polizeiruf 110: cassandras warnung (director’s cut) (dominik graf, deutschland 2011)

Veröffentlicht: April 16, 2015 in Film
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„Ein lupenreiner Giallo!“ So ungefähr machte mir Christoph von Eskalierende Träume Dominik Grafs CASSANDRAS WARNUNG schmackhaft, der gleichzeitig das Debüt des von Matthias Brandt gespielten Kriminal-Hauptkommissars Hanns von Meuffels innerhalb der Krimireihe POLIZEIRUF 110 ist. Aus seiner Begeisterung vor allem für das italienische Genrekino – das der Regisseur einmal als „die schönste aller Filmwelten“ bezeichnet hat – hat Graf in den vergangenen Jahren keinen Hehl gemacht, sich damit im Gegenzug einen Ehrenplatz im Herzen von Freunden des abseitigen, unterschlagenen, missachteten, vergessenen und verdrängten Films gesichert. Ich wage zu behaupten, dass es ihm leicht fallen sollte, diesen Platz zu behaupten, wenn er seine Liebe auch in Zukunft weiter in solche wunderbar kreativen und eigenständigen Filme gießt wie CASSANDRAS WARNUNG.

Der Kommissar von Meuffels – ein Nordlicht mit adligen Wurzeln – tritt soeben seinen Dienst in München an, da wird er schon an den Tatort eines brutalen Mordes gerufen, der besondere Brisanz dadurch erhält, dass das Opfer die Gattin des Polizeikollegen Gerry Vogt (Ronald Zehrfeld) ist. So scheint es zumindest, bis sich nach der Obduktion herausstellt, dass es sich bei der Toten um eine Freundin von Vogts Gattin Diana (Alma Leiberg) handelt, die für einige Tage im Haus des Ehepaars untergeschlüpft war. Offensichtlich galt der Anschlag Diana und in Verdacht gerät sofort eine Frau namens Cassandra, mit der der polygame Gerry eine kurze Sexbeziehung unterhielt. Die Gesuchte ist allerdings nirgends ausfindig zu machen: Existiert sie tatsächlich oder ist sie nur eine Erfindung Vogts, um seine eigene Tat zu vertuschen? Und was hat der ungeklärte, Jahrzehnte zurückliegende Fall eines Kindsmordes mit all dem zu tun?

Will man die Giallo-Parallele nachvollziehen, muss man zunächst einmal einen Kompromiss eingehen. Als Teil einer klassischen Krimiserie ist CASSANDRAS WARNUNG natürlich an bestimmte strukturelle Elemente gebunden, die eher Giallo-untypisch sind: Steht dort meist eine weibliche Opferfigur im Mittelpunkt, der ein männlicher Helfer zur Seite gestellt wird, liegt die Konzentration hier auf einem Kriminalbeamten und seiner Ermittlungsarbeit, von Graf mit dem bekannten Gespür für die „Parallelgesellschaft Polizei“ und deren Jargon inszeniert (eine sehr schöne Szene spielt auf der Beerdigung einer Kollegin und dem danach in einer Kneipe abgehaltenen „Leichenschmaus“). Der Vergleich mit den hochgradig stilisierten italienischen Thrillern lässt sich trotzdem nicht so einfach beiseite wischen, lädt Graf seinen Film doch mit genau jener Sexualität auf, die auch dem Giallo seinen archaischen Drive verleiht. Man ist ein paarmal versucht zurückspulen, um sicherzustellen, dass man da tatsächlich gerade richtig gehört hat. Vogts unstillbare Lust schlägt sich in zahlreichen expliziten Dialogzeilen nieder, die im deutschen Abendprogramm eher Seltenheitswert genießen. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten nicht: Eine weitere wichtige Nebenfigur ist der Cross-Dresser Pandora Büchschen (Tobias van Dieken), während Alma Leiberg ihre Diana als unterkühlte Femme fatale anlegt. In einer Szene, in der Meuffels Gerry mit der Möglichkeit konfrontiert, dass dieser statt mit einer „echten“ Frau mit Pandora ins Bett gestiegen ist, vielleicht gar seine Homosexualität vertuschen will, bringt Diana die ungewöhnliche Auflösung: Sie steigt kurz entschlossen auf einen Tisch und lüpft ihren Rock, um allen zu zeigen, wonach es ihren Mann wirklich gelüstet. Was im Rahmen eines POLIZEIRUFS befremdlich und geradezu außerirdisch wirkt, wäre in einem beliebigen Giallo ein Akt von geradezu bestechender Logik.

Wie schon in EINE STADT WIRD ERPRESST widmet sich Graf auch hier in einem kurzen, aber immens wirkungsvollen  Abstecher der neuzeitlichen Gentrifizierung deutscher Großstädte, macht einen kunstvollen Schlenker vom Speziellen zum Allgemeinen und gibt dem einstigen Sex-Symbol Doris Kunstmann eine prägnante Nebenrolle. Was wichtig für jeden Giallo ist, darf in CASSANDRAS WARNUNG nicht fehlen: Der gegenwärtige Mordfall scheint tief in die Vergangenheit zu reichen. Aber am Ende entpuppt sich – auch das ist giallotypisch – alles als relativ „normal“, und dass Meuffels erst über zahlreiche Umwegen zum Ziel gelangt, liegt weniger an ihm, als daran, dass die Welt bei Graf nicht monokausal strukturiert ist. Überall ergeben sich Querverbindungen, Assoziationen, Vergleichsmöglichkeiten und Parallelen, wenn man nur einmal an der Oberfläche kratzt. Das Leben pulsiert und schafft seine eigenen Realitäten. Graf ist ein Meister darin, seine Filme als nur einen von vielen möglichen Blicken durch ein Kaleidoskop erscheinen zu lassen, das beim nächsten Mal schon ein ganz anderen Bild zeigen würde. Jede Szene, jede Einstellung birgt die Möglichkeit, vom Hauptpfad abzubiegen und eine andere Geschichte zu verfolgen. Es liegt etwas Spielerisches in Grafs Filmen und er genießt es, ganz unterschiedliche Ausdrucksformen zu erproben. Seine Charaktere versteigen sich manchmal zu kleinen Performances, singen oder halten plötzlich politische Vorträge. Dann und wann wirft einen das aus dem Film raus – die Wutrede von Doris Kunstmanns Polizistin gegen bürgerlich-liberale Ökos zum Beispiel ist arg deklamierend und on the nose, wahrscheinlich auch dem Zwang deutscher Krimis zu Relevanz und Aktualität geschuldet –, aber dem positiven Gesamteindruck tun auch solche „Fehler“ keinen Abbruch. Vielmehr sorgen sie dafür, dass man als Zuschauer immer auf der Hut bleibt, weil man weiß, dass in jeder Sekunde etwas Unerwartetes passieren, der Ton von einem Extrem in ein anderes kippen kann. Und Graf weiß eben tatsächlich, jeden Zentimeter Film auszunutzen: Einmal streiten sich Gerry und Diana vor Meuffels über seine Untreue. Sie wirft ihm vor, sie während eines Schwedenaufenthalts betrogen zu haben, er macht sich darüber lustig, erzählt spöttisch, dass er ihr sogar einen wundervollen Holzschuh mitgebracht habe, den man als Blumentopf verwenden könne. Man überlegt nur kurz, ob das ein Witz des Polizisten ist, eine erfundene Anekdote in seiner humoristischen Performance, da schneidet Graf auch schon zu genau jenem blaugelb angemalten Holzschuh mit Blumengesteck, der dem Schwerenöter von seiner Gattin beherzt an den Kopf geschmissen wird. Ein anderes Mal wird über den Polizisten, den alle nur „McFly“ nennen, weil er nach Schottland auswandern wolle, gesagt, er spiele auch Dudelsack, und zur kurzen Bestätigung schwenkt Graf auf das in der Ecke liegende Instrument. Der Film bewahrt sich bei aller Schicksalsschwere immer seine Leichtfüßigkeit, weshalb es nur konsequent ist, dass von Meuffels seinen finalen Triumph mit einem Freudentänzchen beendet. Sehr italienisch, auch wenn die Musik dazu aus der Türkei stammt.

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