trostlosigkeit über ihm, was passt, da seine Prämisse genau genommen gar nicht witzig, sondern sogar ziemlich schrecklich und eigentlich überhaupt kein Stoff für einen Spaßfilm ist. Deutsche Politiker und Schweizer Bänker machen gemeinsame Sache mit mörderischen Diktatoren, während auf der Straße weinende Immigranten für die Befreiung ihres Landes und ihrer Verwandten demonstrieren. Berlin als Hauptschauplatz bringt ungemütliche Kalter-Krieg-Assoziationen mit sich, und ein in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tors verübter Bombenanschlag hätte in der Realität des Jahres 1985 sicherlich immens hohe innen- und außenpolitische Wellen geschlagen. Das Finale, eine große Verwechslungsorgie, findet in einem Luxushotel statt, und die Bilder von spiegelglattem Achtzigerjahre-Luxus erinnern unweigerlich an DIE KATZE. Das macht DREI GEGEN DREI zu einer interessanten und seltsamen Kuriosität, aber eben nicht zu einer gelungenen Komödie. Vielleicht wäre was aus dem Projekt geworden, wenn man Graf ganz von der Kette gelassen hätte: Eine sehr bizarre Sequenz, in der die drei Helden wider Willen mit einem Panzer in der Pampa herumheizen, endet damit, dass Sunnyi Melles Sex mit dem Kanonenrohr hat, das daraufhin einen Schuss ejakuliert. Es ist die mit Abstand bemerkenswerteste Szene des ganzen Films und mehr davon wäre toll gewesen. Was immer man von DREI GEGEN DREI halten mag, man kann Graf definitiv nicht vorwerfen, hier unbeteiligte Durchschnittsware abgeliefert zu haben, aber retten konnte er das Ding mit seinen Mitteln nicht. Vielleicht hätte eine kürzere Laufzeit das Projekt in einem besseren Licht dastehen lassen, denn 100 Minuten sind viel zu viel und der Leichtigkeit, die eine solche Komödie am dringendsten braucht, vollkommen abträglich.

1. Baronin von Auerstein (Margarete Haagen) ist untröstlich: Die Hypothek auf ihr altehrwürdiges Schloss wurde gekündigt und wenn sie nicht 500.000 Schilling bezahlt, muss es zwangsversteigert werden. Doch ihr alter Freund Kleemann (Werner Finck), der zu gern einem Adelsgeschlecht angehörte, macht ihr einen Vorschlag: Wenn der Sohn der Baronin, Franz (Joachim Fuchsberger), Kleemanns Tochter Daniela (Karin Dor) heiratet, bezahlt er ihr die Schulden und legt noch was drauf.

2. Als Daniela davon erfährt, ist sie empört. Die Drohung des Papas, sie ins Internat zu stecken, wenn sie sich verweigert, weiß sie zu kontern: Sie beschließt, sich so zu verhalten, dass Franz sie ablehnen muss. Als sie dem Auserwählten jedoch begegnet, verliebt sie sich Hals über Kopf in ihn. Franz will indessen Junggeselle bleiben, also schlägt Daniela ihm vor, den Eltern etwas vorzuspielen, um in seiner Nähe bleiben zu können. Franz willigt ein, doch anstatt sich um Daniela zzu kümmern, bereitet einen Umbau des Schlosses zum Hotel vor, der das nötige Geld einbringen soll, um die Schulden zu begleichen.

3. Inzwischen trifft Konstantin Opel (Wolfgang Gruner), ein Reporter aus Berlin, im Zillertal ein mit dem Vorhaben, eine große Reportage zu machen. Also plant er, einen Gesangswettbewerb zu organisieren. Schmauss (Hans Moser), der Wirt des Gasthofes, in dem Opel untergekommen ist, macht sich hingegen Sorgen, dass das Auerstein-Hotel ihm die Gäste wegnehmen könnte. Man schlägt ihm vor, sich an die Baronin ranzuschmeißen.

4. Christel (Isa Günther), eine alte Kindheitsfreundin von Franz, ist eifersüchtig auf Daniela. Ihre Schwester Reserl (Jutta Günther) macht Opel schöne Augen und Daniela lernt Hans (Albert Rueprecht) kennen, der bei Schmauss arbeitet, sich tatsächlich aber auf den Abschluss seines Jura-Studiums vorbereitet. Er bittet sie, Schmauss nichts davon zu erzählen.

5. Schmauss erfährt von Hans‘ Plänen, als er dessen Zimmer besucht und konfrontiert ihn damit. Hans denkt, Daniela habe ihn verraten und verlässt das Zillertal. Franz, der sich dafür entschieden hat, Christel zu heiraten, hört von deren Großvater, dass sie mit Opel zusammen sei (er hat sie aus der Ferne verwechselt). Daniela und Franz beschließen gesenkten Hauptes, einander zu heiraten.

6. Friede, Freude, Eierkuchen: Schmauss erzählt Hans, wie es wirklich war, und dass Daniela nun Franz heiraten wolle, Franz hört vom Standesbeamten, dass es Reserl ist, die Opel heiraten will. Die Trauung wird abgeblasen, Franz heiratet Christel, Daniela ihren Hans, das Reserl gibt Opel das Ja-Wort und Kleemann wird trotzdem Adliger, weil er die Baronin ehelicht. Womit auch Schmauss‘ Sorgen sich in Luft aufgelöst haben.

Die schematische Skizzierung des Plots habe ich nicht etwa aus Denkfaulheit vorgenommen. Sie soll vor allem zeigen, wie perfekt diese Kommerzfilme auch zu jener Zeit schon konstruiert waren, wie da ein Gerüst gebaut wurde, das Platz für all jene Attraktionen bot, von denen man glaubte (oder wusste), dass sie die Zuschauer ins Kino locken. Reinl drehte DIE ZWILLINGE VOM ZILLERTAL unmittelbar nach DIE PRINZESSIN VON ST. WOLFGANG (so wie er jenen unmittelbar nach DIE FISCHERIN AM BODENSEE inszeniert hatte), und gestaltete das Drehbuch zuvor nach seinen Vorstellungen um. Waren die beiden Vorgänger noch Variationen ein und derselben Geschichte, geht ZWILLINGE zwar etwas eigenere Wege, doch die Zutaten sind weitestgehend die gleichen. Es geht natürlich um die Liebe und die Hindernisse, die man auf dem Weg zur Eheschließung zu überwinden hat, und nicht nur die eigenen Gefühle, sondern vor allem die Eltern stehen immer wieder im Weg. Die Günther-Zwillinge hatten ihre Publikumstauglichkeit bereits in FISCHERIN unter Beweis gestellt, und Karin Dor, seit 1954 mit Reinl verheiratet, hatte kurz zuvor schon einmal mit dem neuen Star Joachim Fuchsberger für KLEINER MANN – GANZ GROSS vor der Kamera gestanden. Den westdeutschen Stadtmenschen, der in die ländliche Idylle kommt und dort Verwirrung stiftet, gab es bereits in der PRINZESSIN (hier wie dort ein Berliner), den Part des einheimischen „Originals“, das hier von Moser verkörpert wird, übernahm zuvor Joe Stöckel. Wie bei der FISCHERIN gibt es in der Mitte des Films ein großes Volksfest, das Anlass für den Aufmarsch von Trachtenträgern und natürlich für Musik liefert, und am Schluss lösen sich alle Konflikte in Wohlgefallen und also einer großen Hochzeit auf.

Man könnte DIE ZWILLINGE VOM ZILLERTAL aufgrund dieser Geformtheit durchaus als „zynisch“ beschreiben: Der Film funktioniert wie ein Uhrwerk, bei dem jedes Teilchen an seinem Platz ist und nichts dem Zufall überlassen wird. Aber wie dieser Film tatsächlich reibungslos „funktioniert“, bereitet eben nicht gerade wenig Spaß. Reinl ist ein Vollprofi, der nicht nur die Technik beherrscht, sondern sie auch mit Leben füllen kann, so mechanistisch der Plot auch voranschreitet. Und er weiß alle Schwächen zu kaschieren: Dass die Günther-Zwillinge weder als Schauspielerinnen noch als Identifikationsfiguren taugen, fällt nicht weiter ins Gewicht, weil sich der Film eh nie lange an einer Stelle aufhält. Und dass es streng genommen ein Konstruktionfehler ist, dass die beiden Hauptfiguren nicht zueinanderfinden, ist egal, weil der Zuschauer ansonsten die Vollbedienung in Sachen Romantik, Komik, Bildgewalt, Musik und „Action“ bekommen hat. Das Finale mit den vier Hochzeiten an einem Tag fasst den Film in seiner Bevorzugung von Quantität über Qualität recht treffend zusammen. Keine dieser Ehen scheint wirklich glaubwürdig, aber die schiere Masse gleicht dieses Defizit locker wieder aus. Auch DIE ZWILLINGE VOM ZILLERTAL war ein Kassenerfolg, doch in seinem Eklektizismus lässt er das nahende Ende des Heimatfilms alter Prägung bereits erahnen.

THE-ANGRY-RED-PLANET-1024x798Letzte Woche starb Ib Melchior im Alter von 97 Jahren. Die Aufführung seines liebgewonnenen Science-Fiction-Klassikers ANGRY RED PLANET bei Mondo Bizarr in Düsseldorf erhielt so eine etwas traurige Aktualität, die dem prallen Vergnügen, das der Film bereitet, jedoch glücklicherweise nichts anhaben konnte. Das Kino ist ein Ort zum Feiern, wo die Kategorien „lebendig“ oder „tot“ letzten Endes eh hinfällig sind. Melchior drehte nur zwei Spielfilme – nach diesem noch THE TIME TRAVELERS, der hierzulande auf den tollen Titel 2071: MUTAN-BESTIEN GEGEN ROBOTER hört –, machte sich vor allem einen Namen mit Science-Fiction-Romanen und -Kurzgeschichten (die Vorlage für Bartels DEATH RACE 2000 stammt von ihm) sowie Drehbüchern, z. B für den Klassiker ROBINSON CRUSOE IN SPACE.

Sein ANGRY RED PLANET ist, würde ich sagen, ein recht typischer Vertreter des Science-Fiction-Kinos seiner Zeit: von einer heute geradezu rührenden Naivität ebenso geprägt wie von jener charakteristischen Mischung aus euphorischer Fortschrittsbegeisterung, nagender Skepsis und schlechtem Gewissen. Filmhistorisch interessant ist er durch den Einsatz einer „CineMagic“ getauften Technik, die nach nur einem weiteren Film – THE THREE STOOGES IN ORBIT von 1962, wie ANGRY RED PLANENT von Norman Maurer produziert – gleich wieder auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt wurde. Das Verfahren basiert auf einem technischen Verfahren namens „Solarisation“, bei dem das schwarzweiße Film-Negativ behandelt und farblich partiell „umgekehrt“ wird. Die Behandlung brachte nicht nur den für die Mars-Szenen gewünschten Rotstich, sie zog auch einige weitere für die Filmemacher positive Nebeneffekte nach sich: Der Effekt ließ die Schauspieler „flächiger“ erscheinen, sodass sie sich besser in die zum Teil gemalten Mars-Settings einfügten. Außerdem sparte man sowohl das Geld für den Farbfilm als auch für die Erstellung eines Positivs. Die Szenen auf dem Mars sind tatsächlich recht effektiv, wirken durch die eigentümliche Textur des Bildes fremdartig-träumerisch, dennoch sieht man auch, warum sich die Technik nicht durchsetzte (mal ganz davon abgesehen, dass sie arg limitiert war): Da, wo ursprünglich schwarze Schatten zu sehen waren, zeigt das Bild nun stattdessen milchige Flecken.

Der Freude tut das aber keinen Abbruch: Höhepunkt ist natürlich der Auftritt des Spinnen-Fledermaus-Rattenmonsters, eines kleinen Design-Triumphs, so bescheuert die Idee auch anmutet. Auch die später eine noch größere Bedrohung darstellende Riesenamöbe gefällt, vor allem in dem fadenscheinigen, aber doch gruseligen Effekt, wenn man durch ihre gallertartige Substanz sieht, wie der arme Sam Jacobs (Jack Kruschen) in ihrem Inneren verdaut wird. Wie bei den meisten Filmen dieser Art ist es aber zuvorderst die naive Vorstellung von Raumfahrt und Wissenschaft und natürlich des Fünfzigerjahre-Sexismus, die den Film heute zu einem großen Spaß machen. Das Treiben an Bord der Rakete kann man nur als „entspannt“ beschreiben: Die Lederhalbschuhe passen super zu den schicken Overalls, in einem Schrank gibt es einen reichhaltigen Vorrat an Konservendosen, die Funkverbindung zur Erde ist trotz der großen Distanz erstklassig und während des ereignislosen Transits gibt es viel Zeit für das gut gelaunte Beisammensein. Das Alphamännchen ist Colonel O’Bannion (Gerald Mohr), einer jener schmierigen Typen, die einem damals gern als kernige Frauentypen vorgestellt wurden und heute sofort eine Unterlassungsklage am Hals hätten, wenn sie sich einer Dame nur näherten. Den Overall hat er immer bis knapp über den Bauchnabel geöffnet, damit man seine braungebrannte Altherrenbrust mit dem stattlichen Wolfspelz gut sehen kann. Sein unwiderstehlicher Charme entbirgt sich in einem öligen Triebtätergrinsen, mit dem er bei seiner Kollegin Iris (Naura Hayden) seltsamerweise mächtige Eindruck schindet. Die rothaarige Schönheit ist für die menschliche Wärme an Bord zuständig, dafür, sich Sachen erklären zu lassen, oder auch mal sauber zu machen, wenn gerade nichts Wichtigeres zu tun ist. Für die Marsbegehung rüstet sie sich ganz ladylike mit einem süßen Handtäschchen aus. Professor Gettell (Les Tremayne), komplett mit Wissenschaftler-Spitzbart, stellt seine Seriosität damit unter Beweis , dass er ständig irgendwelche „Gefühle“ und Eingebungen hat, und besagter Sam ist als handfester Typ das Stand-in für den Zuschauer, andauernd verdutzt bis begeistert und benimmt sich generell wie ein kleiner Junge, dessen Traum wahr geworden ist. Ihm wird später die Ultraschall-Kanone anvertraut, die er sogleich „Cleo“ nennt und mit unaufhörlichen Liebkosungen überschüttet. Später sorgt er mit dem wiederholt geäußerten Wunsch, „ans andere Ufer“ zu wollen, für Gelächter, auch wenn er sich damit tatsächlich auf einen See bezieht.

Zwar wird es für die Raumfahrer tatsächlich noch bedrohlich auf dem Mars, doch so ganz kann Melchior dem Film seine Gemütlichkeit nicht austreiben. Die zukunftsweisende Expedition in fremde Welten wird zum amüsanten Wochenendausflug einer Patchwork-Familie, die auch mit einer Tour nach Disneyland ganz zufrieden gewesen wäre, sich dann aber wahrscheinlich nicht zwischen Splash Mountain und Magic Mountain hätten entscheiden können. Dass die Marsianer sie so aggressiv verjagen und ihnen noch eine Grußbotschaft mitgeben, die besagt, die Menschen sollen gefälligst zu Hause bleiben, sonst setze es was, versteht der Zuschauer besser als die Protagonisten, die sich keiner Schuld bewusst sind, weil sie jede Gabe zur Selbstrefexion vermissen lassen. Wie Pauschaltouristen eben.

 

Für Hard Sensations habe ich den kammerspielartigen Science-Fiction-/Horror-/Psychothriller COHERENCE rezensiert, der in wenigen Tagen bei Bildstörung auf DVD und Blu-ray erscheint. Hier entlang, bitte.

11045427_958735574151745_7163803936766346713_nEpisode 038: Inkasso (Helmuth Ashley, 1977)

Der Plot entfaltet sich traditionell und in behäbigem Tempo: Ein Mann namens Rombach wird erschossen, die Befragung seiner Ex-Frau (Monika Gabriel) bringt wenig konkrete Erkenntnisse, außer ihres unverhohlenen Unwillens, sich positiv zum Toten zu äußern. Die Untersuchung der todbringenden Pistolenkugel stellt aber die Verbindung zu einem anderen Mordopfer her, eines Fotografen, mit dem Rombach sich regelmäßig zum Skatspielen traf. Der dritte in der Skatrunde ist der Apotheker Backhaus (Karl Walter Diess), der merklich Angst hat, das nächste Opfer zu sein, aber trotzdem nicht mit der Sprache rausrückt. Um den Mörder zu finden, müssen Derrick und Klein hinter das Motiv kommen und dazu hinter das Geheimnis, das die drei Männer offensichtlich verbindet.

Ashleys Episode bietet dem geneigten Zuschauer gewissermaßen DERRICK’sche Durchschnittskost, aber das auf hohem Niveau. Eine narkoleptische Modenschau zu schwofigem Disco-Sound und in pseudobarockem Interieur mit Hang zum Beige ist zunächst der delirierende Höhepunkt der gewohnt schön fotografierten, sonst aber ganz auf Linie der sich am gehobenen Bürgertum abarbeitenden Serie liegenden Episode. Erst in den letzten 15, 20 Minuten entgleitet Ashley die Kontrolle bzw. greift er nach den Sternen am graubraunen Polyesterfirmament: Plötzlich verwandelt sich die Folge in eine verzichtphilosophisches Juvenile-Delinquency-Drama mit Pferdeszenen, stummen Liebkosungen und schmachtenden Blicken, die Entladung erflehen und wiederholte Ablehnung empfangen. Das alles erlebt der Betrachter aus der Distanz, nimmt die Perspektive der beiden Kriminalbeamten ein, die dem Liebespaar hinterherstelzen und seine schüchternen Zärtlichkeiten mit der nüchternen Bewunderung zweier Wissenschaftler beobachten, die sich vom Blick auf das pumpende Herz des lebend sezierten Froschs Erkenntnisse über das Geheimnis des Lebens erhoffen. Dazu spielt passenderweise ein brachialromantisches Kitschinstrumental, das in seiner mechanistischen Erbarmungslosigkeit so klingt, als habe Ashley es aus einem Enz-Film geborgen. Groß.

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10949751_959210927437543_7307672007736787647_nEpisode 039: Die Tote im Wald (Helmuth Ashley, 1977)

Eine ähnliche Folge wie die vorangegangene, in dem Sinne, dass der Fall und die Ermittlungen eher konventionell erzählt werden, das Ende – eine Rückblende auf den Tathergang – dann aber aufmerken lässt. Zu Beginn wird im Wald die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Zufällig in der Nähe ist Hans Beck (Martin Lüttge), der sich die Leiche ansieht, dann panisch zu seiner Gattin Lore (Gaby Dohm) nach Hause eilt und seinen Freund Donk (Günther Neutze) anruft. Becks Panik erklärt sich wie folgt: Vor Jahren wurde er in einem sehr ähnlichen Fall wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, von der seine Gattin nichts weiß. Nun befürchtet er, von der Polizei vorverurteilt zu werden, und bittet Donk, für ihn ein gutes Wort einzulegen. Der aber spielt sein eigenes Spiel: Anstatt Beck zu beruhigen, schürt er seine Angst, anstatt ihn zu entlasten, macht er genau das Gegenteil.

„Die Tote im Wald“ ist in erster Linie eine Schauspielerfolge, lebt ganz von der fiebrig-kaltschweißigen Nervosität, die Martin Lüttge seinem Beck verleiht, sowie der abgezockten Frechheit und intriganten Manipulativität Donks, der Günther Neutze ein ebenso hassenswertes wie ungerührtes Gesicht gibt. Spannung erwächst zunächst aus der Frage, ob es für die Anspannung Becks nicht doch eine andere Erklärung geben könnte, dann aus der zunehmenden Gewissheit, dass Donk Böses im Schilde führt, und der Unfähigkeit des gutmütigen Beck, genau das zu erkennen. Es ist eine banale Zeugenaussage, die die entscheidende Wendung bringt und zur Konfrontation des richterlich auftretenden Derrick mit dem lügnerischen Gernegroß führt. In den Flashbacks, die ihn danach als notgeile alternde Witzfigur enttarnen, die nicht nur der naiven englischen Austauschschülerin durch das Unterholz nachjagt, sondern auch der eigenen, längst vergangenen Jugend, bevor es das zarte Pflänzchen mit den ungeschickten Händen eines Mannes zerdrückt, dem menschliche Berührungen fremd sind, findet Ashleys Episode ein nachhaltiges Ende.

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1959733_959359137422722_1792260223065015748_nEpisode 040: Der Fotograf (Helmut Ashley, 1978)

Nach zwei eher intimen Folgen bekommen Derrick und Klein es zur Abwechslung mal wieder mit international agierenden Kapitalverbrechern zu tun. Am Anfang war die Action: Der titelgebende Fotograf Alwin Merz (Bruno Dietrich) hetzt von drei Schergen verfolgt durch die grell erleuchteten Gänge eines U-Bahnhofs und wird schließlich vor einen einfahrenden Zug geworfen. Aus der Tatsache, dass der Film aus Merz‘ Kamera entwendet wurde, schließt Derrick, dass sein Beruf etwas mit seinem gewaltsamen Tod zu tun hatte. Die Pornofotos, die er in seinem Atelier mit seiner Angestellten und Schwägerin Inge (Christine Buchegger) machte, waren wahrscheinlich nicht der Grund, sie führen aber zu dem Geschäftsmann Blodin (Jürgen Goslar). Und der wiederum ist auf einem der in Merz‘ Atelier sichergestellten Fotos mit einem international gesuchten Drogendealer zu sehen …

Viel, viel drin, in dieser Episode, aber Ashley lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Nach explosivem Beginn – neben der einleitenden Verfolgungsjagd gibt es eine wilde Schießerei, bei der Klein verwundet wird – steuert er die Narration in ruhige Fahrwasser, deutet einen weiteren jener Bürgertums-Gothics an, für die die Serie steht. Die Art, wie die Protagonisten das Wort „Pornofotos“ aussprechen, als sei es etwas gänzlich Unvorstellbares, nur mit in dunklen Gewölben dargebrachten Menschenopfern vergleichbar, lässt fast mit erschaudern, und Derricks mitleidiger Blick, als ihm Inge Merz gesteht, die Bilder aus rein wirtschaftlicher Not heraus ohne Wissen ihres Gatten zu machen, kristallisiert die Haltung, mit der Reineckers Drehbuch Pornografie begegnet, in einer einzigen Einstellung. Bei DERRICK erhält das deutsche Spießertum regelmäßig eine Möglichkeit, in den Abgrund seiner eigenen Begierden zu starren und sich daran zu delektieren. Aber dann gibt es auch einen sehr zärtlichen Nebenstrang, der sich um ein querschnittsgelähmtes Mädchen dreht, das in einer freundschaftlichen Beziehung zum Toten stand. Sie arbeitet als Museumsführerin in Landshut, und das altehrwürdige Gebäude, in dem die historischen Schätze untergebracht sind, scheint ihr und ihrem Vater auch als wildromantischer Wohnsitz zu dienen. Nachdem Derrick es durch seinen escheresken Eingang betreten hat, trifft er die junge Frau hoch oben auf einem Turm mit Panoramablick über die südbayrische Stadt. Schwarzweiß-Pornobilder, die die Kamera sich nie zu zeigen traut, auf der einen Seite, eine elfenbeinhäutige Schönheit auf dem Turm eines Märchenschlosses auf der anderen. Das Ganze integriert in eine Drogen-und-Epressungsgeschichte: Kann man in einer Stunde ein breiteres Spektrum abdecken?

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10628331_960194614005841_2018503542989100084_nEpisode 041: Tod eines Fans (Alfred Vohrer, 1978)

Nachdem Derrick in der Folge zuvor seinem Unverständnis für das Phänomen namens „Pornografie“ Ausdruck verlieh, ist in Alfred Vohrers Episode die Popkultur dran. Die Zeichnung von Popgeschäft und Fantum sind es dann auch, die „Tod eines Fans“ leicht über den Durchschnitt heben: Der Fall selbst ist eher uninteressant, eine banale Eifersuchtsgeschichte, und vor allem die zweite Hälfte hängt ziemlich durch. Zuerst muss der im 21. Jahrhundert angekommene Zuschauer aber akzeptieren, dass Tommy Piper (mit noch intakter Stimme) im DERRICK-Universum des Jahres 1978 der Stoff ist, aus dem Rockstars gemacht werden: Als Harry Dugan irgendwo in der nicht vorhandenen Schnittmenge zwischen Ricky Shane, Barry Manilow und Mick Jagger angesiedelt, reißt er sein überwiegend weibliches Publikum mit einer alles andere als dem Zeitgeist und seiner Zielgruppe entsprechenden Coverversion von „Born to be Wild“ von den Stühlen (ja, es handelt sich wirklich um ein bestuhltes Konzert). Hinter der Bühne wird der vollkommen euphorisierte Dugan („Ich habe sie angebetet!“) von seinem strengen Manager Heckel (Wolfgang Wahl) angepfiffen, als er sich ein Gläschen Sekt einschenkt, wegen der Journalisten und so. Im Hotel angekommen, legt Dugan als erstes sein eigenes Album auf und findet dann ein ermordetes Groupie in seinem Bett. Er tut, was jeder Rockstar in dieser Situation täte: Er zieht die Leiche an und schleppt sie aus dem Zimmer. Dabei wird er jedoch von einem Journalisten ertappt, der sich die einmalige Fotogelegenheit natürlich nicht nehmen lässt. Vohrer inszeniert diesen Moment sehr effektiv als Montage der Schwarzweiß-Schnappschüsse, die zeigen, wie Dugan panisch auf den Fotografen zustürzt.

Dugan ist damit natürlich der Mordverdächtige Nr. 1, aber Derrick will mehr wissen. Der Star selbst wie auch sein Tross – der offensichtlich schwule Günther Orkel (Werner Schulenberg) mit silbergrauen Haaren, indigniertem Blick und unklarer Funktion sowie der schmollmündige Fahrer Ingo (Stefan Behrens) – beteuern immer wieder, wie verrückt diese Fans seien, was sie nicht alles auf sich nähmen, um ihren Schwarm auch nur zu berühren, wie es ihnen stets gegen jede Wahrscheinlichkeit gelänge, an ihr Ziel zu kommen. Alle komplett wahnsinnig also. Bestes Beispiel ist die Tote: Deren Mutter, eine trübselige Frau mit wächsernem Gesicht, die in ihrer braungrünen Wohnung ziellos auf und ab geht, hat es ja schon immer gewusst, dass die Begeisterung für diese „Musik“ ihr Töchterlein irgendwann ins Unglück stürzen wird. Es scheint als wolle sie mit ihrem ganzen Wesen den Kontrast zu dem entrückten Strahlen bilden, dass Marianne auf einem Poster zeigt, auf dem sie den Star bei einem Konzert berührt. Man ahnt, warum sich das Mädchen so in eine imaginierte Liebesbeziehung hineinsteigert, aber die Erwachsenen sind viel zu beschäftigt damit, Staub anzusetzen. Reineckers Drehbuch jazzt die vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit eines Fans tatsächlich zu einem ernsten gesellschaftlichen Problem hoch, zeichnet Popmusik als diabolische Droge mit Zerstörungspotenzial, was angesichts der braven Musik von Dugan schon sehr gewagt anmutet. Aber diese Marianne war tatsächlich ein bisschen irre, wollte Dugan wirklich ins Bett zerren und machte daraus auch vor ihrem Freund Konrad (Christian Kohlund, mit Schnäuz) keinen Hehl. Der ist der verwöhnte Sohn eines patriarchalischen Geschäftsmanns (Hannes Messemer), der der Entnazifizierung offensichtlich erfolgreich entkommen ist. Immer wieder toll, diese horriblen urdeutschen Herrenmenschen, die in mondän vertäfelten Büros residieren und alle mit einem Hundebellen herumkommandieren. An Derrick prallt dieses Gehabe natürlich wirkungslos ab, aber sein Blick verrät, wie es brodelt. Und gebrodelt hat es dann auch in Konrad, der sich in einem wenig überraschenden Finale als Mörder herausstellt.

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Auch wenn ich es erst nach einiger Zeit gerafft habe: GHOSTS OF GIRLFRIENDS PAST macht natürlich schon im Titel keinen Hehl daraus, lediglich eine Paraphrase von Dickens‘ berühmter Weihnachtsgeschichte zu sein, die hier statt eines geizigen Misanthropen einen sexistischen Womanizer durch Geisterheimsuchung zur Läuterung treibt. Matthew McConaughey ist Connor Mead, erfolgreicher Celebrity- und Mode-Fotograf und notorisch polygam, seitdem er von seinem Onkel Wayne (Michael Douglas), einem hoffnungslosen Lebemann, in die Geheimnisse der Verführung eingeführt wurde und gelernt hatte, dass Liebe nur etwas für Schwächlinge und Träumer ist. Auf der Hochzeit seines Bruders Paul (Breckin Meyer) lässt Connor keinen Zweifel an seiner Verachtung für die Institution Ehe und die, die darauf hereinfallen, trifft aber auch Jenny Perrotti (Jennifer Garner) wieder, seine alte Sandkasten- und Jugendliebe, seine erste große Liebesenttäuschung und die einzige Frau, mit der er jemals eine feste Beziehung erwogen hatte. Nachdem er bei der künftigen Schwiegermutter (Anne Archer) seines Bruders abgeblitzt ist und eine der Brautjungfern klargemacht hat, erscheint ihm der Geist seines toten Onkels und offenbart ihm, dass ihm in der kommenden Nacht drei Geister erscheinen werden.

Der Weg ist von da an natürlich klar: Connor erkennt durch das Werk der Geister, die ihm einen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglichen, dass es allein die Angst vor dem Verlassenwerden war, die ihn zum Womanizer machte, er in Wahrheit nie über die schöne Jenny hinweggekommen ist, und nur durch die Betten pflügte, um die Leere zu übertönen, die die Trennung von ihr hinterlassen hatte. Der Blick in die Zukunft, zeigt seinen Bruder als unverheirateten Mann – Connor hatte die Braut Sandra (Lacey Chabert) kurz zuvor durch die Offenbarung, dass sein Bruder vor Jahren mal etwas mit einer ihrer Brautjungfern gehabt hatte, in die Flucht getrieben – und als einzigen Gast auf Connors Beerdigung. Das ist der Moment, in dem er umdenkt, die Ehe seines Bruders durch vollen Körpereinsatz und eine flammende Rede rettet, einen zu Herzen gehenden Toast auf den Triumph der Liebe spricht und Jenny die ewige Treue schwört.

Ein Kommentar erübrigt sich anhand dieser Zusammenfassung eigentlich schon: GHOSTS OF GIRLFRIENDS PAST ist abwechselnd zahme Komödie mit klarer Sympathieverteilung, tränentreibender Schmachtfetzen und spießiges Erbauungskino vom Fließband, das durch seine Darsteller hier und da den dringend benötigten Qualitätsschub erhält. McConaughey ist als selbstzufriedenes Arschloch die Idealbesetzung und dabei so gut, dass die Freilegung eines weichen Kerns von Grund auf unglaubwürdig bleibt, Jennifer Garner hebt sich wohltuend von den sonst üblichen stromlinienförmigen oder bloß niedlichen Love Interests dieser Filme ab. Aber es sind vor allem die Szenen mit Michael Douglas als Womanizer alter Schule, komplett mit Siebzigerjahre-Hornbrille, die aus dem RomCom-Einerlei herausstechen. Da kann mit Robert Forster erwartungsgemäß lediglich ein anderer Veteran in der Rolle des Vaters der Braut (oder, wie ich aus THE WEDDING PLANNER gelernt habe, des „FOB“) mithalten: Die Hochzeitsrede des Koreaveterans, der das Zurückstopfen der Eingeweide in den Leib seines angeschosenen Kameraden als Gleichnis für das Wesen der Liebe verwendet, markiert einen späten Höhepunkt in dem zunehmend anästhesierend wirkenden Film, dem es noch nicht einmal gelingt, das mit der Reise in die Vergangenheit verbundene Nostalgiepotenzial zu heben. Wirklich ärgerlich ist indessen wieder einmal, wie jemand, der einem anderen Lebensentwurf als dem traditionellen Eheideal folgt, mit allen Mitteln zum Arschloch verzerrt wird, dem zum großen Glück nur die eigene Schwäche im Weg steht. Dabei sieht doch jeder Blinde, dass die Ehe der beiden Langweiler Paul und Sandra genau das Albtraumbündnis ist, dass Connor so markig zu beschreiben weiß. Der an Fanatismus grenzende Perfektionismus, mit dem da die Hochzeitszeremonie tagelang minutiös geprobt wird, lässt an die Organisation von Gefangenenlagern denken, und einer Frau, die über der Zerstörung einer Torte einen Nervenzusammenbruch erleidet, wünsche ich instinktiv Henry Silvas Handrücken als Therapie ins Zickengesicht. Aber wahrscheinlich muss das in diesem Filmgenre so sein, dass es keinerlei Zwischentöne gibt, ein Womanizer eben ein Traumapatient im Gewand eines Sexisten ist, und die Magie der wahren Liebe ein porentief reines Herz erfordert, das sich dann meist in kompletter blandness entäußert.

SURFER, DUDE passt eigentlich nicht in das von mir für diese Reihe vorgegebene RomCom-Schema. Zwar gibt es eine Liebesgeschichte, die hat aber lediglich Subplot-Charakter. Es geht um den Surfer Steve Addington (Matthew McConaughey), der eines Tages von einer Tour nach Hause kommt, und von seinem Manager Jack Mayweather (Woody Harrelson) erfährt, dass er vollkommen pleite ist. Steve, oder „Add“, wie er von allen genannt wird, interessiert das nicht weiter: Solange er seine Wellen und einen Joint hat, ist er glücklich. Und wer wollte es ihm angesichts der Bikini-Schönheiten, die ihn an den Traumstränden der Welt umgarnen, verdenken? Das Angebot des ehemaligen Surfers Eddie Zarno (Jeffrey Nordling), eines schmierigen Typen ohne Skrupel, an einer von ihm produzierten Reality-Show teilzunehmen, schlägt Add daher ohne lange nachzudenken aus. Doch als plötzlich die Wellen an der kalifornischen Küste ausbleiben, stürzt er in eine tiefe Sinnkrise …

„Das Gegenteil von ,gut‘ ist ,gut gemeint'“: So ließe sich SURFER, DUDE treffend zusammenfassen. Der von seinem Star mitproduzierte Film versucht zum einen, vom Cool der Surferszene zu profitieren, weckt mit seinen Slackerfiguren, die sich ständig mit „dude“ anreden, vom Highwerden und der perfekten Welle schwadronieren, Erinnerungen an das Subgenre der Kifferkomödie, mit esoterischer Freiheitsrhetorik zudem an POINT BREAK, übt sich zum anderen aber auch an „deeper“ Medienkritik mit Elementen des Charakter- und Selbstfindungsdramas. Das alles scheitert leider an der plumpen Holzschnittartigkeit des Entwurfs und so verreckt SURFER, DUDE irgendwo im trostlosen Niemandsland zwischen unwitziger Komödie und zahnloser Satire. Wenn die Alternative zum nonkonformen (eigentlich: umproduktiven) Rumhängen ohne Plan und Richtung das Verkaufen der eigenen Seele an ein diabolisch grinsendes Arschloch ist, ist es ziemlich leicht, für ersteres zu votieren und dafür einzutreten. Grautöne kennt der Film gar nicht, sein Perspektive ist genauso beschränkt wie die seines Protagonisten. Um Adds Dilemma aufzulösen, zaubert das Drehbuch in den letzten zehn Minuten den Deus ex Machina hervor, den reichen Papa von Adds neuem Schwarm, der Journalistin Danni (Alexie Gilmore), der den fiesen Zarno schwupddiwupp rausschmeißt, Add mit Superduper-Vertrag ohne Haken ausstattet und ihn lächelnd mit der Tochter ziehen lässt. Wenn es im echten Leben doch auch nur so wäre. Dass SURFER, DUDE ziemlich dumm ist, wäre indes noch zu verkraften. Was hätte nicht alles ich für eine mit McConaughey und Harrelson besetzte Surferkomödie im Stile der FratPack-Filme gegeben! Leider ist Bindlers Film aber nicht nur aggressiv unkomisch und mit seinem körnig-trüben Digivideo-Look völlig entgegen seinem Sujet auch überaus freudlos anzuschauen, er ist vor allem quälend langweilig – und das bei einer Laufzeit von gerade einmal 82 Minuten. Das ist schon fast eine Kunst: Einen Film über einen kindgebliebenen, attraktiven Surferstar an der Küste Kaliforniens zu drehen, der ganz ohne „Charme“ und Witz auskommt.

Ich habe mich während der Betrachtung gefragt, was schlimmer ist: ein hodenzerquetschender, seelentötendes Machwerk wie THE WEDDING PLANNER oder aber ein „gut gemeinter“, aber eben ohne jede Inspiration, Verstand und Gespür für Dramaturgie hingegurkter Film wie SURFER, DUDE? Sollte mich tatsächlich ein schlechter Mensch vor die Wahl stellen, würde ich mir tatsächlich lieber noch einmal den Schmachtfetzen mit J-Lo anschauen. So mies ist SURFER, DUDE. Finger weg.