terza visione 2: il merlo maschio (pasquale festa campanile, italiane 1971)

Veröffentlicht: April 1, 2015 in Film
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Komödien aus Italien haben, wie auch ihre Verwandten aus Hongkong, beim deutschen Publikum – und selbst bei ausgewiesenen Freunden des italienischen Films – einen schweren Stand. Die expressive, theatralische Art der Italiener, die den Uneingeweihten schon bei ernsteren Filmen erst einmal verstört, wird in Komödien noch ins Extrem gesteigert. Slapstick-Einlagen sind noch infantiler und alberner als in den meisten amerikanischen Stummfilmexzessen, es wird grimassiert und gestikuliert bis der Arzt kommt, und die deutschen Synchronstudios gingen auch nicht gerade zimperlich mit den Filmen um, beteiligten sich am eh schon vorherrschenden Irrsinn auch noch mit zotigen Sprüchen, putzigen Geräuschen und bescheuerten Titeln. Schaut man sich die Vertreter der Commedia sexy all’Italiana an, die ihn Deutschland im Zuge des Erfolgs von LA LICEALE das Licht der Kinoleinwände erblickten und zum Teil auf DVD erhältlich sind, offenbaren diese sich als amoklaufende Albernheiten, die man sich zwar durchaus erarbeiten kann, die aber selbst dann eher befremdlich als lustig wirken. Dass es da aber offensichtlich einen nahezu ungeborgenen Schatz an wirklich hervorragenden, auf höchst positive Art und Weise verstrahlten italienischer (Sex-)Komödie gibt, deutet IL MERLO MASCHIO an, dessen Hauptdarsteller Lando Buzzanca sich vom Fleck weg in mein Herz gespielt hat. Es gibt Komiker, die einen durch die bloße Anwesenheit zum Lachen bringen, und er gehört mit Sicherheit dazu. Sein attraktives, aber auch etwas comichaftes Gesicht – er erinnerte mich ein wenig an eine Mischung aus Luke Wilson und Bruce Campbell – ziert ein markanter Blick, der mal irrwitzig funkelt, dann wieder völlig ausdruckslos ist. Er ist das Herz von Campaniles Film, der aber erst durch sein intelligentes und überraschendes Drehbuch – ebenfalls von Campanile verfasst – zum vergessenen Masterpiece wird.

Giacomo Vivaldi (Lando Buzzanca), ein Cellist im Orchester von Verona, wird von seinen Minderwertigkeitskomplexen fast in den Wahnsinn getrieben. Niemand kann sich nach einer Begegnung an ihn oder seinen Namen erinnern, noch nicht einmal sein Chef, der Dirigent, für den er schon seit Jahren musiziert, oder der Hausmeister des Hauses, in dem Giacomo mit seiner Gattin Constanza (Laura Antonelli) lebt. Auch die Empfehlung seines Therapeuten, ein Tagebuch zu führen, bringt keine Besserung, eher im Gegenteil. Als sogar Constanza plötzlich vergisst, wie ihr Angetrauter heißt, droht Giacomo endgültig der Kragen zu platzen. Eher durch Zufall findet er die Lösung seiner Probleme: Bei einem Kuraufenthalt bemerkt er, welche Wirkung die üppig bestückte Constanza auf andere Männer hat, dass er also etwas besitzt, was andere gern selbst hätten. Zunächst macht er heimlich Nacktaufnahmen von ihr, die er bei seinen Kollegen herumzeigt, dann lässt er sie für sich in immer abenteuerlicheren Verkleidungen posieren. Doch irgendwann reicht auch das nicht mehr aus, sein Bedürfnis nach Affirmation zu besänftigen …

Campanile, den deutsche Italophile wahrscheinlich vor allem für seinen AUTOSTOP ROSSO SANGUE kennen, findet in IL MERLO MASCHIO die perfekte Balance zwischen Klamauk, gelungener Charakterzeichnung und bitterbösem, fast schwarzem Humor. Wiegt er den Zuschauer zu Beginn noch in Sicherheit, indem er Giacomos Tolpatschigkeit und seine zunehmende Konsternierung in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt, abwechselnd über ihn lachen und mit ihm leiden lässt, nimmt er ihn im weiteren Verlauf mit auf eine rasante Talfahrt in den seelischen Abgrund, die ironischerweise just in dem Moment beginnt, als Giacomo glaubt, eine Lösung seines Problems gefunden zu haben. Vom braven Trottel, der alles über sich ergehen lässt, verwandelt er sich in einen Sexprotz außer Rand und Band, der sich aber – anstatt sich selbst an seiner Gattin zu delektieren – lediglich über den Neid oder die Bewunderung seiner Mitmenschen definiert. Constanza macht erst mit, um ihrem Gatten einen Gefallen zu tun, doch seine Anforderungen werden immer größer, bis sie die Grenze zum Wahnhaften endgültig überschreiten. Giacomos Problem: Es gelingt ihm einfach nicht, ein gesundes Verhältnis zu sich selbst aufzubauen, er benötigt immer die aktive Rückversicherung durch andere. Diese Eskalationsdramaturgie würde auch in einem ernsten Psychothriller oder -drama funktionieren und ihn so zu einem ziemlichen Runterzieher machen; hier bleibt dem Betrachter zwar auch das ein oder andere Lachen im Halse stecken, aber letztlich fungiert der großartige Buzzanca immer wieder als Puffer. Die Rückblende, die zeigt, wie er einst das Herz seiner Constanza als Teilnehmer eines Vogelstimmen-Imitationswettbewerbs mit dem Ruf eines verliebten Amselmännchens eroberte, geht als eine der schönsten und witzigsten des 2. Terza Visione in die Geschichtsbücher ein. Campaniles IL MERLO MASCHIO dürfte in Italien, das ja gemeinhin als Land mit „Machokultur“ beschrieben wird, wahrscheinlich eine besondere Sprengkraft entfacht haben, wird doch die Neurose hinter dem ganzen virilen Gehabe italienischer Männer gnadenlos bloßgestellt, aber auch ohne solche gesellschaftlichen Bezüge ist der Film, der auf deutsch unter anderem mit so verheißungsvollen Titeln wie KOMÖDIE IN PO-DUR oder KOMM GEIG‘ MIT MIR veröffentlicht wurde, rundum sehenswert und eben urkomisch.

 

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