the firing line (jun gallardo, usa/philippinen 1988)

Veröffentlicht: April 10, 2015 in Film
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51MXH66B91LDas Wichtigste vorab: In der Originalfassung mit doofem Allerweltstitel und grausam öden Designs gestraft, wurde der Film erst in der deutschen Fassung mit dem erhabenen Titel DER KAMPFGIGANT 2 und dem nebenstehenden Spitzen-Videocover-Artwork angemessen abgerundet und zum Must-See veredelt. Das „Sequel“ kann Bruno Matteis Original zwar nicht die Butter vom Brot nehmen – welcher Film kann das schon –, etabliert aber seinen ganz eigenen unwiderstehlichen Wahnsinn. Für mich war die Erstbegegnung seinerzeit ein cineastisches Erweckungserlebnis: Nachdem ein guter Freund und ich den Trailer auf irgendeinem Videotape gesichtet hatten, war klar, dass wir DER KAMPFGIGANT 2 unbedingt sehen mussten. Und jener güldene Tag, an dem wir des Kleinods endlich habhaft wurden, ihn voller Vorfreude in den Player schoben und das erste Dosenbier aufrissen, wird mir bis an mein Lebensende als einer der schönsten und nachhaltigsten meines Lebens in Erinnerung bleiben. DER KAMPFGIGANT 2 ist einer jener Filme, die zum richtigen Zeitpunkt gesehen ein ganzes Leben verändern, ja auf den Kopf stellen können. Ohne DER KAMPFGIGANT 2 gäbe es wahrscheinlich dieses Blog nicht – zumindest sähe es ganz anders aus –, weil er mich doch ganz entscheidend mit der Idee des „baddies“ vertraut machte und für solche begeisterte. Ich wäre, das ist nicht übertrieben, ein anderer Mensch. Und er machte mich zum Die-Hard-Reb-Brown-Fan: Nach DER KAMPFGIGANT 2 setzten wir die Tour durch die Videotheken auf der Suche nach weiteren Filmen des muskulösen Knuddelbären fort und stießen dabei auf solche All-Time-Classics wie ROBOMAN, COBRA FORCE, SPACE MUTINY und FREEDOM FIGHTERS. Wir lernten so auch, dass DER KAMPFGIGANT 2 gewissermaßen ein Schlüsselfilm im Werk des amerikanischen Darstellers war: Es ist nämlich der einzige Film, in dem er einen Schnauzbart trägt. Filmhistorisch betrachtet, steigert das seinen Wert noch einmal erheblich.

Die Story ist dankenswerterweise sattsam bekannt und kann gut in drei Sätzen abgerissen werden: Reb Brown ist Mark Hardin (Hard-on?), ein Soldat, der als Söldner für die Regierungstruppen eines vermutlich südamerikanischen Staats im Kampf gegen die obligatorischen Rebellen arbeitet. Als er erfährt, dass der gefangen genommene Anführer der Rebellen keinen „fairen Prozess“ bekommen hat, sondern mitleidlos hingerichtet wurde, überwirft er sich mit seinen Arbeitgebern, landet als möglicher Spion im Bau und kann schließlich fliehen. Er schließt sich zusammen mit der Reporterin Sandra Spencer (Shannon Tweed) den Rebellen an, die er mit seiner Erfahrung zum Sieg führt. So weit, so uninteressant. Was DER KAMPFGIGANT 2 erst zu einem kolossalen Actionmonument macht, sind die unzähligen Stilblüten, die einem der notdürftig zusammengeschusterte Film in rasanter Abfolge kredenzt. Gleich zu Beginn, der sich einem Angriff der Truppen auf die Rebellen widmet, wird man etwa mit Hardins schlecht manikürtem Daumennagel vertraut gemacht, der in einer x-mal verwendeten Einstellung den „Fire“-Knopf eines Hubschraubers drückt und so die armen Rebellen am Boden befeuert. Die Elaboriertheit der Kampfchoreografie bzw. ihr unverkennbar kafkaesker Einschlag fällt als zweites auf: Eine längere Szene folgt der Regel, dass derjenige, der jemanden erschießt, gleich als nächster getroffen wird. Die ganze Absurdität des Krieges wird hier besser eingefangen als in drei Stunden APOCALYPSE NOW REDUX. Unverzichtbar natürlich auch, dass sich sämtliche Statisten bei Explosionen als verhinderte Prima Ballerinas entpuppen. So wie die da mit ausgebreiteten Armen Luftsprünge vollführen, bekommt der eigentlich für John Woo (oder Peckinpah?) aus der Taufe gehobene Begriff des „Kugelballetts“ eine ganz neue Bedeutung. Es ist schwer, aus diesen eindrucksvollen ersten 10 Minuten ein Highlight herauszupicken, aber wenn ich eines benennen müsste, dann wäre es ganz sicher die unsterbliche Mahnung zur Eile, die Rodriguez (Mike Monty) seinen Guerillas entgegenschreit: „Rapido Karacho!“ Da rennt es sich gleich ganz von allein.

Hauptattraktion des Films ist, neben der erwähnten Sprungkraft und -begeisterung der Statistenschar, aber ganz  eindeutig Reb Brown. Ich glaube Christian Kessler beschrieb ihn mal als Knuddelbär, dem man am liebsten die ganze Zeit den Kopf tätscheln möchte, und das trifft es tatsächlich sehr gut. Ich glaube, Reb Brown ist gar kein sooo schlechter Schauspieler, sein Problem ist vor allem, dass er für die Rollen, die er spielte, einfach zu lieb aussah und darüber hinaus immer etwas dümmlich wirkt. Der hünenhaft gebaute Mann hat einfach keine echte Körperspannung, er mutet stets an wie ein 12-Jähriger, der in einem viel zu großen Fleischanzug steckt. Als er in einer Szene mit fiesen Pieptönen gefoltert wird, stößt er einen langgezogenen Schrei aus, verdreht die Augen und sackt zusammen. Wahrscheinlich ist seine Darbietung sogar recht nahe an der Realität, aber mit seinem putzigen Koala-Gesicht regt sie vor allem zu schallendem Gelächter an. Dem Film hilft die Naivität, die Brown in jeder Sekunde ausstrahlt, aber ungemein, entbindet sie ihn doch von der Pflicht, komplizierte Motivationen herleiten zu müssen: Hardin befallen keinerlei Selbstzweifel, wenn er die angreifenden Regierungstruppen nach seinem Anschluss an die Rebellenarmee wüst beschimpft und verflucht, obwohl er nur einen Tag zuvor dasselbe getan hat. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? DER KAMPFGIGANT 2 gehört zu jenem Subgenre des Dschungel-Actioners, in dem Rebellen und ihre Taten grundsätzlich gut und moralisch legitimiert sind. Natürlich gibt es Ausnahmen: Montiero etwa, den die Rebellen mit Hardins Hilfe aus dem Knast befreien – sie latschen rein, treten drei Wachen vors Knie, öffnen Montieros Zelle und spazieren wieder raus –, ist ein eifersüchtiger, von Missgunst geplagter Opportunist, der natürlich zur anderen Seite überläuft, weil er es nicht verkraften kann, dass ein Ami nicht nur die Führung seiner Leute an sich reißt, sondern ihm auch seine heimliche Perle, die tapfere Laura (Kahlena Marie), ausspannt. In einem fantastisch pointierten Dialog kritisiert er Hardins Entscheidung, eine Rast einzulegen (weil dessen Love Interest Sandra die Füße wehtun). „Passt ihnen was nicht, sie Arschloch?“ ist die geharnischte Antwort die ihm entgegenschlägt. Aber das lang ausgedehnte Blickduell zwischen Hardin, Laura, Sandra und Montiero unmittelbar nach seiner Befreiung ist auch nicht schlecht. Sergio Leone nichts dagegen!

Es ist angesichts solcher inszenatorischer Sternstunden nicht verwunderlich, dass Regisseur Gallardo das immens hohe Tempo nicht bis zum Ende halten kann. DER KAMPFGIGANT 2 versumpft in der letzten halben Stunde in einem nicht enden wollenden Showdown, der mit „statisch“  noch überaus freundlich umschrieben ist. Dass der monotone Synthiescore nur aus zwei Passagen besteht, die je nach Bedarf endlos verlängert oder willkürlich arhythmisch abgekürzt werden, ist nicht gerade eine Hilfe. Aber wen interessiert das schon, wenn es so viele andere Wunder zu bestaunen gibt? Bei einer romantischen Liebesszene zwischen Hardin und Sandra werden die beiden so hinter einem Steinhaufen platziert, dass nur Kopf und Schultern hervorlugen. Offensichtlich war Gallardo der Meinung, DER KAMPFGIGANT 2 enthalte schon genug Sex, womit er zweifelsohne Recht hatte. Das Handlungskonstrukt wirft auch die ein oder andere Frage auf: Warum wird Hardin wie ein Spion gefoltert, warum die Reporterin festgenommen, wenn sich der Söldner doch ganz offensichtlich allein dadurch disqualifizierte, dass er seinem direkten Vorgesetzten die Fresse poliert hatte? Ich warne vorab: Wer hier nach Logik sucht, der wird nicht fündig werden. Anders sieht es da schon mit der Poesie aus: Wunderschön etwa die Szene, in der der an einen Baum gefesselte Hardin die mit einer Machete in der Hand vor ihm verharrende Sandra auffordert, nun endlich seine Fesseln durchzuschneiden, und diese mit einem unidentifizierbaren Stöhnen und einem Blick gen Himmel antwortet, der suggeriert, dass sie kurz vergessen hat, wer und wo sie ist und was sie da eigentlich wollte. Wer wollte es ihr verdenken? Wenn ich mit einer Machete Reb Brown gegenüberstünde, würde ich mir vor Aufregung wahrscheinlich schwerste Verletzungen zufügen. Meine Aufzählung könnte jetzt noch ewig so weitergehen: Ein Blick durch ein Fernglas wird mithilfe einer Papierschablone realisiert, die wahrscheinlich der behinderte Neffe von Gallardo mit einem Holzlöffel zurechtschnitt, und ein Funker fällt dadurch unangenehm auf, dass er sein Ohr beim Funken nicht auf Anhieb findet. Natürlich gibt es auch einen Sackvoll jener für die dichte Dschungelatmosphäre unverzichtbarer Szenen, die Statisten einfach beim endlosen Latschen durch den Blätterwald sowie vom Material her nicht passendes Stock Footage zeigen, aber das ist bei einem Film dieser Couleur ja gewissermaßen Ehrensache. Mehr gibt es nicht mehr zu sagen. Die DVD ist als X-Rated-Hartbox im genau richtigen Format erschienen und ihre Platzierung im Regal ist für Leser dieses Blogs natürlich ebenfalls: Ehrensache.

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