polizeiruf 110: der scharlachrote engel (dominik graf, deutschland 2005)

Veröffentlicht: April 17, 2015 in Film
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Nach den drei großartigen Graf-Filmen, die ich in den letzten Tagen gesehen habe (DER SKORPION, EINE STADT WIRD ERPRESST und CASSANDRAS WARNUNG) erscheint DER SCHARLACHROTE ENGEL zwangsläufig als kleine Enttäuschung. Was nicht bedeutet, dass er schlecht ist: Aber während Graf das enge Format des Fernsehkrimis mit den genannten Filmen als riesige Spielwiese erscheinen ließ, auf der man seiner Kreativität nahezu ungehindert laufen lassen kann, als fruchtbaren Boden für die Aussaat von aufregenden Genrestoffen, für die im Kino kein Platz neben all den Bezeihungskomödien und Historienfilmen zu sein scheint, operiert er mit DER SCHARLACHROTE ENGEL überwiegend innerhalb seiner Grenzen. Wirkte CASSANDRAS WARNUNG wie ein eigenständiger Teutonen-Giallo, den man mit einigen Kniffen erfolgreich ins Korsett der Krimiserie POLIZEIRUF 110 gezwängt hatte, sind die Errungenschaften von DER SCHARLACHROTE ENGEL weniger auffallend und spektakulär.

Der einarmige Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge) wird von einer Frau namens Floriane Engelhardt (Nina Kunzendorf) angerufen, die behauptet, einen Eindringling angeschossen zu haben. Vor Ort finden Tauber und seine Kollegin Jo Obermaier (Michaela May) Bluspuren und eine gefasste Täterin, die vom Kampf mit einem möglichen Vergwaltiger berichtet. Die Frau stellt sich später als Striptänzerin heraus, die Kunden gegen Zahlung private Webcam-Vorstellungen gibt. Einem ihrer Kunden (Martin Feifel) hat diese Form des virtuellen Kontakts jedoch nicht mehr ausgereicht. Nach einem zweiten Übergriff mit Vergewaltigung kann der Mann festgenommen werden. Doch vor Gericht weiß die Strafverteidigerin das „unmoralische“ Geschäft des Opfers zum Nutzen ihres Mandanten einzusetzen …

Der oben angestrengte Vergleich ist wahrscheinlich ungerecht, denn dem epischen, Jahrzehnte umspannenden Ansatz von EINE STADT WIRD ERPRESST und CASSANDRAS WARNUNG steht DER SCHARLACHROTE ENGEL als intimes Kammerspiel gegenüber. Die Ausgangssituation ist recht schnell klar (der anfängliche Verdacht, dass Floriane selbst Dreck am Stecken haben könnte, verflüchtigt sich schon bald) und mehr als irgendwelche möglichen Verwicklungen oder Ermittlungen von Tauber und Obermaier steht der Charakter der Tänzerin im Vordergrund bzw. das gesellschaftliche Verhältnis zu käuflichem Sex, das von Verständnis für die männlichen Kunden geprägt ist, die Dienstleisterinnen aber mit Verachtung straft und stigmatisiert. Viel Zeit wird für die Gerichtsverhandlung aufgewendet, die hinsichtlich der Affektsteuerung eine Meisterleistung ist: Dem Zuschauer, der weiß, dass Floriane die Wahrheit sagt, muss die Halsschlagader anschwillen, wenn er merkt, wie ihr Beruf benutzt wird, ihre Glaubwürdigkeit und letztlich sogar ihr Recht auf Unversehrtheit zu untergraben. Weil Floriane davon lebt, Männerfantasien zu erfüllen, muss sie gewissermaßen damit leben, dass mancher Kunde den Unterschied zwischen Fantasie und Realität nicht begreift: Das ist zumindest die Sichtweise der Verteidigerin oder wenigstens die Argumentationsstrategie, von der sie weiß, dass sie Erfolg verspricht.

In seinem Showdown macht DER SCHARLACHROTE ENGEL einen wichtigen Punkt: Opfer, die vom Rechtssystem keine Hilfe zu erwarten haben, werden irgendwann selbst zu Tätern. Diese Erkenntnis wiegt dann auch schwerer als die Kehrseite der Medaille: Triebtäter, deren Obsessionen man keinen Riegel vorschiebt, werden immer wieder rückfällig werden. Das ist (zum Glück) nicht das, was Graf interessiert. Er bleibt bei Floriane Engelhardt, der „die Gesellschaft“ aufgrund ihres Berufes bestimmte Rechte aberkennt und selbst in ihrer Passivität noch einen Angriff erkennt. Als Statement zu Gender Politics, Gleichberechtigung und zur Wahrnehmung von Sexualität ist DER SCHARLACHROTE ENGEL absolut niederschmetternd.

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