polizeiruf 110: er sollte tot (dominik graf, deutschland 2006)

Veröffentlicht: April 19, 2015 in Film
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b640x600Dominik Grafs zweiter Beitrag zur Reihe POLIZEIRUF 110, nach DER SCHARLACHROTE ENGEL erneut mit dem Ermittlerpaar Jürgen Tauber (Edgar Selge) und Jo Obermaier (Michaela May), ist eine Art Wiederaufnahme der Themen, die ihn so ähnlich schon im vorangegangenen Film beschäftigt hatten. Im Zentrum des Geschehens steht Maria (Rosalie Thomass), ein kaum den Kinderschuhen entwachsenes Mädchen, dessen Lebensweg schon von ihrer Jugend an kontinuierlich bergab zeigt: Nach diversen Heimaufenthalten landet sie im Rotlichtmilieu, aus dem sie sich mit großen Geldsummen freizukaufen sucht, die sie alten, alleinstehenden Männern mit dem verlockenden Versprechen einer Liebesbeziehung abschwindelt. Natürlich schweißen diese Geldbeträge sie nur noch fester an ihre Zuhälter, die über die neue Einnahmequelle hoch erfreut sind und gar nicht daran denken, die fleißige Maria gehen zu lassen. Es kommt, wie es kommen muss: Um die Erbschaft des Rentners Waller (Josef Thalmeier) einzustreichen, muss Maria mit Gewalt nachhelfen. Grafs Film lebt von einer doppelten Tragik, indem sein Täter gleichermaßen Opfer ist, das von den Lebensumständen dazu gezwungen wird, sich an den einzigen Menschen zu vergreifen, die wahrscheinlich noch ärmer sind als sie. Graf zeichnet ein trostloses Bild einer Gesellschaft voller Einsamer, Verlassener, Suchender und niemals Findender.

ER SOLLTE TOT wird fast ausschließlich in Rückblenden erzählt: Nach ca. einer halben Stunde steht Maria als Täterin eigentlich fest, lediglich echtes Beweismaterial oder ein Geständnis fehlt. In einem langen, an eine Therapie erinnernden Gespräch, das den Rest der Laufzeit ausfüllt, versucht Tauber der verstörten jungen Frau die Wahrheit abzuringen. Diese Erzählstrategie verstärkt noch das Gefühl der Ausweglosigkeit, das der Film transportiert: Marias Weg führt geradewegs auf die Katastrophe zu, die zu enträtseln Tauber und Obermaier in der Gegenwart angetreten sind. Und wenn die Schuldigen am Ende ihre „gerechte“ Strafe erhalten, ist das keineswegs ein polizeilicher Triumph, da die Gewissheit bestehen bleit, dass es in unserer Gesellschaft Verlorene gibt, Menschen ohne Hoffnung, ohne Hilfe, ohne Halt, die unaufhaltsam ihrem traurigen Ende entgegenstreben – und dabei möglicherweise andere mit sich reißen. Der Polizei bleibt nur die undankbare Aufgabe, die Trümmer wegzuräumen. Für echte Hilfe ist es meist schon zu spät.

Wie DER SCHARLACHROTE ENGEL ist ER SOLLTE TOT eigentlich ein sehr aufgeräumter Krimi, der sich für ungefähr die Hälfte seiner Laufzeit als Zwei-Personen-Stück präsentiert. Die Rückblendenstruktur und Grafs Talent, eine Geschichte durch kleine Kniffe mit Details aufzuladen, hauchen dem Stoff, der auch ganz schön trocken hätte werden können, oszillierendes Leben ein. Gleich zu Beginn etwa eilt bei der Tatortbegehung eine freudig aufgeregte Nachbarin mit den Worten „I hob die Leiche g’sehen!“ an den Ermittlern vorbei, damit wunderbar illustrierend, wie nahe Tragik und Freude beieinander liegen, ja, wie verwoben sie teilweise sind. Ein Subplot befasst sich mit dem auf die Rente zugehenden Kommissar Kruppke (Jochen Striebeck), der vielleicht der einzige war, der Maria an ihrer Tat hätte hindern können, aber genauso auf ihren Mädchencharme hereinfiel wie die alten Männer, denen sie ihr Geld verdankte. Er verstirbt nach einem Drittel der Laufzeit sehr plötzlich, doch Tauber hält die Erinnerung an ihn am Leben, indem er für seine Billardspiele stets ein Bier für den Toten mitbestellt und seinen Hut auf dessen alten Stammplatz legt. Solche kleinen Einfälle sind für den eigentlichen Handlungsverlauf unerheblich, aber sie schaffen Authentizität: Ist der deutsche Fernsehkrimi in der Regel eine sehr mechanistische, formelhafte Angelegenheit, nutzt Graf diese „Formel“ lediglich als Sprungbrett, um auf allgemeinerer Ebene etwas über den Menschen zu erzählen. Ich halte auch die Ermittlerfigur Tauber dabei für sehr wichtig: Er erschien mir in DER SCHARLACHROTE ENGEL als etwas konturlos, doch nach ER SOLLTE TOT weiß ich, dass es gerade seine Stärke ist, dass man ihn nicht auf Anhieb in eine Schublade stecken kann. Meuffels aus CASSANDRAS WARNUNG ist als intellektuelles, dazu noch adliges Nordlicht mitten in Bayern hinreichend charakterisiert, aber Tauber lässt sich nicht auf seinen fehlenden Arm reduzieren, auch wenn der immer mal wieder zur Sprache kommt. Tauber ist ruhig, zurückhaltend, beinahe unscheinbar, ein Mann ohne Eigenschaften, wenn man so will. Das heißt, es gelingt ihm, diesen Eindruck zu erwecken. Stattdessen ist er im Gegenteiaber geistig sehr wach, empathisch und enorm flexibel: Man weiß nie genau, was man von ihm erwarten darf. Damit ist er der ideale „Partner“ für Grafs Inszenierung, die sich ebenfalls dadurch auszeichnet, das zu jeder Sekunde alles möglich scheint.

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