cutthroat island (renny harlin, usa/deutschland/frankreich/italien 1995)

Veröffentlicht: April 8, 2015 in Film
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Glaubt man der Business Time, so kommt CUTTHROAT ISLAND die zweifelhafte Ehre zu, der größte Box-Office-Flop nach Inflationsbereinigung zu sein (der Film hatte sogar die Ehre, im Guinness Buch der Rekorde verzeichnet zu werden). Aber selbst wenn man mit solchen Rekord-Zuweisungen vorsichtig ist, ist das finanzielle Versagen dieses Films immens: Bei einem Budget von rund 100 Millionen Dollar spielte CUTTHROAT ISLAND weltweit gerade einmal 18 Millionen ein (andere Quellen sprechen von 11) und bedeutete somit einen weiteren Sargnagel für die eh schon verschuldete Produktionsgesellschaft Carolco, die danach Konkurs anmeldete (sie hatte neben Harlins Piratenfilm auch noch SHOWGIRLS zu verkraften). Die Produktionsgeschichte verlief von Anfang an problematisch: Der eigentlich als männlicher Hauptdarsteller vorgesehene Michael Douglas sprang noch vor Produktionsbeginn wieder ab, was auch Geena Davis, die damalige Ehefrau von Renny Harlin, verunsicherte. Als Hauptdarstellerin war sie eh eine problematische Wahl, da sie zuvor in erster Linie in Komödien auf sich aufmerksam gemacht hatte: Ihr letzter Erfolg lag mit A LEAGUE OF THEIR OWN zudem bereits mehrere Jahre zurück. Die Bemühungen Harlins, einen Ersatz für Douglas zu finden, gestalteten sich nicht nur als überaus schwierig – anscheinend wollte keiner von Hollywoods leading men an dem Film beteiligt sein, was den Produzenten eine Warnung hätte sein sollen. Mit Matthew Modine fand Harlin zwar doch noch einen willigen Schauspieler für die männliche Hauptrolle, doch einen, der über keinerlei Zug an der Kasse verfügte. Die verlängerte Suche führte indessen zu einem weiteren Problem: Der Kulissenbau musste in Harlins Abwesenheit fertig gestellt werden, und weil der Regisseur mit dem Ergebnis unzufireden war, wurden aufwändige Umbauarbeiten nötig, die das eh schon üppige Budget noch weiter in die Höhe trieben. Ähnliches gilt für das Drehbuch: Noch während der laufenden Dreharbeiten wurde es regelmäßig umgeschrieben.

Nun haben auch andere Filme solche Probleme, ohne dabei so unterzugehen wie CUTTHROAT ISLAND, und selbst vergleichbare Flops haben oft lediglich das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Vielleicht war die Zeit für eine Renaissance des Swashbucklers Mitte der Neunziger tatsächlich noch nicht bereit (wie immer wieder kolportiert wird), acht Jahre später sah das bei PIRATES OF THE CARIBBEAN schon ganz anders aus (auch wenn ich auf das Piratenfilm-Revival, das Verbinskis Film angeblich eingeleitet haben soll, von dessen eigenen Fortsetzungen einmal abgesehen, bislang noch vergeblich warte). Vielleicht war es wirklich nur die unglückliche, für die großen Zuschauermassen uninteressante Besetzung, die das Schiff zum Kentern brachte: Geena Davis war selbst in ihren erfolgreichen Filmen nicht die Hauptattraktion gewesen und Matthew Modine war als Typ zu intellektuell, um als Love Interest in einem Abenteuerfilm jene Zugkraft bei den Zuschauermassen zu entfalten, die CUTTHROAT ISLAND gebraucht hätte, um ihn zum Erfolg zu machen. Aber selbst wenn man von solchen eher schwammigen Mutmaßungen absieht, wird bei Ansicht des Films schnell klar, wo das große Problem liegt: Es gelingt Harlin einfach nicht, seinem Mammutunternehmen Leben und Liebe einzuhauchen. CUTTHROAT ISLAND sieht fantastisch aus, er hat große, spektakuläre Action-Set-Pieces, opulente Bauten, Schiffe, Requisiten und Kostüme, eine herausragende Kameraarbeit, atemberaubende Stunts und einen wunderbar epischen Score von John Debney (vielleicht das Beste am ganzen Film), und dennoch fragt man sich die ganze Zeit, warum der Funke einfach nicht überspringen will.

Es scheint, als habe Harlin – und alle anderen Beteiligten – ungemeine Akribie darauf verwendet, die technische Seite des Films hinzubekommen und dabei völlig vergessen, sich um seine Charaktere zu kümmern. Die Piratenbraut Morgan (Geena Davis) und ihr Sidekick William (Matthew Modine) bleiben holzschnittartige Schablonen und auch ihre Beziehung kann der Film nicht glaubwürdig anbahnen. CUTTHROAT ISLAND hetzt von einem bombastischen Set-Piece zum nächsten, ohne jemals innezuhalten, Bilder und Trümmer fliegen an einem vorbei und kaum hat man einen Blick auf eine atemberaubende Hafenkulisse geworfen, wird sie auch schon wieder dem Erdboden gleichgemacht. Man vermisst bei dieser atemlosen Hatz die spezifischen Details, die nötig sind, um die Gemachtheit des Ganzen zu vergessen und in dieser Welt versinken zu können, um Figuren von Skizzen zu Menschen aus Fleisch und Blut werden zu lassen. Das zeigt sich auch an den Dialogen oder generell den kläglichen Humorversuchen. Alles wirkt wie ein zweit- oder drittklassiger Abklatsch, viele Dialogzeilen klingen wie ungeschliffene Platzhalter, wie Blindtext, den man versäumt hat, rechtzeitig durch echte Gags zu ersetzen. Über allem schwebt die Idee großen Entertainments voller Action, Komik und Romantik, aber während alte Swashbuckler pure Hollywood-Magie verströmen, produzieren die Zahnräder und Kolben, die hier nur unzureichend vor dem Zuschauer verborgen wurden, unter lautem Quietschen, Ächzen und Dampfen lediglich ein klobiges Etwas ohne Seele.

Ich will nicht zu hart mit CUTTHROAT ISLAND umgehen, denn erstens ist seine Messe längst gelesen worden und zweitens ist er kein hassens-, sondern eher ein bemitleidenswerter Film. Man ahnt bei Betrachtung, was den Beteiligten vorschwebte und was sie für dieses Projekt begeisterte. Man sieht die Mühe und Arbeit, die sie investierten, riecht den Schweiß, den sie dabei vergossen. Aber am Ende steht eben ein Produkt, dem die Eleganz und Transzendenz, die solche überlebensgroßen Entertainment-Wunderwerke im Idealfall ausstrahlen, vollkommen abgeht. Die Technik, das Handwerk stimmen, aber die Inspiration wird schmerzlich vermisst. Ich vermute, dass Renny Harlin für diesen Stoff schlicht und ergreifend der falsche Mann war. Jedem der es hören will (und allen anderen auch), sage ich, dass ich ihn für unterschätzt halte, darüberhinaus für einen der besten Actionregisseure der späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahre, verteidige ihn gegen die in den letzten Jahren immer häufiger zu vernehmenden Schmähungen; aber sein Talent für bis auf das nackte Gerüst reduzierte Genrefilme, für Formula Movies, die immer ganz kurz davor stehen, den Schritt zur selbstrefenreziellen Dekonstruktion zu machen, ist bei einem Projekt wie CUTTHROAT ISLAND, das in allererster Linie eine gewisse Naivität benötigt, völlig fehl am Platze. Es hätte mithin genau das Gegenteil eines Renny Harlin bedurft: einen Regisseur, der Plotlinien und Erzählmechanismen nicht bloßlegt, sondern sie durch Anhäufen von ornamentalen Details kunstvoll verdeckt.

Die Nachwirkungen von CUTTHROAT ISLAND waren so verheerend, dass die nachfolgende Paarung von Harlin und Davis in Shane Blacks großartigem THE LONG KISS GOODNIGHT ebenfalls zum Scheitern verurteilt war (die beiden hatten den Vertrag noch vor der Fertigstellung von CUTTHROAT ISLAND unterzeichnet, vermutlich zum späteren Schrecken von Black). Harlin drehte drei Jahre später noch den von mir sehr geliebten DEEP BLUE SEA, den man je nach Präferenz als letztes Hurra oder als ersten Schritt auf der Leiter nach unten betrachten kann, bevor eine anhaltende Folge von (oft sehr liebenswerten) Flops ihn endgültig in DTV-Gefilde führte. Noch schlimmer erwischte es aber Geena Davis, deren Karriere als Leading Lady nach THE LONG KISS GOODNIGHT noch schneller vorbei war als ihre Ehe mit Harlin. Der größte Erfolg, den die IMDb für sie danach verzeichnet, ist der Kinderfilm STUART LITTLE. Schlimmer geht’s nimmer.

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Kommentare
  1. zorafeldman sagt:

    ach naja, Geena ist vielseitig – MENSA-mitglied, bogenschützin, mutter und gender-equality-aktivistin. und als schauspielerin auch noch immer/wieder aktiv (und ausgezeichnet). geht schon. 🙂

  2. bullion sagt:

    Ich finde den Film ja großartig. Unterhält mich mindestens so gut, wie Disneys Piratenfantasy – Harlin war eben seiner Zeit voraus! 😀

    • Oliver sagt:

      Ich finde beide Filme doof, aber PIRATES hat mit Johnny Depp und Geoffrey Rush wenigstens zwei Darsteller, denen es gelingt ihre Rollen mit Leben zu füllen. 🙂

  3. zorafeldman sagt:

    Was sind wir dann?! :O

  4. […] Nöding auf Remember It For Later über den damals wie ein Stein untergegangenen Mega-Flop „Die Piratenbraut“, der gleich mehrere Karrieren ins Nichts riss. Und über den Boney-M.-Film „Bienenstich und […]

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